Alle Beiträge von steuerschroeder.de

Steuerberater

Mietwagenvermittlung und Umsatzsteuer: BFH grenzt Vermittlung vom Eigengeschäft ab

Wann handelt ein Mietwagenportal lediglich als Vermittler und wann erbringt es selbst eine umsatzsteuerpflichtige Fahrzeugvermietung? Mit Urteil vom 21. Mai 2026 (Az. V R 17/24) hat der Bundesfinanzhof (BFH) hierzu eine wichtige Entscheidung getroffen.

Nach Auffassung des BFH liegt bei einem Vermittler einer Fahrzeugvermietung jedenfalls dann kein verdecktes Eigengeschäft vor, wenn dieser die zu vermietenden Fahrzeuge nicht selbst angemietet hat und die Vertragsverhältnisse eine Vermittlungstätigkeit erkennen lassen.

Das ist besonders relevant für Mietwagenplattformen, Buchungsportale, Mobilitätsdienstleister und Unternehmen, die fremde Leistungen über das Internet vermitteln.

Denn die Einordnung als Vermittlung oder Eigengeschäft entscheidet darüber, wer die eigentliche Leistung umsatzsteuerlich erbringt, welche Umsätze anzusetzen sind und wer gegebenenfalls die Umsatzsteuer schuldet.

Worum ging es in dem Streitfall?

Die Klägerin betrieb im Streitjahr 2009 ein internationales Internetportal zur Buchung von Mietwagen.

Über die Plattform konnten Kunden Angebote unterschiedlicher Autovermieter vergleichen und passende Fahrzeuge buchen.

Der Buchungsprozess funktionierte folgendermaßen:

  • Kunden wählten über das Portal den gewünschten Mietort, Mietzeitraum und die Fahrzeugkategorie aus.
  • Die Plattform zeigte Angebote verschiedener Autovermieter einschließlich der jeweiligen Preise an.
  • Nach Auswahl eines Angebots schlossen die Kunden die Buchung online ab.
  • Der vollständige Mietpreis wurde zunächst an die Plattform gezahlt.
  • Anschließend erhielten die Kunden einen Buchungsbeleg, einen sogenannten Voucher.
  • Bei Abholung des Fahrzeugs wurde der eigentliche Mietvertrag mit dem örtlichen Autovermieter geschlossen.

In ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen wies die Plattform darauf hin, dass sie Mietwagen lediglich vermittele.

Sie übernahm grundsätzlich keine Haftung für die Erbringung der eigentlichen Vermietungsleistung.

Mit einem in Deutschland ansässigen Autovermieter bestand jedoch eine besondere Rahmenvereinbarung.

Diese sah unter anderem bestimmte Mietvolumina und eine Preisgestaltung auf Grundlage von Nettotarifen des Vermieters vor.

Warum behandelte das Finanzamt die Plattform als Fahrzeugvermieter?

Die Plattform erhielt den vollständigen Buchungspreis vom Kunden.

Sie leitete anschließend einen vereinbarten Nettobetrag an den Autovermieter weiter und behielt die Differenz als Vergütung.

Das Finanzamt vertrat deshalb die Auffassung, dass die Plattform nicht nur Mietverträge vermittelte, sondern die Fahrzeuge wirtschaftlich zunächst selbst anmietete und anschließend an die Kunden weitervermietete.

Damit läge eine sogenannte Vermietungskette vor.

Nach dieser Sichtweise hätte die Plattform gegenüber den Kunden eigene steuerbare und steuerpflichtige Vermietungsleistungen erbracht.

Die Klägerin sah sich dagegen lediglich als Vermittlerin, die gegenüber dem deutschen Fahrzeugvermieter eine eigenständige Vermittlungsleistung erbrachte.

Gerade für die umsatzsteuerliche Behandlung war dieser Unterschied entscheidend.

Wie hatte das Finanzgericht Köln entschieden?

Das Finanzgericht Köln folgte zunächst der Auffassung des Finanzamts.

Mit Urteil vom 25. Juli 2023 (Az. 8 K 1512/19) nahm es ein sogenanntes verdecktes Eigengeschäft an.

Nach seiner Auffassung sprach die Rahmenvereinbarung zwischen der Plattform und dem Autovermieter dafür, dass die Klägerin wirtschaftlich selbst Vermietungsleistungen eingekauft und weiterverkauft hatte.

Daran änderte aus Sicht des Finanzgerichts auch nichts, dass die Plattform gegenüber den Kunden ausdrücklich als Vermittlerin auftrat.

Die Klägerin legte Revision beim Bundesfinanzhof ein.

Was hat der Bundesfinanzhof entschieden?

Der BFH gab der Revision statt.

Er hob sowohl das Urteil des Finanzgerichts Köln als auch den angefochtenen Umsatzsteuerbescheid und die Einspruchsentscheidung auf.

Nach Auffassung des BFH war die Klägerin tatsächlich als Vermittlerin tätig.

Ein verdecktes Eigengeschäft lag nicht vor.

Dafür waren insbesondere folgende Umstände entscheidend:

  • Die Plattform trat gegenüber den Kunden erkennbar als Vermittlerin auf.
  • Der eigentliche Mietvertrag wurde zwischen dem Kunden und dem Fahrzeugvermieter geschlossen.
  • Die Klägerin hatte die zu vermietenden Fahrzeuge nicht selbst angemietet.
  • Die Vereinbarung über Mietvolumina bedeutete keine tatsächliche Übernahme der Vermietungsleistungen.
  • Der Zahlungsfluss allein bestimmte nicht, wer umsatzsteuerlich als Leistender anzusehen war.
  • Der Voucher dokumentierte die Reservierung und die bereits erfolgte Zahlung, nicht aber eine eigene Vermietungsleistung der Plattform.

Der BFH stellte damit klar, dass aus einer wirtschaftlich engen Zusammenarbeit zwischen Vermittler und Vermieter nicht automatisch auf ein Eigengeschäft geschlossen werden darf.

Was ist eine Vermittlungsleistung im Umsatzsteuerrecht?

Eine Vermittlungsleistung liegt grundsätzlich vor, wenn ein Unternehmer zwischen zwei anderen Parteien tätig wird, um den Abschluss eines Vertrags zu ermöglichen.

Der Vermittler nimmt dabei nicht selbst die Stellung einer Vertragspartei der vermittelten Hauptleistung ein.

Seine eigene Leistung besteht beispielsweise darin,

  • geeignete Vertragspartner zusammenzuführen,
  • Angebote bereitzustellen,
  • Buchungen entgegenzunehmen,
  • Vertragsabschlüsse organisatorisch vorzubereiten oder
  • Informationen zwischen den Beteiligten zu vermitteln.

Der Vermittler erbringt somit eine eigenständige Leistung.

Bei einer Mietwagenvermittlung ist zu unterscheiden zwischen der Vermittlungsleistung an den Auftraggeber und der eigentlichen Fahrzeugvermietung an den Kunden.

Der BFH verweist hierzu unter anderem auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs zum Vermittlungsbegriff, insbesondere das Urteil vom 21. Juni 2007 (C-453/05, Ludwig).

Was ist der Unterschied zwischen Vermittlung und Eigengeschäft?

Für die Umsatzsteuer ist entscheidend, in welcher Rolle das Unternehmen gegenüber den Beteiligten tätig wird.

KriteriumVermittlungsleistungEigengeschäft
Rolle der PlattformVermittler zwischen Kunde und AnbieterSelbst Anbieter der Hauptleistung
VertragsbeziehungKunde schließt Vertrag mit dem eigentlichen VermieterPlattform erbringt die Vermietung gegenüber dem Kunden
Eigene LeistungVermittlung des VertragsVermietung des Fahrzeugs
Umsatzsteuerliche BetrachtungVermittlungsvergütungEntgelt für die eigene Vermietungsleistung
Maßgebliche PrüfungVerträge und tatsächliche DurchführungEigene Leistungs- und Verpflichtungsstellung

Nicht jede Besonderheit der Preisgestaltung oder Zahlungsabwicklung führt zu einem Eigengeschäft.

Entscheidend ist vielmehr die zutreffende Zuordnung der Leistungen anhand der tatsächlichen und rechtlichen Verhältnisse.

Warum ist die eigene Anmietung des Fahrzeugs so wichtig?

Der zentrale Leitsatz des BFH stellt darauf ab, ob der Vermittler das zu vermietende Fahrzeug selbst angemietet hat.

Im Streitfall fehlte es gerade daran.

Die Plattform hatte zwar einen Rahmenvertrag über bestimmte Mietvolumina abgeschlossen.

Diese Vereinbarungen beschrieben nach Auffassung des BFH jedoch lediglich eine Bandbreite der beabsichtigten Vermittlungstätigkeit.

Sie bedeuteten nicht, dass die Plattform bereits selbst konkrete Fahrzeuge angemietet hatte.

Auch der spätere Abschluss des Mietvertrags direkt zwischen Kunde und Autovermieter sprach gegen eine eigene Vermietungsleistung der Plattform.

Ohne eigene Anmietung der Fahrzeuge konnte dem Vermittler im entschiedenen Sachverhalt nicht allein aufgrund der Rahmenvereinbarung eine verdeckte Weitervermietung zugerechnet werden.

Das Urteil bedeutet allerdings nicht, dass bei tatsächlicher eigener Anmietung stets ein Eigengeschäft vorliegen muss. Auch dann sind die gesamten Vertragsverhältnisse zu untersuchen.

Reicht es für ein Eigengeschäft aus, dass der Vermittler den gesamten Mietpreis erhält?

Nein.

Der BFH stellte ausdrücklich klar, dass der Zahlungsfluss für sich genommen nicht entscheidend dafür ist, wer eine Leistung erbringt.

Im Streitfall zahlten die Kunden den gesamten Buchungspreis an die Plattform.

Diese behielt einen selbst bestimmten Aufschlag und leitete den vereinbarten Nettotarif an den Autovermieter weiter.

Eine solche Zahlungsabwicklung kann Teil einer Vermittlungstätigkeit sein.

Der Vermittler muss seine Vergütung also nicht zwingend gesondert vom Vermieter ausgezahlt bekommen.

Er kann sie unter entsprechenden Voraussetzungen auch durch Einbehaltung eines Teils des vereinnahmten Kundenentgelts erhalten.

Entscheidend bleibt, für wessen Rechnung die Beträge vereinnahmt werden und welche Leistungen die Beteiligten tatsächlich erbringen.

Praxisbeispiel: Mietwagenportal behält eine Vermittlungsprovision ein

Ein Kunde bucht über eine Onlineplattform einen Mietwagen.

Der Gesamtpreis beträgt beispielhaft 300 Euro.

