{"id":76144,"date":"2023-09-24T13:15:03","date_gmt":"2023-09-24T11:15:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=76144"},"modified":"2023-09-24T13:15:03","modified_gmt":"2023-09-24T11:15:03","slug":"weitere-anwendung-der-regelungen-ueber-den-gesetzlichen-zinssatz-%c2%a7-233a-i-v-m-%c2%a7-238-abs-1-satz-1-der-abgabenordnung-ao-bis-31-12-2018-trotz-unvereinbarkeit-mit-dem-grundgesetz-gg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/weitere-anwendung-der-regelungen-ueber-den-gesetzlichen-zinssatz-%c2%a7-233a-i-v-m-%c2%a7-238-abs-1-satz-1-der-abgabenordnung-ao-bis-31-12-2018-trotz-unvereinbarkeit-mit-dem-grundgesetz-gg\/","title":{"rendered":"Weitere Anwendung der Regelungen \u00fcber den gesetzlichen Zinssatz (\u00a7 233a i.V.m. \u00a7 238 Abs. 1 Satz 1 der Abgabenordnung &#8211;AO&#8211;) bis 31.12.2018 trotz Unvereinbarkeit mit dem Grundgesetz &#8211;GG&#8211; BFH-Beschluss vom 30. August 2023, X B 23\/23"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2023:B.300823.XB23.23.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH X. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>AO \u00a7 233a, AO \u00a7 238 Abs 1 S 1, BVerfGG \u00a7 31 Abs 1, BVerfGG \u00a7 31 Abs 2 S 2, GG Art 3 Abs 1, FGO \u00a7 116 Abs 3<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG N\u00fcrnberg, 28. Oktober 2022, Az: 7 K 803\/21<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. NV: Auch wenn das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) die Regelungen \u00fcber den gesetzlichen Zinssatz in Bezug auf die Vollverzinsung (\u00a7 233a i.V.m. \u00a7 238 Abs. 1 Satz 1 AO) f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume ab dem 01.01.2014 f\u00fcr mit Art. 3 Abs. 1 GG unvereinbar erkl\u00e4rt hat, ist sie f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume bis zum 31.12.2018 aufgrund der im BVerfG-Beschluss vom 08.07.2021 &#8211; 1 BvR 2237\/14, 1 BvR 2422\/17 (BVerfGE 158, 282, Rz 237 ff.) ausgesprochenen Weitergeltungsanordnung von den Fachgerichten weiterhin anzuwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>2. NV: Wenn ein zun\u00e4chst umfassend eingelegtes Rechtsmittel in der Rechtsmittelbegr\u00fcndungsschrift ausdr\u00fccklich auf einen Teil der im vorangehenden Klageverfahren angefochtenen Verwaltungsakte beschr\u00e4nkt wird, ist dies nicht als (kostenpflichtige) Teilr\u00fccknahme des Rechtsmittels anzusehen, sondern als von Anfang an lediglich beschr\u00e4nkte Anfechtung des Urteils des Finanzgerichts.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Beschwerde der Kl\u00e4ger wegen Nichtzulassung der Revision gegen das Urteil des Finanzgerichts N\u00fcrnberg vom 28.10.2022 &#8211; 7 K 803\/21 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Beschwerdeverfahrens haben die Kl\u00e4ger zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Gegen die Kl\u00e4ger und Beschwerdef\u00fchrer (Kl\u00e4ger) wurden mit Bescheid vom 12.04.2016 Nachzahlungszinsen zur Einkommensteuer 2011 in H\u00f6he von 5.517&nbsp;\u20ac festgesetzt. Der Zinslauf erstreckte sich vom 01.04.2013 bis zum 15.04.2016. Die Zinsen wurden f\u00fcr 36 volle Monate (April 2013 bis M\u00e4rz 2016) zu je 0,5&nbsp;% angesetzt.<\/li><li>Die Klage blieb ohne Erfolg. Das Finanzgericht (FG) verwies auf die Weitergeltungsanordnung im Beschluss des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom 08.07.2021&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2237\/14, 1&nbsp;BvR&nbsp;2422\/17 (BVerfGE 158, 282, Rz&nbsp;237&nbsp;ff.).