{"id":77970,"date":"2025-09-10T11:03:34","date_gmt":"2025-09-10T09:03:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/?p=77970"},"modified":"2025-09-10T11:03:34","modified_gmt":"2025-09-10T09:03:34","slug":"bfh-urteil-vom-15-juli-2025-ix-r-13-24-rueckwirkende-anwendung-von-%c2%a7-6e-estg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-15-juli-2025-ix-r-13-24-rueckwirkende-anwendung-von-%c2%a7-6e-estg\/","title":{"rendered":"BFH-Urteil vom 15. Juli 2025, IX R 13\/24: R\u00fcckwirkende Anwendung von \u00a7\u00a06e EStG"},"content":{"rendered":"\n<p>ECLI:DE:BFH:2025:U.150725.IXR13.24.0<\/p>\n\n\n\n<p>BFH IX. Senat<\/p>\n\n\n\n<p>EStG \u00a7 6e, EStG \u00a7 52 Abs 14a, EStG \u00a7 15b, EStG VZ 2014<\/p>\n\n\n\n<p>vorgehend FG Hamburg, 21. Februar 2024, Az: 6 K 27\/22<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leits\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>Die r\u00fcckwirkende Anwendung von \u00a7&nbsp;6e des Einkommensteuergesetzes (EStG) auf Wirtschaftsjahre, die vor dem 18.12.2019 enden (\u00a7&nbsp;52 Abs.&nbsp;14a EStG), verst\u00f6\u00dft nicht gegen das verfassungsrechtliche R\u00fcckwirkungsverbot.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tenor<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Revision der Kl\u00e4gerin gegen das Urteil des Finanzgerichts Hamburg vom 21.02.2024&nbsp;&#8211; 6&nbsp;K&nbsp;27\/22 wird als unbegr\u00fcndet zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosten des Revisionsverfahrens hat die Kl\u00e4gerin zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tatbestand<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Beteiligten streiten \u00fcber die Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der r\u00fcckwirkenden Anwendung von \u00a7&nbsp;6e des Einkommensteuergesetzes (EStG) gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;52 Abs.&nbsp;14a EStG f\u00fcr den Feststellungszeitraum 2014 (Streitjahr).<\/li><li>Die Kl\u00e4gerin und Revisionskl\u00e4gerin (Kl\u00e4gerin) ist eine Immobilienprojektentwicklungsgesellschaft. Im Streitjahr erzielte sie Eink\u00fcnfte aus der Vermietung einer Immobilie. Die Mieterin nutzte die Immobilie als Studentenwohnheim. Zur Absicherung der Mieteink\u00fcnfte schloss die Kl\u00e4gerin einen Garantievertrag. Diesbez\u00fcglich leistete sie im Oktober 2014 eine Pachtgarantie und eine Pre-Opening-Zahlung an die Garantiegeberin. Die Kl\u00e4gerin behandelte die Kosten f\u00fcr die Pachtgarantie als aktiven Rechnungsabgrenzungsposten und grenzte diesen Betrag \u00fcber 25&nbsp;Jahre ab. Die Aufwendungen f\u00fcr die Pre-Opening-Zahlung behandelte sie als sofort abziehbare Werbungskosten.<\/li><li>Der Beklagte und Revisionsbeklagte (Finanzamt \u2011\u2011FA\u2011\u2011) behandelte die Zahlungen als zu aktivierende Fondsetablierungskosten im Sinne von \u00a7&nbsp;6e EStG. Auch das Finanzgericht (FG) teilte diese W\u00fcrdigung (Entscheidungen der Finanzgerichte 2024, 1292). Im finanzgerichtlichen Verfahren wurden die Beigeladenen zu 1. und 2. beigeladen.