Die Plattform erhält diesen Betrag vom Kunden und leitet 255 Euro an den Fahrzeugvermieter weiter.

Die verbleibenden 45 Euro stellen nach den zugrunde gelegten Vereinbarungen die Vermittlungsvergütung dar.

PositionBetrag
Zahlung des Kunden300 €
Weiterleitung an Fahrzeugvermieter255 €
Vermittlungsvergütung der Plattform45 €

Wenn die Plattform tatsächlich nur vermittelt und der Mietvertrag unmittelbar zwischen dem Kunden und dem Fahrzeugvermieter zustande kommt, ist die Vermittlungsleistung umsatzsteuerlich von der Fahrzeugvermietung zu unterscheiden.

Die Zahlen sind lediglich ein vereinfachtes Beispiel.

Wichtig: Die Tabelle ist keine abschließende Berechnung der umsatzsteuerlichen Bemessungsgrundlagen. Diese hängen von den konkreten Vertrags- und Abrechnungsbedingungen ab. Insbesondere darf aus der bloßen Differenz zweier Zahlungen nicht ohne weitere Prüfung auf eine bestimmte Nettoprovision geschlossen werden.

Welche Bedeutung hat das Urteil für § 13b UStG?

Das BFH-Verfahren betraf ein Unternehmen, das seine Geschäftstätigkeit im Streitjahr von einem Staat außerhalb der Europäischen Union aus betrieb.

Es vermittelte Fahrzeugvermietungen eines in Deutschland ansässigen Unternehmens.

Für solche grenzüberschreitenden Geschäftsbeziehungen kann das sogenannte Reverse-Charge-Verfahren nach § 13b UStG relevant sein.

Dabei geht die Umsatzsteuerschuld unter bestimmten Voraussetzungen vom leistenden Unternehmer auf den Leistungsempfänger über.

Der BFH bestätigte im konkreten Fall, dass die Plattform gegenüber dem inländischen Autovermieter eine Vermittlungsleistung erbracht hatte, für die dieser als Leistungsempfänger nach § 13b UStG die Steuer schuldete.

Die Plattform hatte demnach nicht selbst eine in Deutschland steuerpflichtige Fahrzeugvermietung an die Endkunden ausgeführt.

Für internationale Vermittlungsplattformen kann die Abgrenzung deshalb unmittelbar darüber entscheiden, wer die Umsatzsteuer erklären und abführen muss.

Bei der Übertragung auf aktuelle Sachverhalte sind die jeweils geltenden Vorschriften zum Leistungsort und zur Steuerschuldnerschaft zu beachten.

Können auch andere Onlineplattformen von dem Urteil profitieren?

Die Entscheidung betrifft unmittelbar die Vermittlung von Fahrzeugvermietungen.

Die zugrunde liegende Abgrenzung zwischen einer Vermittlungstätigkeit und einem Eigengeschäft kann jedoch auch bei anderen Geschäftsmodellen bedeutsam sein.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Buchungsportale für Dienstleistungen,
  • Vermittlungsplattformen für Fahrzeuge und Mobilitätsangebote,
  • Agenturen mit zentraler Zahlungsabwicklung,
  • Plattformen mit Rahmenverträgen über bestimmte Leistungskontingente,
  • international tätige Vermittlungsunternehmen.

Allerdings darf der konkrete Leitsatz nicht ungeprüft auf jedes Plattformmodell übertragen werden.

Insbesondere können Sonderregelungen, etwa die Leistungskommission nach § 3 Abs. 11 UStG oder besondere Vorschriften für elektronische Schnittstellen, zu einer anderen umsatzsteuerlichen Behandlung führen.

Welche Bedeutung haben Allgemeine Geschäftsbedingungen und Buchungsbelege?

Im Streitfall waren die vertraglichen Unterlagen besonders wichtig.

Die Plattform hatte in ihren AGB deutlich gemacht, dass sie Mietwagen vermittle und nicht selbst vermiete.

Auch die Buchungsbestätigungen und Voucher wiesen auf die Vermittlerstellung hin.

Zudem mussten die Kunden bei der Fahrzeugübernahme einen Mietvertrag mit dem tatsächlichen Autovermieter abschließen.

Diese Umstände bestätigten nach Auffassung des BFH die rechtliche Stellung der Plattform als Vermittlerin.

Allerdings reicht es nicht aus, ein Unternehmen lediglich im Vertrag als Vermittler zu bezeichnen.

Die tatsächliche Durchführung der Leistungen muss mit der gewählten Vertragsgestaltung übereinstimmen.

Steuer-Tipp: Vertragsunterlagen und Zahlungsflüsse aufeinander abstimmen

Wenn Sie eine Plattform oder Agentur betreiben, die Leistungen anderer Unternehmen vermittelt, sollten Ihre Verträge die tatsächlichen Leistungsbeziehungen eindeutig abbilden.

Prüfen Sie insbesondere:

  • Wer ist Vertragspartner des Endkunden?
  • Wer schuldet die eigentliche Hauptleistung?
  • Wer trägt die Verantwortung für deren Erfüllung?
  • Wer vereinnahmt die Kundenzahlungen und in welcher Funktion?
  • Wie wird die Vermittlungsvergütung berechnet?
  • Werden Buchungsbestätigungen und Rechnungen entsprechend ausgestellt?

Eine klare Vertragsgestaltung kann helfen, spätere umsatzsteuerliche Streitigkeiten zu vermeiden.

Achtung: Die Bezeichnung „Vermittler“ allein genügt nicht

Ein häufiger Fehler besteht darin, ein Geschäftsmodell allein aufgrund einer Formulierung in den AGB als Vermittlung einzuordnen.

Für die Umsatzsteuer sind jedoch die tatsächlichen Vertragsbeziehungen und die wirtschaftliche Durchführung entscheidend.

Wer selbst die Hauptleistung schuldet und gegenüber dem Endkunden als Leistungserbringer auftritt, kann trotz einer abweichenden Bezeichnung ein Eigengeschäft ausführen.

Umgekehrt wird eine Plattform nicht allein deshalb selbst zum Vermieter, weil sie Kundenzahlungen entgegennimmt oder eigene Preisaufschläge kalkuliert.

Gerade bei internationalen Plattformen kann eine falsche Zuordnung erhebliche steuerliche Folgen haben.

Was sollten Vermittlungsplattformen jetzt prüfen?

Checkliste für die Praxis

  • Stellen Sie fest, wer gegenüber dem Endkunden rechtlich als Leistungserbringer auftritt.
  • Prüfen Sie Ihre Rahmenverträge mit den eigentlichen Anbietern.
  • Untersuchen Sie, ob Sie die vermittelten Leistungen selbst einkaufen oder beziehen.
  • Dokumentieren Sie die Vertragsabschlüsse zwischen Anbietern und Kunden.
  • Kontrollieren Sie die Bedeutung von Buchungsbelegen und Vouchern.
  • Prüfen Sie, ob die Zahlungsabwicklung Ihre Vermittlerstellung zutreffend widerspiegelt.
  • Unterscheiden Sie zwischen Vermittlungsprovision und Entgelt für die Hauptleistung.
  • Beachten Sie gegebenenfalls § 3 Abs. 11 UStG zur Leistungskommission.
  • Prüfen Sie bei grenzüberschreitenden Leistungen die Regeln zum Leistungsort und zu § 13b UStG.
  • Lassen Sie offene Umsatzsteuerfälle mit vergleichbaren Vertragsmodellen überprüfen.

Fazit: Nicht jede Buchungsplattform wird selbst zum Leistungserbringer

Mit Urteil vom 21. Mai 2026 (Az. V R 17/24) hat der Bundesfinanzhof die Abgrenzung zwischen Vermittlungsleistungen und Eigengeschäften bei der Onlinevermietung von Fahrzeugen konkretisiert.

Ein Vermittler tätigt nach den Grundsätzen des Urteils jedenfalls dann kein verdecktes Eigengeschäft, wenn er die zu vermietenden Fahrzeuge nicht selbst angemietet hat und die tatsächlichen Vertragsverhältnisse für eine Vermittlung sprechen.

Weder die Vereinnahmung des vollständigen Kundenentgelts noch die Vereinbarung bestimmter Mietvolumina führen für sich genommen zu einer eigenen Fahrzeugvermietung.

Für Betreiber von Vermittlungsplattformen zeigt die Entscheidung, wie wichtig die genaue umsatzsteuerliche Zuordnung der Leistungen ist.

Sie entscheidet unter anderem über die Bemessungsgrundlage, die Rechnungsstellung und die mögliche Steuerschuldnerschaft nach § 13b UStG.

Sie betreiben eine Vermittlungsplattform oder rechnen Dienstleistungen anderer Unternehmen gegenüber Endkunden ab? Wir unterstützen Sie gerne bei der umsatzsteuerlichen Prüfung Ihrer Geschäftsmodelle, Vertragsgestaltung und grenzüberschreitenden Leistungsbeziehungen.


Häufige Fragen zur Vermittlungsleistung und zum Eigengeschäft

Was ist eine Vermittlungsleistung im Umsatzsteuerrecht?

Eine Vermittlungsleistung liegt grundsätzlich vor, wenn ein Unternehmer den Abschluss eines Vertrags zwischen anderen Parteien ermöglicht, ohne selbst die vermittelte Hauptleistung zu erbringen.

Wann wird ein Mietwagenportal umsatzsteuerlich selbst zum Vermieter?

Das hängt von den tatsächlichen Vertragsverhältnissen ab. Ein Eigengeschäft kann insbesondere dann in Betracht kommen, wenn die Plattform selbst Vermietungsleistungen bezieht und gegenüber dem Kunden als Vermieter auftritt.

Wird ein Vermittler zum Vermieter, wenn er den gesamten Mietpreis kassiert?

Nein, nicht automatisch. Nach dem BFH-Urteil V R 17/24 ist der Zahlungsfluss allein nicht entscheidend dafür, wer umsatzsteuerlich die Leistung erbringt.

Welche Bedeutung haben vereinbarte Mietwagenkontingente?

Kontingentvereinbarungen führen nicht automatisch zu einer eigenen Anmietung der Fahrzeuge. Entscheidend ist, ob die Plattform die Vermietungsleistungen tatsächlich selbst bezieht oder lediglich Buchungen vermittelt.

Warum ist § 13b UStG für internationale Vermittler wichtig?

Bei bestimmten grenzüberschreitenden Leistungen kann die Umsatzsteuerschuld auf den inländischen Leistungsempfänger übergehen. Im entschiedenen Fall war der deutsche Autovermieter für die bezogene Vermittlungsleistung Steuerschuldner.

Ist die Leistungskommission dasselbe wie eine Vermittlung?

