{"id":77759,"date":"2025-07-06T18:52:41","date_gmt":"2025-07-06T16:52:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=77759"},"modified":"2025-07-06T18:52:41","modified_gmt":"2025-07-06T16:52:41","slug":"bfh-urteil-vom-06-mai-2025-ix-r-2-23-statthafte-klageart-und-klagefrist-fuer-die-geltendmachung-eines-auskunftsanspruchs-nach-art-15-dsgvo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-06-mai-2025-ix-r-2-23-statthafte-klageart-und-klagefrist-fuer-die-geltendmachung-eines-auskunftsanspruchs-nach-art-15-dsgvo\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil vom 06. Mai 2025, IX R 2\/23: Statthafte Klageart und Klagefrist f\u00fcr die Geltendmachung eines Auskunftsanspruchs nach Art.\u00a015 DSGVO"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2025:U.060525.IXR2.23.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH IX. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>FGO \u00a7 40 Abs 1, FGO \u00a7 47, FGO \u00a7 55, FGO \u00a7 40 Abs 2, EUV 2016\/679 Art 15, AEUV Art 267<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG N\u00fcrnberg, 23. November 2022, Az: 5 K 246\/21<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. Statthafte Klageart f\u00fcr die gerichtliche Geltendmachung des gegen eine Finanzbeh\u00f6rde gerichteten Anspruchs aus Art.&nbsp;15 Abs.&nbsp;1 und Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;1 i.V.m. Art.&nbsp;12 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;1 der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ist die Verpflichtungsklage gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;40 Abs.&nbsp;1 Alternative&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung \u2011\u2011FGO\u2011\u2011 (Anschluss an Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 30.11.2022&nbsp;&#8211; 6&nbsp;C&nbsp;10.21, BVerwGE 177, 211, Rz&nbsp;14).<\/p>\n\n\n\n<p>2. Die unionsrechtlichen Grunds\u00e4tze der \u00c4quivalenz und Effektivit\u00e4t gebieten es nicht, eine Verpflichtungsklage, die einen Auskunftsanspruch gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;15 DSGVO zum Gegenstand hat, losgel\u00f6st von der in \u00a7&nbsp;47 Abs.&nbsp;1 FGO beziehungsweise in \u00a7&nbsp;55 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO geregelten Frist (das hei\u00dft &#8222;jederzeit&#8220;) erheben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision des Kl\u00e4gers gegen das Urteil des Finanzgerichts N\u00fcrnberg vom 23.11.2022&nbsp;&#8211; 5&nbsp;K&nbsp;246\/21 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Revisionsverfahrens hat der Kl\u00e4ger zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>In der Sache streiten die Beteiligten \u00fcber Anspr\u00fcche aus Art.&nbsp;15 der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).<\/li><li>Am 25.09.2019 beantragte der Kl\u00e4ger und Revisionskl\u00e4ger (Kl\u00e4ger) beim Beklagten und Revisionsbeklagten (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) Auskunft gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;15 Abs.&nbsp;1 DSGVO und \u00dcbersendung entsprechender Kopien gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;15 Abs.