{"id":76241,"date":"2023-11-04T17:41:06","date_gmt":"2023-11-04T15:41:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=76241"},"modified":"2023-11-04T17:41:06","modified_gmt":"2023-11-04T15:41:06","slug":"zum-pruefungsmassstab-bei-geruegtem-verstoss-gegen-den-gesetzlichen-richter-durch-nichtvorlage-an-den-eugh-bfh-urteil-vom-20-juni-2023-vii-k-1-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/zum-pruefungsmassstab-bei-geruegtem-verstoss-gegen-den-gesetzlichen-richter-durch-nichtvorlage-an-den-eugh-bfh-urteil-vom-20-juni-2023-vii-k-1-22\/","title":{"rendered":"Zum Pr\u00fcfungsma\u00dfstab bei ger\u00fcgtem Versto\u00df gegen den gesetzlichen Richter durch Nichtvorlage an den EuGH &#8211; BFH-Urteil vom 20. Juni 2023, VII K 1\/22"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2023:U.200623.VIIK1.22.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH VII. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>FGO \u00a7 134, ZPO \u00a7 579 Abs 1 Nr 1, GG Art 101 Abs 1 S 2, AEUV Art 267 Abs 3<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend BFH , 24. August 2021, Az: VII R 4\/20<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. NV: Die Auslegung und Anwendung des Art. 267 Abs. 3 des Vertrages \u00fcber die Arbeitsweise der Europ\u00e4ischen Union durch ein letztinstanzliches Gericht verletzen nur dann Art. 101 Abs. 1 Satz 2 des Grundgesetzes, wenn sie bei verst\u00e4ndiger W\u00fcrdigung der das Grundgesetz bestimmenden Gedanken nicht mehr verst\u00e4ndlich erscheinen und offensichtlich unhaltbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p>2. NV: Die Beurteilung, ob die richtige Anwendung des Unionsrechts derart offenkundig ist, dass f\u00fcr einen vern\u00fcnftigen Zweifel kein Raum bleibt, sodass davon abgesehen werden kann, dem Gerichtshof der Europ\u00e4ischen Union eine vor dem nationalen Gericht aufgeworfene Frage nach der Auslegung des Unionsrechts vorzulegen, obliegt allein dem nationalen Gericht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Nichtigkeitsklage gegen das Urteil des Bundesfinanzhofs vom 24.08.2021 &#8211; VII R 4\/20 wird abgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Verfahrens hat die Kl\u00e4gerin zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Kl\u00e4gerin, die Kalksteinbr\u00fcche und Kalkwerke betreibt, setzt Erdgas zur Herstellung von gef\u00e4lltem Calciumcarbonat (precipitated calcium carbonate \u2011\u2011PCC\u2011\u2011) ein.<\/li><li>Sie meldete beim Beklagten (Hauptzollamt \u2011\u2011HZA\u2011\u2011) f\u00fcr August 2016 eine Steuerentlastung nach \u00a7&nbsp;51 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;a des Energiesteuergesetzes in der Fassung des Gesetzes zur \u00c4nderung des Energiesteuer- und des Stromsteuergesetzes vom 01.03.2011 (BGBl I 2011, 282) \u2011\u2011EnergieStG\u2011\u2011 f\u00fcr die Verwendung von insgesamt \u2026&nbsp;MWh Erdgas f\u00fcr die gesamte Produktion von PCC an. Die Anmeldung wurde vom HZA nicht beanstandet.<\/li><li>Nach Durchf\u00fchrung einer Au\u00dfenpr\u00fcfung forderte das HZA mit Bescheid vom 01.08.2017 einen Teil des gew\u00e4hrten Entlastungsbetrags zur\u00fcck.