{"id":77631,"date":"2025-05-16T15:21:58","date_gmt":"2025-05-16T13:21:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=77631"},"modified":"2025-05-16T15:21:58","modified_gmt":"2025-05-16T13:21:58","slug":"bfh-urteil-vom-11-dezember-2024-ii-r-44-21-erstmalige-erklaerung-zur-optionalen-vollverschonung-von-betriebsvermoegen-im-rahmen-eines-aenderungsbescheids","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-11-dezember-2024-ii-r-44-21-erstmalige-erklaerung-zur-optionalen-vollverschonung-von-betriebsvermoegen-im-rahmen-eines-aenderungsbescheids\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil vom 11. Dezember 2024, II R 44\/21: Erstmalige Erkl\u00e4rung zur optionalen Vollverschonung von Betriebsverm\u00f6gen im Rahmen eines \u00c4nderungsbescheids"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2024:U.111224.IIR44.21.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH II. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>ErbStG \u00a7 13a Abs 8, ErbStG \u00a7 13a Abs 8 Nr 4, AO \u00a7 175 Abs 1 S 1 Nr 1, AO \u00a7 351 Abs 1<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG M\u00fcnster, 27. Oktober 2021, Az: 3 K 2817\/20 Erb<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. Die unbefristete Optionserkl\u00e4rung nach \u00a7&nbsp;13a Abs.&nbsp;8 des Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetzes in der Fassung von 2013 ist im Einspruchsverfahren zu ber\u00fccksichtigen, soweit ihre steuerrechtlichen Auswirkungen nicht \u00fcber den durch \u00a7&nbsp;351 Abs.&nbsp;1 der Abgabenordnung (AO) gesetzten Rahmen hinausgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Die Bindungswirkung nach \u00a7&nbsp;351 Abs.&nbsp;1 AO hat nicht zur Folge, dass die Verschonung, wenn sie den \u00c4nderungsrahmen verl\u00e4sst, insgesamt zu versagen ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision des Beklagten gegen das Urteil des Finanzgerichts M\u00fcnster vom 27.10.2021&nbsp;&#8211; 3&nbsp;K&nbsp;2817\/20&nbsp;Erb wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Revisionsverfahrens hat der Beklagte zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Mit notariell beurkundetem Vertrag vom 21.03.2013 \u00fcbertrug der Vater des Kl\u00e4gers und Revisionsbeklagten (Kl\u00e4ger) die folgenden Gesellschaftsanteile mit Wirkung zum 31.12.2012 schenkweise auf den Kl\u00e4ger:-&nbsp;einen Kommanditanteil an der \u2026 GmbH &amp; Co. KG und einen zu deren Sonderbetriebsverm\u00f6gen geh\u00f6renden Gesch\u00e4ftsanteil an der \u2026 GmbH,-&nbsp;einen Kommanditanteil an der \u2026 GmbH &amp; Co. KG und einen zu deren Sonderbetriebsverm\u00f6gen geh\u00f6renden Gesch\u00e4ftsanteil an der \u2026 GmbH sowie-&nbsp;einen Kommanditanteil an der \u2026 GmbH &amp; Co. KG und zu deren Sonderbetriebsverm\u00f6gen geh\u00f6rende Gesch\u00e4ftsanteile an der \u2026 [G]mbH und der \u2026 GmbH.<\/li><li>Mit Bescheid vom 20.04.2016 setzte der Beklagte und Revisionskl\u00e4ger (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) gegen den Kl\u00e4ger Schenkungsteuer in H\u00f6he von \u2026&nbsp;\u20ac fest. Dabei ber\u00fccksichtigte das FA die Regelverschonung nach den \u00a7\u00a7&nbsp;13a, 13b des Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetzes in der am 21.03.2013 geltenden Fassung (ErbStG). Der Bescheid erging nach \u00a7&nbsp;165 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 Nr.