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Vertrauensschutz im Steuerrecht: Wann schützt Sie das Finanzamt nicht mehr – und wann doch?

Vertrauensschutz im Steuerrecht bei Steuerbescheid, Finanzamt, § 176 AO und rückwirkenden Steuergesetzen

Vertrauensschutz im Steuerrecht bedeutet: Steuerpflichtige dürfen unter bestimmten Voraussetzungen darauf vertrauen, dass ein Steuerbescheid, eine behördliche Auskunft, eine bisherige Verwaltungspraxis oder eine abgeschlossene Verfahrenslage nicht nachträglich zu ihren Lasten geändert wird. Der Vertrauensschutz schützt jedoch nicht jedes subjektive Vertrauen, sondern nur rechtlich anerkannte Vertrauenstatbestände.

Besonders wichtig ist der Vertrauensschutz bei der Änderung von Steuerbescheiden, bei geänderter Rechtsprechung, bei verbindlichen Auskünften, bei Zusagen im Anschluss an eine Außenprüfung und bei rückwirkenden Steuergesetzen. In der Praxis entscheidet häufig nicht allein die materielle Rechtslage, sondern auch, ob das Finanzamt überhaupt noch ändern darf.

Kurzüberblick: Zentral ist § 176 AO. Danach darf eine Änderung eines Steuerbescheids unter bestimmten Voraussetzungen nicht zuungunsten des Steuerpflichtigen darauf gestützt werden, dass sich eine bisherige Rechtsnorm, Rechtsprechung oder allgemeine Verwaltungsvorschrift später als unzutreffend erweist. Daneben können Treu und Glauben, verbindliche Auskünfte, verbindliche Zusagen und verfassungsrechtlicher Rückwirkungsschutz eingreifen.

Infografik: Vertrauensschutz im Steuerrecht in 6 Schritten prüfen

1. Ausgangslage Steuerbescheid, Auskunft, Zusage, Außenprüfung, Verwaltungspraxis oder Gesetzesänderung bestimmen.
2. Änderung prüfen Soll der Bescheid aufgehoben, geändert, berichtigt oder erstmals festgesetzt werden?
3. Rechtsgrundlage § 176 AO, §§ 130/131 AO, §§ 172 ff. AO, § 89 AO, §§ 204 ff. AO oder Verfassungsrecht prüfen.
4. Vertrauenstatbestand Gab es einen Bescheid, eine verbindliche Auskunft, eine Zusage oder ein eindeutiges Verhalten des Finanzamts?
5. Disposition Hat der Steuerpflichtige auf das Verhalten vertraut und daraufhin disponiert?
6. Rechtsfolge Änderungssperre, Bindungswirkung, Billigkeit, Einspruch oder gerichtlicher Rechtsschutz prüfen.

Was ist Vertrauensschutz im Steuerrecht?

Vertrauensschutz ist ein rechtsstaatlicher Grundsatz. Er soll verhindern, dass Steuerpflichtige nachträglich unbillig belastet werden, obwohl sie sich auf eine bestehende Steuerfestsetzung, eine bestimmte Verwaltungsauffassung oder eine verbindliche Erklärung der Finanzverwaltung verlassen durften.

Im Steuerrecht steht der Vertrauensschutz allerdings stets im Spannungsverhältnis zum Grundsatz der Gesetzmäßigkeit der Besteuerung. Das Finanzamt darf Steuern grundsätzlich nur nach dem Gesetz festsetzen. Deshalb greift Vertrauensschutz nicht automatisch bei jeder fehlerhaften Auskunft, jeder langjährigen Verwaltungspraxis oder jedem Irrtum des Finanzamts.

Grundsatz:
Vertrauensschutz setzt regelmäßig voraus:
Vertrauenstatbestand + schutzwürdiges Vertrauen + Disposition + keine vorrangige gesetzliche Änderungsbefugnis

Arten des Vertrauensschutzes im Steuerrecht

In der Praxis lassen sich mehrere Erscheinungsformen unterscheiden. Die richtige Einordnung ist entscheidend, weil jeweils andere Voraussetzungen und Rechtsfolgen gelten.

