{"id":77695,"date":"2025-05-25T12:55:19","date_gmt":"2025-05-25T10:55:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=77695"},"modified":"2025-05-25T12:55:19","modified_gmt":"2025-05-25T10:55:19","slug":"beschluss-vom-06-mai-2025-vi-b-41-24-vertretungszwang-fuer-verfahren-vor-dem-bfh-besteht-auch-fuer-einen-aktiven-richter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/beschluss-vom-06-mai-2025-vi-b-41-24-vertretungszwang-fuer-verfahren-vor-dem-bfh-besteht-auch-fuer-einen-aktiven-richter\/","title":{"rendered":"Beschluss vom 06. Mai 2025, VI B 41\/24: Vertretungszwang f\u00fcr Verfahren vor dem BFH besteht auch f\u00fcr einen aktiven Richter"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2025:B.060525.VIB41.24.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH VI. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>GG Art 3 Abs 1, GG Art 19 Abs 4, GG Art 103 Abs 1, FGO \u00a7 62 Abs 4, FGO \u00a7 62 Abs 2 S 1, StBerG \u00a7 3<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend S\u00e4chsisches Finanzgericht , 06. Mai 2025, Az: 4 K 926\/21<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>NV: F\u00fcr einen aktiven Richter besteht kein Recht zur Selbstvertretung in Verfahren vor dem Bundesfinanzhof. Der in \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;4 i.V.m. Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 der Finanzgerichtsordnung normierte Vertretungszwang f\u00fcr Verfahren vor dem Bundesfinanzhof verst\u00f6\u00dft insoweit nicht gegen h\u00f6herrangiges Recht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beschwerde des Kl\u00e4gers und Beschwerdef\u00fchrers (Kl\u00e4ger) ist unzul\u00e4ssig und daher durch Beschluss zu verwerfen. Die von dem Kl\u00e4ger selbst verfasste Nichtzulassungsbeschwerde entspricht nicht den Anforderungen des \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;4 der Finanzgerichtsordnung (FGO).<\/li><li>1. Vor dem Bundesfinanzhof (BFH) muss sich \u2011\u2011wie auch aus der Rechtsmittelbelehrung in der angefochtenen Entscheidung hervorgeht\u2011\u2011 jeder Beteiligte, sofern es sich nicht um eine juristische Person des \u00f6ffentlichen Rechts oder um eine Beh\u00f6rde handelt, durch einen Rechtsanwalt, Steuerberater, Steuerbevollm\u00e4chtigten, Wirtschaftspr\u00fcfer oder vereidigten Buchpr\u00fcfer als Bevollm\u00e4chtigten vertreten lassen; zur Vertretung berechtigt sind auch Gesellschaften im Sinne des \u00a7&nbsp;3 Satz&nbsp;1 Nr.&nbsp;2 und 3 des Steuerberatungsgesetzes (StBerG), die durch Personen im Sinne des \u00a7&nbsp;3 Satz&nbsp;2 StBerG handeln (\u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;4 i.V.m. Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO). Im Streitfall ist der Vertretungszwang durch den nicht postulationsf\u00e4higen Kl\u00e4ger nicht eingehalten worden.<\/li><li>2. Etwas anderes \u2011\u2011ein Recht zur Selbstvertretung\u2011\u2011 folgt nicht daraus, dass der Kl\u00e4ger als Richter in der Sozialgerichtsbarkeit die Bef\u00e4higung zum Richteramt besitzt. Der Vertretungszwang vor dem BFH verst\u00f6\u00dft \u2011\u2011anders als der Kl\u00e4ger meint\u2011\u2011 nicht gegen h\u00f6herrangiges Recht.<\/li><li>a) Entgegen der Auffassung des Kl\u00e4gers liegt in dem in \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;4 i.V.m. Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO normierten Vertretungszwang f\u00fcr Verfahren vor dem BFH keine gleichheitswidrige Ungleichbehandlung von (aktiven oder pensionierten) Richtern und Rechtsanw\u00e4lten.<\/li><li>aa) Bereits die Vorg\u00e4ngervorschrift, der Art.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 des Gesetzes zur Entlastung des Bundesfinanzhofs vom 08.07.1975 \u2011\u2011BFHEntlG\u2011\u2011 (BGBl I 1975, 1861), normierte einen Vertretungszwang in Verfahren vor dem BFH. Nach dieser Vorschrift waren nur Rechtsanw\u00e4lte, Steuerberater oder Wirtschaftspr\u00fcfer zur Vertretung vor dem BFH berechtigt. Diese Beschr\u00e4nkung hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in seinem Beschluss vom 07.08.1978&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;26\/77 (H\u00f6chstrichterliche Finanzrechtsprechung \u2011\u2011HFR\u2011\u2011 1978, Nr.&nbsp;495) ausdr\u00fccklich gebilligt. Die gesetzgeberische Entscheidung des Art.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 BFHEntlG sei durch sachgerechte und vern\u00fcnftige Erw\u00e4gungen des Gemeinwohls legitimiert; sie solle im Interesse eines beschleunigten und vereinfachten Verfahrensablaufs sowie im Interesse der Mandanten sicherstellen, dass vor dem BFH nur qualifizierte Personen auftr\u00e4ten.