{"id":77474,"date":"2025-04-11T16:29:14","date_gmt":"2025-04-11T14:29:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=77474"},"modified":"2025-04-11T16:29:14","modified_gmt":"2025-04-11T14:29:14","slug":"beschluss-vom-28-februar-2023-vii-b-24-22-unvollstaendige-erfassung-des-klagebegehrens-als-verfahrensfehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/beschluss-vom-28-februar-2023-vii-b-24-22-unvollstaendige-erfassung-des-klagebegehrens-als-verfahrensfehler\/","title":{"rendered":"Beschluss vom 28. Februar 2023, VII B 24\/22: Unvollst\u00e4ndige Erfassung des Klagebegehrens als Verfahrensfehler"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2023:B.280223.VIIB24.22.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH VII. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>FGO \u00a7 96 Abs 1 S 2, FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 3, FGO \u00a7 40 Abs 1, FGO \u00a7 41 Abs 1, GG Art 19 Abs 4<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG K\u00f6ln, 02. Dezember 2021, Az: 7 K 1203\/21<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. NV: Nach \u00a7&nbsp;96 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung (FGO) ist das Finanzgericht (FG) zwar nicht an die Fassung des Klageantrags, sehr wohl aber an das Klagebegehren gebunden.<\/p>\n\n\n\n<p>2. NV: Wird eindeutig erkennbar sowohl eine Anfechtungsklage als auch eine Feststellungsklage kumulativ erhoben, darf das FG das Klagebegehren nicht auf eine der Klagearten beschr\u00e4nken. Erfasst das FG das Klagebegehren unvollst\u00e4ndig, liegt ein Verfahrensfehler im Sinne von \u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;3 FGO vor.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Auf die Beschwerde der Kl\u00e4gerin wegen Nichtzulassung der Revision wird das Urteil des Finanzgerichts K\u00f6ln vom 02.12.2021&nbsp;&#8211; 7&nbsp;K&nbsp;1203\/21 aufgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sache wird an das Finanzgericht K\u00f6ln zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung zur\u00fcckverwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesem wird die Entscheidung \u00fcber die Kosten des Beschwerdeverfahrens \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beschwerde ist begr\u00fcndet.<\/li><li>Der von der Kl\u00e4gerin und Beschwerdef\u00fchrerin (Kl\u00e4gerin) geltend gemachte Verfahrensfehler i.S. des \u00a7&nbsp;115 Abs.&nbsp;2 Nr.&nbsp;3 i.V.m. \u00a7&nbsp;96 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung (FGO), das Finanzgericht (FG) habe das Klagebegehren unzutreffend nicht (auch) als Feststellungsklage i.S. des \u00a7&nbsp;41 Abs.&nbsp;1 FGO, sondern lediglich als Anfechtungsklage i.S. des \u00a7&nbsp;40 Abs.&nbsp;1 FGO behandelt, liegt vor. Das FG hat das Klagebegehren im Streitfall fehlerhaft ausgelegt und beschieden und dadurch gegen die Grundordnung des Verfahrens versto\u00dfen. Da im Falle der Zulassung der Revision aller Voraussicht nach das angefochtene Urteil aufgehoben und die Sache an das FG zur\u00fcckverwiesen werden m\u00fcsste, verweist der Senat zur Straffung des Verfahrens nach \u00a7&nbsp;116 Abs.&nbsp;6 FGO die Sache bereits im Beschwerdeverfahren zur\u00fcck.