{"id":76524,"date":"2024-02-15T13:13:10","date_gmt":"2024-02-15T11:13:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=76524"},"modified":"2024-02-15T13:13:10","modified_gmt":"2024-02-15T11:13:10","slug":"zurechnung-der-umsaetze-in-einem-bordell-bfh-beschluss-vom-10-januar-2024-xi-b-117-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/zurechnung-der-umsaetze-in-einem-bordell-bfh-beschluss-vom-10-januar-2024-xi-b-117-22\/","title":{"rendered":"Zurechnung der Ums\u00e4tze in einem Bordell &#8211; BFH-Beschluss vom 10. Januar 2024, XI B 117\/22"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2024:B.100124.XIB117.22.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH XI. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>UStG \u00a7 2 Abs 1, EGRL 112\/2006 Art 2 Abs 1 Buchst c, EGRL 112\/2006 Art 9 Abs 1, EGRL 112\/2006 Art 10, FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 1, FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 2 Alt 2<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG M\u00fcnchen, 29. Juni 2022, Az: 3 K 3128\/18<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. NV: Die Zurechnung von Ums\u00e4tzen in einem Bordell ist h\u00f6chstrichterlich gekl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>2. NV: Daran hat sich durch das BGH-Urteil vom 05.05.2022 &#8211; 1 StR 475\/21 (Umsatzsteuer-Rundschau 2022, 794) nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Beschwerde des Kl\u00e4gers wegen Nichtzulassung der Revision gegen das Urteil des Finanzgerichts M\u00fcnchen vom 29.06.2022 &#8211; 3 K 3128\/18 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Beschwerdeverfahrens hat der Kl\u00e4ger zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beschwerde ist unbegr\u00fcndet. Die geltend gemachten Zulassungsgr\u00fcnde sind teilweise nicht hinreichend dargelegt und liegen im \u00dcbrigen nicht vor.<\/li><li>1. Die Rechtssache hat keine grunds\u00e4tzliche Bedeutung.<\/li><li>a) Grunds\u00e4tzliche Bedeutung im Sinne des \u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;1 der Finanzgerichtsordnung (FGO) kommt einer Rechtssache zu, wenn eine f\u00fcr die Beurteilung des Streitfalls ma\u00dfgebliche Rechtsfrage das (abstrakte) Interesse der Allgemeinheit an der einheitlichen Entwicklung und Handhabung des Rechts ber\u00fchrt, kl\u00e4rungsbed\u00fcrftig und in einem k\u00fcnftigen Revisionsverfahren kl\u00e4rbar ist (st\u00e4ndige Rechtsprechung, vgl. Beschl\u00fcsse des Bundesfinanzhofs \u2011\u2011BFH\u2011\u2011 vom 12.07.2023&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;1\/23, Umsatzsteuer-Rundschau \u2011\u2011UR\u2011\u2011 2023, 719, Rz&nbsp;8; vom 31.08.2023&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;89\/22, BFH\/NV 2023, 1322, Rz&nbsp;22).<\/li><li>Eine Rechtsfrage, deren Beantwortung von den Umst\u00e4nden des Einzelfalls abh\u00e4ngig ist, ist nicht grunds\u00e4tzlich bedeutsam, so dass es nicht ausreicht, eine derartige Frage aufzuwerfen (vgl. BFH-Beschl\u00fcsse vom 29.10.2013&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;58\/13, BFH\/NV 2014, 192, Rz&nbsp;10; vom 04.01.2023&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;51\/22, BFH\/NV 2023, 279, Rz&nbsp;4; vom 31.05.2023&nbsp;&#8211; X&nbsp;B&nbsp;111\/22, BFH\/NV 2023, 958, Rz&nbsp;23).<\/li><li>b) Ausgehend davon hat die vom Kl\u00e4ger aufgeworfene Rechtsfrage&#8220;Waren die von den Prostituierten im \u2026 erbrachten und alleine von diesen vereinnahmten Anteile ihrer sexuellen Dienstleistungen der Firma X sowie nachfolgend der Firma Y aus der hier ma\u00dfgeblichen Sicht der Leistungsempf\u00e4nger vollst\u00e4ndig umsatzsteuerrechtlich zuzurechnen oder nicht?&#8220;keine grunds\u00e4tzliche Bedeutung. Sie h\u00e4ngt von den Umst\u00e4nden des vom FG entschiedenen Einzelfalls ab. Ihre Beantwortung liegt daher auch nicht im (abstrakten) Interesse der Allgemeinheit.