Art des Vertrauensschutzes Typischer Anwendungsfall Rechtsgrundlage / Leitgedanke
Vertrauensschutz bei Änderung von Steuerbescheiden Finanzamt will einen Steuerbescheid wegen späterer Rechtsprechung oder geänderter Verwaltungsauffassung zu Ihren Ungunsten ändern. § 176 AO
Vertrauensschutz durch Treu und Glauben Finanzamt verhält sich widersprüchlich, obwohl ein besonderer Vertrauenstatbestand geschaffen wurde. Allgemeiner Rechtsgrundsatz
Verbindliche Auskunft Geplanter, noch nicht verwirklichter Sachverhalt soll steuerlich vorab abgesichert werden. § 89 AO
Verbindliche Zusage nach Außenprüfung Für einen in der Außenprüfung geprüften Sachverhalt soll die künftige steuerliche Behandlung verbindlich festgelegt werden. §§ 204 bis 207 AO
Rückwirkungsvertrauensschutz Der Gesetzgeber ändert ein Steuergesetz rückwirkend zulasten der Steuerpflichtigen. Verfassungsrecht, Rechtsstaatsprinzip
Billigkeitsschutz Eine gesetzlich richtige Steuerfestsetzung führt im Einzelfall zu unbilligen Ergebnissen. §§ 163, 227 AO

§ 176 AO: Vertrauensschutz bei Änderung von Steuerbescheiden

§ 176 AO ist die zentrale Vorschrift für den Vertrauensschutz bei der Aufhebung oder Änderung von Steuerbescheiden. Die Norm schützt den Steuerpflichtigen davor, dass bestimmte spätere Rechtsentwicklungen bei einer Bescheidänderung zu seinen Ungunsten berücksichtigt werden.

Was schützt § 176 AO?

  • Vertrauen in die bisherige Gültigkeit einer Rechtsnorm,
  • Vertrauen in eine bisherige höchstrichterliche Rechtsprechung,
  • Vertrauen in eine allgemeine Verwaltungsvorschrift,
  • Vertrauen in eine bestehende Steuerfestsetzung, soweit diese später geändert werden soll.

Wann greift § 176 AO typischerweise?

Fall Vertrauensschutz möglich? Hinweis
Steuerbescheid wird nach § 164 AO geändert Ja, § 176 AO kann auch bei Vorbehalt der Nachprüfung relevant sein. Wichtig bei Außenprüfungen und Umsatzsteueranmeldungen.
Steuerbescheid ist nach § 165 AO vorläufig Einzelfallprüfung. Vorläufigkeitsumfang genau prüfen.
Erstmaliger Steuerbescheid Regelmäßig nein. § 176 AO schützt vor nachteiliger Änderung, nicht vor erstmaliger zutreffender Festsetzung.
Spätere BFH-Rechtsprechung weicht von bisheriger Verwaltungsauffassung ab Ja, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Besonders praxisrelevant bei Massenverfahren und Übergangsregelungen.
Berichtigung einer offenbaren Unrichtigkeit nach § 129 AO Regelmäßig nicht über § 176 AO. Hier geht es nicht um Rechtsänderung, sondern um mechanische Fehler.
Wichtig: § 176 AO ist keine eigene Änderungsvorschrift. Die Norm verhindert nur, dass eine eigentlich mögliche Änderung zuungunsten des Steuerpflichtigen auf bestimmte nachträgliche Rechtsentwicklungen gestützt wird.

Vertrauensschutz bei Änderung von Steuerbescheiden

Steuerbescheide können nicht beliebig geändert werden. Nach Eintritt der Bestandskraft braucht das Finanzamt eine gesetzliche Änderungsvorschrift, zum Beispiel §§ 129, 164, 165, 172, 173, 174 oder 175 AO. Erst wenn eine solche Änderungsnorm grundsätzlich eingreift, stellt sich die Frage, ob Vertrauensschutz die Änderung begrenzt.

