{"id":77765,"date":"2025-07-06T18:57:19","date_gmt":"2025-07-06T16:57:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=77765"},"modified":"2025-07-06T18:57:19","modified_gmt":"2025-07-06T16:57:19","slug":"bfh-urteil-vom-19-februar-2025-xi-r-18-23-verfassungsmaessigkeit-von-saeumniszuschlaegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-19-februar-2025-xi-r-18-23-verfassungsmaessigkeit-von-saeumniszuschlaegen\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil vom 19. Februar 2025, XI R 18\/23: Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit von S\u00e4umniszuschl\u00e4gen"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2025:U.190225.XIR18.23.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH XI. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>AO \u00a7 240 Abs 1 S 1, AO \u00a7 370, GG Art 3 Abs 1, MRK Art 6 Abs 2<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend Nieders\u00e4chsisches Finanzgericht , 16. Mai 2023, Az: 11 K 113\/21<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>1. Gegen die gesetzliche H\u00f6he des S\u00e4umniszuschlags nach \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 der Abgabenordnung (AO) bestehen auch f\u00fcr Zeitr\u00e4ume nach dem 31.12.2018 keine verfassungsrechtlichen Bedenken (Anschluss an das Urteil des Bundesfinanzhofs vom 23.08.2023&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;30\/21, BFHE 282, 195, BStBl II 2024, 215).<\/p>\n\n\n\n<p>2. Gegen \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO bestehen auch keine unionsrechtlichen Bedenken.<\/p>\n\n\n\n<p>3. \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO steht auch im Einklang mit Art.&nbsp;6 Abs.&nbsp;2 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision des Kl\u00e4gers gegen das Urteil des Nieders\u00e4chsischen Finanzgerichts vom 16.05.2023&nbsp;&#8211; 11&nbsp;K&nbsp;113\/21 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Revisionsverfahrens hat der Kl\u00e4ger zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Streitig ist die Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der gesetzlichen H\u00f6he der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge.<\/li><li>Der Kl\u00e4ger und Revisionskl\u00e4ger (Kl\u00e4ger) ist Steuerberater und f\u00fchrt steuerpflichtige Ums\u00e4tze aus. Aufgrund von Umsatzsteuerfestsetzungen f\u00fcr die Jahre 2012 bis 2014 und von Umsatzsteuervoranmeldungen f\u00fcr das 1. bis 3.&nbsp;Quartal 2017 und f\u00fcr das 1.&nbsp;Quartal 2018 ergaben sich S\u00e4umniszuschl\u00e4ge in H\u00f6he von insgesamt 59,50&nbsp;\u20ac.<\/li><li>Mit Telefax vom 21.12.2019 beantragte der Kl\u00e4ger den Erlass eines Abrechnungsbescheids gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;218 Abs.&nbsp;2 der Abgabenordnung (AO) \u00fcber diese S\u00e4umniszuschl\u00e4ge. Mit Abrechnungsbescheid vom 25.02.2020 stellte der Beklagte und Revisionsbeklagte (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) fest, dass die S\u00e4umniszuschl\u00e4ge zu Recht verwirkt seien. Der Einspruch blieb erfolglos (Einspruchsentscheidung vom 02.10.2020).<\/li><li>Das Finanzgericht (FG) wies die Klage mit seinem in Entscheidungen der Finanzgerichte 2024, 1862 ver\u00f6ffentlichten Urteil als unbegr\u00fcndet ab. Unter Bezugnahme auf Entscheidungen des II., VI. und VII.