<\/li><li>Mit ihrer Revision r\u00fcgt die Kl\u00e4gerin die Verletzung materiellen Rechts. Die Anwendung von \u00a7&nbsp;6e EStG gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;52 Abs.&nbsp;14a EStG f\u00fcr das Streitjahr versto\u00dfe gegen das verfassungsrechtliche R\u00fcckwirkungsverbot.<\/li><li>Die Kl\u00e4gerin beantragt sinngem\u00e4\u00df,<br \/>das FG-Urteil vom 21.02.2024&nbsp;&#8211; 6&nbsp;K&nbsp;27\/22 aufzuheben und den Bescheid \u00fcber die gesonderte und einheitliche Feststellung von Besteuerungsgrundlagen f\u00fcr 2014 vom 03.12.2020 in Gestalt der Einspruchsentscheidung vom 24.01.2022 dahingehend zu \u00e4ndern, dass weitere Werbungskosten bei den Eink\u00fcnften aus Vermietung und Verpachtung in H\u00f6he von \u2026&nbsp;\u20ac ber\u00fccksichtigt werden.<\/li><li>Das FA beantragt,<br \/>die Revision zur\u00fcckzuweisen.<\/li><li>Die Beigeladenen haben keinen Antrag gestellt und sich im Revisionsverfahren auch nicht ge\u00e4u\u00dfert.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entscheidungsgr\u00fcnde<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II.<\/h3>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Revision ist unbegr\u00fcndet und daher nach \u00a7&nbsp;126 Abs.&nbsp;2 der Finanzgerichtsordnung (FGO) zur\u00fcckzuweisen. Die Pachtgarantie und die Pre-Opening-Zahlung f\u00fchren zu Anschaffungskosten nach \u00a7&nbsp;6e EStG (dazu unter 1.). Die r\u00fcckwirkende Anwendung von \u00a7&nbsp;6e EStG auf den Veranlagungszeitraum 2014 gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;52 Abs.&nbsp;14a EStG verst\u00f6\u00dft nicht gegen das verfassungsrechtliche R\u00fcckwirkungsverbot (dazu unter 2.).<\/li><li>1. Gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;6e Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 EStG geh\u00f6ren zu den Anschaffungskosten von Wirtschaftsg\u00fctern, die ein Steuerpflichtiger gemeinschaftlich mit weiteren Anlegern gem\u00e4\u00df einem von einem Projektanbieter vorformulierten Vertragswerk anschafft, auch die Fondsetablierungskosten im Sinne von \u00a7&nbsp;6e Abs.&nbsp;2 und Abs.&nbsp;3 EStG. Haben die Anleger in ihrer gesellschaftsrechtlichen Verbundenheit keine wesentlichen M\u00f6glichkeiten zur Einflussnahme auf das Vertragswerk, gelten die Wirtschaftsg\u00fcter im vorgenannten Sinne nach \u00a7&nbsp;6e Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 EStG als angeschafft. \u00a7&nbsp;6e EStG findet bei der Ermittlung der Vermietungseink\u00fcnfte der Kl\u00e4gerin gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;9 Abs.&nbsp;5 Satz&nbsp;2 Alternative&nbsp;4 EStG entsprechende Anwendung. Die Voraussetzungen dieser Norm sind vorliegend erf\u00fcllt.<\/li><li>a) Die Kl\u00e4gerin ist eine Projektanbieterin mit dem Ziel der Herstellung und Vermietung einer Immobilie als Studentenwohnheim. Hierf\u00fcr verwendet sie ein vorformuliertes Vertragswerk, auf welches die Anleger keine wesentlichen Einflussnahmem\u00f6glichkeiten im Sinne von \u00a7&nbsp;6e Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;2 EStG haben. Da dies zwischen den Beteiligten unstreitig ist, sieht der Senat von weiteren Erl\u00e4uterungen ab.