{"id":77484,"date":"2025-04-11T16:31:55","date_gmt":"2025-04-11T14:31:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=77484"},"modified":"2025-04-11T16:31:55","modified_gmt":"2025-04-11T14:31:55","slug":"urteil-vom-11-dezember-2024-viii-r-24-23-inanspruchnahme-des-traegers-eines-wirtschaftlichen-geschaeftsbetriebs-fuer-nicht-einbehaltene-und-abgefuehrte-kapitalertragsteuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/urteil-vom-11-dezember-2024-viii-r-24-23-inanspruchnahme-des-traegers-eines-wirtschaftlichen-geschaeftsbetriebs-fuer-nicht-einbehaltene-und-abgefuehrte-kapitalertragsteuer\/","title":{"rendered":"Urteil vom 11. Dezember 2024, VIII R 24\/23: Inanspruchnahme des Tr\u00e4gers eines wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbe\u00adtriebs f\u00fcr nicht einbehaltene und abgef\u00fchrte Kapitalertragsteuer"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2024:U.111224.VIIIR24.23.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH VIII. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>EStG \u00a7 20 Abs 1 Nr 10 Buchst b, EStG \u00a7 43 Abs 1 S 1 Nr 7c, EStG \u00a7 44 Abs 5 S 1, EStG \u00a7 44 Abs 5 S 2, EStG \u00a7 44 Abs 6 S 5, EStG \u00a7 44 Abs 6 S 1, AO \u00a7 155, AO \u00a7 167 Abs 1 S 1, AO \u00a7 171 Abs 3a, AO \u00a7 171 Abs 15, AO \u00a7 14, KStG \u00a7 5 Abs 1 Nr 5<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend Finanzgericht Berlin-Brandenburg , 11. Juli 2023, Az: 8 K 8048\/22<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. Ein wirtschaftlicher Gesch\u00e4ftsbetrieb ist &#8222;Dritter&#8220; im Sinne des \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 der Abgabenordnung (AO). Die Fiktion in \u00a7&nbsp;44 Abs.&nbsp;6 Satz&nbsp;1 des Einkommensteuergesetzes (EStG) ist auch bei der Anwendung von \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO zu beachten mit der Ma\u00dfgabe, dass der fiktive Gl\u00e4ubiger der Kapitalertr\u00e4ge, die Tr\u00e4gerk\u00f6rperschaft, zugleich als Steuerschuldner (Schuldner der Kapitalertragsteuer) und der fiktive Schuldner der Kapitalertr\u00e4ge, der wirtschaftliche Gesch\u00e4ftsbetrieb, zugleich als Steuerentrichtungspflichtiger im Sinne der Vorschrift gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Die Ablaufhemmung nach \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3a AO ist sachlich auf den im angefochtenen Bescheid festgesetzten Anspruch und pers\u00f6nlich auf die Person des Anfechtenden beschr\u00e4nkt (Anschluss an Urteil des Bundesfinanzhofs vom 06.06.2019&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;34\/16, BFH\/NV 2019, 1078, Rz&nbsp;40). Die Fiktion des \u00a7&nbsp;44 Abs.&nbsp;6 Satz&nbsp;1 EStG ist auch bei der Anwendung von \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3a AO zu beachten mit der Ma\u00dfgabe, dass zwischen der Tr\u00e4gerk\u00f6rperschaft als Schuldner der Kapitalertragsteuer und dem wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetrieb als fiktivem Steuerentrichtungspflichtigen Personenverschiedenheit anzunehmen ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision des Beklagten gegen das Urteil des Finanzgerichts Berlin-Brandenburg vom 11.07.2023&nbsp;&#8211; 8&nbsp;K&nbsp;8048\/22 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckge\u00adwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Revisionsverfahrens hat der Beklagte zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Der Kl\u00e4ger und Revisionsbeklagte (Kl\u00e4ger) ist ein gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;1 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;4 i.V.m. \u00a7&nbsp;5 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;5 des K\u00f6rperschaftsteuergesetzes von der K\u00f6rperschaftsteuer befreiter Berufsverband. Er unterh\u00e4lt neben dem steuerbefreiten Bereich einen wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetrieb, aus dem er in den Jahren 2007 und 2008 (Streitjahre) Gewinne in H\u00f6he von 38.620,12&nbsp;\u20ac und 8.880,65&nbsp;\u20ac erzielte.<\/li><li>Zum 31.12.2006 war f\u00fcr den wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetrieb ein verbleibender Verlustvortrag zur K\u00f6rperschaftsteuer in H\u00f6he von 396.341&nbsp;\u20ac gesondert festgestellt worden. Nach Verrechnung der in den Streitjahren erzielten Gewinne mit den Verlusten der jeweiligen Vorjahre wurde die K\u00f6rperschaftsteuer f\u00fcr die Streitjahre auf jeweils 0&nbsp;\u20ac festgesetzt.<\/li><li>Der Kl\u00e4ger reichte nach Aufforderung durch den Beklagten und Revisionskl\u00e4ger (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) am 23.04.2010 Kapitalertragsteueranmeldungen f\u00fcr die Streitjahre ein, in denen er Kapitalertr\u00e4ge gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;20 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;10 Buchst.&nbsp;b des Einkommensteuergesetzes in der f\u00fcr die Streitjahre geltenden Fassung (EStG) in H\u00f6he von jeweils 0&nbsp;\u20ac angab.<\/li><li>Am 08.03.2012 erlie\u00df das FA einen Haftungsbescheid, mit dem es den Kl\u00e4ger gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;191 Abs.&nbsp;1 der Abgabenordnung (AO) wegen nicht abgef\u00fchrter Kapitalertragsteuer in H\u00f6he von 3.862&nbsp;\u20ac (2007) beziehungsweise 888&nbsp;\u20ac (2008) nebst Solidarit\u00e4tszuschlag in Anspruch nahm. Die in den Streitjahren erzielten Gewinne des wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetriebs seien gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;20 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;10 Buchst.&nbsp;b i.V.m. \u00a7&nbsp;43 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;7c und \u00a7&nbsp;43a Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;6 EStG einer 10%igen Kapitalertragsteuer zu unterwerfen, da die Gewinne nicht einer gesonderten, betrieblich notwendigen Gewinnr\u00fccklage zugef\u00fchrt worden seien. Der Kl\u00e4ger hafte als Entrichtungsschuldner, da er seiner Verpflichtung zur Einbehaltung, Anmeldung und Abf\u00fchrung der Kapitalertragsteuer nicht nachgekommen sei. Die hiergegen nach erfolglosem Einspruch erhobene Klage wies das Finanzgericht (FG) mit Urteil vom 22.11.2017&nbsp;&#8211; 8&nbsp;K&nbsp;4148\/13 aus den in Entscheidungen der Finanzgerichte (EFG) 2018, 850 mitgeteilten Gr\u00fcnden ab. Der Kl\u00e4ger legte dagegen Revision ein (Aktenzeichen des Bundesfinanzhofs \u2011\u2011BFH\u2011\u2011 VIII&nbsp;R&nbsp;1\/18).<\/li><li>W\u00e4hrend des Revisionsverfahrens erlie\u00df das FA am 22.12.2020 einen auf \u00a7&nbsp;167 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO i.V.m. \u00a7&nbsp;44 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;2 EStG gest\u00fctzten und als &#8222;Nachforderungsbescheid&#8220; \u00fcber Kapitalertragsteuer 2007 und 2008 bezeichneten Bescheid gegen den Kl\u00e4ger und f\u00fchrte unter anderem aus, der Bescheid ergehe gegen\u00fcber dem Kl\u00e4ger als Entrichtungsschuldner. Den Haftungsbescheid vom 08.03.2012 hob das FA auf. Gegen den Bescheid vom 22.12.2020 legte der Kl\u00e4ger Einspruch ein.