&nbsp;Senats des Bundesfinanzhofs (BFH) war das FG der Auffassung, dass die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts \u2011\u2011BVerfG\u2011\u2011 (Beschluss vom 08.07.2021&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2237\/14, 1&nbsp;BvR&nbsp;2422\/17, BVerfGE 158, 282) zur Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der Zinsh\u00f6he nach den \u00a7\u00a7&nbsp;233a, 238 AO nicht auf die Zinsh\u00f6he bei S\u00e4umniszuschl\u00e4gen \u00fcbertragen werden k\u00f6nne. Auch sei kein Versto\u00df gegen das Unionsrecht festzustellen. Die mit dem Hilfsantrag geltend gemachten Gegenanspr\u00fcche k\u00f6nnten nicht ber\u00fccksichtigt werden.<\/li><li>Mit der \u2011\u2011vom FG zugelassenen\u2011\u2011 Revision r\u00fcgt der Kl\u00e4ger die Verletzung materiellen Rechts. Er macht geltend, dass gegen die Entscheidung des VII.&nbsp;Senats des BFH vom 23.08.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;21\/21 (BFHE 278, 1, BStBl II 2023, 304) erhebliche Bedenken best\u00fcnden. Insbesondere enthalte \u2011\u2011entgegen der Auffassung des VII.&nbsp;Senats\u2011\u2011 die Regelung des \u00a7&nbsp;240 AO einen fassbaren Zinsanteil. Dies ergebe sich auch aus der \u00e4lteren Rechtsprechung. So habe der V.&nbsp;Senat des BFH bereits 1991 im Leitsatz zu seiner Entscheidung deutlich gemacht, dass die S\u00e4umniszuschl\u00e4ge einen Zinsanteil enthielten (BFH-Urteil vom 29.08.1991&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;78\/86, BFHE 165, 178, BStBl II 1991, 906, 2.&nbsp;Leitsatz). Auch aus der Entstehungsgeschichte der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge und der Widerspr\u00fcchlichkeit der Rechtsprechung ergebe sich der Zinscharakter dieser steuerlichen Nebenleistung. Auch liege ein Versto\u00df gegen das Unionsrecht vor. Art.&nbsp;6 Abs.&nbsp;2 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) sei verletzt, weil die Verh\u00e4ngung von S\u00e4umniszuschl\u00e4gen gegen die Unschuldsvermutung versto\u00dfe.<\/li><li>Der Kl\u00e4ger beantragt,<br \/>das Urteil des Nieders\u00e4chsischen FG vom 16.05.2023&nbsp;&#8211; 11&nbsp;K&nbsp;113\/21 aufzuheben und den Abrechnungsbescheid vom 25.02.2020 und die Einspruchsentscheidung vom 02.10.2020 dahingehend zu \u00e4ndern, dass die darin aufgef\u00fchrten S\u00e4umniszuschl\u00e4ge nicht geschuldet werden.<\/li><li>Das FA beantragt,<br \/>die Revision als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckzuweisen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Revision des Kl\u00e4gers ist unbegr\u00fcndet; sie ist daher zur\u00fcckzuweisen (\u00a7&nbsp;126 Abs.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung \u2011\u2011FGO\u2011\u2011). Das FG hat zu Recht dahin erkannt, dass \u00a7&nbsp;240 AO in den Streitjahren verfassungsgem\u00e4\u00df und unionsrechtskonform ist. Die Regelung steht auch im Einklang mit der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten.<\/li><li>1. Soweit der Kl\u00e4ger mit der Revision vortr\u00e4gt, die Erhebung von S\u00e4umniszuschl\u00e4gen sei verfassungsrechtlich deshalb (teilweise) unzul\u00e4ssig, weil die vom BVerfG in seinem Beschluss vom 08.07.2021&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;2237\/14, 1&nbsp;BvR&nbsp;2422\/17 (BVerfGE 158, 282) herausgearbeiteten Grunds\u00e4tze, nach denen die Verzinsung nach den \u00a7\u00a7&nbsp;233a, 238 AO in H\u00f6he von 0,5&nbsp;% pro Monat f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume ab dem 01.01.2014 mit Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 GG unvereinbar ist, auf S\u00e4umniszuschl\u00e4ge zu \u00fcbertragen seien, ist die Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des \u00a7&nbsp;240 AO in der Rechtsprechung des BFH auch f\u00fcr hier streitige Zeitr\u00e4ume nach dem 31.12.2018 best\u00e4tigt worden (vgl. BFH-Urteile vom 23.08.2023&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;30\/21, BFHE 282, 195, BStBl II 2024, 215; vom 23.08.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;21\/21, BFHE 278, 1, BStBl II 2023, 304, Rz&nbsp;38&nbsp;ff.; vom 15.11.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;55\/20, BFHE 278, 403, BStBl II 2023, 621, Rz&nbsp;19&nbsp;ff.).<\/li><li>a) Der erkennende Senat schlie\u00dft sich dieser Rechtsprechung aus den dort genannten Gr\u00fcnden an. Er teilt insbesondere die Auffassung, dass der Liquidit\u00e4tsvorteil nur Nebenzweck ist (s. hierzu BFH-Urteile vom 23.08.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;21\/21, BFHE 278, 1, BStBl II 2023, 304, Rz&nbsp;44&nbsp;ff.; vom 15.11.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;55\/20, BFHE 278, 403, BStBl II 2023, 621, Rz&nbsp;22&nbsp;ff.; s.a. BFH-Urteil vom 23.08.2023&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;30\/21, BFHE 282, 195, BStBl II 2024, 215, Rz&nbsp;50&nbsp;f.; s. hierzu auch z.B. BFH-Beschl\u00fcsse vom 09.03.2023&nbsp;&#8211; VI&nbsp;B&nbsp;31\/22&nbsp;(AdV), BFH-PR 2023, 574, Rz&nbsp;24&nbsp;ff.; vom 13.09.2023&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;52\/22&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2024, 273, Rz&nbsp;17&nbsp;f.; vom 16.10.2023&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;49\/22&nbsp;(AdV), BFHE 281, 509, BStBl II 2024, 97, Rz&nbsp;18; vom 16.07.2024&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;37\/23, BFH\/NV 2024, 1357, Rz&nbsp;12; vom 17.07.2024&nbsp;&#8211; X&nbsp;B&nbsp;79\/23, BFH\/NV 2024, 1144, Rz&nbsp;9).<\/li><li>b) Die vom III., V. und VIII.&nbsp;Senat im Verfahren der Aussetzung der Vollziehung zwischenzeitlich ge\u00e4u\u00dferten ernstlichen Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge (vgl. BFH-Beschl\u00fcsse vom 23.05.2022&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;4\/22&nbsp;(AdV), BFHE 276, 535, Rz&nbsp;29&nbsp;ff.; vom 11.11.2022&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;B&nbsp;64\/22&nbsp;(AdV), BFHE 278, 36, Rz&nbsp;14&nbsp;ff.; vom 28.12.2022&nbsp;&#8211; III&nbsp;B&nbsp;48\/22&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2023, 970, Rz&nbsp;13&nbsp;ff.) sind nach Auffassung des erkennenden Senats durch die \u2011\u2011im Hauptsacheverfahren ergangenen\u2011\u2011 Entscheidungen des VII. und X.&nbsp;Senats des BFH \u00fcberholt. Dies gilt auch f\u00fcr die vom VIII.&nbsp;Senat im Beschluss vom 22.09.2023&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;B&nbsp;64\/22&nbsp;(AdV) (Deutsches Steuerrecht kurzgefasst 2023, 335, Rz&nbsp;20&nbsp;ff.) ge\u00e4u\u00dferten Zweifel (vgl. BFH-Beschl\u00fcsse vom 16.07.2024&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;37\/23, BFH\/NV 2024, 1357; vom 17.07.2024&nbsp;&#8211; X&nbsp;B&nbsp;79\/23, BFH\/NV 2024, 1144).