<\/li><li>b) Die Pachtgarantie sowie die Pre-Opening-Zahlung sind Fondsetablierungskosten im Sinne von \u00a7&nbsp;6e Abs.&nbsp;2 EStG. Der Senat braucht nicht zu entscheiden, inwieweit nur mittelbar durch den Anleger getragene Aufwendungen unter \u00a7&nbsp;6e Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;1 EStG fallen. Die Zahlung der Pachtgarantie sowie die Pre-Opening-Zahlung erf\u00fcllen jedenfalls die Voraussetzungen von \u00a7&nbsp;6e Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 EStG. Dies ist zwischen den Beteiligten ebenfalls unstreitig und bedarf keiner weiteren Begr\u00fcndung.<\/li><li>2. \u00a7&nbsp;6e EStG findet auf das Streitjahr Anwendung.<\/li><li>a) Die Regelung wurde durch das Gesetz zur weiteren steuerlichen F\u00f6rderung der Elektromobilit\u00e4t und zur \u00c4nderung weiterer steuerlicher Vorschriften vom 12.12.2019 (BGBl I 2019, 2451) mit Wirkung zum 18.12.2019 (Art.&nbsp;39 Abs.&nbsp;1 des Gesetzes vom 12.12.2019) eingef\u00fcgt. Nach \u00a7&nbsp;52 Abs.&nbsp;14a EStG ist \u00a7&nbsp;6e EStG auch in Wirtschaftsjahren anzuwenden, die vor diesem Datum enden.<\/li><li>b) Die r\u00fcckwirkende Anwendung von \u00a7&nbsp;6e EStG auf das Streitjahr verst\u00f6\u00dft nicht gegen das verfassungsrechtliche R\u00fcckwirkungsverbot (so auch Geurts in Frotscher\/Geurts, EStG, \u00a7&nbsp;6e Rz&nbsp;5; Schmidt\/Kulosa, EStG, 44.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;6e Rz&nbsp;2; Brandis\/Heuermann\/R\u00fcsch, \u00a7&nbsp;6e EStG Rz&nbsp;17&nbsp;f.; BeckOK EStG\/Oellerich, 20.&nbsp;Ed. 01.11.2024, EStG \u00a7&nbsp;6e Rz&nbsp;6; Schindler in Kirchhof\/Seer, EStG, 24.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;6e Rz&nbsp;7; a.A. Kortendick\/L\u00fcken in Herrmann\/Heuer\/Raupach \u2011\u2011HHR\u2011\u2011, \u00a7&nbsp;6e EStG Rz&nbsp;4b; Schiffers in EStG&nbsp;&#8211; eKommentar, \u00a7&nbsp;6e EStG Rz&nbsp;11; Zapf, Finanz-Rundschau 2019, 804, 806&nbsp;f.; Prinz, Der Betrieb \u2011\u2011DB\u2011\u2011 2020, 2720, 2721; Haselmann\/Cropp\/Hundrieser, Deutsches Steuerrecht \u2011\u2011DStR\u2011\u2011 2020, 2580, 2584; vgl. Bolik\/Gau\u00df\/Zawodsky, Steuern und Bilanzen 2019, 765, 769).<\/li><li>aa) Die in \u00a7&nbsp;52 Abs.&nbsp;14a EStG angeordnete Geltung des \u00a7&nbsp;6e EStG auch in vor dem 18.12.2019 endenden Wirtschaftsjahren stellt eine &#8222;echte&#8220; R\u00fcckwirkung dar.<\/li><li>Eine Rechtsnorm entfaltet echte R\u00fcckwirkung, wenn ihre Rechtsfolge mit belastender Wirkung schon f\u00fcr vor dem Zeitpunkt ihrer Verk\u00fcndung bereits abgeschlossene Tatbest\u00e4nde gelten soll (st\u00e4ndige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts \u2011\u2011BVerfG\u2011\u2011, z.B. Beschluss vom 25.03.2021&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvL&nbsp;1\/11, BVerfGE 157, 177, Rz&nbsp;52, m.w.N.). Danach liegt im Steuerrecht eine &#8222;echte&#8220; R\u00fcckwirkung vor, wenn der Gesetzgeber eine bereits entstandene Steuerschuld nachtr\u00e4glich ab\u00e4ndert (BVerfG-Beschluss vom 10.10.2012&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvL&nbsp;6\/07, BVerfGE 132, 302, Rz&nbsp;44; Urteile des Bundesfinanzhofs \u2011\u2011BFH\u2011\u2011 vom 30.06.2022&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;42\/19, BFHE 278, 42, BStBl II 2023, 118, Rz&nbsp;67 und vom 05.09.2023&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;24\/20, BFHE 281, 374, Rz&nbsp;73, jeweils m.w.N.).