<\/li><li>Nachdem der Kl\u00e4ger den Rechtsstreit im Verfahren VIII&nbsp;R&nbsp;1\/18 einseitig in der Hauptsache f\u00fcr erledigt erkl\u00e4rt hatte, hat der Senat mit Urteil vom 25.03.2021&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;1\/18 (BFHE 272, 469, BStBl II 2021, 655) die Erledigung der Hauptsache festgestellt und das in jenem Verfahren angefochtene FG-Urteil f\u00fcr gegenstandslos erkl\u00e4rt.<\/li><li>Mit Einspruchsentscheidung vom 16.02.2022 wies das FA den Einspruch des Kl\u00e4gers gegen den &#8222;Nachforderungsbescheid&#8220; vom 22.12.2020 als unbegr\u00fcndet zur\u00fcck. Der hiergegen erhobenen Klage hat das FG mit in EFG 2024, 239 ver\u00f6ffentlichtem Urteil stattgegeben und zur Begr\u00fcndung im Wesentlichen ausgef\u00fchrt, der Bescheid habe nicht mehr ergehen k\u00f6nnen, da hinsichtlich der Kapitalertragsteuer der Streitjahre Festsetzungsverj\u00e4hrung eingetreten sei.<\/li><li>Mit seiner Revision r\u00fcgt das FA die Verletzung materiellen Bundesrechts. Es macht geltend, im Streitfall greife die zehnj\u00e4hrige Festsetzungsfrist nach \u00a7&nbsp;169 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 AO, die erst am 31.12.2020 abgelaufen sei, da der Kl\u00e4ger trotz Gewinnen von 38.620&nbsp;\u20ac und 8.880&nbsp;\u20ac f\u00fcr die Streitjahre nur Kapitalertragsteuer von jeweils 0&nbsp;\u20ac angemeldet habe. Im \u00dcbrigen w\u00e4re der Ablauf der Festsetzungsfrist sowohl nach \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3a AO als auch nach \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO gehemmt gewesen.<\/li><li>Das FA beantragt,<br \/>das Urteil des FG Berlin-Brandenburg vom 11.07.2023&nbsp;&#8211; 8&nbsp;K&nbsp;8048\/22 aufzuheben und die Klage abzuweisen.<\/li><li>Der Kl\u00e4ger beantragt,<br \/>die Revision als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Revision ist unbegr\u00fcndet und gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;126 Abs.&nbsp;2 und Abs.&nbsp;4 der Finanzgerichtsordnung (FGO) zur\u00fcckzuweisen. Das FG hat im Ergebnis zutreffend entschieden, dass der Nachforderungsbescheid vom 22.12.2020 \u00fcber Kapitalertragsteuer 2007 und 2008 rechtswidrig war, da die Kapitalertragsteuer der Streitjahre bei Erlass des Bescheids verj\u00e4hrt war.<\/li><li>1. Wie der erkennende Senat bereits rechtskr\u00e4ftig entschieden hat, ist der Bescheid vom 22.12.2020 ein Nachforderungsbescheid gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;155 AO i.V.m. \u00a7&nbsp;44 Abs.&nbsp;6 Satz&nbsp;4, Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;2 EStG, der sich an den Kl\u00e4ger als Gl\u00e4ubiger der Kapitalertr\u00e4ge und als Schuldner der Kapitalertragsteuer richtet (BFH-Urteil vom 25.03.2021&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;1\/18, BFHE 272, 469, BStBl II 2021, 655). Daran sind die Beteiligten und der Senat gebunden (\u00a7&nbsp;110 Abs.&nbsp;1 FGO). Dass das FA im Bescheid eine unzutreffende Rechtsgrundlage (\u00a7&nbsp;167 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO) angegeben und den Kl\u00e4ger irrt\u00fcmlich als &#8222;Entrichtungsschuldner&#8220; bezeichnet hat, steht dem nicht entgegen.<\/li><li>2. Im Ergebnis zutreffend hat das FG den Nachforderungsbescheid vom 22.12.2020 aufgehoben, da bei seinem Erlass die in ihm festgesetzte Kapitalertragsteuer 2007 und 2008 bereits verj\u00e4hrt und erloschen (\u00a7&nbsp;47 AO) war. Der Bescheid durfte danach nicht mehr ergehen (\u00a7&nbsp;169 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO).<\/li><li>a) Die Festsetzungsfrist f\u00fcr die Kapitalertragsteuer der Streitjahre begann gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;170 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO mit Ablauf des Jahres 2010, in dem der Kl\u00e4ger die Kapitalertragsteueranmeldungen f\u00fcr die Streitjahre abgegeben hatte.<\/li><li>b) Im Streitfall betr\u00e4gt die Festsetzungsfrist vier Jahre gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;169 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 AO und nicht zehn Jahre gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;169 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 AO wegen Steuerhinterziehung. Tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr eine Steuerhinterziehung hat das FG nicht festgestellt. Das FG hat insbesondere keine Feststellungen getroffen, dass der Kl\u00e4ger bei Abgabe der Kapitalertragsteueranmeldungen f\u00fcr die Streitjahre vors\u00e4tzlich unrichtige oder unvollst\u00e4ndige tats\u00e4chliche Angaben im Sinne von \u00a7&nbsp;370 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO gemacht hat. Eine fehlerhafte rechtliche W\u00fcrdigung wird von \u00a7&nbsp;370 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO nicht erfasst; der Begriff der &#8222;Angabe&#8220; bezieht sich auf Tatsachen (vgl. Krumm in Tipke\/Kruse, \u00a7&nbsp;370 AO Rz&nbsp;49, m.w.N.).<\/li><li>c) Der Ablauf der Festsetzungsfrist f\u00fcr die Kapitalertragsteuer der Streitjahre war nicht nach \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO gehemmt. Das gegen den Haftungsbescheid vom 08.03.2012 gef\u00fchrte Rechtsbehelfs- und Klageverfahren hat den Ablauf der Festsetzungsfrist gegen\u00fcber dem Steuerentrichtungspflichtigen nicht gehemmt.<\/li><li>aa) Gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO endet, soweit ein Dritter Steuern f\u00fcr Rechnung des Steuerschuldners einzubehalten und abzuf\u00fchren oder f\u00fcr Rechnung des Steuerschuldners zu entrichten hat, die Festsetzungsfrist gegen\u00fcber dem Steuerschuldner nicht vor Ablauf der gegen\u00fcber dem Steuerentrichtungspflichtigen geltenden Festsetzungsfrist. \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO soll einen Gleichlauf der Festsetzungsfristen beim Entrichtungs- und beim Steuerschuldner gew\u00e4hrleisten (vgl. BFH-Urteil vom 21.09.2017&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;59\/14, BFHE 259, 411, BStBl II 2018, 163, Rz&nbsp;51). Umst\u00e4nde im Sinne des \u00a7&nbsp;171 AO, die beim Entrichtungspflichtigen den Eintritt der Verj\u00e4hrung hemmen, hemmen personen\u00fcbergreifend auch die Festsetzungsfrist gegen\u00fcber dem Steuerschuldner. \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO gilt f\u00fcr im Abzugsverfahren erhobene Steuern und damit f\u00fcr die Kapitalertragsteuer. Der Ablauf der Festsetzungsfrist f\u00fcr die Kapitalertragsteuerschuld ist gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO bis zum Eintritt der Festsetzungsverj\u00e4hrung der Entrichtungspflicht gehemmt.<\/li><li>bb) \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO ist im Streitfall zeitlich anwendbar. Nach der Anwendungsvorschrift des Art.&nbsp;97 \u00a7&nbsp;10 Abs.