<\/li><li>Einspruch und Klage hatten keinen Erfolg. Das Finanzgericht (FG) urteilte, die Ablehnung der Steuerentlastung f\u00fcr das im Monat August 2016 f\u00fcr die Herstellung des PCC eingesetzte Erdgas sei rechtm\u00e4\u00dfig, weil die Herstellung von PCC nicht unter die &#8222;Herstellung von Kalk&#8220; gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;51 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;a EnergieStG zu subsumieren sei.<\/li><li>Die Revision der Kl\u00e4gerin wies der erkennende Senat mit Urteil vom 24.08.2021&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;4\/20, auf das zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen wird, als unbegr\u00fcndet zur\u00fcck (\u00a7&nbsp;126 Abs.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung \u2011\u2011FGO\u2011\u2011). Das am 28.12.2021 abgesandte Urteil wurde der Kl\u00e4gerin vor dem 04.01.2022 zugestellt (das am 04.01.2022 wieder beim Bundesfinanzhof \u2011\u2011BFH\u2011\u2011 eingegangene Empfangsbekenntnis enth\u00e4lt kein Datum).<\/li><li>Hiergegen richtet sich die Nichtigkeitsklage der Kl\u00e4gerin vom 27.01.2022. Sie macht den Wiederaufnahmegrund der vorschriftswidrigen Besetzung des Senats im Sinne des \u00a7&nbsp;134 FGO, \u00a7&nbsp;579 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 der Zivilprozessordnung (ZPO) geltend. Der Senat habe seine Verpflichtung verletzt, Rechtsfragen dem Gerichtshof der Europ\u00e4ischen Union (EuGH) vorzulegen, und ihr dadurch den gesetzlichen Richter vorenthalten.<\/li><li>Der Senat sei verpflichtet gewesen, hinsichtlich der entscheidungserheblichen Auslegung der Richtlinie 2003\/96\/EG des Rates vom 27.10.2003 zur Restrukturierung der gemeinschaftlichen Rahmenvorschriften zur Besteuerung von Energieerzeugnissen und elektrischem Strom (Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Union 2003, Nr.&nbsp;L&nbsp;283, 51), der Verordnung (EWG) Nr.&nbsp;3037\/90 des Rates vom 09.10.1990 betreffend die statistische Systematik der Wirtschaftszweige in der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft (Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Gemeinschaften \u2011\u2011ABlEG\u2011\u2011 1990, Nr.&nbsp;L&nbsp;293, 1) in der am 01.01.2003 geltenden Fassung nach der Verordnung (EG) Nr.&nbsp;29\/2002 der Kommission vom 19.12.2001 zur \u00c4nderung der Verordnung (EWG) Nr.&nbsp;3037\/90 des Rates betreffend die statistische Systematik der Wirtschaftszweige in der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft \u2011\u2011NACE Rev.&nbsp;1.1\u2011\u2011 (ABlEG 2002, Nr.&nbsp;L&nbsp;6, 3) und der Entscheidung der Europ\u00e4ischen Kommission vom 07.02.2007 (K (2007) 298 endg.) den EuGH anzurufen.<\/li><li>Der Senat habe seinen Beurteilungsrahmen in unvertretbarer und daher willk\u00fcrlicher Weise \u00fcberschritten. Es habe schon deshalb kein Ausnahmefall des acte clair vorgelegen, weil die Begriffe Kalk und Herstellung von Kalk \u2011\u2011wie der Senat im Urteil ausf\u00fchre\u2011\u2011 weder im Energiesteuergesetz noch in der Energiesteuer-Durchf\u00fchrungsverordnung noch in der NACE Rev.