{"id":76436,"date":"2024-01-13T16:15:49","date_gmt":"2024-01-13T14:15:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=76436"},"modified":"2024-01-13T16:15:49","modified_gmt":"2024-01-13T14:15:49","slug":"zur-verfassungsmaessigkeit-der-saeumniszuschlaege-bfh-beschluss-vom-13-september-2023-xi-b-38-22-adv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/zur-verfassungsmaessigkeit-der-saeumniszuschlaege-bfh-beschluss-vom-13-september-2023-xi-b-38-22-adv\/","title":{"rendered":"Zur Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge &#8211; BFH-Beschluss vom 13. September 2023, XI B 38\/22 (AdV)"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2023:BA.130923.XIB38.22.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH XI. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>AO \u00a7 238, AO \u00a7 240, FGO \u00a7 69, FGO \u00a7 128, GG Art 3 Abs 1, GG Art 20 Abs 3<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG M\u00fcnster, 04. April 2022, Az: 11 V 2680\/21 AO<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>Es bestehen in den Jahren 2016 und 2017 keine ernstlichen Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der gesetzlich festgelegten H\u00f6he des S\u00e4umniszuschlags (Best\u00e4tigung der BFH-Rechtsprechung).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Beschluss des Finanzgerichts M\u00fcnster vom 04.04.2022 &#8211; 11 V 2680\/21 AO wird aufgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Antrag auf Aussetzung der Vollziehung des Abrechnungsbescheids vom 08.10.2021 \u00fcber S\u00e4umniszuschl\u00e4ge zur K\u00f6rperschaftsteuer 2016 und 2017 sowie zum Solidarit\u00e4tszuschlag zur K\u00f6rperschaftsteuer 2016 und 2017 wird abgelehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des gesamten Verfahrens hat die Antragstellerin zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beteiligten streiten \u00fcber die Aussetzung der Vollziehung (AdV) eines Abrechnungsbescheids \u00fcber S\u00e4umniszuschl\u00e4ge.<\/li><li>Gegen den Abrechnungsbescheid vom 08.10.2021, in dem S\u00e4umniszuschl\u00e4ge zur K\u00f6rperschaftsteuer und zum Solidarit\u00e4tszuschlag zur K\u00f6rperschaftsteuer ausgewiesen worden waren, legte die Antragstellerin und Beschwerdegegnerin (Antragstellerin) Einspruch ein und beantragte die AdV.<\/li><li>Der Antragsgegner und Beschwerdef\u00fchrer (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) lehnte die begehrte AdV mit Bescheid vom 14.10.2021 ab. Hierauf beantragte die Antragstellerin beim Finanzgericht (FG) M\u00fcnster die AdV der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge aus dem Abrechnungsbescheid in voller H\u00f6he.<\/li><li>Das FG gab dem Antrag auf AdV mit seinem in Entscheidungen der Finanzgerichte 2022, 1081 ver\u00f6ffentlichten Beschluss vom 04.04.2022&nbsp;&#8211; 11&nbsp;V&nbsp;2680\/21&nbsp;AO statt. Der Beschluss wurde dem FA am 04.04.2022 \u00fcbersandt. Das FG war der Auffassung, die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der in dem Abrechnungsbescheid ausgewiesenen S\u00e4umniszuschl\u00e4ge sei ernstlich zweifelhaft, soweit diese \u2011\u2011wie im Streitfall\u2011\u2011 nach dem 31.12.2018 entstanden seien. Die ernstlichen Zweifel erg\u00e4ben sich aus der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) zur Verfassungswidrigkeit der Verzinsung von Steuernachforderungen und -erstattungen nach \u00a7&nbsp;233a i.V.m. \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 der Abgabenordnung (AO). S\u00e4umniszuschl\u00e4ge h\u00e4tten nicht nur die Funktion eines Druckmittels, sondern auch die einer Gegenleistung oder eines Ausgleichs f\u00fcr das Hinausschieben der Zahlung f\u00e4lliger Steuern. Ihnen komme mithin auch eine zins\u00e4hnliche Funktion zu.