{"id":76173,"date":"2023-10-01T11:27:23","date_gmt":"2023-10-01T09:27:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=76173"},"modified":"2023-10-01T11:27:23","modified_gmt":"2023-10-01T09:27:23","slug":"befangenheit-des-urkundsbeamten-der-geschaeftsstelle-elektronische-uebermittlung-von-dokumenten-bfh-beschluss-vom-10-august-2023-x-s-9-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/befangenheit-des-urkundsbeamten-der-geschaeftsstelle-elektronische-uebermittlung-von-dokumenten-bfh-beschluss-vom-10-august-2023-x-s-9-23\/","title":{"rendered":"Befangenheit des Urkundsbeamten der Gesch\u00e4ftsstelle; elektronische \u00dcbermittlung von Dokumenten &#8211; BFH-Beschluss vom 10. August 2023, X S 9\/23"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2023:B.100823.XS9.23.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH X. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>ZPO \u00a7 42 Abs 2, ZPO \u00a7 49, ZPO \u00a7 168 Abs 1 S 2, ZPO \u00a7 176 Abs 1, ZPO \u00a7 176 Abs 2, FGO \u00a7 51 Abs 1 S 1, FGO \u00a7 53 Abs 2<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend BFH , 28. M\u00e4rz 2023, Az: X S 20\/22<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. NV: Auch in einem finanzgerichtlichen Verfahren kann der Urkundsbeamte der Gesch\u00e4ftsstelle wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>2. NV: Die Entscheidung \u00fcber diesen Antrag trifft der Senat als zust\u00e4ndiger Spruchk\u00f6rper.<\/p>\n\n\n\n<p>3. NV: Mangels gesetzlicher Grundlage ist der BFH nicht verpflichtet, einem nicht durch einen Bevollm\u00e4chtigten vertretenen R\u00fcgef\u00fchrer Dokumente auf elektronischem Wege zu \u00fcbermitteln.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Ablehnungsantrag des R\u00fcgef\u00fchrers vom 03.04.2023 gegen den Urkundsbeamten wird abgelehnt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Mit dem Senatsbeschluss vom 28.03.2023&nbsp;&#8211; X&nbsp;S&nbsp;20\/22 ist der Antrag des Kl\u00e4gers, Antragstellers und R\u00fcgef\u00fchrers (R\u00fcgef\u00fchrer) auf Beiordnung eines Notanwalts f\u00fcr eine Entsch\u00e4digungsklage abgelehnt worden. Die beglaubigte Abschrift des Beschlusses hat der Urkundsbeamte (X) am 30.03.2023 mit der Post (Zustellungsurkunde) an den R\u00fcgef\u00fchrer gesandt.<\/li><li>Gegen diesen Senatsbeschluss hat der R\u00fcgef\u00fchrer pers\u00f6nlich (hilfsweise) Anh\u00f6rungsr\u00fcge gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;133a der Finanzgerichtsordnung (FGO) erhoben, die unter dem Aktenzeichen X&nbsp;S&nbsp;9\/23 in das Gerichtsregister eingetragen und durch Beschluss vom 12.07.2023&nbsp;&#8211; X&nbsp;S&nbsp;9\/23 als unzul\u00e4ssig verworfen worden ist.<\/li><li>Im Verfahren r\u00fcgte der R\u00fcgef\u00fchrer ausdr\u00fccklich die Missachtung einer Vielzahl seiner pers\u00f6nlich gestellten Prozessantr\u00e4ge und lehnte auch deshalb X wegen der Besorgnis der Befangenheit ab. Dieser habe daneben den einfachen und kosteng\u00fcnstigen Weg der elektronischen Kommunikation nicht beachtet und durch seinen Versand des Schriftst\u00fccks Zusatzkosten produziert. Auch gen\u00fcge diese Art der Bekanntgabe nicht den Formerfordernissen und gef\u00e4hrde die Rechte des R\u00fcgef\u00fchrers aus Art.&nbsp;5 Abs.&nbsp;1 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) sowie aus Art.&nbsp;1 des Ersten Zusatzprotokolls zur EMRK.<\/li><li>Zu der dienstlichen \u00c4u\u00dferung des X vom 05.07.2023, die ihm am 06.07.2023 mit einer Frist von 14&nbsp;Tagen nach Erhalt des Schreibens zur Stellungnahme \u00fcbersandt worden ist, hat sich der R\u00fcgef\u00fchrer nicht \u00e4u\u00dfern wollen, da sie wegen Formm\u00e4ngeln nicht wirksam sei.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Der Ablehnungsantrag hat keinen Erfolg. Dabei l\u00e4sst es der Senat ausdr\u00fccklich dahinstehen, ob der Ablehnungsantrag zul\u00e4ssig erhoben worden ist. Er ist jedenfalls unbegr\u00fcndet.<\/li><li>1. Da die dienstliche \u00c4u\u00dferung des X dem R\u00fcgef\u00fchrer ordnungsgem\u00e4\u00df zur Stellungnahme \u00fcbersandt worden ist, er sich jedoch innerhalb der gesetzten Frist nicht dazu ge\u00e4u\u00dfert hat, kann der Senat nunmehr \u00fcber den Ablehnungsantrag entscheiden.<\/li><li>2. Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Besorgnis der Befangenheit des X sind nicht ersichtlich.