&nbsp;11 des Einf\u00fchrungsgesetzes zur Abgabenordnung gilt \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO f\u00fcr alle am 30.06.2013 noch nicht abgelaufenen Festsetzungsfristen. Dies bedeutet, dass sowohl die Festsetzungsfrist f\u00fcr die Entrichtungsschuld als auch die Festsetzungsfrist f\u00fcr die Steuerschuld am 30.06.2013 noch nicht abgelaufen sein durften (BFH-Urteil vom 21.09.2017&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;59\/14, BFHE 259, 411, BStBl II 2018, 163, Rz&nbsp;51). Hinsichtlich der Kapitalertragsteuerschuld des Kl\u00e4gers als Gl\u00e4ubiger der Kapitalertr\u00e4ge und hinsichtlich der Entrichtungsschuld w\u00e4re im Streitfall fr\u00fchestens zum 31.12.2014 und damit nach dem Stichtag 30.06.2013 Festsetzungsverj\u00e4hrung eingetreten.<\/li><li>cc) Entgegen der Auffassung des FG ist die Anwendung des \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO nicht bereits deshalb ausgeschlossen, weil der Kl\u00e4ger im Nachforderungsbescheid vom 22.12.2020 (unzutreffend) als &#8222;Entrichtungsschuldner&#8220; und nicht als Steuerschuldner bezeichnet wird. Wie unter II.1. dargelegt, hat der Senat bereits entschieden, dass das FA einen Nachforderungsbescheid gegen\u00fcber dem Kl\u00e4ger als Schuldner der Kapitalertragsteuer erlassen hat (BFH-Urteil vom 25.03.2021&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;1\/18, BFHE 272, 469, BStBl II 2021, 655), wobei die Falschbezeichnung nicht schadet.<\/li><li>dd) Ein wirtschaftlicher Gesch\u00e4ftsbetrieb ist &#8222;Dritter&#8220; im Sinne des \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO. Dem steht nicht entgegen, dass die Tr\u00e4gerk\u00f6rperschaft materiell- und verfahrensrechtlich anstelle des wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetriebs in Anspruch genommen wird, da diesem keine Steuersubjektivit\u00e4t zukommt. Nach \u00a7&nbsp;44 Abs.&nbsp;6 Satz&nbsp;1 EStG gelten in den F\u00e4llen des \u00a7&nbsp;43 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;7c EStG die von der K\u00f6rperschaftsteuer befreite K\u00f6rperschaft, Personenvereinigung oder Verm\u00f6gensmasse (die Tr\u00e4gerk\u00f6rperschaft) als Gl\u00e4ubiger und der wirtschaftliche Gesch\u00e4ftsbetrieb als Schuldner der Kapitalertr\u00e4ge. Diese Fiktion ist auch bei der Anwendung von \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO zu beachten mit der Ma\u00dfgabe, dass der fiktive Gl\u00e4ubiger der Kapitalertr\u00e4ge, die Tr\u00e4gerk\u00f6rperschaft, zugleich als Steuerschuldner im Sinne des \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO (Schuldner der Kapitalertragsteuer) und der fiktive Schuldner der Kapitalertr\u00e4ge, der wirtschaftliche Gesch\u00e4ftsbetrieb, zugleich als Steuerentrichtungspflichtiger im Sinne der Vorschrift gelten.<\/li><li>ee) Die Voraussetzungen von \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO sind aber im \u00dcbrigen nicht erf\u00fcllt. Voraussetzung f\u00fcr eine Hemmung der Festsetzungsfrist gegen\u00fcber dem Kl\u00e4ger als Schuldner der Kapitalertragsteuer w\u00e4re eine Hemmung der Festsetzungsfrist gegen\u00fcber dem Steuerentrichtungspflichtigen, hier dem wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetrieb als fiktivem Entrichtungsschuldner. Ob die Festsetzungsfrist gegen\u00fcber dem Steuerentrichtungspflichtigen gehemmt war, ist bei der Anwendung von \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;15 AO inzident nach Ma\u00dfgabe der Tatbest\u00e4nde des \u00a7&nbsp;171 AO zu beurteilen.