<\/li><li>Die hier streitige gesonderte und einheitliche Feststellung der Besteuerungsgrundlagen bildet die Grundlage f\u00fcr die Festsetzung der Einkommensteuer f\u00fcr das Streitjahr. Diese ist nach \u00a7&nbsp;36 Abs.&nbsp;1 EStG mit Ablauf des 31.12.2014 entstanden und wird durch die Anordnung der r\u00fcckwirkenden Anwendung von \u00a7&nbsp;6e EStG gem\u00e4\u00df \u00a7&nbsp;52 Abs.&nbsp;14a EStG nachtr\u00e4glich zu Lasten des insoweit betroffenen Steuerpflichtigen abge\u00e4ndert. Infolge der Anwendung von \u00a7&nbsp;6e EStG sind die hierunter fallenden Aufwendungen nicht mehr unmittelbar steuermindernd ber\u00fccksichtigungsf\u00e4hig, sondern f\u00fchren zu Anschaffungskosten auf Wirtschaftsg\u00fcter.<\/li><li>bb) Gesetze mit &#8222;echter&#8220; R\u00fcckwirkung, die die Rechtsfolge eines der Vergangenheit zugeh\u00f6rigen Verhaltens nachtr\u00e4glich belastend \u00e4ndern, sind verfassungsrechtlich grunds\u00e4tzlich unzul\u00e4ssig (st\u00e4ndige Rechtsprechung des BVerfG, z.B. Beschl\u00fcsse vom 07.07.2010&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvL&nbsp;14\/02, 2&nbsp;BvL&nbsp;2\/04, 2&nbsp;BvL&nbsp;13\/05, BVerfGE 127, 1, Rz&nbsp;56 sowie vom 12.07.2023&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;482\/14, Rz&nbsp;34). Nach der Rechtsprechung des BVerfG sind aber \u2011\u2011ohne dass dies abschlie\u00dfend w\u00e4re\u2011\u2011 Fallgruppen anerkannt, in denen das R\u00fcckwirkungsverbot durchbrochen ist (BVerfG-Beschl\u00fcsse vom 12.07.2023&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;482\/14, Rz&nbsp;43; vom 15.10.2008&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;1138\/06, Rz&nbsp;14, jeweils m.w.N.). Das R\u00fcckwirkungsverbot findet im Grundsatz des Vertrauensschutzes nicht nur seinen Grund, sondern auch seine Grenze. Es gilt nicht, soweit sich kein Vertrauen auf den Bestand des geltenden Rechts bilden konnte oder ein Vertrauen auf eine bestimmte Rechtslage sachlich nicht gerechtfertigt und daher nicht schutzw\u00fcrdig war (BVerfG-Beschluss vom 12.07.2023&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;482\/14, Rz&nbsp;43, m.w.N.).<\/li><li>So ist es dem Gesetzgeber unter dem Gesichtspunkt des Vertrauensschutzes verfassungsrechtlich nicht verwehrt, eine Rechtslage r\u00fcckwirkend festzuschreiben, die vor einer Rechtsprechungs\u00e4nderung einer gefestigten Rechtsprechung und einheitlichen Rechtspraxis entsprach (BVerfG-Beschluss vom 15.10.2008&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvR&nbsp;1138\/06, Rz&nbsp;15). Ein schutzw\u00fcrdiges Vertrauen in eine bestimmte Rechtslage aufgrund