Nein. Bei einer Leistungskommission nach § 3 Abs. 11 UStG handelt ein Unternehmer im eigenen Namen, aber für fremde Rechnung. Umsatzsteuerlich wird die betreffende Leistung dann als an ihn und von ihm erbracht behandelt.

Wie hat der BFH im Verfahren V R 17/24 entschieden?

Der BFH gab der Revision der Vermittlungsplattform statt. Er hob das Urteil des Finanzgerichts Köln sowie den angefochtenen Umsatzsteuerbescheid und die Einspruchsentscheidung auf.


Quellen und Rechtsgrundlagen

  • Bundesfinanzhof, Urteil vom 21.05.2026, Az. V R 17/24, ECLI:DE:BFH:2026.210526.VR17.24.0, veröffentlicht am 24.09.2026.
  • Finanzgericht Köln, Urteil vom 25.07.2023, Az. 8 K 1512/19, EFG 2024, S. 506 – aufgehoben durch den BFH.
  • § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG – Steuerbare Umsätze.
  • § 3 Abs. 11 UStG – Leistungskommission.
  • § 3a Abs. 2 UStG – Leistungsort bei sonstigen Leistungen an Unternehmer.
  • § 13b UStG – Steuerschuldnerschaft des Leistungsempfängers.
  • Art. 2 Abs. 1 Buchst. c der Richtlinie 2006/112/EG – Steuerbarkeit entgeltlicher Dienstleistungen.
  • EuGH, Urteil vom 21.06.2007, C-453/05, Ludwig, ECLI:EU:C:2007:369 – Begriff der Vermittlungsleistung.
  • BFH, Urteil vom 08.09.2011, V R 42/10, BFHE 235, 492, BStBl II 2012, S. 248.
  • BFH, Urteil vom 15.03.2022, V R 35/20, BFHE 276, 377, BStBl II 2023, S. 150.

Rechtsstand: 25. Oktober 2026.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Steuerreform 2027: Mehr Kindergeld, höhere Freibeträge und neue Steuersätze geplant

Die Bundesregierung plant ab 2027 eine umfassende Einkommensteuerreform. Mit höheren Grundfreibeträgen, einer Anhebung des Kindergeldes und Änderungen am Einkommensteuertarif sollen vor allem Familien sowie Menschen mit geringen und mittleren Einkommen entlastet werden.

Grundlage ist der Entwurf eines Einkommensteuerreformgesetzes 2027 (Bundestagsdrucksache 21/8235), über den der Deutsche Bundestag am 8. Oktober 2026 erstmals beraten hat.

Die Reform soll in zwei Stufen umgesetzt werden: Erste Änderungen sind für den 1. Januar 2027, weitere Anpassungen für den 1. Januar 2028 vorgesehen.

Allerdings enthält der Gesetzentwurf nicht nur Entlastungen. Auch höhere Steuersätze für sehr hohe Einkommen, eine Einschränkung der steuerlichen Förderung von Handwerkerleistungen und eine höhere Pauschsteuer auf Minijobs sind geplant.

Wichtig: Die Steuerreform befindet sich noch im Gesetzgebungsverfahren. Sämtliche nachfolgend beschriebenen Änderungen sind geplante Regelungen und noch nicht geltendes Recht.

Welche Änderungen sind bei der Einkommensteuer geplant?

Die Bundesregierung möchte den Einkommensteuertarif verändern und verschiedene steuerliche Freibeträge erhöhen.

Die wichtigsten Maßnahmen im Überblick:

Regelung20262027 geplant2028 geplant
Grundfreibetrag12.348 €12.564 €12.900 €
Kindergeld pro Kind und Monat259 €267 €272 €
Kinderfreibeträge einschließlich BEA-Freibetrag, zusammen für beide Eltern9.756 €10.056 €10.236 €
Arbeitnehmer-Pauschbetrag1.230 €1.430 €1.430 €

Die Änderungen betreffen unterschiedliche Bereiche des Einkommensteuerrechts.

Während der Grundfreibetrag das steuerfreie Existenzminimum Erwachsener berücksichtigt, dienen Kinderfreibeträge und Kindergeld dem Familienleistungsausgleich.

Die Anhebung des Arbeitnehmer-Pauschbetrags soll dagegen insbesondere Beschäftigte entlasten.

Die angegebenen Werte für 2027 und 2028 entsprechen dem Regierungsentwurf und stehen unter dem Vorbehalt der parlamentarischen Beratungen.

Wie stark soll der Grundfreibetrag steigen?

Der steuerliche Grundfreibetrag soll 2027 von derzeit 12.348 Euro auf 12.564 Euro steigen.

Das entspricht einer Erhöhung um 216 Euro.

Für das Jahr 2028 ist eine weitere Anhebung auf 12.900 Euro geplant.

Der Grundfreibetrag stellt sicher, dass das steuerliche Existenzminimum grundsätzlich nicht der Einkommensteuer unterliegt.

Bei Einzelveranlagung bleibt deshalb ein zu versteuerndes Einkommen bis zur jeweiligen Grenze tariflich steuerfrei.

Bei zusammenveranlagten Ehepaaren wirkt sich der Grundfreibetrag im Rahmen des Splittingverfahrens grundsätzlich in doppelter Höhe aus.

Wichtig: Ein um 216 Euro höherer Grundfreibetrag bedeutet nicht, dass jeder Steuerpflichtige 216 Euro weniger Einkommensteuer zahlt.

Die tatsächliche Entlastung ergibt sich aus dem Einkommensteuertarif und hängt von den persönlichen Einkommensverhältnissen ab.

Wie soll sich der Einkommensteuertarif verändern?

Neben dem Grundfreibetrag plant die Bundesregierung weitere Änderungen der Einkommensteuerprogression.

Insbesondere soll die sogenannte zweite Progressionszone abgeflacht werden.

Diese Zone betrifft nach dem Entwurf zu versteuernde Einkommen zwischen 17.800 Euro und 70.600 Euro.

Die Anpassung soll vor allem kleinere und mittlere Einkommen entlasten.

Dabei ist zwischen dem zu versteuernden Einkommen und dem Bruttogehalt zu unterscheiden.

Das zu versteuernde Einkommen ergibt sich erst nach Berücksichtigung der steuerlich relevanten Abzüge und Freibeträge.

Wie hoch die individuelle Steuerersparnis tatsächlich ausfällt, hängt deshalb unter anderem von Einkommen, Familienstand und abzugsfähigen Aufwendungen ab.

Wie viel Kindergeld soll es 2027 und 2028 geben?

Auch beim Kindergeld sieht der Regierungsentwurf höhere Leistungen vor.

Der monatliche Kindergeldbetrag soll in zwei Schritten steigen:

  • 2026: 259 Euro je Kind.
  • 2027 geplant: 267 Euro je Kind.
  • 2028 geplant: 272 Euro je Kind.

Für Familien mit mehreren Kindern kann sich daraus eine spürbare jährliche Verbesserung ergeben.

Rechenbeispiel: Familie mit zwei Kindern

Eine Familie hat zwei kindergeldberechtigte Kinder.

ZeitraumKindergeld monatlichKindergeld jährlich
2026518 €6.216 €
2027 geplant534 €6.408 €
2028 geplant544 €6.528 €

Bei Umsetzung des Gesetzentwurfs würde die Familie im Jahr 2027 insgesamt 192 Euro mehr Kindergeld als 2026 erhalten.

Ab 2028 läge die jährliche Erhöhung gegenüber 2026 bei 312 Euro.

Die Berechnung unterstellt einen ganzjährigen Kindergeldanspruch für beide Kinder.

Was soll sich beim Kinderfreibetrag ändern?

Neben dem Kindergeld sollen auch die steuerlichen Freibeträge für Kinder steigen.

Für das Jahr 2027 sieht der Regierungsentwurf einen gesamten Freibetrag von 10.056 Euro je Kind bei zusammen betrachteten Elternanteilen vor.

Dieser Betrag umfasst den Kinderfreibetrag für das sächliche Existenzminimum und den Freibetrag für Betreuungs-, Erziehungs- oder Ausbildungsbedarf.

Für 2028 ist eine weitere Erhöhung auf 10.236 Euro geplant.

Wichtig ist dabei die sogenannte Günstigerprüfung.

Das Finanzamt prüft im Rahmen der Einkommensteuerveranlagung, ob die steuerliche Wirkung der Kinderfreibeträge für die Eltern günstiger ist als das bereits berücksichtigte Kindergeld.

Kindergeld und Kinderfreibeträge sind deshalb grundsätzlich nicht als zwei voneinander unabhängige, vollständig kumulierbare Entlastungen zu verstehen.

Wer profitiert von einem höheren Arbeitnehmer-Pauschbetrag?

Der Arbeitnehmer-Pauschbetrag soll von bisher 1.230 Euro auf 1.430 Euro steigen.

Damit könnten Arbeitnehmer künftig pauschal 200 Euro mehr Werbungskosten berücksichtigen, ohne dafür einzelne beruflich veranlasste Aufwendungen nachweisen zu müssen.

Wer bereits höhere tatsächliche Werbungskosten geltend macht, profitiert von dieser Änderung dagegen nicht automatisch.

Praxisbeispiel: Arbeitnehmer mit geringen Werbungskosten

Ein Arbeitnehmer hat jährlich tatsächlich 600 Euro beruflich veranlasste Aufwendungen.

Nach der geplanten Neuregelung könnte bei der Ermittlung seiner Einkünfte aus nichtselbstständiger Arbeit grundsätzlich der höhere Pauschbetrag von 1.430 Euro berücksichtigt werden.

Das wären 200 Euro mehr als bisher.

Die tatsächliche Steuerersparnis entspricht allerdings nicht den 200 Euro selbst, sondern richtet sich nach der steuerlichen Wirkung des zusätzlichen Werbungskostenabzugs.

Bei einem rein beispielhaften Grenzsteuersatz von 30 Prozent ergäbe sich eine Entlastung von etwa 60 Euro.

Die individuellen Ergebnisse können davon abweichen.

Wird der Reichensteuersatz erhöht?

Ja. Zur Gegenfinanzierung der Entlastungsmaßnahmen sieht der Gesetzentwurf Änderungen für besonders hohe Einkommen vor.

Nach dem Entwurf soll der Steuersatz von 45 Prozent bereits ab einem zu versteuernden Einkommen von 250.000 Euro gelten.

Zusätzlich ist eine neue Tarifstufe mit 47 Prozent für zu versteuernde Einkommen ab 280.000 Euro vorgesehen.

Diese Werte beziehen sich auf den Grundtarif. Bei zusammenveranlagten Ehepaaren ergeben sich aufgrund des Splittingverfahrens andere entsprechende Einkommensgrenzen.