Bescheidart / Korrekturgrund Praxisbedeutung Vertrauensschutz prüfen?
Vorbehalt der Nachprüfung (§ 164 AO) Finanzamt kann grundsätzlich umfassend ändern, solange der Vorbehalt besteht. Ja, insbesondere § 176 AO.
Vorläufigkeit (§ 165 AO) Änderung nur im Umfang des Vorläufigkeitsvermerks. Ja, Umfang der Vorläufigkeit genau lesen.
Neue Tatsachen (§ 173 AO) Änderung bei nachträglich bekannt gewordenen Tatsachen oder Beweismitteln. Ja, Mitwirkung, grobes Verschulden und Treu und Glauben prüfen.
Rückwirkendes Ereignis (§ 175 AO) Nachträglicher Sachverhalt wirkt steuerlich zurück. Ja, aber Vertrauensschutz ist oft eingeschränkt.
Offenbare Unrichtigkeit (§ 129 AO) Schreib-, Rechen- oder ähnliche mechanische Fehler. Vertrauensschutz regelmäßig schwächer.

Treu und Glauben im Steuerrecht

Der Grundsatz von Treu und Glauben ist auch im Steuerrecht anerkannt. Er verbietet widersprüchliches Verhalten der Finanzverwaltung, wenn dadurch ein besonderer Vertrauenstatbestand geschaffen wurde und der Steuerpflichtige hierauf disponiert hat.

Treu und Glauben verdrängt gesetztes Steuerrecht nur in besonders gelagerten Ausnahmefällen. Nicht jeder Fehler des Finanzamts und nicht jede frühere Sachbehandlung begründen einen Anspruch auf Fortsetzung der bisherigen Behandlung.

Typische Voraussetzungen

  • konkretes Verhalten oder konkrete Erklärung des Finanzamts,
  • objektiv schutzwürdiges Vertrauen des Steuerpflichtigen,
  • Disposition oder Aufgabe einer verfahrensrechtlichen Position,
  • späteres widersprüchliches Verhalten des Finanzamts,
  • keine überwiegenden Gründe der Gesetzmäßigkeit der Besteuerung.
Praxisbeispiel: Wird ein Finanzrechtsstreit einvernehmlich beendet und gibt der Steuerpflichtige im Vertrauen darauf eine verfahrensrechtliche Position auf, kann es dem Finanzamt nach Treu und Glauben verwehrt sein, kurze Zeit später denselben Streitpunkt mit einem inhaltsgleichen Änderungsbescheid erneut aufzugreifen.

Vertrauensschutz bei Verwaltungspraxis und Nichtbeanstandungsregelungen

Steuerpflichtige orientieren sich häufig an BMF-Schreiben, Anwendungserlassen, Ländererlassen oder Verwaltungsanweisungen. Solche Verwaltungsvorschriften binden grundsätzlich die Finanzverwaltung, nicht aber die Gerichte. Wird eine Verwaltungsvorschrift später von der Rechtsprechung als rechtswidrig beurteilt, kann § 176 AO bei einer Änderung zuungunsten des Steuerpflichtigen eingreifen.

Verwaltungshandeln Vertrauensschutz Praxis-Hinweis
BMF-Schreiben / Anwendungserlass Kann im Rahmen von § 176 AO bedeutsam sein. Fundstelle und Anwendungszeitraum dokumentieren.
Nichtbeanstandungsregelung Kann für Übergangszeiträume schützen. Fristen und Voraussetzungen genau beachten.
Einzelne telefonische Auskunft Regelmäßig kein belastbarer Vertrauensschutz. Schriftliche und verbindliche Auskunft beantragen.
Langjährige falsche Behandlung durch Finanzamt Nur ausnahmsweise geschützt. Gesetzmäßigkeit der Besteuerung bleibt vorrangig.