h\u00f6chstrichterlicher Rechtsprechung kann allenfalls bei gefestigter, langj\u00e4hriger Rechtsprechung entstehen (BVerfG-Beschl\u00fcsse vom 21.07.2010&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvL&nbsp;11\/06, 1&nbsp;BvL&nbsp;12\/06, 1&nbsp;BvL&nbsp;13\/06, 1&nbsp;BvR&nbsp;2530\/05, BVerfGE 126, 369, unter C.I.3.c&nbsp;bb&nbsp;(2) sowie vom 25.03.2021&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvL&nbsp;1\/11, BVerfGE 157, 177, Rz&nbsp;72, jeweils m.w.N.; ausf\u00fchrlich hierzu Thesling, Deutsches Verwaltungsblatt 2024, 946, 950&nbsp;ff.). Ein schutzw\u00fcrdiges Vertrauen besteht hingegen nicht, wenn die r\u00fcckwirkende Regelung eine in der Fachgerichtsbarkeit kontroverse Auslegungsfrage entscheidet, die noch nicht h\u00f6chstrichterlich gekl\u00e4rt ist (BVerfG-Beschluss vom 17.12.2013&nbsp;&#8211; 1&nbsp;BvL&nbsp;5\/08, BVerfGE 135, 1, Rz&nbsp;56). Bei einer Rechtsprechungs\u00e4nderung kann sich ein berechtigtes Vertrauen auf eine von h\u00f6chstrichterlicher Rechtsprechung und damit allgemeiner Rechtsanwendungspraxis abweichende Rechtslage jedenfalls vor dieser \u00c4nderung nicht bilden, insbesondere wenn mit einer gesetzlichen Regelung keine Verschlechterung gegen\u00fcber dem Rechtszustand vor der Rechtsprechungs\u00e4nderung verbunden war (BVerfG-Beschluss vom 12.07.2023&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;482\/14, Rz&nbsp;45, m.w.N.).<\/li><li>cc) Nach diesen Grunds\u00e4tzen ist die durch \u00a7&nbsp;52 Abs.&nbsp;14a i.V.m. \u00a7&nbsp;6e EStG begr\u00fcndete echte R\u00fcckwirkung verfassungsrechtlich gerechtfertigt. Im Dispositionszeitpunkt im Streitjahr bestand kein schutzw\u00fcrdiges Vertrauen der Kl\u00e4gerin, die Pachtgarantie beziehungsweise die Pre-Opening-Zahlung unmittelbar steuerlich in Abzug bringen zu k\u00f6nnen. Nach der damals geltenden, gefestigten und langj\u00e4hrigen Rechtsprechung sowie einheitlichen Rechtspraxis waren Aufwendungen eines geschlossenen Fonds f\u00fcr dessen Etablierung in voller H\u00f6he als Anschaffungskosten der in gesamth\u00e4nderischer Verbundenheit erworbenen Wirtschaftsg\u00fcter zu behandeln, wenn sich die Anleger aufgrund eines vom Projektanbieter vorformulierten Vertragswerks an dem Fonds beteiligten (dazu unter aaa). Sowohl aus der Einf\u00fchrung von \u00a7&nbsp;15b EStG (dazu unter bbb) als auch aus dem BFH-Urteil vom 26.04.2018&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;33\/15 (BFHE 261, 333, BStBl II 2020, 645, dazu unter ccc) ist der Kl\u00e4gerin kein schutzw\u00fcrdiges Vertrauen erwachsen, von dieser Rechtsanwendungspraxis abweichend Fondsetablierungskosten im Streitjahr steuermindernd geltend machen zu k\u00f6nnen.