<\/li><li>2. Ebenso ist kein Versto\u00df gegen unionsrechtliche Grunds\u00e4tze festzustellen. Der Senat verweist dazu auf die Begr\u00fcndungen der hierzu bereits ergangenen Entscheidungen des Gerichtshofs der Europ\u00e4ischen Union (EuGH) und des BFH (vgl. EuGH-Urteil Network One Distribution vom 05.12.2024&nbsp;&#8211; C-506\/23, EU:C:2024:1003, Rz&nbsp;25&nbsp;ff.; BFH-Beschl\u00fcsse vom 13.09.2023&nbsp;&#8211; XI&nbsp;B&nbsp;52\/22&nbsp;(AdV), BFH\/NV 2024, 273, Rz&nbsp;19; vom 23.05.2022&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;4\/22&nbsp;(AdV), BFHE 276, 535, Rz&nbsp;35&nbsp;f., m.w.N.; vom 16.10.2023&nbsp;&#8211; V&nbsp;B&nbsp;49\/22&nbsp;(AdV), BFHE 281, 509, BStBl II 2024, 97, Rz&nbsp;21&nbsp;f.).<\/li><li>3. Eine Verletzung von Art.&nbsp;6 Abs.&nbsp;2 EMRK ist auch nicht gegeben. Die Verwirkung von S\u00e4umniszuschl\u00e4gen ist nicht als &#8222;Straftat&#8220; im Sinne des Art.&nbsp;6 Abs.&nbsp;2 EMRK anzusehen.<\/li><li>a) Nach Art.&nbsp;6 Abs.&nbsp;2 EMRK gilt jede Person, die einer Straftat angeklagt ist, bis zum gesetzlichen Beweis ihrer Schuld als unschuldig.<\/li><li>aa) Der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte (EGMR) sieht den in Art.&nbsp;6 Abs.&nbsp;2 EMRK verwendeten Begriff der &#8222;Straftat&#8220; als autonom und daher nicht durch das innerstaatliche Recht der Vertragsstaaten determiniert an. Grund hierf\u00fcr ist, dass die Reichweite der Art.&nbsp;6 und 7 EMRK dem freien Willen der Vertragsstaaten unterl\u00e4ge, wenn diese nach Belieben eine Verfehlung als nichtstrafrechtlichen Versto\u00df definieren k\u00f6nnten (vgl. EGMR-Urteile Engel u.a.\/Niederlande vom 08.06.1976&nbsp;&#8211; 5100\/71, juris, Rz&nbsp;81 und \u00d6zt\u00fcrk\/Deutschland vom 21.02.1984&nbsp;&#8211; 8544\/79, Neue Juristische Wochenschrift \u2011\u2011NJW\u2011\u2011 1985, 1273, Rz&nbsp;49; vgl. auch BFH-Urteil vom 20.02.2019&nbsp;&#8211; X&nbsp;R&nbsp;32\/17, BFHE 264, 184, BStBl II 2019, 438, Rz&nbsp;39; BFH-Beschluss vom 04.06.2024&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;B&nbsp;121\/22, zur amtlichen Ver\u00f6ffentlichung bestimmt, BFH\/NV 2024, 959, Rz&nbsp;11&nbsp;f.).<\/li><li>bb) Der EGMR legt den Begriff der &#8222;Straftat&#8220; sehr weit aus. Er hat dazu drei \u2011\u2011auch als &#8222;Engel-Kriterien&#8220; bezeichnete\u2011\u2011 Merkmale entwickelt, anhand derer zu pr\u00fcfen ist, ob eine Sanktion strafrechtlicher Natur ist (vgl. EGMR-Urteile BRAGI GU\u00d0MUNDUR KRISTJ\u00c1NSSON v.&nbsp;ICELAND vom 31.08.2021&nbsp;&#8211; 12951\/18, Rz&nbsp;49; Engel u.a.\/Niederlande vom 08.06.1976&nbsp;&#8211; 5100\/71, juris, Rz&nbsp;82 und \u00d6zt\u00fcrk\/Deutschland vom 21.02.1984&nbsp;&#8211; 8544\/79, NJW 1985, 1273, Rz&nbsp;48). Dabei geht es um die Einordnung der ma\u00dfgebenden Norm nach der Rechtstechnik des betroffenen Staates, nach der Art der Zuwiderhandlung sowie nach der Art und Schwere der angedrohten Sanktion (s. zu den &#8222;Engel-Kriterien&#8220; im Einzelnen EGMR-Urteile Engel u.a.