{"id":76117,"date":"2023-09-11T12:11:15","date_gmt":"2023-09-11T10:11:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=76117"},"modified":"2023-09-11T12:11:15","modified_gmt":"2023-09-11T10:11:15","slug":"keine-kuerzung-von-aussergewoehnlichen-belastungen-aufgrund-einer-steuerpflichtigen-ersatzleistung-bfh-beschluss-vom-15-juni-2023-vi-r-33-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/keine-kuerzung-von-aussergewoehnlichen-belastungen-aufgrund-einer-steuerpflichtigen-ersatzleistung-bfh-beschluss-vom-15-juni-2023-vi-r-33-20\/","title":{"rendered":"Keine K\u00fcrzung von au\u00dfergew\u00f6hnlichen Belastungen aufgrund einer steuerpflichtigen Ersatzleistung &#8211; BFH-Beschluss vom 15. Juni 2023, VI R 33\/20"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2023:B.150623.VIR33.20.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH VI. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>EStG \u00a7 33 Abs 1, EStG \u00a7 33 Abs 2 S 1, TV-L \u00a7 23 Abs 3, EStG \u00a7 19 Abs 1 S 1 Nr 2, EStG \u00a7 19 Abs 2, EStG VZ 2017<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG D\u00fcsseldorf, 15. Juni 2020, Az: 11 K 2024\/18 E<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>Einkommensteuerpflichtige Ersatzleistungen f\u00fchren nicht zu einer K\u00fcrzung der nach \u00a7 33 EStG abzugsf\u00e4higen Aufwendungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision des Beklagten gegen das Urteil des Finanzgerichts D\u00fcsseldorf vom 15.06.2020 &#8211; 11 K 2024\/18 E wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Revisionsverfahrens hat der Beklagte zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Kl\u00e4gerin und Revisionsbeklagte (Kl\u00e4gerin) erhielt im Streitjahr (2017) aufgrund des Ablebens ihrer Mutter \u2011\u2011auch ohne ihre Erbin geworden zu sein\u2011\u2011 gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;23 Abs.&nbsp;3 des Tarifvertrags f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Dienst der L\u00e4nder ein Sterbegeld in H\u00f6he von brutto 6.550,20&nbsp;\u20ac.<\/li><li>In ihrer Einkommensteuererkl\u00e4rung f\u00fcr das Streitjahr erkl\u00e4rte die Kl\u00e4gerin das erhaltene Sterbegeld nicht, machte jedoch die Beerdigungskosten als au\u00dfergew\u00f6hnliche Belastung geltend.<\/li><li>Der Beklagte und Revisionskl\u00e4ger (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) setzte das Sterbegeld nach Abzug des Werbungskostenpauschbetrags sowie des Versorgungsfreibetrags als steuerpflichtige Eink\u00fcnfte der Kl\u00e4gerin aus nichtselbst\u00e4ndiger Arbeit an und ber\u00fccksichtigte die geltend gemachten Beerdigungskosten erkl\u00e4rungsgem\u00e4\u00df. Im Einspruchsverfahren \u00e4nderte das FA nach vorherigem Hinweis auf eine m\u00f6gliche Verb\u00f6serung den Einkommensteuerbescheid dahingehend, dass es die geltend gemachten Beerdigungskosten wegen einer Anrechnung des diese Kosten \u00fcbersteigenden Sterbegelds nicht mehr zum Abzug als au\u00dfergew\u00f6hnliche Belastung zulie\u00df, und wies den Einspruch als unbegr\u00fcndet zur\u00fcck.<\/li><li>Das Finanzgericht (FG) gab der daraufhin erhobenen Klage teilweise statt. Es erkannte die Beerdigungskosten lediglich gek\u00fcrzt um den Versorgungsfreibetrag als au\u00dfergew\u00f6hnliche Belastung an.<\/li><li>Mit der Revision r\u00fcgt das FA die Verletzung materiellen Rechts.