<\/li><li>1. Nach \u00a7&nbsp;96 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 FGO ist das Gericht zwar nicht an die Fassung des Klageantrags, sehr wohl aber an das Klagebegehren gebunden. Dabei darf das FG u.a. nicht hinter dem Klagebegehren zur\u00fcckbleiben, mithin nicht nur \u00fcber einen Teil des Klagebegehrens entscheiden (Urteil des Bundesfinanzhofs \u2011\u2011BFH\u2011\u2011 vom 18.08.2005&nbsp;&#8211; II&nbsp;R&nbsp;68\/03, BFH\/NV 2006, 360). Aufgabe des Gerichts ist es, im Wege der Auslegung den Willen der Partei anhand der erkennbaren Umst\u00e4nde zu ermitteln. Hierbei ist zwar der Grundsatz der Rechtsschutz gew\u00e4hrenden Auslegung nach Art.&nbsp;19 Abs.&nbsp;4 des Grundgesetzes zu ber\u00fccksichtigen, in dessen Lichte im Zweifel das gewollt ist, was nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der Rechtsordnung vern\u00fcnftig ist und der recht verstandenen Interessenlage entspricht. Die Auslegung einer Prozesserkl\u00e4rung darf aber nicht zur Annahme eines Erkl\u00e4rungsinhalts f\u00fchren, f\u00fcr den sich in der (verk\u00f6rperten) Erkl\u00e4rung selbst keine Anhaltspunkte mehr finden lassen (BFH-Beschluss vom 07.11.2007&nbsp;&#8211; I&nbsp;B&nbsp;104\/07, BFH\/NV 2008, 799). Der BFH kann im Nichtzulassungsbeschwerdeverfahren die Auslegung einer prozessualen Willenserkl\u00e4rung durch das FG uneingeschr\u00e4nkt nachpr\u00fcfen (zum Ganzen BFH-Beschluss vom 20.09.2022&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;B&nbsp;103\/21, BFH\/NV 2022, 1282, m.w.N.).<\/li><li>2. Gemessen an den genannten Rechtsgrunds\u00e4tzen hat das FG im Streitfall das Klagebegehren unvollst\u00e4ndig erfasst und beschieden. Das FG hat in seinem vorliegend angegriffenen Urteil ausdr\u00fccklich nur \u00fcber eine Anfechtungsklage und nicht zugleich auch \u00fcber eine Nichtigkeitsfeststellungsklage entschieden. Der Antrag der Kl\u00e4gerin lautete in der Sache indes, &#8222;unter Feststellung dessen Nichtigkeit den angefochtenen Bescheid aufzuheben&#8220;. Hierzu hat die Kl\u00e4gerin in ihrer Klagebegr\u00fcndung ausdr\u00fccklich betont, sowohl Anfechtungs- als auch Nichtigkeitsfeststellungsklage erheben zu wollen, was ihrer Meinung nach gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;43 FGO zul\u00e4ssig sei (Bl.&nbsp;109 der elektronischen FG-Akte). Diese Ausf\u00fchrungen k\u00f6nnen nur dahin verstanden werden, dass die Kl\u00e4gerin neben der Anfechtungsklage zugleich eine Nichtigkeitsfeststellungsklage erhoben hat (vgl. auch FG K\u00f6ln, Urteil vom 22.11.2018&nbsp;&#8211; 4&nbsp;K&nbsp;2652\/17, Entscheidungen der Finanzgerichte 2019, 480). Das auf einem unzutreffenden Verst\u00e4ndnis des Klagebegehrens der Kl\u00e4gerin beruhende Urteil des FG ist aufzuheben. Ob eine kumulative Erhebung beider Klagearten bezogen auf ein und denselben Bescheid zul\u00e4ssig oder unzul\u00e4ssig ist, bedarf im Beschwerdeverfahren keiner Entscheidung.<\/li><li>3. Eine Entscheidung \u00fcber den Antrag der Kl\u00e4gerin, das vorliegende Verfahren auszusetzen und eine Vorabentscheidung des Gerichtshofs der Europ\u00e4ischen Union einzuholen, er\u00fcbrigt sich damit.<\/li><li>4. Von einer weiteren Begr\u00fcndung sieht der Senat ab, ebenso von einer Darstellung des Sachverhalts (\u00a7&nbsp;116 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;2 FGO).<\/li><li>5. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;143 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2023:B.280223.VIIB24.22.0 BFH VII. Senat FGO \u00a7 96 Abs 1 S 2, FGO \u00a7 115 Abs 2 Nr 3, FGO \u00a7 40 Abs 1, FGO \u00a7 41 Abs 1, GG Art 19 Abs 4 vorgehend FG K\u00f6ln, 02. Dezember 2021, Az: 7 K 1203\/21 Leits\u00e4tze 1. 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