<\/li><li>Mit ihrer Beschwerde begehren die Kl\u00e4ger die Zulassung der Revision zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung.<\/li><li>Der Beklagte und Beschwerdegegner (Finanzamt) h\u00e4lt die Beschwerde f\u00fcr unbegr\u00fcndet.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Gegenstand der Beschwerde ist das vorinstanzliche Urteil nur insoweit, als es zu den Nachzahlungszinsen zur Einkommensteuer 2011 ergangen ist.<\/li><li>Zwar bezog sich die Beschwerdeschrift vom 17.02.2023 unterschiedslos auf das gesamte Urteil, das neben den Nachzahlungszinsen in erster Linie die Einkommensteuer 2011 zum Gegenstand hatte. Wenn aber ein zun\u00e4chst umfassend eingelegtes Rechtsmittel in der Rechtsmittelbegr\u00fcndungsschrift ausdr\u00fccklich auf einen Teil der im vorangehenden Klageverfahren angefochtenen Verwaltungsakte beschr\u00e4nkt wird, ist dies nicht als (kostenpflichtige) Teilr\u00fccknahme des Rechtsmittels anzusehen, sondern als von Anfang an lediglich beschr\u00e4nkte Anfechtung des FG-Urteils (Beschluss des Bundesfinanzhofs \u2011\u2011BFH\u2011\u2011 vom 26.02.2008&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;B&nbsp;194\/06, BFH\/NV 2008, 952, unter II.1.).<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">III.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die so ausgelegte Beschwerde ist unbegr\u00fcndet.<\/li><li>1. Die Revision ist nicht zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;2 Alternative&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung \u2011\u2011FGO\u2011\u2011) zuzulassen, weil das FG nicht von der Rechtsprechung des BVerfG abgewichen ist.<\/li><li>Zwar hat das BVerfG mit dem von den Kl\u00e4gern angef\u00fchrten Beschluss vom 08.07.2021&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2237\/14, 1&nbsp;BvR&nbsp;2422\/17 (BVerfGE 158, 282, Rz&nbsp;100&nbsp;ff.) die \u2011\u2011auch im gegen die Kl\u00e4ger ergangenen Zinsbescheid angewendete\u2011\u2011 Norm des \u00a7&nbsp;233a i.V.m. \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 der Abgabenordnung (AO) f\u00fcr mit Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes (GG) unvereinbar erkl\u00e4rt, soweit der Zinsberechnung f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume ab dem 01.01.2014 ein Zinssatz von monatlich 0,5&nbsp;% zugrunde gelegt wird. Es hat nachfolgend jedoch ausf\u00fchrlich begr\u00fcndet, weshalb es die angegriffene Norm \u2011\u2011anders als f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume ab dem 01.01.2019\u2011\u2011 nicht f\u00fcr unanwendbar erkl\u00e4rt (Rz&nbsp;237&nbsp;ff. der zitierten Entscheidung) und ausdr\u00fccklich die Fortgeltung f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume vom 01.01.2014 bis zum 31.12.2018 angeordnet hat, ohne dass der Gesetzgeber verpflichtet w\u00e4re, auch f\u00fcr diesen Zeitraum r\u00fcckwirkend eine verfassungsgem\u00e4\u00dfe Neuregelung zu schaffen (Rz&nbsp;249&nbsp;ff. der zitierten Entscheidung). Dementsprechend hat das BVerfG im Ausgangsverfahren, soweit Verzinsungszeitr\u00e4ume vom 01.01.2014 bis zum 31.12.2018 betroffen waren, zwar festgestellt, dass die Verfassungsbeschwerdef\u00fchrerin in ihrem Grundrecht aus Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 GG verletzt wird, von einer Aufhebung der die Zinsfestsetzung best\u00e4tigenden fachgerichtlichen Entscheidungen aber ausdr\u00fccklich abgesehen (Rz&nbsp;261).