Verbindliche Auskunft nach § 89 AO

Die verbindliche Auskunft ist das wichtigste Instrument, um einen noch nicht verwirklichten Sachverhalt vorab steuerlich abzusichern. Sie kommt insbesondere bei Umstrukturierungen, Unternehmensverkäufen, Erbschaft- und Schenkungsteuer, Immobiliengestaltungen, internationalen Sachverhalten oder großen Investitionen in Betracht.

Voraussetzung Was ist zu beachten?
Noch nicht verwirklichter Sachverhalt Der geplante Sachverhalt muss vor Umsetzung vollständig dargestellt werden.
Besonderes steuerliches Interesse Erhebliche steuerliche Auswirkungen müssen nachvollziehbar sein.
Vollständige Sachverhaltsdarstellung Unvollständige oder unrichtige Angaben gefährden die Bindungswirkung.
Konkrete Rechtsfrage Das Finanzamt erteilt keine allgemeine Steuerplanung, sondern beurteilt konkrete Fragen.
Gebühren Verbindliche Auskünfte können gebührenpflichtig sein.
Praxis-Tipp: Bei größeren Gestaltungen sollte der Antrag auf verbindliche Auskunft die gewünschte steuerliche Würdigung ausdrücklich formulieren. Der Sachverhalt muss so vollständig sein, dass die spätere Umsetzung exakt mit dem Auskunftssachverhalt verglichen werden kann.

Verbindliche Zusage nach einer Außenprüfung

Die verbindliche Zusage unterscheidet sich von der verbindlichen Auskunft. Sie betrifft einen Sachverhalt, der im Rahmen einer Außenprüfung für die Vergangenheit geprüft wurde und dessen künftige steuerliche Behandlung für geschäftliche Maßnahmen von Bedeutung ist.

Instrument Zeitpunkt Typischer Zweck
Verbindliche Auskunft Vor Verwirklichung eines geplanten Sachverhalts. Steuerliche Absicherung einer geplanten Gestaltung.
Verbindliche Zusage Im Anschluss an eine Außenprüfung. Künftige Behandlung eines geprüften Sachverhalts absichern.
Anrufungsauskunft im Lohnsteuerrecht Vor oder während lohnsteuerlicher Behandlung. Absicherung von Arbeitgeberfragen zur Lohnsteuer.

Eine verbindliche Zusage ist für die Besteuerung bindend, wenn sich der später verwirklichte Sachverhalt mit dem der Zusage zugrunde gelegten Sachverhalt deckt. Ändert sich der Sachverhalt oder die Rechtslage, kann die Bindungswirkung entfallen oder eingeschränkt sein.

Vertrauensschutz bei rückwirkenden Steuergesetzen

Auch der Gesetzgeber ist an Vertrauensschutz gebunden. Besonders sensibel sind rückwirkende Steuergesetze. Das Bundesverfassungsgericht unterscheidet zwischen echter und unechter Rückwirkung.

Rückwirkungsart Bedeutung Vertrauensschutz
Echte Rückwirkung Ein Gesetz greift belastend in bereits abgeschlossene Tatbestände ein. Grundsätzlich unzulässig; Vertrauensschutz hat regelmäßig Vorrang.
Unechte Rückwirkung Ein Gesetz wirkt auf gegenwärtige, noch nicht abgeschlossene Sachverhalte oder Rechtspositionen ein. Grundsätzlich zulässig, aber Verhältnismäßigkeit und Vertrauensschutz sind abzuwägen.
Steuerrechtliche Besonderheit Bei periodischen Steuern ist entscheidend, ob der Steueranspruch bereits entstanden ist. Einzelfallprüfung anhand Veranlagungszeitraum, Verkündung und Belastungswirkung.
Achtung: Nicht jede belastende Gesetzesänderung ist verfassungswidrig. Entscheidend ist, ob ein abgeschlossener Sachverhalt nachträglich belastet wird oder ob der Gesetzgeber eine noch offene Rechtslage für die Zukunft beziehungsweise für einen laufenden Zeitraum ändert.