\/Niederlande vom 08.06.1976&nbsp;&#8211; 5100\/71, juris, Rz&nbsp;82; \u00d6zt\u00fcrk\/Deutschland vom 21.02.1984&nbsp;&#8211; 8544\/79, NJW 1985, 1273, Rz&nbsp;53; Bendenoun\/Frankreich vom 24.02.1994&nbsp;&#8211; 12547\/86, juris, Rz&nbsp;44, 47; Janosevic\/Schweden vom 23.07.2002&nbsp;&#8211; 34619\/97, juris, Rz&nbsp;68; Jussila\/Finnland vom 23.11.2006&nbsp;&#8211; 73053\/01, Rz&nbsp;31, 38; M\u00fcller-Hartburg\/\u00d6sterreich vom 19.02.2013&nbsp;&#8211; 4795\/06, NJW 2014, 1791, Rz&nbsp;46, 47).<\/li><li>cc) F\u00fcr die Zuordnung einer Norm zum Strafrecht im Sinne des Art.&nbsp;6 Abs.&nbsp;2 EMRK gen\u00fcgt es, wenn entweder das zweite oder das dritte &#8222;Engel-Kriterium&#8220; erf\u00fcllt ist. Die &#8222;Engel-Kriterien&#8220; stehen grunds\u00e4tzlich selbst\u00e4ndig nebeneinander. Wenn allerdings die Einzelbetrachtung der Kriterien noch keine eindeutigen Schlussfolgerungen zul\u00e4sst, kann auch eine kumulative W\u00fcrdigung geboten sein (vgl. EGMR-Urteile Janosevic\/Schweden vom 23.07.2002&nbsp;&#8211; 34619\/97, juris, Rz&nbsp;67 und Jussila\/Finnland vom 23.11.2006&nbsp;&#8211; 73053\/01, Rz&nbsp;31).<\/li><li>b) Unter Zugrundlegung dieser Grunds\u00e4tze ist der in \u00a7&nbsp;240 AO vorgesehene S\u00e4umniszuschlag nicht dem Bereich des Strafrechts zuzurechnen. Zwar ist daf\u00fcr die im deutschen Recht vorgenommene Einordnung als verwaltungsrechtliche Geldleistung nicht ausschlaggebend. Weder die Art der Zuwiderhandlung noch die Art und Schwere der Sanktion lassen aber \u2011\u2011sowohl bei alternativer als auch bei kumulativer Pr\u00fcfung\u2011\u2011 eine Zuordnung zum Strafrecht zu.<\/li><li>aa) Allein die Nichtzahlung einer Abgabe innerhalb der daf\u00fcr vorgesehenen gesetzlichen Frist (\u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 AO) stellt keine &#8222;Tat&#8220; dar, die ihrer Natur nach als strafbar angesehen werden k\u00f6nnte. Im Rahmen der vorzunehmenden Gesamtabw\u00e4gung (vgl. hierzu EGMR-Urteil Jussila\/Finnland vom 23.11.2006&nbsp;&#8211; 73053\/01, Rz&nbsp;31) gibt jedenfalls der eindeutige Normzweck des \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 AO den Ausschlag daf\u00fcr, dass die Norm auch im Hinblick auf die Art des Versto\u00dfes keinen strafrechtlichen Charakter hat.<\/li><li>S\u00e4umniszuschl\u00e4ge dienen dazu, den B\u00fcrger zur zeitnahen Erf\u00fcllung seiner Zahlungsverpflichtungen anzuhalten und die Verletzung eben jener Verpflichtung zu sanktionieren. Daneben ist der S\u00e4umniszuschlag Gegenleistung beziehungsweise Ausgleich f\u00fcr das Hinausschieben der Zahlung f\u00e4lliger Steuern und dient letztlich auch dem Zweck, den Verwaltungsaufwand der Finanzbeh\u00f6rden auszugleichen (vgl. BFH-Urteile vom 29.08.1991&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;78\/86, BFHE 165, 178, BStBl II 1991, 906, unter B.II.2.a, m.w.N.; vom 30.03.2006&nbsp;&#8211; V&nbsp;R&nbsp;2\/04, BFHE 212, 23, BStBl II 2006, 612, unter II.2., m.w.N.; vom 23.08.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;21\/21, BFHE 278, 1, BStBl II 2023, 304, Rz&nbsp;32; BFH-Beschluss vom 02.03.2017&nbsp;&#8211; II&nbsp;B&nbsp;33\/16, BFHE 257, 27, BStBl II 2017, 646, Rz&nbsp;32). Als Druckmittel eigener Art, das auf die besonderen Bed\u00fcrfnisse des Steuerrechts zugeschnitten ist, haben S\u00e4umniszuschl\u00e4ge zwar auch repressiven und pr\u00e4ventiven Charakter. Der VII.