&nbsp;2 der Abgabenordnung (AO) im Hinblick auf die durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom 17.12.2014&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvL&nbsp;21\/12 (BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50) angeordnete Verpflichtung zur gesetzlichen Neuregelung der Verschonung von Betriebsverm\u00f6gen vorl\u00e4ufig. Einen Vorbehalt der Nachpr\u00fcfung enthielt er nicht. Ein Einspruch gegen den Bescheid wurde vom Kl\u00e4ger nicht eingelegt.<\/li><li>Am 21.12.2018 erfolgten erstmals gesonderte und einheitliche Feststellungen des Werts der \u00fcbertragenen Kommanditanteile nach \u00a7&nbsp;151 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 des Bewertungsgesetzes und des Verwaltungsverm\u00f6gens nach \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;2a ErbStG auf den 21.03.2013. Der Feststellungsbescheid wurde hinsichtlich der \u2026 GmbH &amp; Co. KG am 10.10.2019 ge\u00e4ndert. Der Wert des Anteils an der \u2026 GmbH &amp; Co. KG wurde mit \u2026&nbsp;\u20ac, die Summen der gemeinen Werte des Verwaltungsverm\u00f6gens mit \u2026&nbsp;\u20ac und des jungen Verwaltungsverm\u00f6gens mit \u2026&nbsp;\u20ac festgestellt. Der Wert des Anteils an der \u2026 GmbH &amp; Co. KG wurde mit \u2026&nbsp;\u20ac und der des Anteils an der \u2026 GmbH &amp; Co. KG mit \u2026&nbsp;\u20ac festgestellt. Die Summen der gemeinen Werte des Verwaltungsverm\u00f6gens und des jungen Verwaltungsverm\u00f6gens betrugen insoweit jeweils \u2026&nbsp;\u20ac.<\/li><li>Mit nach \u00a7&nbsp;175 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO ge\u00e4ndertem Schenkungsteuerbescheid vom 13.11.2019 setzte das FA die Steuer gegen\u00fcber dem Kl\u00e4ger unter Ber\u00fccksichtigung der Regelverschonung auf \u2026&nbsp;\u20ac herauf.<\/li><li>Mit dem dagegen eingelegten Einspruch gab der Kl\u00e4ger die Erkl\u00e4rung zur optionalen Vollverschonung nach \u00a7&nbsp;13a Abs.&nbsp;8 ErbStG ab. Das FA wies den Einspruch mit Entscheidung vom 09.09.2020 als unbegr\u00fcndet zur\u00fcck.<\/li><li>Das Finanzgericht (FG) hat den Schenkungsteuerbescheid vom 13.11.2019 in Gestalt der Einspruchsentscheidung vom 09.09.2020 dahingehend ge\u00e4ndert, dass die Steuer \u2011\u2011wie im formell bestandskr\u00e4ftigen Ausgangsbescheid vom 20.04.2016\u2011\u2011 auf \u2026&nbsp;\u20ac festgesetzt wurde, und die Klage im \u00dcbrigen abgewiesen. Es hat die Vollverschonung in dem Umfang gew\u00e4hrt, in welchem die Steuer durch den auf \u00a7&nbsp;175 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO gest\u00fctzten \u00c4nderungsbescheid erh\u00f6ht worden war. Das Urteil ist in Entscheidungen der Finanzgerichte (EFG) 2022, 135 ver\u00f6ffentlicht.<\/li><li>Mit der Revision macht das FA die Verletzung des \u00a7&nbsp;351 Abs.&nbsp;1 AO geltend. Mit der Gew\u00e4hrung der Vollverschonung habe das FG die in dieser Norm angeordnete Bindungswirkung missachtet, denn die steuerlichen Folgen der Erkl\u00e4rung zur optionalen Vollverschonung gingen \u00fcber den durch die Bescheid\u00e4nderung nach \u00a7&nbsp;175 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO gesetzten \u00c4nderungsrahmen hinaus. Der Bundesfinanzhof (BFH) habe mit Urteilen vom 09.12.2015&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;56\/13 (BFHE 252, 241, BStBl II 2016, 967) und vom 20.04.2023&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;25\/22 (BFHE 280, 393, BStBl II 2023, 823) entschieden, dass