Grenzen des Vertrauensschutzes

Vertrauensschutz hat klare Grenzen. Wer unvollständige, unrichtige oder missverständliche Angaben macht, kann sich regelmäßig nicht auf schutzwürdiges Vertrauen berufen. Auch eine bloße Hoffnung auf Fortbestand einer günstigen Verwaltungspraxis reicht nicht aus.

Vertrauensschutz eher möglich

  • bestehender Steuerbescheid soll zuungunsten geändert werden,
  • Finanzamt hat einen klaren Vertrauenstatbestand geschaffen,
  • verbindliche Auskunft oder verbindliche Zusage liegt vor,
  • Steuerpflichtiger hat auf das Verhalten disponiert,
  • spätere Rechtsprechung oder Verwaltungsänderung soll rückwirkend belasten.

Vertrauensschutz eher nicht möglich

  • erstmaliger Steuerbescheid wird zutreffend erlassen,
  • Sachverhalt wurde unvollständig oder falsch dargestellt,
  • nur telefonische oder unverbindliche Auskunft,
  • offensichtlich rechtswidrige Behandlung,
  • Steuerhinterziehung oder leichtfertige Steuerverkürzung,
  • gesetzliche Änderungsvorschrift greift ohne Schutzbereich von § 176 AO.

Aktuelle BFH-Rechtsprechung und Praxisfälle

BFH vom 06.07.2023 – V R 5/21: Vertrauensschutz nach § 176 AO bei Umsatzsteuer

Der BFH hat entschieden, dass § 176 AO auch bei Steuerfestsetzungen unter dem Vorbehalt der Nachprüfung und bei Steueranmeldungen relevant sein kann. Im Streitfall ging es um die Umsatzsteuer bei Bauleistungen und die Frage, ob das Finanzamt nach geänderter Rechtsprechung und geänderter Verwaltungspraxis noch zu Lasten des Steuerpflichtigen ändern durfte.

Die Entscheidung ist für die Praxis wichtig, weil sie zeigt: Auch ein unter dem Vorbehalt der Nachprüfung stehender Bescheid ist nicht grenzenlos änderbar. § 176 AO kann eine Änderung zuungunsten des Steuerpflichtigen sperren, wenn der Steuerpflichtige auf eine bisherige Verwaltungsauffassung vertraut hat und diese Auffassung Eingang in die Steuerfestsetzung gefunden hat.

BFH vom 06.07.2016 – X R 57/13: Treu und Glauben nach Prozessbeendigung

In diesem Fall hatte das Finanzamt im finanzgerichtlichen Verfahren eine einvernehmliche Verfahrensbeendigung herbeigeführt. Der Steuerpflichtige gab im Vertrauen darauf eine verfahrensrechtliche Position auf. Später erließ das Finanzamt erneut einen inhaltsgleichen Änderungsbescheid.

Der BFH sah darin einen Verstoß gegen Treu und Glauben. Das Finanzamt durfte sich nicht zu seinem früheren Verhalten in Widerspruch setzen, nachdem der Steuerpflichtige auf die Verfahrensverständigung vertraut und disponiert hatte.

Praxisfall: Verbindliche Auskunft bei geplanter Umstrukturierung

Plant ein Unternehmer eine Umwandlung, Holdingstruktur, Betriebsaufgabe, Immobilienübertragung oder Nachfolgegestaltung, kann eine verbindliche Auskunft helfen, spätere Streitigkeiten mit dem Finanzamt zu vermeiden. Entscheidend ist eine vollständige und exakte Darstellung des geplanten Sachverhalts.

Praxisfall: Außenprüfung und verbindliche Zusage

Wird ein Dauersachverhalt in einer Außenprüfung umfassend geprüft, etwa eine Verrechnungspreismethode, eine Pensionszusage oder eine Vertragsstruktur mit Angehörigen, kann im Anschluss an die Prüfung eine verbindliche Zusage für die Zukunft sinnvoll sein.

Wie macht man Vertrauensschutz geltend?