Entscheidend: Die genannten Steuersätze sind Grenzsteuersätze. Sie gelten nicht rückwirkend für das gesamte Einkommen, sondern für den jeweils betroffenen Einkommensteil.

Damit sollen nach den Vorstellungen der Bundesregierung die vorgesehenen Entlastungen teilweise gegenfinanziert werden.

Was ändert sich bei Handwerkerleistungen?

Nicht alle geplanten Änderungen bringen steuerliche Vorteile.

So soll die Steuerermäßigung für Handwerkerleistungen nach § 35a Abs. 3 EStG eingeschränkt werden.

Derzeit können unter den gesetzlichen Voraussetzungen 20 Prozent der begünstigten Aufwendungen direkt von der Einkommensteuer abgezogen werden, höchstens 1.200 Euro jährlich.

Nach dem Regierungsentwurf sollen künftig nur noch 15 Prozent, maximal 900 Euro, berücksichtigt werden können.

Rechenbeispiel: Handwerkerrechnung

Ein Eigentümer lässt begünstigte Renovierungsarbeiten durchführen.

Die steuerlich berücksichtigungsfähigen Arbeitskosten betragen 5.000 Euro.

BerechnungBisherGeplant ab 2027
Begünstigte Kosten5.000 €5.000 €
Fördersatz20 %15 %
Mögliche Steuerermäßigung1.000 €750 €

In diesem Beispiel würde sich die mögliche Steuerermäßigung um 250 Euro verringern.

Die tatsächliche Inanspruchnahme setzt weiterhin die gesetzlichen Voraussetzungen voraus, insbesondere eine ordnungsgemäße Rechnung und die erforderliche unbare Zahlung.

Achtung: Handwerkerleistungen könnten steuerlich weniger attraktiv werden

Wer Renovierungs-, Erhaltungs- oder Modernisierungsmaßnahmen plant, sollte die mögliche Änderung der Steuerermäßigung im Blick behalten.

Allerdings sollte eine Beauftragung nicht allein aufgrund eines noch nicht verabschiedeten Gesetzes vorgezogen werden.

Entscheidend sind die tatsächliche Leistungserbringung, der steuerlich maßgebliche Zahlungszeitpunkt und die endgültigen gesetzlichen Regelungen.

Was ist für Minijobs geplant?

Auch bei der Pauschalbesteuerung von Minijobs sieht der Entwurf Änderungen vor.

Der einheitliche Pauschsteuersatz nach § 40a Abs. 2 EStG soll von derzeit 2 Prozent auf 5 Prozent angehoben werden.

Diese Änderung ist besonders für Arbeitgeber relevant, die Minijobber beschäftigen und die entsprechende pauschale Besteuerung anwenden.

Steuer-Tipp für Arbeitgeber

Prüfen Sie frühzeitig, wie sich ein höherer Pauschsteuersatz auf Ihre Personal- und Lohnnebenkosten auswirken würde.

Wenn Sie mehrere Minijobber beschäftigen, kann die Änderung in der Summe zu zusätzlichen Kosten führen.

Die Lohnabrechnung sollte nach einer möglichen Verabschiedung des Gesetzes rechtzeitig angepasst werden.

Welche Änderung ist bei Sonn- und Feiertagszuschlägen vorgesehen?

Die Bundesregierung möchte außerdem die steuerliche Behandlung bestimmter Sonn- und Feiertagszuschläge verbessern.

Nach § 3b EStG ist die Steuerfreiheit solcher Zuschläge unter anderem an einen maximal berücksichtigungsfähigen Grundlohn gebunden.

Dieser soll für Sonn- und Feiertagsarbeit von bisher 50 Euro auf 75 Euro je Stunde steigen.

Für Nachtarbeit soll die bisherige Grenze von 50 Euro dagegen bestehen bleiben.

Von der geplanten Änderung könnten insbesondere Beschäftigte profitieren, die höher vergütete Sonn- oder Feiertagsarbeit leisten.

Allerdings müssen die übrigen Voraussetzungen des § 3b EStG weiterhin erfüllt sein.

Dazu gehört insbesondere, dass die begünstigten Zuschläge für tatsächlich geleistete Arbeit zu den gesetzlich geregelten Zeiten zusätzlich zum Grundlohn gezahlt werden.

Außerdem ist die lohnsteuerliche Behandlung von der sozialversicherungsrechtlichen Beurteilung zu unterscheiden.

Wie hoch ist das gesamte Entlastungsvolumen?

Die Bundesregierung erwartet durch die Reform erhebliche Steuermindereinnahmen.

Laut Gesetzentwurf werden die öffentlichen Haushalte in den Kassenjahren 2027 und 2028 insgesamt um rund 10,5 Milliarden Euro entlastet beziehungsweise mit entsprechenden Mindereinnahmen belastet.

Der Entwurf weist für diese Jahre folgende Beträge aus:

JahrGeplante Steuermindereinnahmen
2027rund 4,5 Mrd. €
2028rund 6,0 Mrd. €
Zusammenrund 10,5 Mrd. €

Die Werte entsprechen der Haushaltswirkung laut Bundestagsdrucksache 21/8235.

Es handelt sich um Schätzungen aus dem Gesetzentwurf, nicht um bereits tatsächlich eingetretene Entlastungen.

Die Auswirkungen auf einzelne Steuerpflichtige unterscheiden sich je nach persönlicher Situation erheblich.

Wann soll die Steuerreform in Kraft treten?

Nach dem Regierungsentwurf sollen die ersten Änderungen grundsätzlich zum 1. Januar 2027 in Kraft treten.

Die zweite Stufe der Anpassungen, insbesondere beim Grundfreibetrag und Kindergeld, ist für den 1. Januar 2028 vorgesehen.

Der Gesetzentwurf wurde am 2. September 2026 vom Bundeskabinett beschlossen und am 28. September 2026 als Bundestagsdrucksache 21/8235 vorgelegt.

Am 8. Oktober 2026 fand die erste Beratung im Deutschen Bundestag statt.

Der Bundesrat hat sich am 16. Oktober 2026 im ersten Durchgang mit dem Vorhaben befasst.

Zum Rechtsstand 25. Oktober 2026 ist das Einkommensteuerreformgesetz 2027 jedoch noch nicht endgültig verabschiedet.

Im weiteren parlamentarischen Verfahren können sich sowohl einzelne Beträge als auch die geplanten Anwendungszeitpunkte noch ändern.

Was sollten Arbeitnehmer, Familien und Unternehmer jetzt beachten?

Für unterschiedliche Steuerpflichtige können sich verschiedene Auswirkungen ergeben.

Checkliste für die Praxis

  • Prüfen Sie, ob Sie von einem höheren Grundfreibetrag profitieren könnten.
  • Berücksichtigen Sie die geplanten Kindergeldbeträge in Ihrer Familienplanung.
  • Kontrollieren Sie bei Arbeitnehmern, ob sich der höhere Arbeitnehmer-Pauschbetrag auswirkt.
  • Beachten Sie bei größeren Einkommen die geplanten Änderungen am Steuertarif.
  • Überprüfen Sie größere geplante Handwerkermaßnahmen und deren mögliche steuerliche Förderung.
  • Kalkulieren Sie als Arbeitgeber die Auswirkungen des höheren Minijob-Pauschsteuersatzes.
  • Prüfen Sie bei Sonn- und Feiertagsarbeit die neuen vorgesehenen Grundlohngrenzen.
  • Beobachten Sie den Gesetzgebungsprozess, bevor Sie langfristige steuerliche Entscheidungen auf die Reform stützen.

Fazit: Steuerreform 2027 soll viele Haushalte entlasten

Mit dem Einkommensteuerreformgesetz 2027 plant die Bundesregierung eine weitreichende Änderung des deutschen Einkommensteuerrechts.

Zu den zentralen Maßnahmen gehören höhere Grund- und Kinderfreibeträge, mehr Kindergeld, ein höherer Arbeitnehmer-Pauschbetrag sowie eine Abflachung bestimmter Bereiche des Einkommensteuertarifs.

Gleichzeitig sollen hohe Einkommen stärker belastet und einzelne Steuervergünstigungen eingeschränkt werden.

Nach den Regierungsplänen sollen die Maßnahmen in den Jahren 2027 und 2028 in zwei Stufen wirksam werden.

Wie hoch die tatsächliche Entlastung im Einzelfall ausfällt, hängt von den persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen ab.

Da der Gesetzentwurf noch nicht verabschiedet ist, bleiben mögliche Änderungen im Gesetzgebungsverfahren abzuwarten.

Sie möchten wissen, welche Auswirkungen die geplante Steuerreform auf Ihre Familie, Ihr Einkommen oder Ihr Unternehmen haben könnte? Wir unterstützen Sie gerne bei der steuerlichen Planung und der Einordnung künftiger Gesetzesänderungen.


Häufige Fragen zur Steuerreform 2027

Wie hoch soll der Grundfreibetrag 2027 sein?

Nach dem Regierungsentwurf soll der Grundfreibetrag 2027 auf 12.564 Euro und 2028 auf 12.900 Euro steigen. Die Änderungen sind noch nicht beschlossen.

Wie viel Kindergeld ist 2027 geplant?

Das Kindergeld soll 2027 auf 267 Euro monatlich je Kind steigen. Für 2028 sind 272 Euro vorgesehen.

Werden auch die Kinderfreibeträge erhöht?

Ja. Nach dem Entwurf sollen die Freibeträge für Kinder einschließlich des Betreuungs-, Erziehungs- oder Ausbildungsfreibetrags zusammen auf 10.056 Euro für 2027 und 10.236 Euro für 2028 steigen.

Wer soll von der Steuerreform besonders profitieren?

Nach den Zielen der Bundesregierung sollen insbesondere Familien und Steuerpflichtige mit geringen und mittleren Einkommen profitieren. Die individuelle Entlastung hängt vom jeweiligen Einkommen und den persönlichen Voraussetzungen ab.

Soll der Reichensteuersatz steigen?

Der Gesetzentwurf sieht vor, den Grenzsteuersatz von 45 Prozent bereits ab 250.000 Euro zu versteuerndem Einkommen anzuwenden und ab 280.000 Euro eine neue Tarifstufe von 47 Prozent einzuführen.

Was ist bei Handwerkerleistungen geplant?

Die Steuerermäßigung nach § 35a Abs. 3 EStG soll von 20 auf 15 Prozent und der jährliche Höchstbetrag von 1.200 auf 900 Euro sinken.

Ist die Steuerreform 2027 schon beschlossen?

Nein. Zum 25. Oktober 2026 befindet sich der Regierungsentwurf im Gesetzgebungsverfahren. Die vorgesehenen Änderungen sind noch nicht verbindlich.