<\/li><li>Es beantragt sinngem\u00e4\u00df,<br \/>die Vorentscheidung aufzuheben und die Klage abzuweisen.<\/li><li>Die Kl\u00e4gerin beantragt,<br \/>die Revision zur\u00fcckzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Entscheidung ergeht gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;126a der Finanzgerichtsordnung (FGO). Der Senat h\u00e4lt die Revision einstimmig f\u00fcr unbegr\u00fcndet und eine m\u00fcndliche Verhandlung nicht f\u00fcr erforderlich. Die Beteiligten sind davon unterrichtet worden und hatten Gelegenheit zur Stellungnahme.<\/li><li>Das FG hat zutreffend entschieden, dass das einkommensteuerpflichtige Sterbegeld der Kl\u00e4gerin nicht auf ihre als au\u00dfergew\u00f6hnliche Belastung abziehbaren Beerdigungskosten anzurechnen ist.<\/li><li>1. Erwachsen einem Steuerpflichtigen zwangsl\u00e4ufig gr\u00f6\u00dfere Aufwendungen als der \u00fcberwiegenden Mehrzahl der Steuerpflichtigen gleicher Einkommensverh\u00e4ltnisse, gleicher Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnisse und gleichen Familienstands (au\u00dfergew\u00f6hnliche Belastung), so wird auf Antrag die Einkommensteuer dadurch erm\u00e4\u00dfigt, dass der Teil der Aufwendungen, der die dem Steuerpflichtigen zumutbare Belastung nach Abs.&nbsp;3 \u00fcbersteigt, vom Gesamtbetrag der Eink\u00fcnfte abgezogen wird (\u00a7&nbsp;33 Abs.&nbsp;1 des Einkommensteuergesetzes \u2011\u2011EStG\u2011\u2011). Gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;33 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 EStG erwachsen Aufwendungen dem Steuerpflichtigen zwangsl\u00e4ufig, wenn er sich ihnen aus rechtlichen, tats\u00e4chlichen oder sittlichen Gr\u00fcnden nicht entziehen kann und soweit die Aufwendungen den Umst\u00e4nden nach notwendig sind und einen angemessenen Betrag nicht \u00fcbersteigen.<\/li><li>a) Es entspricht st\u00e4ndiger Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs (BFH), die Ausgaben, die ein Steuerpflichtiger aus sittlichen Gr\u00fcnden f\u00fcr die Beerdigung eines nahen Angeh\u00f6rigen \u00fcbernimmt, als au\u00dfergew\u00f6hnliche Belastung gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;33 EStG steuerlich zu ber\u00fccksichtigen, soweit die Aufwendungen nicht aus dem Nachlass bestritten werden k\u00f6nnen oder durch sonstige dem Steuerpflichtigen im Zusammenhang mit dem Tod des Angeh\u00f6rigen zugeflossene Geldleistungen gedeckt sind (BFH-Urteil vom 19.10.1990&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;93\/87, BFHE 162, 326, BStBl II 1991, 140 und Senatsbeschluss vom 21.02.2018&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;11\/16, BFHE 260, 507, BStBl II 2018, 469, Rz&nbsp;46).<\/li><li>b) Diese Vorteilsanrechnung gr\u00fcndet auf der zweckgerichteten Auslegung des Begriffs der Aufwendungen und dem Merkmal der Au\u00dfergew\u00f6hnlichkeit. Denn der Abzugstatbestand des \u00a7&nbsp;33 EStG erfordert die verminderte subjektive Leistungsf\u00e4higkeit des Steuerpflichtigen. Der Steuerpflichtige ist im Ergebnis lediglich um die Differenz von au\u00dfergew\u00f6hnlichem Aufwand und (steuerfreier) Ersatzleistung belastet. Nur insoweit tr\u00e4gt er den au\u00dfergew\u00f6hnlichen Aufwand tats\u00e4chlich und nur insoweit ist seine wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit vermindert (Senatsbeschl\u00fcsse vom 14.04.2011&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;8\/10, BFHE 233, 241, BStBl II 2011, 701 und vom 21.02.2018&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;11\/16, BFHE 260, 507, BStBl II 2018, 469, Rz&nbsp;55). Da die Vorteilsanrechnung der Vermeidung einer steuerlichen Doppelentlastung dient (vgl. Senatsbeschl\u00fcsse vom 14.04.2011&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;8\/10, BFHE 233, 241, BStBl II 2011, 701, Rz&nbsp;14 und vom 21.02.2018&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;11\/16, BFHE 260, 507, BStBl II 2018, 469, Rz&nbsp;56), f\u00fchren einkommensteuerpflichtige Ersatzleistungen nicht zu einer K\u00fcrzung der nach \u00a7&nbsp;33 EStG abzugsf\u00e4higen Aufwendungen (vgl. Senatsurteil vom 14.03.1975&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;63\/73, BFHE 115, 357, BStBl II 1975, 632 und BFH-Urteil vom 23.11.2016&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;13\/14, Rz&nbsp;17; Arndt in Kirchhof\/S\u00f6hn\/Mellinghoff, EStG, \u00a7&nbsp;33 Rz&nbsp;B&nbsp;18; Brandis\/Heuermann\/Baldauf, \u00a7&nbsp;33 EStG Rz&nbsp;70 und 72; Fuhrmann in Korn, \u00a7&nbsp;33 EStG Rz&nbsp;22.1; Schmidt\/Loschelder, EStG, 42.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;33 Rz&nbsp;17; Schmieszek in Bordewin\/Brandt, \u00a7&nbsp;33 EStG Rz&nbsp;37; a.A. KKB\/Bleschick, \u00a7&nbsp;33 EStG, 8.&nbsp;Aufl., Rz&nbsp;32; Kanzler in Herrmann\/Heuer\/Raupach, \u00a7&nbsp;33 EStG Rz&nbsp;42; Mellinghoff in Kirchhof\/Seer, EStG, 22.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;33 Rz&nbsp;13).<\/li><li>2. Das FG hat nach diesen Ma\u00dfst\u00e4ben die als au\u00dfergew\u00f6hnliche Belastung abzugsf\u00e4higen Beerdigungskosten zu Recht nicht um das Sterbegeld gek\u00fcrzt.<\/li><li>a) Das von der Kl\u00e4gerin bezogene Sterbegeld ist ein steuerpflichtiger Versorgungsbezug im Sinne des \u00a7&nbsp;19 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2, Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 Nr.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;a EStG. Dies ist zwischen den Beteiligten unstreitig. Der Senat sieht insoweit von weiteren Ausf\u00fchrungen ab.<\/li><li>b) Die vom FA begehrte K\u00fcrzung der Beerdigungskosten zumindest in H\u00f6he des Nettobetrags des steuerpflichtigen Sterbegelds (Einnahmen gemindert um die darauf entfallende Steuer) kommt ebenfalls nicht in Betracht. Werden au\u00dfergew\u00f6hnliche Belastungen \u2011\u2011wie vorliegend\u2011\u2011 aus zu versteuerndem Einkommen geleistet, sind die entsprechenden Aufwendungen ohne Anrechnung der zu versteuernden Betr\u00e4ge nach \u00a7&nbsp;33 EStG abziehbar. Denn eine (auch nur teilweise) Anrechnung der zu versteuernden Leistung auf die nach \u00a7&nbsp;33 EStG abziehbare au\u00dfergew\u00f6hnliche Belastung h\u00e4tte in einem solchen Fall eine unzul\u00e4ssige doppelte steuerliche Belastung des Steuerpflichtigen zur Folge.<\/li><li>3. Die Kostenentscheidung folgt aus \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2023:B.150623.VIR33.20.0 BFH VI. Senat EStG \u00a7 33 Abs 1, EStG \u00a7 33 Abs 2 S 1, TV-L \u00a7 23 Abs 3, EStG \u00a7 19 Abs 1 S 1 Nr 2, EStG \u00a7 19 Abs 2, EStG VZ 2017 vorgehend FG D\u00fcsseldorf, 15. 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