die \u00c4nderung aufgrund einer Antrags- oder Wahlrechtsaus\u00fcbung nur dann m\u00f6glich sei, wenn die dadurch zu erzielende Steuer\u00e4nderung den durch die partielle Durchbrechung der Bestandskraft gesetzten Rahmen nicht verlasse. Im Streitfall liege diese Voraussetzung nicht vor, da mit der Erkl\u00e4rung zur optionalen Vollverschonung eine Herabsetzung der Steuer auf 0&nbsp;\u20ac erreicht werden k\u00f6nnte. Die zu erzielende Steuer\u00e4nderung \u00fcbersteige somit den durch die partielle Durchbrechung der Bestandskraft gesetzten Rahmen. Hinzu komme, dass der Steuerpflichtige durch die Regelung des \u00a7&nbsp;351 Abs.&nbsp;1 AO die M\u00f6glichkeit erhalten solle, innerhalb des \u00c4nderungsrahmens materielle Fehler der Steuerfestsetzung zu beseitigen. Die erstmalige Aus\u00fcbung eines Wahlrechts f\u00fchre aber zu keiner (nachtr\u00e4glichen) Rechtswidrigkeit der davor erfolgten Steuerfestsetzung, die nunmehr zu korrigieren w\u00e4re (Verweis auf das Urteil des FG M\u00fcnchen vom 28.04.2021&nbsp;&#8211; 4&nbsp;K&nbsp;1710\/19, EFG 2021, 1491, Rz&nbsp;27).<\/li><li>Das FA beantragt,<br \/>die Vorentscheidung aufzuheben und die Klage abzuweisen.<\/li><li>Der Kl\u00e4ger beantragt,<br \/>die Revision als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Revision ist unbegr\u00fcndet und daher zur\u00fcckzuweisen (\u00a7&nbsp;126 Abs.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung \u2011\u2011FGO\u2011\u2011). Das FG hat zu Recht entschieden, dass die Vollverschonung f\u00fcr die Schenkungsteuer auf Antrag des Kl\u00e4gers in dem Umfang zu gew\u00e4hren ist, in dem die Steuer in dem angefochtenen \u00c4nderungsbescheid vom 13.11.2019 heraufgesetzt wurde, und die Schenkungsteuer in seinem Urteil in dieser H\u00f6he herabgesetzt.<\/li><li>1. Die Schenkung von Beteiligungen an einer KG unterliegt nach \u00a7&nbsp;1 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 i.V.m. \u00a7&nbsp;7 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 ErbStG der Schenkungsteuer. F\u00fcr den Erwerb von Betriebsverm\u00f6gen sieht \u00a7&nbsp;13a i.V.m. \u00a7&nbsp;13b ErbStG unter bestimmten Voraussetzungen Steuerbefreiungen vor.<\/li><li>a) Die im Streitfall zum Zeitpunkt der Ausf\u00fchrung der Zuwendung am 21.03.2013 anwendbaren Vorschriften der \u00a7\u00a7&nbsp;13a, 13b ErbStG sind nach dem Urteil des BVerfG vom 17.12.2014&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvL&nbsp;21\/12 (BVerfGE 138, 136, BStBl II 2015, 50) zwar mit Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes unvereinbar. Das BVerfG hatte jedoch ihre Anwendbarkeit bis zu einer Neuregelung angeordnet, die sp\u00e4testens bis zum 30.06.2016 zu treffen war. Eine solche wurde durch Art.&nbsp;1 Nr.&nbsp;3 und 4 des Gesetzes zur Anpassung des Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetzes an die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts vom 04.11.2016 (BGBl I 2016, 2464, BStBl I 2016, 1202) erst mit Wirkung ab dem 01.07.2016 (Art.&nbsp;3 dieses Gesetzes) geschaffen.<\/li><li>b) Nach \u00a7&nbsp;13a Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 i.V.m. \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;2, Abs.&nbsp;4 ErbStG bleibt vorbehaltlich des \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;2 ErbStG unter verschiedenen Voraussetzungen unter anderem der Erwerb eines Anteils an einer Gesellschaft im Sinne des \u00a7&nbsp;15 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 und Abs.