&nbsp;3 DSGVO. Daraufhin \u00fcbersandte das FA \u00dcbersichten \u00fcber Grunddaten, Bescheiddaten und eDaten sowie eine tabellarische Aufstellung der gespeicherten Daten \u00fcber Vollstreckungs- und Pf\u00e4ndungsversuche. Der Kl\u00e4ger vertrat die Ansicht, dass der Anspruch nach Art.&nbsp;15 DSGVO hierdurch nicht erf\u00fcllt worden sei, und wiederholte sein Begehren. Mit Schreiben vom 04.12.2019 lehnte das FA den Antrag auf Erteilung von Kopien zu Vollstreckungsma\u00dfnahmen ab. Eine Rechtsbehelfsbelehrung war dem Schreiben nicht beigef\u00fcgt.<\/li><li>Mit am 25.02.2021 beim Finanzgericht (FG) eingegangener Klage begehrte der Kl\u00e4ger, das FA zu verurteilen, Auskunft \u00fcber personenbezogene Daten und Informationen im Sinne von Art&nbsp;15 Abs.&nbsp;1 und 3 DSGVO zu geben. Hierbei nahm der Kl\u00e4ger darauf Bezug, dass &#8222;eine erste Aufforderung&#8220; bereits am 25.09.2019 an das FA erfolgt sei. Aus der Datenschutz-Grundverordnung ergebe sich keine Frist zur Klageerhebung. Der Berechtigte k\u00f6nne seinen Anspruch auf Auskunft jederzeit und wiederholt geltend machen.<\/li><li>Mit in Entscheidungen der Finanzgerichte 2023, 891 ver\u00f6ffentlichtem Urteil wies das FG die Klage als unzul\u00e4ssig ab.<\/li><li>Hiergegen wendet sich der Kl\u00e4ger mit seiner Revision und macht geltend, das FG habe die Klage zu Unrecht als unzul\u00e4ssig beurteilt. Die Klage sei an keine Frist gebunden. Auch sei kein vorheriges Verwaltungsverfahren notwendig. Es handele sich um eine Leistungsklage, da ein tats\u00e4chliches Handeln &#8222;mit Wirkung f\u00fcr die (jeweilige) Gegenwart&#8220; verlangt werde und keine positive Entscheidung der Beh\u00f6rde in Form eines Verwaltungsakts. Hilfsweise sei in der &#8222;Verweigerung der Anerkennung der Klage&#8220; durch das FA der ablehnende Verwaltungsakt zu sehen. Jedenfalls k\u00f6nne wie in einem Zivilverfahren jederzeit Klage erhoben werden. Die Auskunftsklage nach Art.&nbsp;15 DSGVO d\u00fcrfe nicht durch Voraussetzungen, die an die Klageerhebung in der Finanzgerichtsordnung (FGO) gestellt w\u00fcrden, eingeschr\u00e4nkt werden. Art.&nbsp;23 DSGVO enthalte hierzu keine Erm\u00e4chtigungsgrundlage.<\/li><li>Der Kl\u00e4ger beantragt,das Urteil des FG N\u00fcrnberg vom 23.11.2022&nbsp;&#8211; 5&nbsp;K&nbsp;246\/21 aufzuheben und das FA zu verurteilen, ihm \u2011\u2011dem Kl\u00e4ger\u2011\u2011 Auskunft \u00fcber die personenbezogenen Daten und Informationen nach Art.&nbsp;15 Abs.&nbsp;1 und&nbsp;3 DSGVO zu erteilen.<\/li><li>Das FA beantragt,die Revision zur\u00fcckzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Revision ist unbegr\u00fcndet und daher gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;126 Abs.&nbsp;2 FGO zur\u00fcckzuweisen.<\/li><li>Das FG hat die Klage zu Recht als unzul\u00e4ssig abgewiesen. Dabei kann dahinstehen, ob der Kl\u00e4ger sich gegen das Schreiben des FA vom 04.12.2019 wendet (hierzu unter 1.) oder einen neuen Antrag auf Auskunft gem\u00e4\u00df Art.&nbsp;15 Abs.&nbsp;1 und 3 DSGVO stellen wollte (hierzu unter 2.).