{"id":76255,"date":"2023-11-04T17:45:42","date_gmt":"2023-11-04T15:45:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=76255"},"modified":"2023-11-04T17:45:42","modified_gmt":"2023-11-04T15:45:42","slug":"verfassungsmaessigkeit-von-saeumniszuschlaegen-zustaendigkeit-des-praesidiums-bei-meinungsverschiedenheiten-ueber-die-zustaendigkeit-nach-dem-geschaeftsverteilungsplan-bfh-beschluss-vom-13-septem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/verfassungsmaessigkeit-von-saeumniszuschlaegen-zustaendigkeit-des-praesidiums-bei-meinungsverschiedenheiten-ueber-die-zustaendigkeit-nach-dem-geschaeftsverteilungsplan-bfh-beschluss-vom-13-septem\/","title":{"rendered":"Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit von S\u00e4umniszuschl\u00e4gen &#8211; Zust\u00e4ndigkeit des Pr\u00e4sidiums bei Meinungsverschiedenheiten \u00fcber die Zust\u00e4ndigkeit nach dem Gesch\u00e4ftsverteilungsplan &#8211; BFH-Beschluss vom 13. September 2023, X B 52\/23 (AdV)"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2023:BA.130923.XB52.23.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH X. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>AO \u00a7 240 Abs 1 S 1, GVG \u00a7 21e, FGO \u00a7 69 Abs 2 S 2, GG Art 3 Abs 1, GG Art 20 Abs 3<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG M\u00fcnchen, 28. M\u00e4rz 2023, Az: 1 V 72\/23<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. Gegen die H\u00f6he des S\u00e4umniszuschlags nach \u00a7 240 Abs. 1 Satz 1 der Abgabenordnung bestehen auch f\u00fcr Zeitr\u00e4ume nach dem 31.12.2018 keine verfassungsrechtlichen Bedenken.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Meinungsverschiedenheiten \u00fcber die Zust\u00e4ndigkeit nach dem Gesch\u00e4ftsverteilungsplan zwischen den Spruchk\u00f6rpern desselben Gerichts sind durch das Pr\u00e4sidium zu entscheiden (Anschluss an Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 05.10.1999 &#8211; X ARZ 247\/99, Neue Juristische Wochenschrift 2000, 90).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Beschwerde des Antragstellers gegen den Beschluss des Finanzgerichts M\u00fcnchen vom 28.03.2023 &#8211; 1 V 72\/23 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Beschwerdeverfahrens hat der Antragsteller zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Auf Antrag des Antragstellers und Beschwerdef\u00fchrers (Antragsteller) erlie\u00df der Antragsgegner und Beschwerdegegner (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) am 25.10.2022 einen Abrechnungsbescheid \u00fcber S\u00e4umniszuschl\u00e4ge zur Einkommensteuer und zum Solidarit\u00e4tszuschlag 2020 sowie zum vierten Quartal 2021 in H\u00f6he von insgesamt 2.482&nbsp;\u20ac. Dem war eine Steuerfestsetzung vorausgegangen, die zu Nachzahlungen gef\u00fchrt hatte. Gegen den Abrechnungsbescheid legte der Antragsteller Einspruch ein und beantragte Aussetzung der Vollziehung (AdV). Zur Begr\u00fcndung machte er geltend, zur Frage der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit von S\u00e4umniszuschl\u00e4gen nach dem 31.12.2018 seien beim Bundesfinanzhof (BFH) mehrere Revisionsverfahren anh\u00e4ngig. Das FA stellte daraufhin das Einspruchsverfahren ruhend, lehnte allerdings den Antrag auf AdV mit Bescheid vom 04.01.2023 ab.<\/li><li>Der Antragsteller hat daraufhin beim Finanzgericht (FG) AdV des angefochtenen Abrechnungsbescheids beantragt. Das FG hat dies mit Beschluss vom 28.03.2023 ebenfalls abgelehnt. Dagegen wendet sich der Antragsteller mit seiner Beschwerde, die vom FG zugelassen worden ist.