&nbsp;1.1 definiert seien. Zudem stehe der vermeintlichen Eindeutigkeit die langj\u00e4hrige abweichende Besteuerungspraxis des HZA auf der Grundlage einer abweichenden Einsch\u00e4tzung des Statistischen Bundesamtes entgegen. Der Urteilsbegr\u00fcndung k\u00f6nne nicht entnommen werden, weshalb der Senat von einem acte clair ausgehe. Bereits die fehlende Begr\u00fcndung entspreche nicht den verfassungsgerichtlichen Anforderungen, weil sie eine Willk\u00fcrkontrolle unm\u00f6glich mache.<\/li><li>Die Kl\u00e4gerin beantragt,<br \/>das BFH-Urteil vom 24.08.2021&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;4\/20 f\u00fcr nichtig zu erkl\u00e4ren und das Revisionsverfahren der Kl\u00e4gerin gegen das Urteil des FG Rheinland-Pfalz vom 12.12.2019&nbsp;&#8211; 6&nbsp;K&nbsp;2301\/17&nbsp;Z fortzuf\u00fchren.<\/li><li>Das HZA beantragt,<br \/>die Klage abzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Der Senat hat erhebliche Zweifel, ob die Nichtigkeitsklage nach \u00a7&nbsp;578 Abs.&nbsp;1, \u00a7&nbsp;579 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 ZPO im Streitfall statthaft ist. Diese Zweifel ergeben sich aus der Funktion dieses au\u00dferordentlichen Rechtsbehelfs.<\/li><li>Mit der Nichtigkeitsklage gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;579 ZPO hat der Gesetzgeber neben der Restitutionsklage gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;580 ZPO ein Mittel geschaffen, um eine Durchbrechung der Rechtskraft in F\u00e4llen zu erm\u00f6glichen, in denen schwerste M\u00e4ngel des Verfahrens oder gravierende inhaltliche Fehler gegen den Bestand des Urteils sprechen und dadurch das Vertrauen der Parteien in die Urteilsgrundlage in einer nicht mehr hinnehmbaren Weise ersch\u00fcttert ist (vgl. Beschluss des Bundesarbeitsgerichts \u2011\u2011BAG\u2011\u2011 vom 13.10.2015&nbsp;&#8211; 3&nbsp;AZN&nbsp;915\/15&nbsp;(F), Rz&nbsp;16; BAG-Urteil vom 28.07.2022&nbsp;&#8211; 6&nbsp;AZR&nbsp;24\/22, Rz&nbsp;20, m.w.N.; BFH-Urteil vom 02.12.1998&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;15-16\/97, BFHE 188, 1, BStBl II 1999, 412, unter II.3.b; Urteil des Bundessozialgerichts vom 23.03.1965&nbsp;&#8211; 11&nbsp;RA&nbsp;304\/64, BSGE 23, 30, unter II.; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 26.01.1994&nbsp;&#8211; 6&nbsp;C&nbsp;2\/92, BVerwGE 95, 64; M\u00fcKoZPO\/Braun\/Hei\u00df, \u00a7&nbsp;579 Rz&nbsp;1; Musielak\/Voit, ZPO, 20.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;579 Rz&nbsp;2; Anders\/Gehle, Zivilprozessordnung, 81.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;579 Rz&nbsp;1; Kern in: Kern\/Diehm, ZPO, 2.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;579 ZPO Rz&nbsp;5; Kemper in Saenger, Zivilprozessordnung, 9.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;579 Rz&nbsp;2; BeckOK ZPO\/Fleck, 48.&nbsp;Ed. [01.03.2023], ZPO \u00a7&nbsp;579 Rz&nbsp;3; Z\u00f6ller\/Greger, ZPO, 34.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;579 Rz&nbsp;2). Daraus folgt, dass die Nichtigkeitsklage nach \u00a7&nbsp;579 Abs.&nbsp;1 ZPO auf eng begrenzte Ausnahmef\u00e4lle beschr\u00e4nkt ist. Sie dient nicht dazu, eine vom Gericht des Ausgangsverfahrens in Kenntnis der Problematik bereits beantwortete Rechtsfrage erneut zur \u00dcberpr\u00fcfung zu stellen.