<\/li><li>1. Soweit der Kl\u00e4ger sich gegen die mit Schreiben des FA vom 04.12.2019 erfolgte Ablehnung wendet, ihm nach Ma\u00dfgabe von Art.&nbsp;15 Abs.&nbsp;1 und 3 DSGVO Kopien zu Vollstreckungsma\u00dfnahmen zu \u00fcbersenden, ist die Klage gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;55 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO i.V.m. \u00a7&nbsp;47 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 FGO verfristet und daher unzul\u00e4ssig.<\/li><li>a) Statthafte Klageart f\u00fcr die gerichtliche Geltendmachung des gegen eine Beh\u00f6rde gerichteten Anspruchs aus Art.&nbsp;15 Abs.&nbsp;1 und Abs.&nbsp;3 Satz&nbsp;1 i.V.m. Art.&nbsp;12 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;1 DSGVO auf Zurverf\u00fcgungstellung einer Kopie der verarbeiteten personenbezogenen Daten \u2011\u2011wie ihn der Kl\u00e4ger gegen\u00fcber dem FA geltend macht\u2011\u2011 ist die Verpflichtungsklage gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;40 Abs.&nbsp;1 Alternative&nbsp;2 FGO.<\/li><li>aa) Gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;40 Abs.&nbsp;1 Alternative&nbsp;2 FGO kann durch Klage die Verurteilung zum Erlass eines abgelehnten oder unterlassenen Verwaltungsakts (Verpflichtungsklage) begehrt werden. Verwaltungsakt ist jede Verf\u00fcgung, Entscheidung oder andere hoheitliche Ma\u00dfnahme, die eine Beh\u00f6rde zur Regelung eines Einzelfalls auf dem Gebiet des \u00f6ffentlichen Rechts trifft und die auf unmittelbare Rechtswirkung nach au\u00dfen gerichtet ist (\u00a7&nbsp;118 Satz&nbsp;1 der Abgabenordnung \u2011\u2011AO\u2011\u2011).<\/li><li>bb) Gemessen hieran ist die Auskunft nach Art.&nbsp;15 DSGVO als Verwaltungsakt zu qualifizieren (vgl. z.B. zur Anrufungsauskunft nach \u00a7&nbsp;15 Abs.&nbsp;4 des F\u00fcnften Verm\u00f6gensbildungsgesetzes Urteil des Bundesfinanzhofs \u2011\u2011BFH\u2011\u2011 vom 05.06.2014&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;90\/13, BFHE 246, 383, BStBl II 2015, 48, Rz&nbsp;10; zur verbindlichen Auskunft nach \u00a7&nbsp;89 Abs.&nbsp;2 AO BFH-Urteil vom 30.04.2009&nbsp;&#8211; VI&nbsp;R&nbsp;54\/07, BFHE 225, 50, BStBl II 2020, 996; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts \u2011\u2011BVerwG\u2011\u2011 vom 25.09.2024&nbsp;&#8211; 6&nbsp;A&nbsp;3.22, zur amtlichen Ver\u00f6ffentlichung bestimmt, Rz&nbsp;18 zum Auskunftsanspruch aus \u00a7&nbsp;9 des Gesetzes \u00fcber den Bundesnachrichtendienst i.V.m. \u00a7&nbsp;15 des Bundesverfassungsschutzgesetzes). Insbesondere geht die (begehrte) Auskunft \u00fcber eine blo\u00dfe Wissenserkl\u00e4rung hinaus und besitzt Regelungscharakter, da die Beh\u00f6rde \u00fcber den Anspruch auf der Grundlage eines gesetzlichen Pr\u00fcfprogramms, welches sich insbesondere auf m\u00f6gliche Ausschluss- oder Beschr\u00e4nkungstatbest\u00e4nde \u2011\u2011etwa nach Art.&nbsp;15 Abs.&nbsp;4, Art.&nbsp;12 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;2 oder Art.