&nbsp;3 des Einkommensteuergesetzes (EStG) zu 85&nbsp;% au\u00dfer Ansatz (Verschonungsabschlag). Eine solche Gesellschaft ist auch die KG. Nach \u00a7&nbsp;13a Abs.&nbsp;8 ErbStG kann der Erwerber unwiderruflich erkl\u00e4ren, dass die Steuerbefreiung nach den Abs\u00e4tzen&nbsp;1 bis 7 i.V.m. \u00a7&nbsp;13b ErbStG nach Ma\u00dfgabe der Bestimmungen in den nachfolgenden Ziffern gew\u00e4hrt wird. Dann tritt nach \u00a7&nbsp;13a Abs.&nbsp;8 Nr.&nbsp;4 ErbStG an die Stelle des Prozentsatzes f\u00fcr die Beg\u00fcnstigung von 85&nbsp;% in \u00a7&nbsp;13b Abs.&nbsp;4 ErbStG ein Prozentsatz von 100&nbsp;% (Vollverschonung). Diese Voraussetzungen f\u00fcr die Gew\u00e4hrung der Vollverschonung waren im Streitfall am ma\u00dfgeblichen Stichtag unstreitig erf\u00fcllt.<\/li><li>c) Die Erkl\u00e4rung zur optionalen Vollverschonung von Betriebsverm\u00f6gen nach \u00a7&nbsp;13a Abs.&nbsp;8 ErbStG entspricht einem Antragsrecht (vgl. BFH-Urteil vom 26.07.2022&nbsp;&#8211; II&nbsp;R&nbsp;25\/20, BFHE 277, 456, BStBl II 2024, 21, Rz&nbsp;34). Eine gesetzliche Frist f\u00fcr ihre Abgabe besteht nicht; die Optionserkl\u00e4rung kann unbefristet abgegeben werden. Die M\u00f6glichkeit, aufgrund der Erkl\u00e4rung eine Herabsetzung der Schenkungsteuer zu erreichen, wird aber durch das allgemeine verfahrensrechtliche Institut der Bestandskraft und die Regelung des \u00a7&nbsp;351 Abs.&nbsp;1 AO begrenzt (vgl. BFH-Urteile vom 12.05.2015&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;14\/13, BFHE 250, 64, BStBl II 2015, 806, Rz&nbsp;11; vom 14.07.2020&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;R&nbsp;6\/17, BFHE 268, 538, BStBl II 2021, 92, Rz&nbsp;19 und vom 20.04.2023&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;25\/22, BFHE 280, 393, BStBl II 2023, 823, Rz&nbsp;14).<\/li><li>2. Wird eine Optionserkl\u00e4rung nach \u00a7&nbsp;13a Abs.&nbsp;8 ErbStG \u2011\u2011wie im vorliegenden Fall\u2011\u2011 nicht bis zur Bestandskraft der erstmaligen Schenkungsteuerfestsetzung erkl\u00e4rt, ist sie bei einer \u00c4nderung der Steuerfestsetzung zu ber\u00fccksichtigen, soweit ihre steuerrechtlichen Auswirkungen nicht \u00fcber den durch \u00a7&nbsp;351 Abs.&nbsp;1 AO gesetzten Rahmen hinausgehen. Die BFH-Urteile vom 09.12.2015&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;56\/13 (BFHE 252, 241, BStBl II 2016, 967) und vom 20.04.2023&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;25\/22 (BFHE 280, 393, BStBl II 2023, 823) enthalten keine hiervon abweichenden Grunds\u00e4tze.<\/li><li>a) Die st\u00e4ndige Rechtsprechung des BFH l\u00e4sst die Aus\u00fcbung von Antrags- oder Wahlrechten, die dem Grunde nach keiner zeitlichen Begrenzung unterliegen, grunds\u00e4tzlich so lange zu, wie der entsprechende Steuerbescheid nicht formell und materiell bestandskr\u00e4ftig ist. Die Aus\u00fcbung eines Antrags- oder Wahlrechts ist auch dann zuzulassen, wenn und soweit der Bescheid lediglich partiell noch nicht formell und materiell bestandskr\u00e4ftig ist. Damit werden grunds\u00e4tzlich auch diejenigen F\u00e4lle erfasst, in denen \u00c4nderungsbescheide auf der Grundlage einer selbstst\u00e4ndigen \u00c4nderungsvorschrift \u2011\u2011etwa \u00a7\u00a7&nbsp;172&nbsp;ff. AO\u2011\u2011 die teilweise Durchbrechung der Bestandskraft bewirken (vgl. BFH-Urteil vom 20.04.2023&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;25\/22, BFHE 280, 393, BStBl II 2023, 823, Rz&nbsp;16; BFH-Beschluss vom 05.03.2020&nbsp;&#8211; II&nbsp;B&nbsp;99\/18, BFH\/NV 2020, 852, Rz&nbsp;8).