<\/li><li>a) Nach \u00a7&nbsp;51 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 FGO i.V.m. \u00a7&nbsp;42 Abs.&nbsp;2, \u00a7&nbsp;49 der Zivilprozessordnung (ZPO) kann in einem finanzgerichtlichen Verfahren der Urkundsbeamte der Gesch\u00e4ftsstelle wegen der Besorgnis der Befangenheit abgelehnt werden. Die Entscheidung \u00fcber einen solchen Antrag trifft der zust\u00e4ndige Spruchk\u00f6rper des Gerichts, dem der Urkundsbeamte der Gesch\u00e4ftsstelle angeh\u00f6rt (vgl. nur Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 15.06.2007&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;1073\/07, Neue Juristische Wochenschrift 2007, 3200, Rz&nbsp;4), vorliegend somit der Senat.<\/li><li>b) Eine Besorgnis der Befangenheit des X besteht \u2011\u2011unabh\u00e4ngig davon, inwieweit Verfahrensfehler eine Besorgnis der Befangenheit \u00fcberhaupt begr\u00fcnden k\u00f6nnen (vgl. insoweit Senatsbeschluss vom 28.05.2020&nbsp;&#8211; X&nbsp;S&nbsp;38\/19&nbsp;(PKH), X&nbsp;S&nbsp;4\/20&nbsp;(PKH), BFH\/NV 2020, 910, Rz&nbsp;10&nbsp;f., m.w.N.)\u2011\u2011 schon deshalb nicht, da X nicht verfahrensfehlerhaft gehandelt hat.<\/li><li>aa) X hat den Senatsbeschluss vom 28.03.2023&nbsp;&#8211; X&nbsp;S&nbsp;20\/22 ordnungsgem\u00e4\u00df \u2011\u2011wie in \u00a7&nbsp;53 Abs.&nbsp;2 FGO i.V.m. \u00a7&nbsp;176 Abs.&nbsp;2 ZPO vorgesehen\u2011\u2011 mit Zustellungsurkunde zugestellt. Dabei hat X die den Formerfordernissen gen\u00fcgende \u00f6ffentliche Urkunde als Abschrift der Entscheidung gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;53 Abs.&nbsp;2 FGO i.V.m. \u00a7&nbsp;329 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 ZPO an den R\u00fcgef\u00fchrer versandt. Diese Abschrift war, da die Akten elektronisch gef\u00fchrt werden, \u2011\u2011wie geschehen\u2011\u2011 in Form einer Kopie der von den Richtern zu signierenden Entscheidung zu erstellen und mittels qualifizierter elektronischer Signatur durch X als Urkundsbeamten zu beglaubigen. Sie wurde entsprechend der gerichtsinternen Anleitung zum Entscheidungsversand und zur Entscheidungsver\u00f6ffentlichung gedruckt und im Anschluss einschlie\u00dflich des gedruckten \u00dcbersendungsschreibens mit Zustellungsurkunde versandt. Weitergehende Formvorschriften sind von der gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;12 FGO eingerichteten Gesch\u00e4ftsstelle des Bundesfinanzhofs (BFH) und damit auch von X als Urkundsbeamten der Gesch\u00e4ftsstelle als Teil der Gerichtsverwaltung nicht zu beachten.<\/li><li>bb) Da der BFH mangels gesetzlicher Grundlage nicht verpflichtet ist, dem nicht durch einen Bevollm\u00e4chtigten nach \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;4 i.V.m. Abs.&nbsp;2 FGO vertretenen R\u00fcgef\u00fchrer Dokumente auf elektronischem Weg zu \u00fcbermitteln, kann eine Ablehnung des X auch nicht darauf gest\u00fctzt werden, dass der Entscheidungsversand gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;53 Abs.&nbsp;2 FGO i.V.m. \u00a7&nbsp;168 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 ZPO durch einen Postdienstleister erfolgte. Im \u00dcbrigen sind die Gerichte gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;176 Abs.&nbsp;1 ZPO nicht verpflichtet, Schriftst\u00fccke elektronisch zu versenden. Schon aus diesem Grunde kann sich X nicht einer vom R\u00fcgef\u00fchrer angenommenen Untreuehandlung schuldig gemacht haben. Eine Besorgnis der Befangenheit ergibt sich hieraus erst recht nicht.<\/li><li>cc) Ungeeignet, eine Besorgnis der Befangenheit des X zu begr\u00fcnden, ist die R\u00fcge des R\u00fcgef\u00fchrers, das Gericht habe eine Vielzahl der von ihm gestellten Antr\u00e4ge nicht beachtet. Insoweit bleibt schon unklar, inwieweit diese Antr\u00e4ge X als Urkundsbeamten betreffen. Nicht nachvollziehbar ist f\u00fcr den Senat, warum der R\u00fcgef\u00fchrer durch das Verhalten des X in seinen Rechten aus Art.&nbsp;5 Abs.&nbsp;1 EMRK und Art&nbsp;1 des Ersten Zusatzprotokolls zur EMRK betroffen sein soll.<\/li><li>3. Eine Kostenentscheidung ist nicht zu treffen, da es sich bei dem vorliegenden Beschluss nur um eine Zwischenentscheidung handelt.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2023:B.100823.XS9.23.0 BFH X. 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