&nbsp;23 DSGVO bzw. \u00a7&nbsp;32c AO\u2011\u2011 bezieht, zu entscheiden hat (vgl. BVerwG-Urteile vom 30.11.2022&nbsp;&#8211; 6&nbsp;C&nbsp;10.21, BVerwGE 177, 211, Rz&nbsp;14 sowie vom 16.09.2020&nbsp;&#8211; 6&nbsp;C&nbsp;10.19, Rz&nbsp;12; bislang offengelassen in Senatsurteilen vom 12.03.2024&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;35\/21, BFHE 283, 266, BStBl II 2024, 682, Rz&nbsp;12 und vom 12.11.2024&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;20\/22, zur amtlichen Ver\u00f6ffentlichung bestimmt, Rz&nbsp;20).<\/li><li>aaa) Das BFH-Urteil vom 05.10.2006&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;24\/03 (BFHE 215, 32, BStBl II 2007, 243, unter II.1.), das f\u00fcr das dortige Begehren auf Auskunft als statthafte Klageart eine Leistungsklage angenommen hat, steht dem nicht entgegen. Dieses Urteil betraf den einfachgesetzlich nicht geregelten, aus dem Rechtsstaatsprinzip in Verbindung mit dem Grundrecht der Berufsfreiheit des Art.&nbsp;12 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes (GG) sowie dem Prozessgrundrecht des Art.&nbsp;19 Abs.&nbsp;4 GG abgeleiteten Anspruch eines Steuerpflichtigen auf Auskunft \u00fcber die Besteuerung eines Konkurrenten. Dieser Anspruch ist nicht mit dem Auskunftsanspruch nach Art.&nbsp;15 DSGVO vergleichbar. Die mit der Auskunftserteilung verbundene rechtliche Pr\u00fcfung, ob personenbezogene Daten und gegebenenfalls Ausschlussgr\u00fcnde (wie z.B. die in \u00a7&nbsp;32c AO geregelten) vorliegen, und der damit verbundene Regelungsgehalt der (positiven oder negativen) Auskunft geht \u00fcber den Inhalt der Mitteilung \u00fcber den Kenntnisstand betreffend die tats\u00e4chlich erfolgte Besteuerung eines Konkurrenten hinaus.<\/li><li>bbb) Gleiches gilt f\u00fcr das BVerwG-Urteil vom 20.08.2003&nbsp;&#8211; 8&nbsp;C&nbsp;13.02 (juris). In dem zugrundeliegenden Verfahren begehrte der dortige Kl\u00e4ger die Verpflichtung einer Beh\u00f6rde, ihm Auskunft durch Beantwortung bestimmter Fragen zu gew\u00e4hren. Diese standen in Zusammenhang mit einem zivilrechtlichen Verfahren gegen den fr\u00fcheren Prozessbevollm\u00e4chtigten des dortigen Kl\u00e4gers wegen schuldhafter Vers\u00e4umung der Anmeldefrist nach \u00a7&nbsp;30a des Verm\u00f6gensgesetzes. Sie bezogen sich darauf, wann ein von dem fr\u00fcheren Prozessbevollm\u00e4chtigten pflichtgem\u00e4\u00df im Namen des Kl\u00e4gers gestellter verm\u00f6gensrechtlicher R\u00fcck\u00fcbertragungsantrag verbeschieden worden w\u00e4re. Die Auskunft \u00fcber einen hypothetischen zeitlichen Ablauf eines Antragsverfahrens ist nicht mit einer Auskunft des Verantwortlichen \u00fcber die von ihm verarbeiteten personenbezogenen Daten im Sinne von Art.&nbsp;15 DSGVO vergleichbar, die \u2011\u2011wie ausgef\u00fchrt\u2011\u2011 ein umfassendes rechtliches Pr\u00fcfprogramm erfordert.<\/li><li>b) Die Verpflichtungsklage ist jedoch verfristet.<\/li><li>aa) Wenn der Antrag auf Erlass eines Verwaltungsakts abgelehnt worden ist, betr\u00e4gt die Frist f\u00fcr die Erhebung der Verpflichtungsklage nach \u00a7&nbsp;47 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 i.V.m. Satz&nbsp;1 FGO einen Monat. Da gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;32i Abs.&nbsp;9 Satz&nbsp;1 AO f\u00fcr Verfahren betreffend die Datenschutz-Grundverordnung ein au\u00dfergerichtliches Rechtsbehelfsverfahren nicht gegeben ist, beginnt die Frist mit Bekanntgabe der Ablehnung.