<\/li><li>b) Verwaltungsakte, die unanfechtbare Verwaltungsakte \u00e4ndern, k\u00f6nnen gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;351 Abs.&nbsp;1 AO nur insoweit angegriffen werden, als die \u00c4nderung reicht, es sei denn, dass sich aus den Vorschriften \u00fcber die Aufhebung und \u00c4nderung von Verwaltungsakten etwas anderes ergibt. Die Vorschrift begrenzt die Anfechtbarkeit und damit auch die durch den Einspruch bewirkte \u00c4nderbarkeit eines \u00c4nderungsbescheids auf den Umfang der \u00c4nderung und stellt damit klar, dass es im \u00dcbrigen bei der zuvor eingetretenen Bestandskraft bleibt (vgl. BFH-Urteile vom 26.04.2018&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;12\/17, BFH\/NV 2018, 948, Rz&nbsp;27 und vom 20.04.2023&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;25\/22, BFHE 280, 393, BStBl II 2023, 823, Rz&nbsp;17; BFH-Beschluss vom 05.03.2020&nbsp;&#8211; II&nbsp;B&nbsp;99\/18, BFH\/NV 2020, 852, Rz&nbsp;8).<\/li><li>c) Wird ein nach den \u00a7\u00a7&nbsp;172&nbsp;ff. AO ergangener \u00c4nderungsbescheid angefochten, folgt aus \u00a7&nbsp;351 Abs.&nbsp;1 AO, dass die Aus\u00fcbung von Antrags- oder Wahlrechten nur insoweit ber\u00fccksichtigt werden kann, als die dadurch zu erzielende Steuer\u00e4nderung den durch die partielle Durchbrechung der Bestandskraft gesetzten Rahmen nicht verl\u00e4sst. Das gilt auch f\u00fcr die Ber\u00fccksichtigung der Erkl\u00e4rung zur optionalen Vollverschonung nach \u00a7&nbsp;13a Abs.&nbsp;8 ErbStG. Die Bindungswirkung nach \u00a7&nbsp;351 Abs.&nbsp;1 AO hat nicht zur Folge, dass die Verschonung, wenn sie den \u00c4nderungsrahmen verl\u00e4sst, insgesamt zu versagen ist; es gilt insoweit kein &#8222;Alles-oder-nichts-Prinzip&#8220; (vgl. BFH-Beschluss vom 20.01.2005&nbsp;&#8211; II&nbsp;R&nbsp;56\/02, BFH\/NV 2005, 1308, unter 1.a; a.A. FG M\u00fcnchen, Urteil vom 28.04.2021&nbsp;&#8211; 4&nbsp;K&nbsp;1710\/19, EFG 2021, 1491). \u00a7&nbsp;351 AO normiert nur eine quantitative, aber keine qualitative \u00c4nderungssperre (vgl. BFH-Urteil vom 26.04.2018&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;12\/17, BFH\/NV 2018, 948, Rz&nbsp;29). Gegen die Gew\u00e4hrung der Verschonung im Umfang der \u00c4nderung spricht deshalb nicht, dass das Antragsrecht des \u00a7&nbsp;13a Abs.&nbsp;8 ErbStG nicht partiell ausge\u00fcbt werden kann. Es wird nicht der Antrag auf Vollverschonung teilweise gestellt, sondern es werden die steuerrechtlichen Auswirkungen der Antragstellung begrenzt.<\/li><li>d) Der Ber\u00fccksichtigung einer Optionserkl\u00e4rung im Rahmen des \u00a7&nbsp;351 AO kann \u2011\u2011entgegen dem FA\u2011\u2011 nicht entgegengehalten werden, dass die urspr\u00fcngliche Steuerfestsetzung keinen materiellen Fehler aufweist, der zu berichtigen w\u00e4re. Ein materieller Fehler liegt auch dann vor, wenn erst die nachtr\u00e4gliche, aber gleichwohl zul\u00e4ssige Antragstellung oder Aus\u00fcbung eines Wahlrechts zu einer materiell unrichtigen Besteuerung f\u00fchrt (vgl. BFH-Urteile vom 03.03.2011&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;35\/09, BFH\/NV 2011, 2045, Rz&nbsp;22 und vom 20.04.2023&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;25\/22, BFHE 280, 393, BStBl II 2023, 823, Rz&nbsp;18, jeweils zu \u00a7&nbsp;177 Abs.