<\/li><li>Deshalb ist die Nichtigkeitsklage nach allgemeiner Ansicht nur dann statthaft, wenn sie auf einen Wiederaufnahmegrund gest\u00fctzt wird, der im Ausgangsverfahren \u00fcbersehen beziehungsweise unerkannt geblieben ist (BAG-Urteil vom 28.07.2022&nbsp;&#8211; 6&nbsp;AZR&nbsp;24\/22, Rz&nbsp;22, m.w.N.). Nach dieser Ansicht sollen die Bestimmungen in \u00a7&nbsp;579 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 und \u00a7&nbsp;579 Abs.&nbsp;2 ZPO den Willen des Gesetzgebers erkennen lassen, dass eine Wiederaufnahme im Wege einer Nichtigkeitsklage nur in den F\u00e4llen zuzulassen ist, in denen die Ber\u00fccksichtigung des geltend gemachten Rechtsfehlers nicht schon vor der Rechtskraft der angegriffenen Entscheidung m\u00f6glich war. Damit soll eine doppelte Pr\u00fcfung der bereits entschiedenen Rechtsfrage verhindert werden (vgl. BAG-Urteil vom 28.07.2022&nbsp;&#8211; 6&nbsp;AZR&nbsp;24\/22, Rz&nbsp;22, m.w.N.).<\/li><li>Die Zweifel an der Statthaftigkeit der Nichtigkeitsklage werden vom IX.&nbsp;Senat des BFH geteilt, der eine entsprechende Divergenzanfrage an den IV., VIII. und XI.&nbsp;Senat des BFH gerichtet hat (vgl. BFH-Beschluss vom 16.05.2023&nbsp;&#8211; IX&nbsp;K&nbsp;1\/21).<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">III.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Statthaftigkeit der Nichtigkeitsklage kann vorliegend jedoch dahinstehen, denn die Klage ist jedenfalls unbegr\u00fcndet. Das Verfahren mit dem Aktenzeichen VII&nbsp;R&nbsp;4\/20 ist daher im Ergebnis nicht gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;134 FGO i.V.m. \u00a7&nbsp;578 Abs.&nbsp;1, \u00a7&nbsp;579 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 ZPO wiederaufzunehmen.<\/li><li>Der Senat hat seine Vorlagepflicht an den EuGH nicht verletzt.<\/li><li>1. Ein Gericht ist nach der bisherigen st\u00e4ndigen Rechtsprechung des BFH nicht vorschriftsm\u00e4\u00dfig besetzt im Sinne des \u00a7&nbsp;579 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 ZPO, wenn es willk\u00fcrlich seine Vorlagepflicht an den EuGH verletzt hat (vgl. BFH-Beschluss vom 04.09.2009&nbsp;&#8211; IV&nbsp;K&nbsp;1\/09, BFH\/NV 2010, 218, unter Buchst.&nbsp;a; BFH-Urteile vom 13.07.2016&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;K&nbsp;1\/16, BFHE 254, 481, BStBl II 2017, 198, Rz&nbsp;16 und vom 07.02.2018&nbsp;&#8211; XI&nbsp;K&nbsp;1\/17, BFHE 206, 410, Rz&nbsp;16). Der EuGH ist f\u00fcr die Auslegung des Unionsrechts gesetzlicher Richter im Sinne des Art.&nbsp;101 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 des Grundgesetzes \u2011\u2011GG\u2011\u2011 (vgl. Beschl\u00fcsse des Bundesverfassungsgerichts \u2011\u2011BVerfG\u2011\u2011 vom 08.04.1987&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;687\/85, BVerfGE 75, 223, unter B.1. und vom 27.04.2021&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2731\/19, Rz&nbsp;5).<\/li><li>2. In st\u00e4ndiger Rechtsprechung beanstandet das BVerfG die Auslegung und Anwendung von Normen, die \u2011\u2011wie Art.&nbsp;267 Abs.