<\/li><li>Der Lauf der Frist beginnt jedoch nicht, wenn \u2011\u2011wie im Streitfall\u2011\u2011 die gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;55 Abs.&nbsp;1 FGO vorgeschriebene Belehrung \u00fcber den Rechtsbehelf unterblieben ist. In diesem Fall ergibt sich die Frist f\u00fcr die Einlegung der Verpflichtungsklage aus \u00a7&nbsp;55 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO. Danach ist die Einlegung des Rechtsbehelfs nur innerhalb eines Jahres seit Bekanntgabe im Sinne des \u00a7&nbsp;54 Abs.&nbsp;1 FGO zul\u00e4ssig, es sei denn, dass die Einlegung vor Ablauf der Jahresfrist infolge h\u00f6herer Gewalt unm\u00f6glich war oder eine schriftliche oder elektronische Belehrung dahin erfolgt ist, dass ein Rechtsbehelf nicht gegeben sei.<\/li><li>bb) Aus der Datenschutz-Grundverordnung ergibt sich nichts Abweichendes. Nach st\u00e4ndiger Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europ\u00e4ischen Union (EuGH) ist es nach dem Grundsatz der Verfahrensautonomie, der auch im Rahmen der Datenschutz-Grundverordnung gilt (vgl. z.B. EuGH-Urteil Budapesti Elektromos M\u0171vek vom 12.01.2023&nbsp;&#8211; C-132\/21, EU:C:2023:2, Rz&nbsp;46; Senatsurteil vom 12.11.2024&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;20\/22, zur amtlichen Ver\u00f6ffentlichung bestimmt, Rz&nbsp;27), Sache der innerstaatlichen Rechtsordnung jedes Mitgliedstaats, die verfahrensrechtlichen Modalit\u00e4ten der Rechtsbehelfe, die zum Schutz der Rechte der B\u00fcrger bestimmt sind, festzulegen. Voraussetzung ist allerdings, dass diese Modalit\u00e4ten bei unter das Unionsrecht fallenden Sachverhalten nicht ung\u00fcnstiger sind als diejenigen, die gleichartige Sachverhalte regeln, die dem innerstaatlichen Recht unterliegen (\u00c4quivalenzgrundsatz), und dass sie die Aus\u00fcbung der durch das Unionsrecht verliehenen Rechte nicht praktisch unm\u00f6glich machen oder \u00fcberm\u00e4\u00dfig erschweren (Effektivit\u00e4tsgrundsatz) (vgl. z.B. EuGH-Urteil Pat\u0113r\u0113t\u0101ju ties\u012bbu aizsardz\u012bbas centrs vom 04.10.2024&nbsp;&#8211; C-507\/23, EU:C:2024:854, Rz&nbsp;31, m.w.N.). Zum Effektivit\u00e4tsgrundsatz hat der EuGH zudem entschieden, dass die Festsetzung angemessener Ausschlussfristen f\u00fcr die Rechtsverfolgung im Interesse der Rechtssicherheit mit dem Gemeinschaftsrecht vereinbar ist. Solche Fristen sind nicht geeignet, die Aus\u00fcbung der durch die Gemeinschaftsrechtsordnung verliehenen Rechte praktisch unm\u00f6glich zu machen oder \u00fcberm\u00e4\u00dfig zu erschweren (vgl. EuGH-Urteil Danske Slagterier vom 24.03.2009&nbsp;&#8211; C-445\/06, EU:C:2009:178, Rz&nbsp;32, m.w.N.).<\/li><li>cc) Gemessen an diesen Grunds\u00e4tzen hat das FG zu Recht die Verfristung der Klage angenommen. Die Klage ist erst am 25.02.2021 und damit \u2011\u2011was auch der Kl\u00e4ger nicht in Streit stellt\u2011\u2011 au\u00dferhalb der Jahresfrist des \u00a7&nbsp;55 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO beim FG eingegangen.