Vertrauensschutz wird nicht automatisch berücksichtigt. In der Praxis sollte er ausdrücklich gegenüber dem Finanzamt geltend gemacht werden – je nach Verfahrensstand im Einspruch, im Antrag auf Änderung, im Antrag auf Aussetzung der Vollziehung, in der Stellungnahme zur Außenprüfung oder im Klageverfahren.

Formulierungshilfe:
„Einer Änderung zuungunsten des Steuerpflichtigen steht Vertrauensschutz entgegen. Die bisherige Behandlung beruhte auf der zum maßgeblichen Zeitpunkt geltenden Verwaltungsauffassung beziehungsweise auf einem durch das Finanzamt geschaffenen Vertrauenstatbestand. Eine nachträgliche Änderung würde gegen § 176 AO beziehungsweise gegen den Grundsatz von Treu und Glauben verstoßen.“

Checkliste: Vertrauensschutz im Steuerrecht prüfen

  1. Welche Steuerart und welcher Veranlagungszeitraum sind betroffen?
  2. Liegt bereits ein Steuerbescheid oder eine Steueranmeldung vor?
  3. Ist der Bescheid bestandskräftig, vorläufig oder unter Vorbehalt der Nachprüfung?
  4. Auf welche Änderungsvorschrift stützt sich das Finanzamt?
  5. Geht es um eine Änderung zuungunsten des Steuerpflichtigen?
  6. Hat sich Rechtsprechung, Gesetz oder Verwaltungsauffassung nachträglich geändert?
  7. Hat die frühere Rechtsauffassung Eingang in den Bescheid gefunden?
  8. Liegt eine verbindliche Auskunft, verbindliche Zusage oder schriftliche Behördenäußerung vor?
  9. Wurde der Sachverhalt vollständig und richtig offengelegt?
  10. Hat der Steuerpflichtige aufgrund des Finanzamtsverhaltens disponiert?
  11. Gibt es Ausschlussgründe wie unrichtige Angaben, Steuerhinterziehung oder offensichtliche Rechtswidrigkeit?
  12. Ist die Einspruchsfrist noch offen?
  13. Soll Aussetzung der Vollziehung beantragt werden?
  14. Sind Belege, Schreiben, Bescheide, BMF-Schreiben und Rechtsprechung dokumentiert?
  15. Ist eine verbindliche Auskunft oder verbindliche Zusage für künftige Sachverhalte sinnvoll?

Beratung zum Vertrauensschutz im Steuerrecht

Vertrauensschutz ist ein starkes Argument, aber kein Selbstläufer. Entscheidend ist die genaue verfahrensrechtliche Einordnung: Welcher Bescheid soll geändert werden? Welche Änderungsvorschrift wird angewendet? Welche frühere Rechtsauffassung war maßgeblich? Gab es eine verbindliche Aussage des Finanzamts? Wurde der Sachverhalt vollständig offengelegt?

Wir unterstützen Sie bei der Prüfung von Steuerbescheiden, Einsprüchen, Änderungsanträgen, Außenprüfungen, verbindlichen Auskünften, verbindlichen Zusagen und steuerlichen Verfahren, in denen Vertrauensschutz geltend gemacht werden soll.

FAQ Vertrauensschutz im Steuerrecht

Was bedeutet Vertrauensschutz im Steuerrecht?

Vertrauensschutz bedeutet, dass Steuerpflichtige unter bestimmten Voraussetzungen darauf vertrauen dürfen, dass eine Steuerfestsetzung, eine verbindliche Auskunft, eine Zusage oder ein bestimmtes Verhalten des Finanzamts nicht nachträglich zu ihren Lasten geändert wird.

Was regelt § 176 AO?

§ 176 AO schützt Steuerpflichtige bei der Aufhebung oder Änderung von Steuerbescheiden zu ihren Ungunsten, wenn die Änderung auf bestimmte spätere Entwicklungen in Rechtsprechung, Gesetzesbeurteilung oder Verwaltungsvorschriften gestützt werden soll.