Quellen und Rechtsgrundlagen

  • Deutscher Bundestag, Mitteilung vom 30.09.2026, hib Nr. 757/2026, „Steuerreform mit Entlastung von zehn Milliarden Euro“.
  • Bundesregierung, Entwurf eines Einkommensteuerreformgesetzes 2027, Bundestagsdrucksache 21/8235 vom 28.09.2026.
  • Bundesministerium der Finanzen, Mitteilung vom 02.09.2026 zur geplanten Einkommensteuerreform.
  • § 32 EStG – Kinderfreibeträge und Familienleistungsausgleich.
  • § 32a EStG – Einkommensteuertarif und Grundfreibetrag.
  • § 66 EStG – Höhe des Kindergeldes.
  • § 9a EStG – Arbeitnehmer-Pauschbetrag.
  • § 35a Abs. 3 EStG – Steuerermäßigung für Handwerkerleistungen.
  • § 40a Abs. 2 EStG – Pauschalierung der Lohnsteuer bei Minijobs.
  • § 3b EStG – Steuerfreie Zuschläge für Sonn-, Feiertags- oder Nachtarbeit.
  • Geplante Neuregelungen nach den Artikeln 1 bis 7 des Einkommensteuerreformgesetzes 2027 (Entwurf).

Rechtsstand: 25. Oktober 2026. Sämtliche Änderungen ab 2027 und 2028 stehen unter dem Vorbehalt des Gesetzgebungsverfahrens.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Kennziffer 500 in der Steuererklärung: BMF schafft Klarheit beim neuen Ankreuzfeld

Was bedeutet die neue Kennziffer 500 in der Steuererklärung – und was passiert, wenn versehentlich das falsche Feld angekreuzt wird? Diese Fragen haben seit der Einführung des neuen Auswahlfeldes zahlreiche Steuerpflichtige und Steuerberater beschäftigt.

Das Bundesministerium der Finanzen (BMF) hat nun klargestellt: Das neue Ankreuzfeld „Ergänzende Angaben zur Steuererklärung“ ist lediglich eine technische und organisatorische Unterstützung. Es begründet keine zusätzlichen steuerlichen Offenlegungspflichten.

Auch eine versehentlich falsche Auswahl führt nicht allein deshalb zu neuen verfahrensrechtlichen oder steuerstrafrechtlichen Konsequenzen.

Die Klarstellung erfolgte mit BMF-Schreiben vom 18. September 2026 als Antwort auf eine gemeinsame Anfrage des Deutschen Steuerberaterverbands (DStV) und des Bundesverbands Lohnsteuerhilfevereine (BVL).

Für Privatpersonen, Selbstständige, Unternehmer und Steuerberater bringt das Schreiben wichtige Sicherheit beim Ausfüllen der neuen Steuerformulare.

Was ist die Kennziffer 500 in der Steuererklärung?

Die Kennziffer 500 ist ein neues, strukturiertes Auswahlfeld im Bereich „Ergänzende Angaben zur Steuererklärung“.

Sie wurde mit den Einkommensteuerformularen für den Veranlagungszeitraum 2025 und auch in den Formularen zur Umsatzsteuervoranmeldung 2026 eingeführt.

Das Auswahlfeld ist dem sogenannten qualifizierten Freitextfeld vorgeschaltet.

Über dieses Freitextfeld können Steuerpflichtige dem Finanzamt zusätzliche Informationen übermitteln, die über die üblichen Eingabefelder der Steuererklärung hinausgehen.

Die Kennziffer 500 soll dabei helfen, den Grund für die zusätzlichen Angaben einzuordnen.

Wichtig: Die Kennziffer ist keine neue Steuerart, kein zusätzlicher Steuerbetrag und kein eigenständiger Haftungstatbestand.

Warum wurde das neue Ankreuzfeld eingeführt?

Die Finanzverwaltung bearbeitet Steuererklärungen zunehmend automatisiert.

Viele Erklärungen können anhand der elektronisch übermittelten Daten ohne umfassende manuelle Prüfung verarbeitet werden.

Bei besonderen oder erklärungsbedürftigen Sachverhalten kann jedoch eine persönliche Prüfung durch das Finanzamt notwendig sein.

Dafür gibt es das qualifizierte Freitextfeld nach § 150 Abs. 7 AO.

In diesem Feld können Steuerpflichtige beispielsweise auf Umstände hinweisen, die in den normalen Formularfeldern nicht ausreichend dargestellt werden können.

Nach Angaben des BMF wurden in der Vergangenheit allerdings zahlreiche Freitexte übermittelt, die für die steuerliche Bearbeitung weder tatsächlich noch rechtlich erforderlich waren.

Die neue Kennziffer 500 soll deshalb helfen, ergänzende Angaben besser zu strukturieren und für die Bearbeitung vorzusortieren.

Die Funktion ist damit vor allem organisatorischer Natur.

Welche Auswahlmöglichkeiten bietet die Kennziffer 500?

Nach dem BMF-Antwortschreiben stehen vier Auswahlmöglichkeiten zur Verfügung.

AuswahlBedeutung
1Steuererhebliche Sachverhalte konnten in den vorgesehenen Feldern nicht erklärt werden.
2Es wird bewusst eine von der Verwaltungsauffassung abweichende Rechtsauffassung vertreten.
3Ein Sachverhalt soll durch das Finanzamt persönlich vertieft geprüft werden.
4Mehrere der genannten Gründe treffen zu.

Die Auswahl hilft dabei, den Zweck der ergänzenden Angaben zu kennzeichnen.

Beispiel 1: Zusätzliche steuerlich relevante Informationen

Sie möchten einen Sachverhalt erläutern, der sich in den vorgesehenen Formularfeldern nicht vollständig darstellen lässt.

Dann kann die erste Auswahl passend sein.

Beispiel 2: Abweichende steuerliche Rechtsauffassung

Sie vertreten bei einer bestimmten steuerlichen Frage bewusst eine andere Rechtsauffassung als die Finanzverwaltung und möchten diese erläutern.

Hierfür ist die zweite Auswahl vorgesehen.

Beispiel 3: Bitte um vertiefte Prüfung

In Ihrer Steuererklärung ergeben sich ungewöhnliche oder erklärungsbedürftige Werte, die das Finanzamt prüfen soll.

In diesem Fall kann die dritte Auswahl sinnvoll sein.

Treffen mehrere Gründe zu, steht die vierte Auswahl zur Verfügung.

Die Beispiele dienen der Orientierung. Entscheidend ist weiterhin, dass die tatsächlichen Angaben vollständig und zutreffend sind.

Muss die Kennziffer 500 in jeder Steuererklärung ausgefüllt werden?

Nein.

Das BMF stellt ausdrücklich klar, dass das Auswahlfeld nicht genutzt werden muss, wenn keine ergänzenden Angaben erforderlich sind.

In diesem Fall werden über das Freitextfeld und die vorgeschaltete Kennziffer keine zusätzlichen Informationen übermittelt.

Für normale Steuererklärungen, in denen alle Angaben vollständig über die vorgesehenen Formularfelder erklärt werden können, ist deshalb keine zusätzliche Erläuterung allein wegen der Kennziffer 500 erforderlich.

Anders ist es, wenn ein steuerlich erheblicher Sachverhalt nicht ausreichend über die üblichen Eingabefelder erklärt werden kann.

Dann müssen die bestehenden gesetzlichen Erklärungspflichten beachtet werden.

Was passiert, wenn die falsche Auswahl angekreuzt wird?

Diese Frage stand im Mittelpunkt der gemeinsamen Initiative von DStV und BVL.

Beide Verbände befürchteten, dass eine fehlerhafte Einordnung unter einer der neuen Auswahlmöglichkeiten möglicherweise neue rechtliche Folgen auslösen könnte.

Das BMF hat diese Befürchtung ausdrücklich ausgeräumt.

Nach seiner Klarstellung hat die Auswahl im neuen Ankreuzfeld für sich genommen keine Auswirkungen auf:

  • die Berichtigungspflichten nach § 153 AO,
  • die Frage, ob Tatsachen nach § 173 AO nachträglich bekannt geworden sind,
  • andere steuerverfahrensrechtliche Beurteilungen,
  • steuerstrafrechtliche Fragen.

Das gilt ausdrücklich auch für eine irrtümliche Auswahl des Grundes, aus dem das Freitextfeld genutzt wird.

Eine versehentlich falsch gesetzte Kennzeichnung unter der Kennziffer 500 führt somit nicht allein deshalb zu einer steuerlichen Pflichtverletzung.

Allerdings gilt weiterhin: Die ergänzenden Angaben selbst müssen sachlich richtig und vollständig sein.

Entstehen durch die Kennziffer 500 neue Offenlegungspflichten?

Nein.

Das BMF hat klargestellt, dass das neue Auswahlfeld keine zusätzlichen Offenlegungspflichten begründet.

Die bestehenden gesetzlichen Pflichten werden durch die technische Änderung weder erweitert noch abgeschafft.

Hier ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich:

Keine neuen Pflichten durch die Kennziffer 500 bedeutet nicht, dass steuerlich relevante Sachverhalte künftig weggelassen werden dürfen.

Nach § 150 Abs. 2 AO sind Angaben in Steuererklärungen wahrheitsgemäß nach bestem Wissen und Gewissen zu machen.

Zusätzlich können sich aus § 150 Abs. 7 AO und den allgemeinen steuerlichen Mitwirkungspflichten Anforderungen an ergänzende Erläuterungen ergeben.

Das neue Auswahlfeld verändert diese bestehenden gesetzlichen Anforderungen jedoch nicht.

Welche Bedeutung hat § 153 AO?

§ 153 AO regelt die Berichtigung von Steuererklärungen.

Erkennt ein Steuerpflichtiger nachträglich vor Ablauf der Festsetzungsfrist, dass eine abgegebene Erklärung unrichtig oder unvollständig ist und dadurch eine Steuerverkürzung eintreten kann oder bereits eingetreten ist, muss er dies nach den gesetzlichen Voraussetzungen unverzüglich anzeigen und die erforderliche Richtigstellung vornehmen.

Die Pflicht richtet sich nach dem tatsächlichen Inhalt der Steuererklärung und den gesetzlichen Voraussetzungen.

Das BMF stellt ausdrücklich klar, dass die Kennziffer 500 daran nichts ändert.

Praxisbeispiel: Eine falsche Kennzeichnung und eine falsche Steuerangabe

Ein Selbstständiger erläutert einen besonderen Sachverhalt vollständig im Freitextfeld.

Er wählt versehentlich die Auswahl für eine abweichende Rechtsauffassung, obwohl er eigentlich um eine vertiefte Prüfung bitten wollte.