&nbsp;3 des Vertrags \u00fcber die Arbeitsweise der Europ\u00e4ischen Union (AEUV)\u2011\u2011 die gerichtliche Zust\u00e4ndigkeitsverteilung regeln, nur dann, wenn sie bei verst\u00e4ndiger W\u00fcrdigung der das Grundgesetz bestimmenden Gedanken nicht mehr verst\u00e4ndlich erscheinen und offensichtlich unhaltbar sind (vgl. BVerfG-Beschluss vom 19.12.2017&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;424\/17, BVerfGE 147, 364, Rz&nbsp;39, m.w.N.). Durch die zur\u00fcckgenommene verfassungsrechtliche Pr\u00fcfung behalten die Fachgerichte bei der Auslegung und Anwendung von Unionsrecht einen Spielraum eigener Einsch\u00e4tzung und Beurteilung, der demjenigen bei der Handhabung einfachrechtlicher Bestimmungen der deutschen Rechtsordnung entspricht (vgl. BVerfG-Beschluss vom 19.12.2017&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;424\/17, BVerfGE 147, 364, Rz&nbsp;40, m.w.N.).<\/li><li>a) Dabei kommt es f\u00fcr die Pr\u00fcfung einer Verletzung des gesetzlichen Richters nicht in erster Linie auf die Vertretbarkeit der Auslegung des f\u00fcr den Streitfall ma\u00dfgeblichen materiellen Unionsrechts an, sondern auf die Vertretbarkeit der Handhabung der Vorlagepflicht nach Art.&nbsp;267 Abs.&nbsp;3 AEUV (vgl. BVerfG-Beschl\u00fcsse vom 25.01.2011&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;1741\/09, BVerfGE 128, 157, Rz&nbsp;104 und vom 03.03.2014&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2083\/11, Rz&nbsp;29). Nicht jede Verletzung der unionsrechtlichen Vorlagepflicht stellt zugleich einen Versto\u00df gegen Art.&nbsp;101 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 GG dar.<\/li><li>b) Nach der Rechtsprechung des EuGH (Urteile CILFIT vom 06.10.1982&nbsp;&#8211; C-283\/81, EU:C:1982:335, Rz&nbsp;21; Intermodal Transports vom 15.09.2005&nbsp;&#8211; C-495\/03, EU:C:2005:552; Gaston Schul Douane-expediteur vom 06.12.2005&nbsp;&#8211; C-461\/03, EU:C:2005:742; Consorzio Italian Management e Catania Multiservizi vom 06.10.2021&nbsp;&#8211; C-561\/19, EU:C:2021:799) muss ein nationales letztinstanzliches Gericht seiner Vorlagepflicht nachkommen, wenn sich in einem bei ihm schwebenden Verfahren eine Frage des Unionsrechts stellt, es sei denn, das Gericht hat festgestellt, dass die gestellte Frage nicht entscheidungserheblich ist, dass die betreffende unionsrechtliche Bestimmung bereits Gegenstand einer Auslegung durch den Gerichtshof war oder dass die richtige Anwendung des Unionsrechts derart offenkundig ist, dass f\u00fcr einen vern\u00fcnftigen Zweifel keinerlei Raum bleibt. Ob ein solcher Fall gegeben ist, ist unter Ber\u00fccksichtigung der Eigenheiten des Unionsrechts, der besonderen Schwierigkeiten seiner Auslegung und der Gefahr voneinander abweichender Gerichtsentscheidungen innerhalb der Union zu beurteilen.<\/li><li>Die Beurteilung, ob die richtige Anwendung des Unionsrechts derart offenkundig ist, dass f\u00fcr einen vern\u00fcnftigen Zweifel kein Raum bleibt, bleibt allein dem nationalen Gericht \u00fcberlassen (vgl. EuGH-Urteile Ferreira da Silva e Brito u.a. vom 09.09.2015&nbsp;&#8211; C-160\/14, EU:C:2015:565, Rz&nbsp;40, m.w.N. und Consorzio Italian Management e Catania Multiservizi vom 06.10.2021&nbsp;&#8211; C-561\/19, EU:C:2021:799, Rz&nbsp;34). Insbesondere darf das nationale Gericht trotz einer abweichenden Entscheidung der Vorinstanz davon absehen, dem