<\/li><li>Diese Klagefrist ist auch nicht nach Ma\u00dfgabe der aufgezeigten EuGH-Rechtsprechung aus Gr\u00fcnden des Unionsrechts au\u00dfer Acht zu lassen. Die Rechte des Kl\u00e4gers, einen Auskunftsanspruch nach Art.&nbsp;15 DSGVO geltend zu machen, werden durch die Vorgaben in \u00a7&nbsp;55 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 FGO weder praktisch unm\u00f6glich gemacht noch \u00fcberm\u00e4\u00dfig erschwert. Neben der gro\u00dfz\u00fcgig bemessenen Jahresfrist bei einer unterbliebenen oder unrichtig erteilten Rechtsbehelfsbelehrung ist insbesondere zu ber\u00fccksichtigen, dass derjenige, der \u2011\u2011wie der Kl\u00e4ger\u2011\u2011 einen Auskunftsanspruch nach Art.&nbsp;15 DSGVO geltend macht, diesen nach einer Ablehnung durch den Datenverantwortlichen wiederholend anbringen kann.<\/li><li>2. Soweit der Kl\u00e4ger seine Klage nicht auf den Ablehnungsbescheid vom 04.12.2019 st\u00fctzt, sondern in der &#8222;Verweigerung der Anerkennung der Klage&#8220; einen Ablehnungsbescheid erkennen will, fehlt ein vorheriger Auskunftsantrag, sodass die Klage gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;40 Abs.&nbsp;2 FGO unzul\u00e4ssig ist.<\/li><li>a) Der Steuerpflichtige muss nach \u00a7&nbsp;40 Abs.&nbsp;2 FGO geltend machen, durch einen Verwaltungsakt oder durch die Ablehnung oder Unterlassung eines Verwaltungsakts oder einer anderen Leistung in seinen Rechten verletzt zu sein. Die in \u00a7&nbsp;40 Abs.&nbsp;2 FGO benannte Ablehnung durch die Beh\u00f6rde setzt zwingend voraus, dass der Erlass eines Verwaltungsakts oder die bestimmte Handlung der Beh\u00f6rde vorher beantragt wurde (vgl. Senatsurteil vom 12.11.2024&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;20\/22, zur amtlichen Ver\u00f6ffentlichung bestimmt, Rz&nbsp;23&nbsp;f., m.w.N.). Daran fehlt es hier.<\/li><li>b) Der Senat hat bereits entschieden, dass die Anforderungen des \u00a7&nbsp;40 Abs.&nbsp;2 FGO auch f\u00fcr Klagen auf Auskunft nach Art.&nbsp;15 Abs.&nbsp;1 und 3 DSGVO gelten. Insbesondere steht die Regelung des Art.&nbsp;79 DSGVO dem nicht entgegen, wonach das Recht auf gerichtlichen Rechtsbehelf unbeschadet eines verf\u00fcgbaren verwaltungsrechtlichen oder au\u00dfergerichtlichen Rechtsbehelfs besteht (gleicher Ansicht Torm\u00f6hlen in H\u00fcbschmann\/Hepp\/Spitaler, \u00a7&nbsp;32i AO Rz&nbsp;29). Das bedeutet, dass der gerichtliche Rechtsbehelf nicht durch anderweitige Rechtsbehelfe beschr\u00e4nkt werden darf. Art.&nbsp;79 DSGVO spricht von einem verf\u00fcgbaren verwaltungsrechtlichen oder au\u00dfergerichtlichen Rechtsbehelf, mithin von einem Vorverfahren. Die Geltendmachung des Auskunftsanspruchs stellt kein Vorverfahren dar (vgl. dazu Senatsurteil vom 12.11.2024&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;20\/22, zur amtlichen Ver\u00f6ffentlichung bestimmt, Rz&nbsp;27&nbsp;ff., m.w.N.).<\/li><li>Neue durchgreifende Argumente, die eine andere rechtliche W\u00fcrdigung rechtfertigen w\u00fcrden, hat der Kl\u00e4ger nicht dargelegt.