<\/li><li>c) Dar\u00fcber hinaus ist die Zurechnung von Ums\u00e4tzen in einem Bordell h\u00f6chstrichterlich gekl\u00e4rt (vgl. BFH-Beschl\u00fcsse vom 31.03.2006&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;181\/05, BFH\/NV 2006, 2138; vom 29.01.2008&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;201\/06, BFH\/NV 2008, 827; vom 25.11.2009&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;31\/09, BFH\/NV 2010, 959; vom 07.02.2017&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;48\/16, BFH\/NV 2017, 629; vom 26.09.2017&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;65\/17, BFH\/NV 2018, 240). Regelm\u00e4\u00dfig ergibt sich sowohl nach der Rechtsprechung des BFH als auch nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) aus den abgeschlossenen zivilrechtlichen Vereinbarungen, wer bei einem Umsatz als Leistender anzusehen ist. Leistender ist in der Regel derjenige, der die Lieferungen oder sonstigen Leistungen im eigenen Namen gegen\u00fcber einem anderen selbst oder durch einen Beauftragten ausf\u00fchrt. Ob eine Leistung dem Handelnden oder einem anderen zuzurechnen ist, h\u00e4ngt grunds\u00e4tzlich davon ab, ob der Handelnde gegen\u00fcber Dritten im eigenen Namen oder berechtigterweise im Namen eines anderen bei Ausf\u00fchrung entgeltlicher Leistungen aufgetreten ist (vgl. BFH-Urteil vom 27.09.2018&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;9\/17, BFH\/NV 2019, 127, Rz&nbsp;15; BGH-Urteil vom 05.05.2022&nbsp;&#8211; 1&nbsp;StR&nbsp;475\/21, UR 2022, 794, Rz&nbsp;12, m.w.N.).<\/li><li>Eine tats\u00e4chliche, in diesem Zusammenhang vorgenommene W\u00fcrdigung des FG ist im finanzgerichtlichen Verfahren f\u00fcr den BFH nach \u00a7&nbsp;118 Abs.&nbsp;2 FGO bindend, wenn sie m\u00f6glich ist und das FG nicht gegen Denkgesetze oder allgemeine Erfahrungss\u00e4tze versto\u00dfen hat (BFH-Urteil vom 27.09.2018&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;9\/17, BFH\/NV 2019, 127, Rz&nbsp;17), was bereits im Verfahren der Nichtzulassungsbeschwerde zu ber\u00fccksichtigen ist (vgl. BFH-Beschluss vom 12.07.2023&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;1\/23, UR 2023, 719, Rz&nbsp;11). Ohne Bedeutung ist, ob f\u00fcr den BGH im Strafverfahren eine vergleichbare Bindung besteht (vgl. dazu BGH-Urteil vom 05.05.2022&nbsp;&#8211; 1&nbsp;StR&nbsp;475\/21, UR 2022, 794, Rz&nbsp;14&nbsp;ff.; s. aber auch BGH-Beschluss vom 22.03.2023&nbsp;&#8211; 1&nbsp;StR&nbsp;361\/22, Neue Zeitschrift f\u00fcr Wirtschafts-, Steuer- und Unternehmensstrafrecht 2023, 313 zur Zurechnung von Ums\u00e4tzen an die Betreiberin und zur Arbeitnehmereigenschaft der Sexarbeiterinnen).<\/li><li>2. Soweit die Beschwerde dahin gehend verstanden werden k\u00f6nnte, dass sie konkludent (auch) den Zulassungsgrund der Divergenz (\u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;2 FGO) geltend macht, weil das FG vom BGH-Urteil vom 05.05.2022&nbsp;&#8211; 1&nbsp;StR&nbsp;475\/21 (UR 2022, 794) abgewichen sei, liegt diese ebenfalls nicht vor.<\/li><li>a) Eine Zulassung der Revision gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;2 Alternative&nbsp;2 FGO wegen Divergenz setzt voraus, dass das FG bei gleichem oder vergleichbarem Sachverhalt in einer entscheidungserheblichen Rechtsfrage eine andere Auffassung vertritt als unter anderem ein anderes oberstes Bundesgericht; das FG muss seiner Entscheidung einen tragenden abstrakten Rechtssatz zugrunde gelegt haben, der mit den ebenfalls tragenden Rechtsausf\u00fchrungen in der Divergenzentscheidung des anderen Gerichts nicht \u00fcbereinstimmt (vgl. z.B. BFH-Beschl\u00fcsse vom 14.11.2022&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;105\/21, BFH\/NV 2023, 155, Rz&nbsp;9; vom 05.10.2023&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;13\/23, BFH\/NV 2023, 1411, Rz&nbsp;2).<\/li><li>b) Eine zur Zulassung wegen Divergenz f\u00fchrende Nicht\u00fcbereinstimmung im Rechtsgrunds\u00e4tzlichen liegt jedoch nicht vor, wenn das FG einen Sachverhalt lediglich abweichend w\u00fcrdigt (vgl. z.B. BFH-Beschl\u00fcsse vom 11.05.2007&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;49\/06, BFH\/NV 2007, 1683, unter II.1.; vom 03.02.2021&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;45\/20, BFH\/NV 2021, 673, Rz&nbsp;14) oder wenn ein Gericht von den Rechtsgrunds\u00e4tzen der BFH-Rechtsprechung ausgeht und diese lediglich unzutreffend auf den von ihm zu entscheidenden Einzelfall anwendet (vgl. z.B. BFH-Beschl\u00fcsse vom 07.02.2017&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;48\/16, BFH\/NV 2017, 629, Rz&nbsp;11; vom 05.07.2018&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;18\/18, BFH\/NV 2018, 1284, Rz&nbsp;18).