<\/li><li>Das gegen den Haftungsbescheid vom 08.03.2012 gef\u00fchrte Einspruchs- und Klageverfahren hat im Streitfall die Verj\u00e4hrung gegen\u00fcber dem Steuerentrichtungspflichtigen nicht gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;191 Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;1 i.V.m. \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3a AO gehemmt. Wird ein Steuerbescheid mit dem Einspruch oder der Klage angefochten, so l\u00e4uft gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3a AO die Festsetzungsfrist nicht ab, bevor \u00fcber den Rechtsbehelf unanfechtbar entschieden ist. Die Ablaufhemmung nach \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3a AO ist sachlich auf den im angefochtenen Bescheid festgesetzten Anspruch und pers\u00f6nlich auf die Person des Anfechtenden beschr\u00e4nkt (BFH-Urteil vom 06.06.2019&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;34\/16, BFH\/NV 2019, 1078, Rz&nbsp;40).<\/li><li>Das Einspruchs- und Klageverfahren gegen den Haftungsbescheid vom 08.03.2012 hat danach die Festsetzungsverj\u00e4hrung gegen\u00fcber dem Steuerentrichtungspflichtigen nicht gehemmt. Der Haftungsbescheid vom 08.03.2012 ging ins Leere, da es im Streitfall an einem Haftungsanspruch fehlt. Der Senat hat bereits entschieden, dass eine Haftung im Streitfall nicht auf \u00a7&nbsp;44 Abs.&nbsp;6 Satz&nbsp;5 EStG gest\u00fctzt werden kann. Die Vorschrift sieht eine Haftung des wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetriebs als fiktivem Schuldner der Kapitalertr\u00e4ge f\u00fcr die Kapitalertragsteuer nur vor, soweit sie auf \u2011\u2011hier nicht vorliegende\u2011\u2011 verdeckte Gewinnaussch\u00fcttungen (vgl. \u00a7&nbsp;20 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;10 Buchst.&nbsp;b Satz&nbsp;1 Halbsatz&nbsp;1 Alternative&nbsp;2 EStG) oder Ver\u00e4u\u00dferungen im Sinne des \u00a7&nbsp;22 Abs.&nbsp;4 des Umwandlungssteuergesetzes in der in den Streitjahren anzuwendenden Fassung entf\u00e4llt. Eine Haftung bei Nichterf\u00fcllung der Einbehaltungs- und Abf\u00fchrungspflicht, soweit die Kapitalertragsteuer wie im Streitfall auf laufende Gewinne eines wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetriebs entf\u00e4llt, ergibt sich daraus nicht und kann auch nicht auf eine andere Norm gest\u00fctzt werden (BFH-Urteil vom 25.03.2021&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;1\/18, BFHE 272, 469, BStBl II 2021, 655, Rz&nbsp;19).<\/li><li>Das gegen den Haftungsbescheid vom 08.03.2012 gef\u00fchrte Einspruchs- und Klageverfahren h\u00e4tte danach allenfalls den Ablauf der Festsetzungsfrist f\u00fcr den in ihm festgesetzten (vermeintlichen) Haftungsanspruch hemmen k\u00f6nnen. Aus der Formulierung &#8222;gesamter Steueranspruch&#8220; in \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3a Satz&nbsp;2 AO ergibt sich nichts anderes. Hierdurch soll die M\u00f6glichkeit der Verb\u00f6serung im au\u00dfergerichtlichen und gerichtlichen Rechtsbehelfsverfahren auf den gesamten Steueranspruch erstreckt und eine Teilverj\u00e4hrung ausgeschlossen werden (Banniza in H\u00fcbschmann\/Hepp\/Spitaler, \u00a7&nbsp;171 AO Rz&nbsp;60). Gesamter &#8222;Steueranspruch&#8220; war hier der vom FA im Haftungsbescheid festgesetzte vermeintliche Haftungsanspruch. Da ein solcher Anspruch jedoch von Anfang an nicht bestand und deshalb auch nicht verj\u00e4hren konnte, hat das Einspruchs- und Klageverfahren keine Hemmungswirkung entfaltet. Nimmt das FA den Entrichtungsschuldner ausdr\u00fccklich durch Haftungsbescheid in Anspruch, macht es nur den Haftungsanspruch geltend und nicht zugleich auch den Entrichtungsanspruch.