<\/li><li>aaa) Bis zum BFH-Urteil vom 26.04.2018&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;33\/15 (BFHE 261, 333, BStBl II 2020, 645) wurden nach der gefestigten und langj\u00e4hrigen Rechtsprechung sowie einheitlichen Rechtspraxis Fondsetablierungskosten bei modellhafter Gestaltung, die an sich sofort abzugsf\u00e4hig gewesen w\u00e4ren, unter Anwendung von \u00a7&nbsp;42 der Abgabenordnung (AO) als Anschaffungskosten behandelt. Demzufolge wirkten sich jene Ausgaben nur \u00fcber die Absetzung f\u00fcr Abnutzung verteilt \u00fcber die Nutzungsdauer des angeschafften Wirtschaftsguts gewinnmindernd aus (fr\u00fchere st\u00e4ndige Rechtsprechung, z.B. Senatsurteile vom 14.11.1989&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;197\/84, BFHE 158, 546, BStBl II 1990, 299, unter II.; vom 08.05.2001&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;10\/96, BFHE 195, 310, BStBl II 2001, 720, unter II.1.a; vom 29.02.2012&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;13\/11, Rz&nbsp;26). Unter anderem diese Rechtsprechungsgrunds\u00e4tze wollte der Gesetzgeber mit \u00a7&nbsp;6e EStG festschreiben (BRDrucks 356\/19, S.&nbsp;111).<\/li><li>Zu den zu Anschaffungskosten f\u00fchrenden Fondsetablierungskosten geh\u00f6rten nach den bisherigen Rechtsprechungsgrunds\u00e4tzen unter anderem Mietgarantien (Senatsurteil vom 08.05.2001&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;10\/96, BFHE 195, 310, BStBl II 2001, 720, Leitsatz sowie Entscheidungsgr\u00fcnde unter II.1.b). Hierunter fallen auch die streitgegenst\u00e4ndliche Pachtgarantie und die Pre-Opening-Zahlung, da diese im Ergebnis wie die Mietgarantie der Absicherung der Erzielung von Mieteinnahmen dienen.<\/li><li>Nicht von Relevanz ist, inwiefern die streitgegenst\u00e4ndlichen Aufwendungen nach Ma\u00dfgabe des Schreibens des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) vom 20.10.2003, BStBl I 2003, 546 \u2011\u2011Bauherren- und Fonds-Erlass\u2011\u2011, insbesondere nach dessen Tz.&nbsp;17, unmittelbar als Betriebsausgaben beziehungsweise Werbungskosten abzugsf\u00e4hig gewesen w\u00e4ren. Die allgemeine Rechtspraxis entspricht der h\u00f6chstrichterlichen Rechtsprechung (vgl. BVerfG-Beschluss vom 12.07.2023&nbsp;&#8211; 2&nbsp;BvR&nbsp;482\/14, Rz&nbsp;45). Kein Teil der Rechtspraxis sind Verwaltungsanweisungen. Als Verwaltungsanweisung band der Bauherren- und Fonds-Erlass nur die Finanzverwaltung. Verwaltungsanweisungen stehen unter dem Vorbehalt einer abweichenden Auslegung der Gesetzeslage durch die Rechtsprechung, der allein es obliegt zu entscheiden, ob die Auslegung der Rechtsnorm durch die Finanzverwaltung im Einzelfall Bestand hat (BFH-Urteil vom 28.11.2019&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;28\/19, BFHE 266, 305, BStBl II 2023, 750, Rz&nbsp;53, m.w.N.).<\/li><li>bbb) Auch durch die Einf\u00fchrung von \u00a7&nbsp;15b EStG durch das Gesetz zur Beschr\u00e4nkung der Verlustverrechnung im Zusammenhang mit Steuerstundungsmodellen vom 22.12.2005 (BGBl I 2005, 3683) ist kein schutzw\u00fcrdiges Vertrauen entstanden, dass Fondsetablierungskosten abweichend von den bisherigen Rechtsprechungsgrunds\u00e4tzen unmittelbar als Betriebsausgaben beziehungsweise Werbungskosten ber\u00fccksichtigungsf\u00e4hig w\u00e4ren (so auch Schindler in Kirchhof\/Seer, EStG, 24.