EuGH eine vor ihm aufgeworfene Frage nach der Auslegung des Unionsrechts vorzulegen (vgl. EuGH-Urteil Ferreira da Silva e Brito u.a. vom 09.09.2015&nbsp;&#8211; C-160\/14, EU:C:2015:565, Rz&nbsp;40 bis 42, m.w.N.). Wenn allerdings auf Unionsebene die Gefahr von Divergenzen besteht, bedarf es einer Vorlage durch das nationale Gericht (vgl. EuGH-Urteil Ferreira da Silva e Brito u.a. vom 09.09.2015&nbsp;&#8211; C-160\/14, EU:C:2015:565, Rz&nbsp;43&nbsp;ff.). Jedoch kann die blo\u00dfe M\u00f6glichkeit, von einer Vorschrift des Unionsrechts eine oder mehrere weitere Auslegungen vornehmen zu k\u00f6nnen, nicht ohne Weiteres die Annahme begr\u00fcnden, dass an der richtigen Auslegung dieser Vorschrift ein vern\u00fcnftiger Zweifel besteht (EuGH-Urteil Consorzio Italian Management e Catania Multiservizi vom 06.10.2021&nbsp;&#8211; C-561\/19, EU:C:2021:799, Rz&nbsp;48).<\/li><li>c) Die Vorlagepflicht gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;267 Abs.&nbsp;3 AEUV wird nach der st\u00e4ndigen Rechtsprechung des BVerfG (vgl. zum Nachfolgenden BVerfG-Beschl\u00fcsse vom 31.05.1990&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;1436\/87 u.a., BVerfGE 82, 159, Rz&nbsp;144; vom 06.07.2010&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;2661\/06, BVerfGE 126, 286, Rz&nbsp;90; vom 25.01.2011&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;1741\/09, BVerfGE 128, 157, Rz&nbsp;103&nbsp;ff.; vom 19.07.2011&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;1916\/09, BVerfGE 129, 78, Rz&nbsp;98 und vom 19.12.2017&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;424\/17, BVerfGE 147, 364, Rz&nbsp;41&nbsp;ff.; BVerfG-Urteil vom 28.01.2014&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;1564\/12 u.a., BVerfGE 135, 155, Rz&nbsp;176&nbsp;ff.) insbesondere in solchen F\u00e4llen offensichtlich unhaltbar gehandhabt, in denen ein letztinstanzliches Gericht eine Vorlage trotz der \u2011\u2011seiner Auffassung nach bestehenden\u2011\u2011 Entscheidungserheblichkeit der unionsrechtlichen Frage \u00fcberhaupt nicht in Erw\u00e4gung zieht, obwohl es selbst Zweifel hinsichtlich der richtigen Beantwortung der Frage hegt (grunds\u00e4tzliche Verkennung der Vorlagepflicht). Eine Verletzung der Vorlagepflicht liegt auch vor, wenn das letztinstanzliche Gericht in seiner Entscheidung bewusst von der Rechtsprechung des EuGH zu entscheidungserheblichen Fragen abweicht und gleichwohl nicht oder nicht neuerlich vorlegt (bewusstes Abweichen ohne Vorlagebereitschaft). Liegt zu einer entscheidungserheblichen Frage des Unionsrechts einschl\u00e4gige Rechtsprechung des EuGH noch nicht vor oder hat eine vorliegende Rechtsprechung die entscheidungserhebliche Frage m\u00f6glicherweise noch nicht ersch\u00f6pfend beantwortet oder erscheint eine Fortentwicklung der Rechtsprechung des EuGH nicht nur als entfernte M\u00f6glichkeit, so wird Art.