<\/li><li>Der hiergegen vom FG zugelassenen Beschwerde des FA vom 14.04.2022 hat das FG mit Beschluss vom 26.04.2022 nicht abgeholfen.<\/li><li>Das FA macht mit der Beschwerde geltend, die AdV sei im Streitfall bereits deswegen abzulehnen, weil der Antragstellerin das besondere Aussetzungsinteresse fehle. Ein solches besonderes Aussetzungsinteresse sei erforderlich, wenn die Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit des angefochtenen Verwaltungsaktes auf Bedenken gegen die Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des zugrunde liegenden Gesetzes beruhten. Zwar werde auch in diesen F\u00e4llen dem Aussetzungsinteresse des Steuerpflichtigen der Vorrang vor dem \u00f6ffentlichen Vollzugsinteresse einger\u00e4umt, wenn das BVerfG eine \u00e4hnliche Vorschrift f\u00fcr nichtig erkl\u00e4rt habe. Das sei vorliegend jedoch nicht der Fall. Die Entscheidung des BVerfG vom 08.07.2021&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2237\/14, 1&nbsp;BvR&nbsp;2422\/17 (BVerfGE 158, 282) zur H\u00f6he der Verzinsung von Steuernachforderungen und -erstattungen nach \u00a7&nbsp;233a i.V.m. \u00a7&nbsp;238 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO sei nicht auf S\u00e4umniszuschl\u00e4ge \u00fcbertragbar, weil sich der Normzweck des \u00a7&nbsp;240 AO erheblich von dem des \u00a7&nbsp;233a AO unterscheide. Bei S\u00e4umniszuschl\u00e4gen handele es sich nicht in erster Linie um Zinsen, sondern um ein Sanktionsmittel eigener Art.<\/li><li>Das FA beantragt, den Beschluss des FG vom 04.04.2022&nbsp;&#8211; 11&nbsp;V&nbsp;2680\/21&nbsp;AO aufzuheben und die AdV abzulehnen.<\/li><li>Die Antragstellerin beantragt, die Beschwerde des FA zur\u00fcckzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beschwerde ist begr\u00fcndet; sie f\u00fchrt f\u00fcr Aufhebung der Vorentscheidung und zur Ablehnung des Antrags auf AdV.<\/li><li>1. Nach \u00a7&nbsp;128 Abs.&nbsp;3 i.V.m. \u00a7&nbsp;69 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;1, Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung (FGO) ist die Vollziehung eines angefochtenen Verwaltungsaktes ganz oder teilweise auszusetzen, wenn ernstliche Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit dieses Verwaltungsaktes bestehen.<\/li><li>a) Ernstliche Zweifel im Sinne von \u00a7&nbsp;69 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 FGO liegen dann vor, wenn bei summarischer Pr\u00fcfung des angefochtenen Bescheids neben f\u00fcr seine Rechtm\u00e4\u00dfigkeit sprechenden Umst\u00e4nden gewichtige Gr\u00fcnde zutage treten, die Unentschiedenheit oder Unsicherheit in der Beurteilung von Rechtsfragen oder Unklarheit in der Beurteilung entscheidungserheblicher Tatfragen bewirken. Es ist nicht erforderlich, dass die f\u00fcr die Rechtswidrigkeit sprechenden Gr\u00fcnde im Sinne einer Erfolgswahrscheinlichkeit \u00fcberwiegen. Ernstliche Zweifel k\u00f6nnen auch verfassungsrechtliche Zweifel hinsichtlich einer dem angefochtenen Verwaltungsakt zugrunde liegenden Norm sein (st\u00e4ndige Rechtsprechung, vgl. z.B. Beschl\u00fcsse des Bundesfinanzhofs \u2011\u2011BFH\u2011\u2011 vom 26.09.2022&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;9\/22&nbsp;(AdV), BFHE 276, 467, Rz&nbsp;16 und vom 23.05.2022&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;4\/22&nbsp;(AdV), BFHE 276, 535, Rz&nbsp;28, jeweils m.w.N.).