Allein dieser Auswahlfehler löst nach der BMF-Klarstellung keine neue Berichtigungspflicht nach § 153 AO aus.

Stellt der Unternehmer dagegen später fest, dass er steuerpflichtige Einnahmen überhaupt nicht erklärt hat und dadurch eine Steuerverkürzung möglich ist, muss die Berichtigungspflicht unabhängig von der Kennziffer geprüft werden.

Entscheidend bleibt also der materielle Fehler – nicht das Ankreuzfeld.

Was bedeutet die Kennziffer 500 für § 173 AO?

§ 173 AO regelt unter bestimmten Voraussetzungen die Änderung von Steuerbescheiden wegen nachträglich bekannt gewordener Tatsachen oder Beweismittel.

Dabei kann beispielsweise entscheidend sein, ob eine steuerlich erhebliche Tatsache dem Finanzamt bei Erlass des ursprünglichen Bescheids bereits bekannt war.

Das neue Auswahlfeld ändert die gesetzlichen Maßstäbe hierfür nicht.

Ob eine Tatsache nachträglich bekannt geworden ist, hängt nicht davon ab, welche Auswahl unter der Kennziffer 500 getroffen wurde.

Entscheidend ist vielmehr, welche konkreten Informationen dem Finanzamt tatsächlich vorlagen und wie die gesetzlichen Voraussetzungen des § 173 AO zu beurteilen sind.

Eine vollständige Erläuterung im Freitextfeld kann deshalb weiterhin wichtig sein, um steuerlich relevante Tatsachen nachvollziehbar offenzulegen.

Das bloße Setzen eines Kreuzes ersetzt die tatsächliche Beschreibung des Sachverhalts nicht.

Hat die Kennziffer 500 steuerstrafrechtliche Auswirkungen?

Das BMF stellt klar, dass aus dem neuen Auswahlfeld keine eigenständigen steuerstrafrechtlichen Folgen entstehen.

Insbesondere soll eine versehentlich falsche Auswahl nicht allein deshalb eine steuerstrafrechtliche Bewertung verändern.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die neue Kennziffer einen allgemeinen Schutz vor steuerstrafrechtlichen Konsequenzen bietet.

Für die rechtliche Beurteilung kommt es weiterhin auf den tatsächlich erklärten Sachverhalt, die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben sowie die einschlägigen gesetzlichen Voraussetzungen an.

Eine bewusst unrichtige oder unvollständige Steuererklärung wird durch das Ankreuzen einer bestimmten Auswahlmöglichkeit nicht rechtmäßig.

Achtung: Das Ankreuzfeld ersetzt keine vollständige Offenlegung

Ein häufiger Fehler wäre es, lediglich einen der vier Gründe auszuwählen, ohne den dazugehörigen Sachverhalt ausreichend zu erläutern.

Die Kennziffer 500 beschreibt nur, weshalb ergänzende Angaben gemacht werden.

Die zusätzlichen Informationen selbst müssen weiterhin nachvollziehbar dargestellt werden.

Die steuerliche Sicherheit entsteht durch richtige und vollständige Angaben – nicht allein durch die Wahl der Kennziffer.

Können längere Erläuterungen weiterhin übermittelt werden?

Ja.

Nach dem BMF-Schreiben können Sachverhalte, die wegen der Längenbegrenzung nicht vollständig im elektronischen Freitextfeld dargestellt werden können, über eine gesonderte Anlage erläutert werden.

Die Anlage muss dafür elektronisch mit dem Freitextfeld verknüpft werden.

Das BMF verweist insbesondere auf die Möglichkeit, entsprechende Unterlagen als referenzierten Beleg zu übermitteln.

Bei einer papiergebundenen Steuererklärung sind ergänzende Angaben für die ausgewählten Sachverhalte auf einer gesonderten Anlage mit der Überschrift „Ergänzende Angaben zur Steuererklärung“ darzustellen.

Diese Möglichkeit ist besonders für komplexe Sachverhalte relevant.

Dazu gehören beispielsweise umfangreiche steuerrechtliche Begründungen oder mehrere miteinander zusammenhängende Fragen.

Warum ist die Klarstellung für Steuerberater wichtig?

Das neue Ankreuzfeld hatte in der Beratungspraxis Unsicherheit ausgelöst.

Insbesondere stellte sich die Frage, ob die Wahl einer bestimmten Fallkonstellation später als rechtlich verbindliche Einordnung des erklärten Sachverhalts gewertet werden könnte.

Auch mögliche Auswirkungen auf die Berichtigungspflicht und die Änderung von Steuerbescheiden waren unklar.

Der DStV und der BVL wandten sich deshalb mit Schreiben vom 27. April 2026 gemeinsam an das Bundesfinanzministerium.

Das BMF antwortete am 18. September 2026.

Mit der Mitteilung vom 1. Oktober 2026 machte der DStV die Klarstellung öffentlich.

Für die Beratungspraxis bedeutet das:

Die Kennziffer 500 ist eine technische Unterstützung. Eine eigenständige Änderung der steuerlichen Erklärungspflichten oder der verfahrensrechtlichen Beurteilung ist damit nicht verbunden.

Steuer-Tipp: Ergänzende Angaben gezielt und nachvollziehbar nutzen

Nutzen Sie das Freitextfeld insbesondere dann, wenn ein Sachverhalt in den üblichen Formularfeldern nicht ausreichend erläutert werden kann oder Sie bewusst von einer Verwaltungsauffassung abweichen.

Beschreiben Sie den steuerlich relevanten Sachverhalt sachlich, vollständig und möglichst eindeutig.

Bei komplexen Fragen kann eine zusätzliche Anlage sinnvoll sein.

Eine gute Dokumentation hilft, Rückfragen zu vermeiden und später nachvollziehen zu können, welche Informationen dem Finanzamt mit der Steuererklärung übermittelt wurden.

Was sollten Steuerpflichtige jetzt beachten?

Checkliste zur Kennziffer 500

  • Prüfen Sie, ob ergänzende Angaben zu Ihrer Steuererklärung erforderlich sind.
  • Wählen Sie bei Nutzung des Freitextfeldes den passenden Grund aus.
  • Nutzen Sie bei mehreren Gründen die dafür vorgesehene Auswahl.
  • Beschreiben Sie den Sachverhalt vollständig und verständlich.
  • Verwenden Sie bei längeren Erläuterungen eine geeignete zusätzliche Anlage.
  • Bewahren Sie die abgegebene Erklärung und die übermittelten Erläuterungen auf.
  • Verwechseln Sie eine falsche Auswahl nicht mit einer inhaltlich unrichtigen Steuererklärung.
  • Prüfen Sie tatsächliche Fehler weiterhin anhand der gesetzlichen Berichtigungspflichten.
  • Lassen Sie zweifelhafte steuerliche Sachverhalte bei Bedarf fachlich beurteilen.

Fazit: Kennziffer 500 schafft Struktur, aber keine zusätzlichen Pflichten

Mit seinem Schreiben vom 18. September 2026 hat das Bundesfinanzministerium eine wichtige Klarstellung zur neuen Kennziffer 500 in der Steuererklärung vorgenommen.

Das Ankreuzfeld dient ausschließlich der Unterstützung und Strukturierung ergänzender Angaben. Es begründet keine neuen steuerlichen Offenlegungspflichten.

Auch eine irrtümlich falsche Auswahl hat nach der BMF-Klarstellung keine eigenständigen Auswirkungen auf § 153 AO, § 173 AO oder die steuerstrafrechtliche Beurteilung.

Unverändert wichtig bleibt jedoch die vollständige und wahrheitsgemäße Erklärung steuerlich erheblicher Sachverhalte.

Für Steuerpflichtige und Steuerberater bedeutet das: Die neue Auswahlfunktion kann die Kommunikation mit dem Finanzamt erleichtern, verändert aber nicht die bestehenden gesetzlichen Maßstäbe.

Sie haben Fragen zu ergänzenden Angaben in Ihrer Steuererklärung oder möchten einen besonderen steuerlichen Sachverhalt rechtssicher offenlegen? Wir unterstützen Sie gerne bei der Vorbereitung und Prüfung Ihrer Steuererklärung.


Häufige Fragen zur Kennziffer 500 in der Steuererklärung

Was bedeutet die Kennziffer 500?

Die Kennziffer 500 ist ein neues Auswahlfeld für ergänzende Angaben zur Steuererklärung. Sie hilft dabei, den Grund für die Nutzung des qualifizierten Freitextfeldes einzuordnen.

Muss ich die Kennziffer 500 immer ausfüllen?

Nein. Wenn keine ergänzenden Angaben erforderlich sind, muss das Auswahlfeld nicht genutzt werden.

Was passiert, wenn ich versehentlich den falschen Grund ankreuze?

Nach der BMF-Klarstellung entstehen aus einer irrtümlich falschen Auswahl allein keine zusätzlichen verfahrensrechtlichen oder steuerstrafrechtlichen Folgen.

Gibt es durch die Kennziffer 500 neue Offenlegungspflichten?

Nein. Das BMF hat ausdrücklich klargestellt, dass die Kennziffer keine neuen Offenlegungspflichten begründet. Die bestehenden gesetzlichen Erklärungspflichten bleiben unverändert.

Hat die Kennziffer 500 Auswirkungen auf § 153 AO?

Nein. Die gesetzlichen Berichtigungspflichten richten sich weiterhin nach den tatsächlichen Voraussetzungen des § 153 AO und nicht nach der Auswahl im Ankreuzfeld.

Beeinflusst die Kennziffer 500 die Änderung eines Steuerbescheids nach § 173 AO?

Nein. Für die Frage, ob Tatsachen nachträglich bekannt geworden sind, bleiben die gesetzlichen Voraussetzungen maßgeblich. Die gewählte Kennzeichnung ist dafür nicht selbst entscheidend.

Kann ich längere Erläuterungen als Anlage einreichen?

Ja. Das BMF weist darauf hin, dass längere Sachverhalte bei elektronischen Steuererklärungen über eine mit dem Freitextfeld verknüpfte Anlage erläutert werden können.


Quellen und Rechtsgrundlagen

  • Deutscher Steuerberaterverband e. V., Mitteilung vom 01.10.2026, „Neues Ankreuzfeld ‚Ergänzende Angaben zur Steuererklärung‘: Klarstellung erreicht“.
  • Bundesministerium der Finanzen, Antwortschreiben vom 18.09.2026 an DStV und BVL, GZ IV A 5 – O 1000/05888/028/009.
  • Deutscher Steuerberaterverband und Bundesverband Lohnsteuerhilfevereine, gemeinsame Eingabe vom 27.04.2026 zur Kennziffer 500.
  • § 150 Abs. 2 AO – Wahrheitspflicht bei Steuererklärungen.
  • § 150 Abs. 7 AO – Ergänzende Angaben im qualifizierten Freitextfeld.
  • § 153 AO – Berichtigung von Erklärungen.
  • § 173 Abs. 1 AO – Änderung von Steuerbescheiden wegen neuer Tatsachen oder Beweismittel.
  • § 88 AO – Untersuchungsgrundsatz.
  • § 155 Abs. 4 AO – Automationsgestützte Steuerfestsetzung.