&nbsp;Aufl., \u00a7&nbsp;6e Rz&nbsp;7; Brandis\/Heuermann\/R\u00fcsch, \u00a7&nbsp;6e EStG Rz&nbsp;18; a.A. HHR\/Kortendick\/L\u00fcken, \u00a7&nbsp;6e EStG Rz&nbsp;4b; Haselmann\/Cropp\/Hundrieser, DStR 2020, 2580, 2583; Prinz, DB 2020, 2720, 2721).<\/li><li>\u00a7&nbsp;15b Abs.&nbsp;1 Satz&nbsp;1 EStG untersagt den Ausgleich von Verlusten im Zusammenhang mit einem Steuerstundungsmodell mit anderweitigen Eink\u00fcnften. Auf die bisherigen Rechtsprechungsgrunds\u00e4tze zur steuerlichen Ber\u00fccksichtigungsf\u00e4higkeit von Fondsetablierungskosten nimmt \u00a7&nbsp;15b EStG nicht Bezug. Zwar sprechen auch die Gesetzesmaterialien f\u00fcr die Einbeziehung der unter die bisherigen Rechtsprechungsgrunds\u00e4tze fallenden Fondsgestaltungen in den Anwendungsbereich des \u00a7&nbsp;15b EStG (BTDrucks 16\/254, S.&nbsp;5&nbsp;f.). Konkret zum Verh\u00e4ltnis der Verlustverrechnungsbeschr\u00e4nkung im Sinne von \u00a7&nbsp;15b EStG zu den bisherigen Rechtsprechungsgrunds\u00e4tzen verhalten sich die Gesetzesmaterialien jedoch nicht.<\/li><li>Wie auch die Vorinstanz erkennt, w\u00e4re es ebenso m\u00f6glich gewesen, dass \u2011\u2011wie durch \u00a7&nbsp;6e Abs.&nbsp;5 EStG nunmehr angeordnet\u2011\u2011 das unmittelbare Abzugsverbot f\u00fcr Fondsetablierungskosten nach den bisherigen Rechtsprechungsgrunds\u00e4tzen der Verlustverrechnungsbeschr\u00e4nkung vorgelagert, ungeachtet der Einf\u00fchrung von \u00a7&nbsp;15b EStG, weiterhin Anwendung findet (so auch Naujok, DStR 2007, 1601, 1602; Bock\/Raatz, DStR 2008, 1407, 1411). Die bisherigen Rechtsprechungsgrunds\u00e4tze schr\u00e4nkten die Abzugsf\u00e4higkeit bestimmter Aufwendungen ein, lie\u00dfen die Ber\u00fccksichtigung der aus der Einkunftsquelle resultierenden Verluste jedoch unber\u00fchrt. \u00a7&nbsp;15b EStG hingegen l\u00e4sst die Ermittlung der Eink\u00fcnfte aus bestimmten Einkunftsquellen unber\u00fchrt und schr\u00e4nkt deren Ausgleich mit anderweitigen Eink\u00fcnften ein. Schlie\u00dflich hielt das BMF trotz der Einf\u00fchrung von \u00a7&nbsp;15b EStG weiterhin am Bauherren- und Fonds-Erlass fest und ging unver\u00e4ndert von der Fortgeltung der bisherigen Rechtsprechungsgrunds\u00e4tze aus (vgl. BMF-Schreiben vom 17.07.2007, BStBl I 2007, 542, Tz.&nbsp;4).<\/li><li>ccc) Auch ist der Kl\u00e4gerin auf der Grundlage des BFH-Urteils vom 26.04.2018&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;33\/15 (BFHE 261, 333, BStBl II 2020, 645) kein schutzw\u00fcrdiges Vertrauen entstanden, die Pachtgarantie sowie die Pre-Opening-Zahlung abweichend von den bisherigen Rechtsprechungsgrunds\u00e4tzen nicht als Anschaffungskosten behandeln zu m\u00fcssen.<\/li><li>Nach dieser Entscheidung kann f\u00fcr die Jahre seit Inkrafttreten des \u00a7&nbsp;15b EStG zwar die auf \u00a7&nbsp;42 AO gest\u00fctzte Rechtsprechung zur Ber\u00fccksichtigung von Fondsetablierungskosten bei modellhafter Gestaltung nicht mehr angewendet werden (BFH-Urteil vom 26.04.2018&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;33\/15, BFHE 261, 333, BStBl II 2020, 645, Leitsatz und Rz&nbsp;23). Aus dieser Entscheidung ist jedoch keine gefestigte, langj\u00e4hrige Rechtsprechung entstanden. Das Urteil ist nicht durch nachfolgende Entscheidungen des BFH best\u00e4tigt worden.