Gilt Vertrauensschutz auch bei Bescheiden unter Vorbehalt der Nachprüfung?

Ja, § 176 AO kann auch bei Bescheiden unter dem Vorbehalt der Nachprüfung relevant sein. Der Vorbehalt eröffnet zwar grundsätzlich Änderungsmöglichkeiten, beseitigt aber nicht jeden Vertrauensschutz.

Reicht eine telefonische Auskunft des Finanzamts für Vertrauensschutz?

Regelmäßig nein. Telefonische Auskünfte sind in der Praxis schwer nachweisbar und meist nicht verbindlich. Für bedeutsame Sachverhalte sollte eine verbindliche Auskunft nach § 89 AO beantragt werden.

Was ist der Unterschied zwischen verbindlicher Auskunft und verbindlicher Zusage?

Die verbindliche Auskunft betrifft einen geplanten, noch nicht verwirklichten Sachverhalt. Die verbindliche Zusage betrifft die künftige Behandlung eines Sachverhalts, der im Rahmen einer Außenprüfung bereits geprüft wurde.

Kann das Finanzamt einen Fehler aus früheren Jahren einfach wiederholen?

Nein. Aus einer früheren fehlerhaften Behandlung folgt grundsätzlich kein Anspruch darauf, dass das Finanzamt denselben Fehler fortsetzt. Vertrauensschutz kommt nur bei besonderen Vertrauenstatbeständen in Betracht.

Was ist Vertrauensschutz nach Treu und Glauben?

Treu und Glauben schützt in besonderen Ausnahmefällen vor widersprüchlichem Verhalten des Finanzamts. Erforderlich ist ein konkreter Vertrauenstatbestand, auf den der Steuerpflichtige erkennbar vertraut und aufgrund dessen er disponiert hat.

Kann ein rückwirkendes Steuergesetz unzulässig sein?

Ja. Eine echte Rückwirkung ist grundsätzlich unzulässig, wenn sie belastend in bereits abgeschlossene Tatbestände eingreift. Bei unechter Rückwirkung ist eine Abwägung zwischen gesetzgeberischem Ziel, Verhältnismäßigkeit und Vertrauensschutz erforderlich.

Wie mache ich Vertrauensschutz geltend?

Vertrauensschutz sollte ausdrücklich und begründet im Einspruch, Änderungsantrag, Antrag auf Aussetzung der Vollziehung, in der Stellungnahme zur Außenprüfung oder im Klageverfahren geltend gemacht werden. Wichtig sind Bescheide, Schreiben, Verwaltungsanweisungen, Fristen und Nachweise über die eigene Disposition.

Weitere Informationen und Steuerrechner

Weitere hilfreiche Informationen:

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle steuerliche oder rechtliche Beratung. Ob Vertrauensschutz im Einzelfall greift, hängt entscheidend von Steuerart, Bescheidlage, Änderungsvorschrift, Sachverhaltsoffenlegung, Verwaltungsverhalten, Rechtsprechungsentwicklung und Fristen ab.

Rechtsgrundlagen zum Thema: Vertrauensschutz

AO 
AO § 176 Vertrauensschutz bei der Aufhebung und Änderung von Steuerbescheiden

AO § 176 Vertrauensschutz bei der Aufhebung und Änderung von Steuerbescheiden

UStAE 
UStAE 6a.7. Buchmäßiger Nachweis

UStAE 6a.8. Gewährung von Vertrauensschutz

UStAE 6a.7. Buchmäßiger Nachweis

UStAE 6a.8. Gewährung von Vertrauensschutz

AEAO 
AEAO Zu § 89 Beratung, Auskunft:

AEAO Zu § 164 Steuerfestsetzung unter Vorbehalt der Nachprüfung:

AEAO Zu § 176 Vertrauensschutz bei der Aufhebung und Änderung von Steuerbescheiden:

BGB 68 70

Weitere Informationen zu diesem Thema aus dem Steuer-Blog:


BFH Urteile zu diesem Thema und weiteres:


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