Rechtsstand: 25. Oktober 2026.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Umsatzsteuer im Hotel: BFH entscheidet über Frühstück, Wellness, Parkplätze und WLAN

Welche Umsatzsteuer gilt für Frühstück, Wellness, Fitness und Parkplätze im Hotel? Der Bundesfinanzhof (BFH) hat mit drei Urteilen vom 21. Mai 2026 wichtige Fragen zur Steuersatzermäßigung bei Hotelübernachtungen geklärt.

Die Entscheidungen betreffen die Verfahren V R 8/26, V R 10/26 und V R 11/26. Sie bestätigen: Leistungen, die nicht unmittelbar der kurzfristigen Beherbergung dienen, fallen nicht automatisch unter den ermäßigten Umsatzsteuersatz für Hotelübernachtungen von 7 Prozent.

Das gilt auch dann, wenn die Leistungen in einem einheitlichen Übernachtungspreis enthalten sind.

Allerdings ist für Hotelbetriebe eine weitere Änderung wichtig: Seit dem 1. Januar 2026 gilt für Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen hinsichtlich der Speisen grundsätzlich wieder der ermäßigte Steuersatz von 7 Prozent. Die Urteile beziehen sich dagegen auf frühere Besteuerungszeiträume, in denen die streitigen Frühstücksleistungen bei eigenständiger Betrachtung mit 19 Prozent zu besteuern waren.

Die BFH-Entscheidungen sind besonders relevant für Hotels, Pensionen, Ferienunterkünfte und Beherbergungsbetriebe mit zusätzlichen Serviceleistungen.

Was hat der Bundesfinanzhof entschieden?

Der BFH hat mit seinen drei Urteilen die steuerliche Behandlung verschiedener Leistungen im Zusammenhang mit Hotelübernachtungen konkretisiert.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Hotelübernachtung: Die kurzfristige Beherbergung unterliegt grundsätzlich dem ermäßigten Umsatzsteuersatz von 7 Prozent.
  • Frühstück: Es fällt nicht unter die Ermäßigung für Beherbergungsleistungen nach § 12 Abs. 2 Nr. 11 UStG. Der eigenständig geltende Steuersatz für Verpflegungsleistungen ist zu beachten.
  • Fitness und Wellness: Die Zugangsgewährung an Hotelgäste ist nicht unmittelbar begünstigte Beherbergung und unterliegt grundsätzlich dem Regelsteuersatz.
  • Parkplätze: Stehen diese Hotelgästen und der Allgemeinheit gleichermaßen frei und unentgeltlich zur Verfügung, kann es bereits an einer entgeltlichen und damit steuerbaren Leistung fehlen.
  • WLAN: Hier kommt es auf die tatsächlichen Nutzungsbedingungen an. Der BFH ließ diese Frage in einem Verfahren offen.

Damit bestätigte das Gericht die Rechtmäßigkeit des sogenannten Aufteilungsgebots bei Hotelübernachtungen.

Warum sind Hotelübernachtungen steuerlich begünstigt?

Die kurzfristige Vermietung von Wohn- und Schlafräumen zur Beherbergung unterliegt nach § 12 Abs. 2 Nr. 11 Satz 1 UStG grundsätzlich dem ermäßigten Umsatzsteuersatz von 7 Prozent.

Die Vorschrift gilt insbesondere für klassische Hotelübernachtungen sowie entsprechende kurzfristige Beherbergungsleistungen.

Allerdings enthält das Gesetz eine ausdrückliche Einschränkung.

Nach § 12 Abs. 2 Nr. 11 Satz 2 UStG gilt die Ermäßigung nicht für Leistungen, die nicht unmittelbar der Vermietung dienen.

Das gilt selbst dann, wenn diese Leistungen bereits mit dem Zimmerpreis abgegolten sind.

Ein einheitlicher Gesamtpreis führt deshalb nicht automatisch dazu, dass sämtliche enthaltenen Leistungen mit 7 Prozent besteuert werden dürfen.

Ist das Frühstück im Hotel mit 7 oder 19 Prozent zu versteuern?

Diese Frage muss für das Jahr 2026 differenziert beantwortet werden.

Was galt in den vom BFH entschiedenen Streitjahren?

In den maßgeblichen früheren Besteuerungszeiträumen unterlagen Frühstücksleistungen bei eigenständiger Betrachtung dem Regelsteuersatz.

Der BFH entschied deshalb, dass das Frühstück auch dann nicht mit dem ermäßigten Beherbergungssteuersatz von 7 Prozent besteuert werden durfte, wenn es im Zimmerpreis enthalten war.

Die steuerliche Trennung zwischen Übernachtung und Frühstück war unionsrechtlich zulässig.

Was gilt seit dem 1. Januar 2026?

Seit dem 1. Januar 2026 unterliegen Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen hinsichtlich der Speisen grundsätzlich wieder dem ermäßigten Umsatzsteuersatz von 7 Prozent.

Die Abgabe von Getränken bleibt grundsätzlich beim Regelsteuersatz von 19 Prozent.

Für ein Hotelfrühstück bedeutet das:

  • Der auf Speisen entfallende Entgeltanteil kann nach der seit 2026 geltenden allgemeinen Regelung für Verpflegungsdienstleistungen mit 7 Prozent besteuert werden.
  • Der auf Getränke entfallende Anteil unterliegt grundsätzlich 19 Prozent.
  • Der Frühstücksumsatz bleibt rechtlich von der Beherbergungsleistung zu unterscheiden.

Wichtig: Der BFH hat das Frühstück nicht allgemein und zeitlich unbegrenzt dem 19-Prozent-Steuersatz zugeordnet. Seine Urteile betreffen die Steuersatzermäßigung für Beherbergungsleistungen und die Rechtslage der jeweiligen Streitjahre.

Was gilt für Fitness- und Wellnessangebote im Hotel?

Bietet ein Hotel seinen Gästen die Nutzung eines Fitnessraums, einer Sauna oder weiterer Wellnesseinrichtungen an, dient diese Leistung nach der BFH-Entscheidung nicht unmittelbar der Beherbergung.

Sie fällt deshalb nicht unter den ermäßigten Steuersatz des § 12 Abs. 2 Nr. 11 UStG.

Nach dem Urteil V R 11/26 unterliegt die Zugangsgewährung zu Fitness- und Wellnesseinrichtungen grundsätzlich dem Regelsteuersatz.

Das gilt auch dann, wenn das Hotel keine gesonderte Gebühr verlangt und die Nutzung bereits im Zimmerpreis enthalten ist.

Allerdings muss die betreffende Leistung tatsächlich als entgeltliche Leistung im Rahmen des Gesamtangebots vorliegen.

Ist dies der Fall, kann eine Aufteilung des Übernachtungspreises erforderlich sein.

Müssen kostenlose Hotelparkplätze versteuert werden?

Hier unterscheidet der BFH zwischen verschiedenen Fallgestaltungen.

Stehen Parkplätze ausschließlich Hotelgästen zur Verfügung und sind sie wirtschaftlich Teil des entgeltlichen Hotelangebots, kann eine steuerbare Leistung vorliegen, für die die Beherbergungsermäßigung nicht gilt.

Anders ist es jedoch, wenn die Parkplätze ohne Zugangsbeschränkung sowohl von Hotelgästen als auch von anderen Besuchern und der Allgemeinheit frei und kostenlos genutzt werden können.

Im Verfahren V R 11/26 entschied der BFH, dass eine solche allgemeine Parkplatzbereitstellung keine gegen Entgelt erbrachte sonstige Leistung begründet.

Damit entsteht hierfür grundsätzlich keine gesonderte Umsatzsteuer aus einem entgeltlichen Parkumsatz.

Im Verfahren V R 8/26 muss das Finanzgericht die tatsächlichen Voraussetzungen dieser Frage noch genauer prüfen.

Entscheidend ist also nicht allein, ob das Hotel eine gesonderte Parkgebühr ausweist. Es kommt darauf an, ob überhaupt eine entgeltliche Leistung vorliegt.

Welche Umsatzsteuer gilt für WLAN im Hotel?

Beim WLAN-Zugang konnte der BFH im Verfahren V R 11/26 noch keine abschließende Entscheidung treffen.

Grund hierfür waren fehlende tatsächliche Feststellungen.

Es blieb insbesondere offen, ob das WLAN ausschließlich den Hotelgästen zur Verfügung stand oder auch von anderen Besuchern und der Allgemeinheit frei genutzt werden konnte.

Ist der Zugang Teil des entgeltlichen Hotelangebots, kann eine gesondert zu beurteilende Leistung vorliegen.

Wird WLAN dagegen tatsächlich allgemein und unentgeltlich bereitgestellt, kann die steuerliche Beurteilung anders ausfallen.

Das Finanzgericht muss diese Frage nach der Zurückverweisung klären.

Warum ist die EuGH-Entscheidung so wichtig?

Den drei BFH-Urteilen ging eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) voraus.

Mit Urteil vom 5. März 2026 in den verbundenen Rechtssachen C-409/24 bis C-411/24 bestätigte der EuGH, dass Mitgliedstaaten bestimmte Zusatzleistungen vom ermäßigten Steuersatz für kurzfristige Beherbergungen ausnehmen dürfen.

Das gilt selbst dann, wenn solche Leistungen umsatzsteuerlich als Nebenleistungen zur Beherbergung angesehen werden könnten.

Voraussetzung ist insbesondere, dass die gesetzlichen Vorgaben der Mehrwertsteuerrichtlinie und der Grundsatz der steuerlichen Neutralität beachtet werden.

Der EuGH bestätigte damit grundsätzlich die Zulässigkeit der deutschen Regelung des § 12 Abs. 2 Nr. 11 Satz 2 UStG.

Der BFH setzte diese unionsrechtlichen Vorgaben anschließend in den drei nationalen Verfahren um.

Wie unterscheiden sich die drei BFH-Verfahren?