<\/li><li>c) Ausgehend davon liegt eine Divergenz aus mehreren Gr\u00fcnden nicht vor.<\/li><li>aa) Zun\u00e4chst liegen, worauf der Beklagte und Beschwerdegegner (das Finanzamt) zutreffend hingewiesen hat, dem BGH-Urteil vom 05.05.2022&nbsp;&#8211; 1&nbsp;StR&nbsp;475\/21 (UR 2022, 794) und dem Streitfall unterschiedliche Sachverhalte zugrunde. Die Beschwerde geht selbst davon aus, dass die Prostituierten in die Organisation des Betriebes eingebunden gewesen seien und kein wirtschaftliches Risiko getragen haben, was bereits nicht nahe legt, dass es sich bei ihnen um Unternehmerinnen im Sinne des \u00a7&nbsp;2 Abs.&nbsp;1 des Umsatzsteuergesetzes gehandelt haben k\u00f6nnte. Weiter hat das FG festgestellt, dass f\u00fcr die Prostituierten Bekleidungsvorschriften und Verhaltensregeln existierten, der Leistungskatalog und die Preise vom Club ebenso vorgegeben wurden wie die Arbeitszeiten. Es existierten w\u00f6chentliche Schicht- und Urlaubspl\u00e4ne. Diese tats\u00e4chlichen Feststellungen best\u00e4tigen das Ergebnis des FG. Aus den genannten, vom FG festgestellten Gr\u00fcnden entspricht das von ihm gefundene Ergebnis der wirtschaftlichen und gesch\u00e4ftlichen Realit\u00e4t, die auch bei der Bestimmung des Leistenden mit zu ber\u00fccksichtigen ist (vgl. dazu allgemein Urteile des Gerichtshofs der Europ\u00e4ischen Union ITH Comercial Timi\u0219oara vom 12.11.2020&nbsp;&#8211; C-734\/19, EU:C:2020:919, Rz&nbsp;48; Fenix International vom 28.02.2023&nbsp;&#8211; C-695\/20, EU:C:2023:127, Rz&nbsp;72; BFH-Urteile vom 21.04.2022&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;18\/19, BFHE 276, 493, Rz&nbsp;17; vom 15.03.2022&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;35\/20, BFHE 276, 377, BStBl II 2023, 150, Rz&nbsp;14; vom 29.11.2022&nbsp;&#8211; XI&nbsp;R&nbsp;18\/21, BFHE 279, 298, Rz&nbsp;26).<\/li><li>bb) Aber selbst wenn das FG bei vergleichbarem Sachverhalt den Streitfall abweichend von der W\u00fcrdigung durch den BGH gew\u00fcrdigt h\u00e4tte, l\u00e4ge darin aus den hier unter 2.b genannten Gr\u00fcnden keine Divergenz. BFH und BGH gehen insoweit von denselben abstrakten Rechtsgrunds\u00e4tzen aus, die nicht voneinander abweichen.<\/li><li>3. Die Verfahrensr\u00fcge, das Urteil des FG sei teilweise nicht mit Gr\u00fcnden versehen, weil es nicht auf den Schriftsatz vom 22.03.2022 und den Vortrag in der m\u00fcndlichen Verhandlung eingehe, dass Verj\u00e4hrung eingetreten sei, greift nicht durch. Das FG hat sich mit dem Einwand aus dem Schriftsatz vom 22.03.2022, der Kl\u00e4ger habe aus seiner Sicht nicht vors\u00e4tzlich gehandelt, auf den Seiten&nbsp;33 ff. seines Urteils intensiv auseinandergesetzt und einen Vorsatz des Kl\u00e4gers ebenso bejaht wie das Vorliegen einer Steuerhinterziehung im Sinne des \u00a7&nbsp;370 der Abgabenordnung. Es hat dazu auch auf das rechtskr\u00e4ftige Urteil des Landgerichts \u2026 vom \u2026 Bezug genommen. Daraus ergibt sich, warum aus Sicht des FG f\u00fcr das Jahr 2006 auch keine &#8222;Verj\u00e4hrung&#8220; eingetreten ist.<\/li><li>4. Der Senat sieht gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;116 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;2 Halbsatz&nbsp;2 FGO von der Wiedergabe des Tatbestands sowie einer weiteren Begr\u00fcndung ab.<\/li><li>5. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2024:B.100124.XIB117.22.0 BFH XI. Senat UStG \u00a7 2 Abs 1, EGRL 112\/2006 Art 2 Abs 1 Buchst c, EGRL 112\/2006 Art 9 Abs 1, EGRL 112\/2006 Art 10, FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 1, FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 2 Alt 2 vorgehend FG M\u00fcnchen, 29. Juni 2022, Az: 3 K 3128\/18 Leits\u00e4tze 1. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/zurechnung-der-umsaetze-in-einem-bordell-bfh-beschluss-vom-10-januar-2024-xi-b-117-22\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Zurechnung der Ums\u00e4tze in einem Bordell &#8211; BFH-Beschluss vom 10. 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