&nbsp;Senat des BFH spricht deshalb auch von einer &#8222;p\u00f6nalen Funktion&#8220; (vgl. BFH-Urteil vom 23.08.2022&nbsp;&#8211; VII&nbsp;R&nbsp;21\/21, BFHE 278, 1, BStBl II 2023, 304, Rz&nbsp;32). Der repressive Charakter von \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 AO, der in der Ankn\u00fcpfung an einen in der Vergangenheit liegenden Vorgang (Unterlassen) zum Ausdruck kommt, ist aber \u2011\u2011wie auch beim Versp\u00e4tungszuschlag (vgl. BFH-Beschluss vom 04.06.2024&nbsp;&#8211; VIII&nbsp;B&nbsp;121\/22, BFH\/NV 2024, 959, Rz&nbsp;25)\u2011\u2011 nicht mit einem sozial-ethischen Unwerturteil verbunden; eine abschreckende, generalpr\u00e4ventive Wirkung ist nicht beabsichtigt. \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 AO hat damit nicht die vorrangige Funktion der Bestrafung von begangenem Unrecht. Vielmehr sanktioniert \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 AO lediglich eine (objektive) verfahrensrechtliche Pflichtverletzung im Hinblick auf die dadurch typischerweise bewirkte Verz\u00f6gerung der Abgabeneinnahmen im Verwaltungsverfahren.<\/li><li>bb) Auch sieht die Norm nicht typische strafrechtliche Sanktionen wie die Freiheitsentziehung oder die Eintragung ins Strafregister vor. Zwar k\u00f6nnen im Einzelfall die S\u00e4umniszuschl\u00e4ge in ihrer Summe sehr hoch sein. Auch kann nach \u00a7&nbsp;328 Abs.&nbsp;1 AO i.V.m. \u00a7\u00a7&nbsp;329, 334 AO eine Ersatzzwangshaft in bestimmten F\u00e4llen angeordnet werden. Dieses Zwangsmittel steht aber nicht f\u00fcr die Vollstreckung wegen Geldforderungen zur Verf\u00fcgung (vgl. z.B. Dr\u00fcen in Tipke\/Kruse, Vor \u00a7\u00a7&nbsp;328 bis 335 AO Rz&nbsp;3; Hohrmann in H\u00fcbschmann\/Hepp\/Spitaler, \u00a7&nbsp;328 AO Rz&nbsp;15). Diese Umst\u00e4nde erm\u00f6glichen daher keine Einordnung der S\u00e4umniszuschl\u00e4ge nach ihrer Art und Schwere als &#8222;Straftat&#8220; im Sinne des Art.&nbsp;6 Abs.&nbsp;2 EMRK.<\/li><li>4. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2025:U.190225.XIR18.23.0 BFH XI. Senat AO \u00a7 240 Abs 1 S 1, AO \u00a7 370, GG Art 3 Abs 1, MRK Art 6 Abs 2 vorgehend Nieders\u00e4chsisches Finanzgericht , 16. Mai 2023, Az: 11 K 113\/21 Leits\u00e4tze 1. Gegen die gesetzliche H\u00f6he des S\u00e4umniszuschlags nach \u00a7&nbsp;240 Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 der Abgabenordnung (AO) bestehen auch f\u00fcr Zeitr\u00e4ume nach &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-19-februar-2025-xi-r-18-23-verfassungsmaessigkeit-von-saeumniszuschlaegen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">BFH-Urteil vom 19. Februar 2025, XI R 18\/23: Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit von S\u00e4umniszuschl\u00e4gen<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[212],"tags":[],"class_list":["post-77765","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bfh-urteile-alle-urteile-des-bundesfinanzhofes-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77765","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77765"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77765\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77765"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77765"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77765"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}