<\/li><li>Zwar weisen die Kl\u00e4ger \u2011\u2011wenn auch ohne Nennung einer konkreten Norm\u2011\u2011 im Ergebnis zu Recht darauf hin, dass Entscheidungen des BVerfG gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;31 Abs.&nbsp;1 des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes (BVerfGG) unter anderem alle Gerichte binden. Dar\u00fcber hinaus haben die Entscheidungen sogar Gesetzeskraft, wenn das BVerfG \u2011\u2011wie hier\u2011\u2011 ein Gesetz als mit dem Grundgesetz unvereinbar erkl\u00e4rt (\u00a7&nbsp;31 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 BVerfGG). Gleichwohl ist das BVerfG befugt \u2011\u2011was es in dem von den Kl\u00e4gern angef\u00fchrten Beschluss vom 08.07.2021&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2237\/14, 1&nbsp;BvR&nbsp;2422\/17 (BVerfGE 158, 282, Rz&nbsp;237&nbsp;ff.) ausf\u00fchrlich begr\u00fcndet hat\u2011\u2011, in Abw\u00e4gung mit anderen verfassungsrechtlich relevanten Gesichtspunkten die vor\u00fcbergehende Weitergeltung eines Gesetzes anzuordnen, das es f\u00fcr mit dem allgemeinen Gleichheitssatz unvereinbar h\u00e4lt.<\/li><li>Es entspricht der st\u00e4ndigen Rechtsprechung des BFH, dass steuerrechtliche Normen, zu denen das BVerfG zwar eine Unvereinbarkeit mit Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 GG festgestellt, deren Weitergeltung es aber f\u00fcr einen bestimmten Zeitraum angeordnet hat, f\u00fcr diesen Zeitraum von den Fachgerichten weiter anzuwenden sind (vgl. zu den Bewertungsungleichheiten im Erbschaftsteuerrecht bis 1995 BFH-Entscheidungen vom 13.01.2005&nbsp;&#8211; II&nbsp;R&nbsp;37\/03, BFHE 208, 429, BStBl II 2005, 360, unter II.2. und vom 10.03.2005&nbsp;&#8211; II&nbsp;B&nbsp;120\/04, BFHE 208, 451, BStBl II 2005, 370, unter II.b; zum Sonderausgabenabzug f\u00fcr Altersvorsorgeaufwendungen bis 2004 Senatsurteile vom 08.11.2006&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;45\/02, BFHE 216, 47, BStBl II 2007, 574, unter B.II.3.c und vom 24.06.2009&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;57\/06, BFHE 225, 421, BStBl II 2009, 1000, unter II.3.; zur unterschiedlichen Besteuerung von Renten und Pensionen bis 2004 Senatsbeschluss vom 09.03.2011&nbsp;&#8211; X&nbsp;B&nbsp;57\/10, BFH\/NV 2011, 1128; zum Sonderausgabenabzug f\u00fcr Krankenversicherungsbeitr\u00e4ge bis 2004 Senatsurteil vom 18.11.2009&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;6\/08, BFHE 227, 137, BStBl II 2010, 282, unter B.II.2.c; ausf\u00fchrlich Senatsurteil vom 16.11.2011&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;15\/09, BFHE 236, 69, BStBl II 2012, 325, Rz&nbsp;13&nbsp;ff.). Dieses Verst\u00e4ndnis der verfassungsgerichtlich ausgesprochenen Weitergeltungsanordnungen ist vom BVerfG selbst best\u00e4tigt worden (Beschluss vom 13.02.2008&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;1220\/04, 2&nbsp;BvR&nbsp;410\/05, BVerfGE 120, 169, unter B.I.1.).<\/li><li>Dementsprechend ist auch im vorliegenden Fall die Vorschrift des \u00a7&nbsp;233a i.V.m. \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume bis zum 31.12.2018 von den Fachgerichten weiter anzuwenden.<\/li><li>2. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><li>3. Von einer weiteren Darstellung des Sachverhalts sowie einer weiteren Begr\u00fcndung sieht der Senat gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;116 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;2 Halbsatz&nbsp;2 FGO ab.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2023:B.300823.XB23.23.0 BFH X. 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