&nbsp;3 AO; von&nbsp;Wedelst\u00e4dt, Der AO-Steuer-Berater 2012, 150, 152, m.w.N.; im Ergebnis auch BFH-Urteil vom 27.10.2015&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;44\/13, BFHE 252, 94, BStBl II 2016, 278, Rz&nbsp;12, 25; anders wohl BFH-Urteil vom 09.12.2015&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;56\/13, BFHE 252, 241, BStBl II 2016, 967, Rz&nbsp;44).<\/li><li>e) Die BFH-Urteile vom 09.12.2015&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;56\/13 (BFHE 252, 241, BStBl II 2016, 967) und vom 20.04.2023&nbsp;&#8211; III&nbsp;R&nbsp;25\/22 (BFHE 280, 393, BStBl II 2023, 823) enthalten keine hiervon abweichenden Grunds\u00e4tze. Sie sind jeweils zur R\u00fccknahme eines Antrags auf erm\u00e4\u00dfigte Besteuerung nach \u00a7&nbsp;34 Abs.&nbsp;3 EStG ergangen, mit der das Ziel verfolgt wurde, die Erm\u00e4\u00dfigung in einem anderen Veranlagungszeitraum zu nutzen. Um die Erm\u00e4\u00dfigung r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, h\u00e4tte aber der \u00c4nderungsrahmen des \u00a7&nbsp;351 Abs.&nbsp;1 AO f\u00fcr die daraus folgende Erh\u00f6hung der Steuerfestsetzung \u00fcberschritten werden m\u00fcssen. Dies hat der BFH abgelehnt. Im Gegensatz dazu geht es im hier zu entscheidenden Streitfall um eine Herabsetzung der Steuerfestsetzung innerhalb des \u00c4nderungsrahmens des \u00a7&nbsp;351 Abs.&nbsp;1 AO.<\/li><li>3. Das FG hat die vorstehenden Grunds\u00e4tze zutreffend auf den Streitfall angewandt und die Vollverschonung in dem Umfang gew\u00e4hrt, in dem die Steuer durch den auf \u00a7&nbsp;175 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 AO gest\u00fctzten \u00c4nderungsbescheid vom 13.11.2019 erh\u00f6ht worden war. Es hat diesen Bescheid in Gestalt der Einspruchsentscheidung vom 09.09.2020 daher zu Recht dahingehend ge\u00e4ndert, dass die Steuer wie im Ausgangsbescheid vom 20.04.2016 auf \u2026&nbsp;\u20ac festgesetzt wird.<\/li><li>4. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2024:U.111224.IIR44.21.0 BFH II. Senat ErbStG \u00a7 13a Abs 8, ErbStG \u00a7 13a Abs 8 Nr 4, AO \u00a7 175 Abs 1 S 1 Nr 1, AO \u00a7 351 Abs 1 vorgehend FG M\u00fcnster, 27. Oktober 2021, Az: 3 K 2817\/20 Erb Leits\u00e4tze 1. Die unbefristete Optionserkl\u00e4rung nach \u00a7&nbsp;13a Abs.&nbsp;8 des Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetzes in der &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-11-dezember-2024-ii-r-44-21-erstmalige-erklaerung-zur-optionalen-vollverschonung-von-betriebsvermoegen-im-rahmen-eines-aenderungsbescheids\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">BFH-Urteil vom 11. Dezember 2024, II R 44\/21: Erstmalige Erkl\u00e4rung zur optionalen Vollverschonung von Betriebsverm\u00f6gen im Rahmen eines \u00c4nderungsbescheids<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[212],"tags":[],"class_list":["post-77631","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bfh-urteile-alle-urteile-des-bundesfinanzhofes-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77631","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77631"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77631\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77631"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77631"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77631"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}