&nbsp;101 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 GG (nur) dann verletzt, wenn das letztinstanzliche Gericht den ihm in solchen F\u00e4llen notwendig zukommenden Beurteilungsrahmen in unvertretbarer Weise \u00fcberschritten hat (Unvollst\u00e4ndigkeit der Rechtsprechung). Das ist jedenfalls dann der Fall, wenn das Fachgericht das Vorliegen eines &#8222;acte clair&#8220; oder eines &#8222;acte \u00e9clair\u00e9&#8220; willk\u00fcrlich bejaht. Das Gericht muss sich daher hinsichtlich des materiellen Unionsrechts hinreichend kundig machen. Etwaige einschl\u00e4gige Rechtsprechung des EuGH muss es auswerten und seine Entscheidung hieran orientieren. Auf dieser Grundlage muss das Fachgericht unter Anwendung und Auslegung des materiellen Unionsrechts die vertretbare \u00dcberzeugung bilden, dass die Rechtslage entweder von vornherein eindeutig (&#8222;acte clair&#8220;) oder durch Rechtsprechung in einer Weise gekl\u00e4rt ist, die keinen vern\u00fcnftigen Zweifel offenl\u00e4sst (&#8222;acte \u00e9clair\u00e9&#8220;).<\/li><li>Unvertretbar gehandhabt wird Art.&nbsp;267 Abs.&nbsp;3 AEUV im Falle der Unvollst\u00e4ndigkeit der Rechtsprechung insbesondere dann, wenn das Fachgericht eine von vornherein eindeutige oder zweifelsfrei gekl\u00e4rte Rechtslage ohne sachliche Begr\u00fcndung (vgl. z.B. BVerfG-Beschluss vom 06.10.2017&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;987\/16, Rz&nbsp;9) beziehungsweise willk\u00fcrlich (vgl. BVerfG-Beschluss vom 20.02.2017&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;63\/15, Rz&nbsp;8) bejaht.<\/li><li>d) Im \u00dcbrigen hat der EuGH betont, dass der Grundsatz der unionsrechtskonformen Auslegung gebietet, dass die nationalen Gerichte unter Ber\u00fccksichtigung des gesamten innerstaatlichen Rechts und unter Anwendung der dort anerkannten Auslegungsmethoden alles tun, was in ihrer Zust\u00e4ndigkeit liegt, um die volle Wirksamkeit des Unionsrechts zu gew\u00e4hrleisten und zu einem Ergebnis zu gelangen, das im Einklang mit dem mit ihm verfolgten Ziel steht (vgl. EuGH-Urteile Impact vom 15.04.2008&nbsp;&#8211; C-268\/06, EU:C:2008:223, Rz&nbsp;101; Lopes Da Silva Jorge vom 05.09.2012&nbsp;&#8211; C-42\/11, EU:C:2012:517, Rz&nbsp;56; Specht u.a. vom 19.06.2014&nbsp;&#8211; C-501\/12 bis C-506\/12, EU:C:2014:2005, Rz&nbsp;88 und PPU&nbsp;&#8211;&nbsp;JZ vom 28.07.2016&nbsp;&#8211; C-294\/16, EU:C:2016:610, Rz&nbsp;33).<\/li><li>3. Gemessen daran hat der Senat seine Vorlagepflicht nicht offensichtlich unhaltbar verneint, sodass kein Fall des \u00a7&nbsp;579 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 ZPO vorliegt.<\/li><li>a) Der Senat hat die Vorlagepflicht nicht grunds\u00e4tzlich verkannt. Das ergibt sich bereits aus seinen Ausf\u00fchrungen in Randziffer&nbsp;41 des Urteils, in der der Senat unter Hinweis auf die zur Beurteilung der Vorlagepflicht ma\u00dfgebliche Rechtsprechung des EuGH in seinem Urteil CILFIT vom 06.10.1982&nbsp;&#8211; C-283\/81 (EU:C:1982:335) eine Pflicht zur Einholung eines Vorabentscheidungsersuchens beim EuGH verneint hat. In diesem Zusammenhang hat der Senat eine etwaige Vorlagepflicht nicht ohne sachliche Gr\u00fcnde au\u00dfer Betracht gelassen, sondern vielmehr die von ihm vorgenommene Auslegung der Klasse DI&nbsp;26.52 der NACE Rev.&nbsp;1.1 f\u00fcr eindeutig und die Rechtslage daher als gekl\u00e4rt angesehen.<\/li><li>F\u00fcr die Auslegung des nationalen Rechts (im Verfahren VII&nbsp;R&nbsp;4\/20: \u00a7&nbsp;51 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 Buchst.