<\/li><li>Im \u00dcbrigen w\u00fcrde ein schutzw\u00fcrdiges Vertrauen aufgrund des BFH-Urteils vom 26.04.2018&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;33\/15 (BFHE 261, 333, BStBl II 2020, 645) nicht auf das Streitjahr zur\u00fcckwirken. Ein solches kann allenfalls mit der Ver\u00f6ffentlichung der Entscheidung am 11.07.2018, nicht jedoch r\u00fcckwirkend f\u00fcr das Streitjahr entstehen. Insbesondere ging auch der BFH in einer fr\u00fcheren Entscheidung f\u00fcr das Streitjahr 2006 von der Anwendung der bisherigen Rechtsprechungsgrunds\u00e4tze aus (vgl. BFH-Urteil vom 12.05.2016&nbsp;&#8211; IV&nbsp;R&nbsp;1\/13, BFHE 255, 65, BStBl II 2017, 489, Rz&nbsp;40, 42).<\/li><li>3. Das Verfahren ist nicht nach Art.&nbsp;100 Abs.&nbsp;1 des Grundgesetzes auszusetzen. Der erkennende Senat ist \u2011\u2011wie dargelegt\u2011\u2011 nicht davon \u00fcberzeugt, dass die in \u00a7&nbsp;52 Abs.&nbsp;14a EStG angeordnete r\u00fcckwirkende Anwendung von \u00a7&nbsp;6e EStG auf das Streitjahr gegen das verfassungsrechtliche R\u00fcckwirkungsverbot verst\u00f6\u00dft.<\/li><li>4. Die Kostenentscheidung folgt aus \u00a7&nbsp;135 Abs.&nbsp;2 FGO und \u00a7&nbsp;139 Abs.&nbsp;4 FGO. Die au\u00dfergerichtlichen Kosten der Beigeladenen haben diese selbst zu tragen, da sie keinen Sachantrag gestellt und das Verfahren auch nicht ma\u00dfgeblich gef\u00f6rdert haben (Senatsurteil vom 03.12.2024&nbsp;&#8211; IX&nbsp;R&nbsp;32\/22, zur amtlichen Ver\u00f6ffentlichung bestimmt, Rz&nbsp;71).<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ECLI:DE:BFH:2025:U.150725.IXR13.24.0 BFH IX. Senat EStG \u00a7 6e, EStG \u00a7 52 Abs 14a, EStG \u00a7 15b, EStG VZ 2014 vorgehend FG Hamburg, 21. Februar 2024, Az: 6 K 27\/22 Leits\u00e4tze Die r\u00fcckwirkende Anwendung von \u00a7&nbsp;6e des Einkommensteuergesetzes (EStG) auf Wirtschaftsjahre, die vor dem 18.12.2019 enden (\u00a7&nbsp;52 Abs.&nbsp;14a EStG), verst\u00f6\u00dft nicht gegen das verfassungsrechtliche R\u00fcckwirkungsverbot. Tenor Die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/bfh-urteil-vom-15-juli-2025-ix-r-13-24-rueckwirkende-anwendung-von-%c2%a7-6e-estg\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">BFH-Urteil vom 15. Juli 2025, IX R 13\/24: R\u00fcckwirkende Anwendung von \u00a7\u00a06e EStG<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[212],"tags":[],"class_list":["post-77970","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bfh-urteile-alle-urteile-des-bundesfinanzhofes-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77970","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77970"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77970\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77970"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77970"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.steuerschroeder.de\/steuer\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77970"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}