<\/li><li>c) Zwar kann es nach der Rechtsprechung des BVerwG aus prozess\u00f6konomischen Gr\u00fcnden angezeigt sein, auf das Erfordernis des vorherigen Antrags bei der Beh\u00f6rde zu verzichten, wenn das Beharren auf einer Vorbefassung der Verwaltung als blo\u00dfe F\u00f6rmelei erscheint, weil die Beh\u00f6rde klar und eindeutig zu erkennen gegeben hat, dass sie einen solchen Antrag definitiv ablehnen wird (vgl. BVerwG-Urteil vom 02.03.2022&nbsp;&#8211; 6&nbsp;C&nbsp;7.20, BVerwGE 175, 76, Rz&nbsp;58; s.a. Senatsurteil vom 12.11.2024&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;20\/22, zur amtlichen Ver\u00f6ffentlichung bestimmt, Rz&nbsp;26).<\/li><li>Daran fehlt es hier jedoch. Konkrete Anhaltspunkte f\u00fcr eine entsprechende Haltung des FA fehlen. Zwar hat das FA einen zuvor gestellten Antrag mit Bescheid vom 04.12.2019 abgelehnt. Allerdings lag diese Entscheidung bei Klageerhebung bereits mehr als ein Jahr zur\u00fcck. Angesichts dieser Zeitspanne, die Raum f\u00fcr m\u00f6gliche \u00c4nderungen der f\u00fcr die Entscheidung ma\u00dfgeblichen Sach- und Rechtslage bietet, stellt die Vorbefassung der Verwaltung sich nicht als blo\u00dfe F\u00f6rmelei dar.<\/li><li>3. Einer Vorlage an den EuGH nach Art.&nbsp;267 Abs.&nbsp;3 des Vertrags \u00fcber die Arbeitsweise der Europ\u00e4ischen Union bedarf es im vorliegenden Verfahren nicht. Die Rechtslage ist eindeutig (&#8222;acte clair&#8220;; Beschl\u00fcsse des Bundesverfassungsgerichts \u2011\u2011BVerfG\u2011\u2011 vom 19.07.2011&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;1916\/09, BVerfGE 129, 78, unter C.I.2.e und vom 04.03.2021&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;1161\/19, Rz&nbsp;55; EuGH-Urteil Srl CILFIT und Lanificio di Gavardo SpA gegen Ministero della Sanit\u00e0 vom 06.10.1982&nbsp;&#8211; C-283\/81, EU:C:1982:335, Rz&nbsp;16) beziehungsweise bereits durch die aufgezeigte Rechtsprechung des EuGH in einer Weise gekl\u00e4rt, die keinen vern\u00fcnftigen Zweifel offenl\u00e4sst (&#8222;acte \u00e9clair\u00e9&#8220;; BVerfG-Beschluss vom 04.03.2021&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;1161\/19, Rz&nbsp;55 sowie EuGH-Urteil Srl CILFIT und Lanificio di Gavardo SpA gegen Ministero della Sanit\u00e0 vom 06.10.1982&nbsp;&#8211; C-283\/81, EU:C:1982:335, Rz&nbsp;14). Insbesondere hat der EuGH gekl\u00e4rt, dass die nationalen Verfahrensvorschriften bestimmen, wie die von der Datenschutz-Grundverordnung vorgesehenen Rechtsbehelfe durchzuf\u00fchren sind (vgl. EuGH-Urteil Budapesti Elektromos M\u0171vek vom 12.01.2023&nbsp;&#8211; C-132\/21, EU:C:2023:2, Rz&nbsp;46).<\/li><li>4. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2025:U.060525.IXR2.23.0 BFH IX. Senat FGO \u00a7 40 Abs 1, FGO \u00a7 47, FGO \u00a7 55, FGO \u00a7 40 Abs 2, EUV 2016\/679 Art 15, AEUV Art 267 vorgehend FG N\u00fcrnberg, 23. November 2022, Az: 5 K 246\/21 Leits\u00e4tze 1. Statthafte Klageart f\u00fcr die gerichtliche Geltendmachung des gegen eine Finanzbeh\u00f6rde gerichteten Anspruchs aus Art.&nbsp;15 Abs.&nbsp;1 und &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-06-mai-2025-ix-r-2-23-statthafte-klageart-und-klagefrist-fuer-die-geltendmachung-eines-auskunftsanspruchs-nach-art-15-dsgvo\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">BFH-Urteil vom 06. 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