<\/li><li>Hinsichtlich der Auswahl der zur Vertretung berechtigten Berufe steht dem Gesetzgeber ein Ermessensspielraum zu, der auch Typisierungen einschlie\u00dft (BFH-Beschluss vom 28.05.2003&nbsp;&#8211; IV&nbsp;B&nbsp;60\/02,&nbsp;IV&nbsp;B&nbsp;72\/03, BFH\/NV 2003, 1427).<\/li><li>bb) Im Hinblick auf den Normzweck erweist sich auch die vom Gesetzgeber in \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;4 i.V.m. Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO getroffene Nachfolgeregelung als geeignet und erforderlich, um den mit ihr verfolgten Zweck in verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger Weise zu erreichen. Der vor dem BFH bestehende Vertretungszwang dient zum einen dem Schutz des Gerichts vor einer Belastung mit Rechtsbehelfen, deren Erfolgsaussichten die Beteiligten nach ihrer Vorbildung nicht richtig einzusch\u00e4tzen in der Lage sind und folglich auch nicht richtig und fachkundig zu f\u00fchren wissen; zum anderen kommt er aber auch dem Schutz der Rechtsuchenden zugute, die sich durch einen Angeh\u00f6rigen der in \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO genannten fachlich vorgebildeten Berufsgruppen vertreten lassen m\u00fcssen (BFH-Beschluss vom 24.11.2008&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B&nbsp;149\/08, BFHE 223, 323, BStBl II 2009, 155, unter II.b; Senatsbeschluss vom 19.01.2012&nbsp;&#8211; VI&nbsp;B&nbsp;98\/11, Rz&nbsp;18, m.w.N.), die nach \u00a7&nbsp;3 StBerG unbeschr\u00e4nkt zur gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfigen Hilfeleistung in Steuersachen befugt sind.<\/li><li>Nach dem Willen des Gesetzgebers reichen daher eine nachgewiesene juristische Ausbildung oder besondere Fachkunde auf dem Gebiet des Steuerrechts f\u00fcr sich allein nicht aus, um die Voraussetzungen des \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;4 FGO zu erf\u00fcllen. Die auch dem Schutz der Rechtsuchenden dienenden Regelungen w\u00fcrden unterlaufen, wenn der Kreis der zur Vertretung vor dem BFH befugten Personen entgegen dem eindeutigen Wortlaut des Gesetzes auf (aktive oder pensionierte) Richter ausgedehnt w\u00fcrde. Zudem w\u00fcrde dieser Berufsgruppe gegen\u00fcber Angeh\u00f6rigen der in \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO ausdr\u00fccklich genannten Berufsgruppen infolge der Kostenersparnis (Haftpflichtversicherung, Kammerbeitr\u00e4ge und so weiter) ein Wettbewerbsvorteil verschafft, der unter Gleichbehandlungsgrunds\u00e4tzen (Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes \u2011\u2011GG\u2011\u2011) zu beanstanden w\u00e4re. Denn ein Grund, der eine solche Differenzierung auch ihrem Ausma\u00df nach rechtfertigen k\u00f6nnte, ist nicht ersichtlich (BFH-Beschluss vom 24.11.2008&nbsp;&#8211; VII&nbsp;B&nbsp;149\/08, BFHE 223, 323, BStBl II 2009, 155, unter II.c).<\/li><li>b) Der Vertretungszwang nach \u00a7&nbsp;62 Abs.&nbsp;4 i.V.m. Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO verst\u00f6\u00dft zudem nicht gegen die Rechtsschutzgarantie des Art.&nbsp;19 Abs.&nbsp;4 GG. Die Anrufung des BFH wird dadurch weder unzumutbar noch in sachlich nicht zu rechtfertigender Weise erschwert (Senatsbeschluss vom 19.01.2012&nbsp;&#8211; VI&nbsp;B&nbsp;98\/11, Rz&nbsp;17, m.w.N.). Wie der Kl\u00e4ger selbst vortr\u00e4gt, hat sich vorliegend jede von ihm kontaktierte Steuerkanzlei \u2011\u2011wenn auch auf Grundlage einer Honorarvereinbarung\u2011\u2011 bereit erkl\u00e4rt, ihn in seiner Sache zu vertreten.<\/li><li>c) Schlie\u00dflich wird durch die Regelung des Vertretungszwangs in \u00a7 62 Abs.&nbsp;4 i.V.m. Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO der Anspruch auf rechtliches Geh\u00f6r nach Art.&nbsp;103 Abs.&nbsp;1 GG nicht verletzt (vgl. BVerfG-Beschluss vom 20.08.1992&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;1000\/92, HFR 1992, 729 zum Art.&nbsp;1 Nr.&nbsp;1 BFHEntlG als Vorg\u00e4ngervorschrift sowie Senatsbeschl\u00fcsse vom 30.11.2011&nbsp;&#8211; VI&nbsp;B&nbsp;22\/11, Rz&nbsp;10 und vom 19.01.2012&nbsp;&#8211; VI&nbsp;B&nbsp;98\/11, Rz&nbsp;19).<\/li><li>3. Von einer Darstellung des Sachverhalts und einer weiteren Begr\u00fcndung sieht der Senat nach \u00a7&nbsp;116 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;2 Halbsatz&nbsp;2 FGO ab.<\/li><li>4. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2025:B.060525.VIB41.24.0 BFH VI. Senat GG Art 3 Abs 1, GG Art 19 Abs 4, GG Art 103 Abs 1, FGO \u00a7 62 Abs 4, FGO \u00a7 62 Abs 2 S 1, StBerG \u00a7 3 vorgehend S\u00e4chsisches Finanzgericht , 06. 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