&nbsp;a EnergieStG) ist das nationale Gericht allein zust\u00e4ndig (vgl. z.B. EuGH-Urteile Asklepios Kliniken vom 27.04.2017&nbsp;&#8211; C-680\/15 und C-681\/15, EU:C:2017:317, Rz&nbsp;28 und Entertainment Bulgaria System vom 15.11.2017&nbsp;&#8211; C-507\/16, EU:C:2017:864, Rz&nbsp;38). Deshalb pr\u00fcft es auch in eigener Kompetenz, ob eine unionsrechtskonforme Auslegung des nationalen Rechts m\u00f6glich ist.<\/li><li>b) Auch ein bewusstes Abweichen von der Rechtsprechung des EuGH zu entscheidungserheblichen Fragen liegt nicht vor. Denn der Senat hat die f\u00fcr die Beurteilung des Streitfalls ma\u00dfgeblichen Rechtsgrundlagen ausf\u00fchrlich gepr\u00fcft und sich dabei auch mit der Frage auseinandergesetzt, ob einschl\u00e4gige Rechtsprechung des EuGH vorliegt (vgl. BVerfG-Beschluss vom 06.10.2017&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;987\/16, Rz&nbsp;9).<\/li><li>c) Die Voraussetzungen der dritten Fallgruppe sind ebenfalls nicht erf\u00fcllt. Der Senat hat den ihm bei der Frage, ob ein &#8222;acte clair&#8220; vorliegt, zustehenden Beurteilungsspielraum nicht unvertretbar ausgef\u00fcllt.<\/li><li>Er hat in seiner Entscheidung ausf\u00fchrlich gepr\u00fcft und begr\u00fcndet, warum der NACE-Unterabschnitt DI&nbsp;26 in der Klasse DI&nbsp;26.52 &#8222;Herstellung von Kalk&#8220; nicht die Herstellung des streitgegenst\u00e4ndlichen PCC umfasst und diesbez\u00fcglich keine Zweifel bestehen. Soweit die Kl\u00e4gerin auf eine jahrelange anderslautende Rechtsanwendungspraxis der Zoll- und Statistikbeh\u00f6rden verweist und deshalb die Nichtvorlage f\u00fcr unhaltbar h\u00e4lt, folgt der Senat dem nicht.<\/li><li>Zwar besteht nach der Rechtsprechung des EuGH Veranlassung f\u00fcr die nationalen Gerichte, bei ihrer Beurteilung, ob es an einem vern\u00fcnftigen Zweifel fehlt, besonders sorgf\u00e4ltig zu sein, wenn eine andere Handhabung durch die Zollbeh\u00f6rden vorliegt (EuGH-Urteil Intermodal Transports vom 15.09.2005&nbsp;&#8211; C-495\/03, EU:C:2005:552, Rz&nbsp;34; vgl. auch EuGH-Urteil Consorzio Italian Management e Catania Multiservizi vom 06.10.2021&nbsp;&#8211; C-561\/19, EU:C:2021:799, Rz&nbsp;49 zu abweichenden Gerichtsentscheidungen). Jedoch fehlt es einerseits an einer entsprechenden Feststellung im Urteil des FG, andererseits hat der Senat in seiner Entscheidung unter Randziffer&nbsp;40 die behauptete jahrelange anderslautende Rechtsanwendungspraxis der Zollbeh\u00f6rden durchaus ber\u00fccksichtigt.<\/li><li>Auch eine etwaige fr\u00fchere abweichende Beurteilung einer T\u00e4tigkeit durch die Statistikbeh\u00f6rden begr\u00fcndet nicht ohne Weiteres die Pflicht des erkennenden Senats zur Einholung einer Vorabentscheidung des EuGH, weil die Hauptzoll\u00e4mter in eigener Zust\u00e4ndigkeit \u00fcber die Gew\u00e4hrung einer steuerlichen Beg\u00fcnstigung entscheiden (vgl. Senatsbeschluss vom 26.02.2020&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;25\/18, Rz&nbsp;34).<\/li><li>4. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;1 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2023:U.200623.VIIK1.22.0 BFH VII. 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