<\/li><li>b) Unter Ber\u00fccksichtigung dieser Grunds\u00e4tze bestehen im Streitfall keine ernstlichen Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der gesetzlich festgelegten H\u00f6he des S\u00e4umniszuschlags. Der Antrag auf AdV war daher abzulehnen.<\/li><li>aa) Gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO ist, wenn eine Steuer nicht bis zum Ablauf des F\u00e4lligkeitstages entrichtet wird, f\u00fcr jeden angefangenen Monat der S\u00e4umnis ein S\u00e4umniszuschlag von 1&nbsp;% des abgerundeten r\u00fcckst\u00e4ndigen Steuerbetrags zu entrichten; abzurunden ist auf den n\u00e4chsten durch 50&nbsp;\u20ac teilbaren Betrag.<\/li><li>bb) Diese Regelung verst\u00f6\u00dft nach der hier gebotenen summarischen Pr\u00fcfung weder gegen den Gleichheitssatz (Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes \u2011\u2011GG\u2011\u2011) noch gegen das Rechtsstaatsprinzip (Art.&nbsp;20 Abs.&nbsp;3 GG).<\/li><li>(1) Der VII.&nbsp;Senat des BFH hat mit Urteilen vom 23.08.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;21\/21 (BFHE 278, 1, BStBl II 2023, 304, Rz&nbsp;38&nbsp;ff.) und vom 15.11.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;55\/20 (BFHE 278, 403, BStBl II 2023, 621, Rz&nbsp;19&nbsp;ff.) entschieden, dass auch bei einem strukturellen Niedrigzinsniveau gegen die in \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO festgelegte H\u00f6he des S\u00e4umniszuschlags keine verfassungsrechtlichen Bedenken bestehen.<\/li><li>Insbesondere lassen sich den genannten Urteilen zufolge weder die vom BVerfG in seinem Beschluss vom 08.07.2021&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2237\/14, 1&nbsp;BvR&nbsp;2422\/17 (BVerfGE 158, 282) herausgearbeiteten Grunds\u00e4tze, nach denen die Verzinsung von Steuernachforderungen und -erstattungen nach \u00a7\u00a7&nbsp;233a, 238 AO in H\u00f6he von 0,5&nbsp;% pro Monat f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume ab dem 01.01.2014 mit Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 GG unvereinbar ist, auf den S\u00e4umniszuschlag \u00fcbertragen, noch verst\u00f6\u00dft die H\u00f6he des S\u00e4umniszuschlags gegen das \u00dcberma\u00dfverbot und verletzt daher auch nicht das Rechtsstaatsprinzip nach Art.&nbsp;20 Abs.&nbsp;3 GG.<\/li><li>(2) Der beschlie\u00dfende Senat folgt dieser Rechtsprechung und nimmt wegen der Einzelheiten darauf Bezug. Zwar betreffen die genannten Entscheidungen des VII.&nbsp;Senats Zeitr\u00e4ume vor dem 31.12.2018. Die tragenden Gr\u00fcnde der vom VII.&nbsp;Senat vorgenommenen \u2011\u2011eigenst\u00e4ndigen\u2011\u2011 verfassungsrechtlichen Pr\u00fcfung gelten aber gleicherma\u00dfen f\u00fcr Zeitr\u00e4ume ab dem 01.01.2019.<\/li><li>Die vom VIII.&nbsp;Senat im AdV-Verfahren insoweit ge\u00e4u\u00dferten Zweifel (BFH-Beschluss vom 11.11.2022&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;B&nbsp;64\/22&nbsp;(AdV), BFHE 278, 36) sind nach Auffassung des beschlie\u00dfenden Senats durch die \u2011\u2011im Hauptsacheverfahren ergangenen\u2011\u2011 Entscheidungen des VII.&nbsp;Senats \u00fcberholt.<\/li><li>2. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;1 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2023:BA.130923.XIB38.22.0 BFH XI. Senat AO \u00a7 238, AO \u00a7 240, FGO \u00a7 69, FGO \u00a7 128, GG Art 3 Abs 1, GG Art 20 Abs 3 vorgehend FG M\u00fcnster, 04. 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