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Der beschlie\u00dfende Senat ist f\u00fcr das vorliegende Verfahren sachlich zust\u00e4ndig. Dies hat das Pr\u00e4sidium des BFH in seiner Sitzung vom 11.07.2023 beschlossen (zur Zust\u00e4ndigkeit des Pr\u00e4sidiums nach \u00a7&nbsp;21e des Gerichtsverfassungsgesetzes \u2011\u2011GVG\u2011\u2011 s. Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 05.10.1999&nbsp;&#8211; X&nbsp;ARZ&nbsp;247\/99, Neue Juristische Wochenschrift 2000, 80, unter II.; Z\u00f6ller\/L\u00fcckemann, ZPO, 34.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;21e GVG Rz&nbsp;38). Die Sonderregelung einer Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr Streitsachen \u00fcber Abrechnungsbescheide gem\u00e4\u00df III.4. Buchst.&nbsp;a der Erg\u00e4nzenden Regelungen zu Teil&nbsp;A. des Gesch\u00e4ftsverteilungsplans des BFH f\u00fcr das Jahr 2023 erfasst nicht nur die dort ausdr\u00fccklich erw\u00e4hnte &#8222;Einkommensteuer&#8220;, sondern ebenso die hierzu geh\u00f6renden steuerlichen Nebenleistungen (im Streitfall: S\u00e4umniszuschl\u00e4ge).<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">III.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beschwerde ist nach \u00a7&nbsp;128 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;1 der Finanzgerichtsordnung (FGO) zul\u00e4ssig, jedoch unbegr\u00fcndet.<\/li><li>1. Nach \u00a7&nbsp;69 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;1, Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 FGO ist die Vollziehung eines angefochtenen Verwaltungsaktes regelm\u00e4\u00dfig ganz oder teilweise auszusetzen, wenn ernstliche Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit dieses Verwaltungsaktes bestehen.<\/li><li>a) Ernstliche Zweifel im Sinne von \u00a7&nbsp;69 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 FGO liegen dann vor, wenn bei summarischer Pr\u00fcfung des angefochtenen Bescheids neben f\u00fcr seine Rechtm\u00e4\u00dfigkeit sprechenden Umst\u00e4nden gewichtige Gr\u00fcnde zutage treten, die Unentschiedenheit oder Unsicherheit in der Beurteilung von Rechtsfragen oder Unklarheit in der Beurteilung entscheidungserheblicher Tatfragen bewirken. Es ist nicht erforderlich, dass die f\u00fcr die Rechtswidrigkeit sprechenden Gr\u00fcnde im Sinne einer Erfolgswahrscheinlichkeit \u00fcberwiegen. Ernstliche Zweifel k\u00f6nnen auch verfassungsrechtliche Zweifel hinsichtlich einer dem angefochtenen Verwaltungsakt zugrunde liegenden Norm sein (st\u00e4ndige Rechtsprechung, z.B. BFH-Beschl\u00fcsse vom 26.09.2022&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;9\/22&nbsp;(AdV), BFHE 276, 467, Rz&nbsp;16 und vom 23.05.2022&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;4\/22&nbsp;(AdV), BFHE 276, 535, Rz&nbsp;28, jeweils m.w.N.).<\/li><li>b) Unter Ber\u00fccksichtigung dieser Grunds\u00e4tze bestehen im Streitfall keine ernstlichen Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit des angefochtenen Abrechnungsbescheids. Der beschlie\u00dfende Senat geht von der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der gesetzlich festgelegten H\u00f6he des S\u00e4umniszuschlags aus.<\/li><li>aa) Gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 der Abgabenordnung (AO) ist, wenn eine Steuer nicht bis zum Ablauf des F\u00e4lligkeitstages entrichtet wird, f\u00fcr jeden angefangenen Monat der S\u00e4umnis ein S\u00e4umniszuschlag von 1&nbsp;% des abgerundeten r\u00fcckst\u00e4ndigen Steuerbetrags zu entrichten; abzurunden ist auf den n\u00e4chsten durch 50&nbsp;\u20ac teilbaren Betrag.