<\/li><li>d) Der Ablauf der Festsetzungsfrist f\u00fcr die Kapitalertragsteuer der Streitjahre war auch nicht nach \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3a AO gehemmt. In Betracht kommt hier wiederum nur das gegen den Haftungsbescheid vom 08.03.2012 gef\u00fchrte Einspruchs- und Klageverfahren. Dieses hat jedoch auch nicht den Ablauf der Festsetzungsfrist f\u00fcr den Anspruch auf Kapitalertragsteuer, soweit er sich gegen den Gl\u00e4ubiger der Kapitalertr\u00e4ge und Schuldner der Kapitalertragsteuer (vgl. \u00a7&nbsp;44 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 EStG) richtet, gehemmt.<\/li><li>aa) Gegenstand des Nachforderungsbescheids vom 22.12.2020 war der Kapitalertragsteueranspruch, soweit er sich gegen den Steuerschuldner richtet, und damit ein anderer als der im Haftungsbescheid vom 08.03.2012 (vermeintlich) festgesetzte Anspruch.<\/li><li>bb) Die Ablaufhemmung des \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3a AO greift auch deshalb nicht durch, weil unter Ber\u00fccksichtigung der Fiktion des \u00a7&nbsp;44 Abs.&nbsp;6 Satz&nbsp;1 EStG auch bei der Anwendung von \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3a AO davon auszugehen ist, dass der Gl\u00e4ubiger der Kapitalertr\u00e4ge und Schuldner der Kapitalertragsteuer (die Tr\u00e4gerk\u00f6rperschaft) und der fiktive Entrichtungsschuldner (der wirtschaftliche Gesch\u00e4ftsbetrieb) personenverschieden sind, und weil \u00a7&nbsp;171 Abs.&nbsp;3a AO eine personen\u00fcbergreifende Hemmungswirkung nicht vorsieht. Etwas anderes ergibt sich nicht daraus, dass auch der Haftungsbescheid vom 08.03.2012 gegen den Kl\u00e4ger in seiner Eigenschaft als Tr\u00e4ger des wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetriebs gerichtet war und dass der Kl\u00e4ger in dieser Eigenschaft das Einspruchs- und Klageverfahren gegen den Haftungsbescheid im eigenen Namen gef\u00fchrt hat. Dies ist allein dem Umstand geschuldet, dass die Tr\u00e4gerk\u00f6rperschaft bez\u00fcglich der f\u00fcr den wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetrieb fiktiv angeordneten Entrichtungsschuld lediglich deswegen als Steuersubjekt anzusehen ist, weil dem wirtschaftlichen Gesch\u00e4ftsbetrieb eine rechtliche Organisationsform fehlt, die nach den Vorschriften der Abgabenordnung handlungsf\u00e4hig ist (BFH-Urteil vom 25.03.2021&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;1\/18, BFHE 272, 469, BStBl II 2021, 655, Rz&nbsp;20). Die Fiktion in \u00a7&nbsp;44 Abs.&nbsp;6 Satz&nbsp;1 EStG, die auch im steuerlichen Verfahrensrecht zu beachten ist, \u00fcberschreibt und verdr\u00e4ngt die in der zu beurteilenden Situation ausnahmsweise gegebene Personenidentit\u00e4t und verlangt vom Rechtsanwender, fiktiv von einer Personenverschiedenheit auszugehen.<\/li><li>e) Der Eintritt der Festsetzungsverj\u00e4hrung ist auch nicht gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;174 Abs.&nbsp;4 AO unbeachtlich. Die Vorschrift gilt nur f\u00fcr Steuerbescheide, nicht f\u00fcr Haftungsbescheide (BFH-Urteil vom 21.09.2017&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;59\/14, BFHE 259, 411, BStBl II 2018, 163, Rz&nbsp;24).<\/li><li>f) Die Festsetzungsfrist f\u00fcr die Kapitalertragsteuer der Streitjahre war danach mit Ablauf des 31.12.2014 abgelaufen.<\/li><li>3. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2024:U.111224.VIIIR24.23.0 BFH VIII. 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