<\/li><li>bb) Diese Regelung verst\u00f6\u00dft nach der hier gebotenen summarischen Pr\u00fcfung weder gegen den Gleichheitssatz (Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes \u2011\u2011GG\u2011\u2011) noch gegen das Rechtsstaatsprinzip (Art.&nbsp;20 Abs.&nbsp;3 GG).<\/li><li>(1) Der VII.&nbsp;Senat des BFH hat mit Urteilen vom 23.08.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;21\/21 (BFHE 278, 1, BStBl II 2023, 304, Rz&nbsp;38&nbsp;ff.) und vom 15.11.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;55\/20 (BFHE 278, 403, BStBl II 2023, 621, Rz&nbsp;19&nbsp;ff.) entschieden, dass auch bei einem strukturellen Niedrigzinsniveau gegen die in \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO festgelegte H\u00f6he des S\u00e4umniszuschlags keine verfassungsrechtlichen Bedenken bestehen.<\/li><li>Insbesondere lassen sich den genannten Urteilen zufolge weder die vom Bundesverfassungsgericht in seinem Beschluss vom 08.07.2021&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2237\/14, 1&nbsp;BvR&nbsp;2422\/17 (BGBl I 2021, 4303) herausgearbeiteten Grunds\u00e4tze, nach denen die Verzinsung von Steuernachforderungen und -erstattungen nach \u00a7\u00a7&nbsp;233a, 238 AO in H\u00f6he von 0,5&nbsp;% pro Monat f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume ab dem 01.01.2014 mit Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 GG unvereinbar ist, auf den S\u00e4umniszuschlag \u00fcbertragen, noch verst\u00f6\u00dft die H\u00f6he des S\u00e4umniszuschlags gegen das \u00dcberma\u00dfverbot und verletzt daher auch nicht das Rechtsstaatsprinzip nach Art.&nbsp;20 Abs.&nbsp;3 GG.<\/li><li>(2) Der beschlie\u00dfende Senat folgt dieser Rechtsprechung und nimmt wegen der Einzelheiten darauf Bezug. Zwar betreffen die genannten Entscheidungen des VII.&nbsp;Senats Zeitr\u00e4ume vor dem 01.01.2019. Die tragenden Gr\u00fcnde der vom VII.&nbsp;Senat vorgenommenen \u2011\u2011eigenst\u00e4ndigen\u2011\u2011 verfassungsrechtlichen Pr\u00fcfung gelten aber gleicherma\u00dfen f\u00fcr Zeitr\u00e4ume nach dem 31.12.2018.<\/li><li>Die genannten Entscheidungen des VII.&nbsp;Senats sind am 09.02.2023 (BFH-Urteil vom 23.08.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;21\/21, BFHE 278, 1, BStBl II 2023, 304) und am 30.03.2023 (BFH-Urteil vom 15.11.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;55\/20, BFHE 278, 403, BStBl II 2023, 621) ver\u00f6ffentlicht worden. Die vom III., V. und VIII.&nbsp;Senat im AdV-Verfahren ge\u00e4u\u00dferten Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge (BFH-Beschl\u00fcsse vom 23.05.2022&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;4\/22&nbsp;(AdV), BFHE 276, 535; vom 11.11.2022&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;B&nbsp;64\/22&nbsp;(AdV), BFHE 278, 36 und vom 28.12.2022&nbsp;&#8211; III&nbsp;B&nbsp;48\/22&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2023, 970) sind nach Auffassung des beschlie\u00dfenden Senats durch die \u2011\u2011im Hauptsacheverfahren ergangenen\u2011\u2011 Entscheidungen des VII.&nbsp;Senats \u00fcberholt.<\/li><li>2. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2023:BA.130923.XB52.23.0 BFH X. Senat AO \u00a7 240 Abs 1 S 1, GVG \u00a7 21e, FGO \u00a7 69 Abs 2 S 2, GG Art 3 Abs 1, GG Art 20 Abs 3 vorgehend FG M\u00fcnchen, 28. M\u00e4rz 2023, Az: 1 V 72\/23 Leits\u00e4tze 1. 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