BFH-UrteilStreitige LeistungenErgebnis
V R 8/26Frühstück und ParkplätzeFrühstück nicht nach § 12 Abs. 2 Nr. 11 UStG begünstigt; Parkplatzfrage zurückverwiesen
V R 10/26FrühstückRegelsteuersatz im damaligen Streitjahr bestätigt; Revision zurückgewiesen
V R 11/26Fitness, Wellness, Parkplätze und WLANFitness/Wellness zum Regelsteuersatz; allgemein kostenloses Parken nicht steuerbar; WLAN-Frage zurückverwiesen

Die unterschiedlichen Ergebnisse zeigen, dass nicht jede Zusatzleistung eines Hotels automatisch gleichbehandelt werden darf.

Praxisbeispiel: Wie muss ein Hotelarrangement aufgeteilt werden?

Ein Hotel bietet ein Arrangement aus Übernachtung, Frühstück und Wellnesszugang an.

Die Leistungen werden zu einem einheitlichen Preis verkauft.

Angenommen, der rechnerisch ermittelte Netto-Gesamtpreis von 200 Euro entfällt nach einer sachgerechten Aufteilung auf folgende Bestandteile:

LeistungNettoentgeltUSt-Satz 2026Umsatzsteuer
Übernachtung140 €7 %9,80 €
Frühstück – Speisen25 €7 %1,75 €
Frühstück – Getränke10 €19 %1,90 €
Wellnesszugang25 €19 %4,75 €
Gesamt200 €18,20 €

Der Bruttogesamtbetrag würde in diesem vereinfachten Beispiel 218,20 Euro betragen.

Die Tabelle zeigt, warum eine wirtschaftlich nachvollziehbare Aufteilung auch dann wichtig bleibt, wenn einzelne Leistungen zufällig demselben Umsatzsteuersatz unterliegen.

Hinweis: Das Beispiel unterstellt eine eigenständige steuerbare Wellnessleistung sowie eine sachgerecht belegte Entgeltaufteilung. In der Praxis sind die konkret angebotenen Leistungen, die vereinbarten Preise und gegebenenfalls geltende Verwaltungsvereinfachungen zu beachten.

Welche Folgen haben die Urteile für Hotelbetreiber?

Für Hotelbetriebe sind die Entscheidungen vor allem bei Pauschalangeboten und Zusatzleistungen relevant.

Werden beispielsweise Frühstück, Fitness, Wellness, Parkplatz und WLAN gemeinsam mit einer Übernachtung angeboten, darf der gesamte Preis nicht ohne weitere Prüfung dem ermäßigten Beherbergungssteuersatz zugeordnet werden.

Auch die tatsächliche Gestaltung kostenloser Angebote spielt eine Rolle.

Eine öffentlich und unentgeltlich zugängliche Parkplatzfläche kann anders zu behandeln sein als eine ausschließlich für Übernachtungsgäste vorgesehene Parkmöglichkeit.

Deshalb sollten Hotels ihre Angebote und Abrechnungssysteme entsprechend überprüfen.

Steuer-Tipp: Hotelpauschalen steuerlich sauber aufteilen

Prüfen Sie bei Pauschalarrangements, welche Leistungen unmittelbar der Beherbergung dienen und welche eigenständig zu beurteilen sind.

Besonders wichtig ist die Trennung von Übernachtung, Frühstücksbestandteilen und zusätzlichen Serviceleistungen.

Achten Sie darauf, dass Ihre Buchungssoftware, Kasse und Rechnungserstellung die für den jeweiligen Leistungszeitpunkt geltenden Umsatzsteuersätze korrekt anwenden.

Seit dem 1. Januar 2026 ist dabei insbesondere die Aufteilung von Speisen und Getränken relevant.

Achtung: Die BFH-Urteile nicht mit der aktuellen Frühstücksbesteuerung verwechseln

Die Aussage „Frühstück im Hotel unterliegt 19 Prozent“ wäre als allgemeine Aussage für das Jahr 2026 falsch.

Die BFH-Entscheidungen betreffen frühere Streitjahre, in denen auf die betreffenden Verpflegungsleistungen der Regelsteuersatz anzuwenden war.

Seit dem 1. Januar 2026 gilt für Speisen im Rahmen von Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen grundsätzlich der ermäßigte Steuersatz von 7 Prozent.

Getränke werden grundsätzlich weiterhin mit 19 Prozent besteuert.

Die Rechtsprechung zum Aufteilungsgebot bleibt trotzdem relevant. Sie beantwortet nämlich die vorgelagerte Frage, ob eine Zusatzleistung überhaupt unter die besondere Steuerermäßigung für die Beherbergung fällt.

Checkliste: Was sollten Hotels jetzt prüfen?

  • Prüfen Sie die Steuersätze Ihrer Übernachtungsleistungen.
  • Trennen Sie Frühstück und andere Verpflegungsleistungen von der Beherbergung.
  • Beachten Sie seit 2026 die unterschiedliche Besteuerung von Speisen und Getränken.
  • Kontrollieren Sie die Abrechnung von Fitness- und Wellnessleistungen.
  • Prüfen Sie, ob Parkplätze öffentlich zugänglich oder ausschließlich Hotelgästen vorbehalten sind.
  • Dokumentieren Sie die tatsächlichen Nutzungsbedingungen für WLAN.
  • Überprüfen Sie die Entgeltaufteilung bei Pauschalarrangements.
  • Passen Sie gegebenenfalls Buchungssoftware, Kassensysteme und Rechnungen an.
  • Lassen Sie offene Umsatzsteuerfälle anhand der neuen BFH-Rechtsprechung prüfen.

Fazit: Zusatzleistungen im Hotel bleiben umsatzsteuerlich eigenständig zu beurteilen

Mit den Urteilen vom 21. Mai 2026 (V R 8/26, V R 10/26 und V R 11/26) hat der Bundesfinanzhof das Aufteilungsgebot für Hotelübernachtungen bestätigt.

Frühstücksleistungen sowie Fitness- und Wellnessangebote fallen nicht allein deshalb unter die besondere Beherbergungsermäßigung, weil sie im Zimmerpreis enthalten sind.

Bei Parkplätzen und WLAN muss dagegen zunächst geklärt werden, ob überhaupt eine entgeltliche steuerbare Leistung vorliegt.

Für die aktuelle Praxis ist außerdem die seit Januar 2026 geltende Steuerermäßigung für Speisen zu berücksichtigen.

Hotelbetreiber sollten deshalb sowohl die rechtliche Einordnung ihrer Leistungen als auch die tatsächlich anzuwendenden Steuersätze sorgfältig prüfen.

Sie betreiben ein Hotel, eine Pension oder eine Ferienunterkunft und möchten Ihre Umsatzsteuerabrechnung rechtssicher gestalten? Wir unterstützen Sie gerne bei der Prüfung Ihrer Leistungsangebote, Pauschalpreise und Umsatzsteuersätze.


Häufige Fragen zur Umsatzsteuer im Hotel

Welcher Umsatzsteuersatz gilt für Hotelübernachtungen?

Die kurzfristige Beherbergung in Hotels und vergleichbaren Einrichtungen unterliegt nach § 12 Abs. 2 Nr. 11 UStG grundsätzlich dem ermäßigten Umsatzsteuersatz von 7 Prozent.

Wird das Hotelfrühstück mit 7 oder 19 Prozent besteuert?

Seit dem 1. Januar 2026 unterliegen Speisen bei Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen grundsätzlich 7 Prozent Umsatzsteuer. Getränke unterliegen grundsätzlich weiterhin 19 Prozent. Die Frühstücksleistung fällt jedoch nicht unter die spezielle Beherbergungsermäßigung.

Was hat der BFH zum Frühstück im Hotel entschieden?

Der BFH hat entschieden, dass Frühstücksleistungen nicht von der besonderen Steuerermäßigung für Hotelübernachtungen nach § 12 Abs. 2 Nr. 11 UStG erfasst werden. In den damaligen Streitjahren galt deshalb der Regelsteuersatz.

Welche Umsatzsteuer gilt für Wellness und Fitness im Hotel?

Der Zugang zu Fitness- und Wellnesseinrichtungen fällt nach dem BFH-Urteil V R 11/26 nicht unter die besondere Beherbergungsermäßigung und unterliegt als entgeltliche Leistung grundsätzlich dem Regelsteuersatz von 19 Prozent.

Sind kostenlose Hotelparkplätze umsatzsteuerpflichtig?

Nicht zwingend. Stehen Parkplätze auch anderen Hotelbesuchern und der Allgemeinheit tatsächlich frei und unentgeltlich zur Verfügung, kann eine entgeltliche steuerbare Leistung fehlen.

Ist kostenloses WLAN im Zimmer steuerpflichtig?

Das hängt von den tatsächlichen Umständen ab. Insbesondere ist zu prüfen, ob der WLAN-Zugang Teil eines entgeltlichen Leistungsangebots oder für die Allgemeinheit frei verfügbar ist. Der BFH hat die konkrete Frage im Verfahren V R 11/26 zurückverwiesen.

Müssen Hotelpauschalen aufgeteilt werden?

Ja, soweit darin Leistungen enthalten sind, die umsatzsteuerlich gesondert zu beurteilen sind. Ein einheitlicher Zimmerpreis führt nicht automatisch zu einem einheitlichen Umsatzsteuersatz für alle Bestandteile.


Quellen und Rechtsgrundlagen

  • BFH, Urteile vom 21.05.2026, V R 8/26 (XI R 11/23; XI R 34/20), V R 10/26 (XI R 13/23; XI R 7/21), V R 11/26 (XI R 14/23; XI R 22/21).
  • BFH, Pressemitteilung Nr. 55/26 vom 01.10.2026.
  • EuGH, Urteil vom 05.03.2026, verbundene Rechtssachen C-409/24 bis C-411/24, ECLI:EU:C:2026:149.
  • § 12 Abs. 1 UStG – Regelsteuersatz.
  • § 12 Abs. 2 Nr. 11 UStG – Ermäßigter Steuersatz für kurzfristige Beherbergung.
  • § 12 Abs. 2 Nr. 15 UStG – Ermäßigter Steuersatz für Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen, ausgenommen Getränke.
  • § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG – Steuerbare Lieferungen und sonstige Leistungen.
  • Art. 98 i. V. m. Anhang III Nr. 12 der Richtlinie 2006/112/EG – Unionsrechtliche Regelungen zur Steuersatzermäßigung.
  • BMF-Schreiben vom 22.12.2025 – Wiedereinführung des ermäßigten Steuersatzes auf Restaurant- und Verpflegungsdienstleistungen zum 01.01.2026.

Rechtsstand: 25. Oktober 2026.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Erbschaftsteuer: BFH stärkt Immobiliengutachten trotz höherem Verkaufspreis

Ein Sachverständigengutachten zum Nachweis eines niedrigeren Grundstückswerts darf nicht allein deshalb abgelehnt werden, weil die Immobilie später zu einem höheren Preis verkauft wurde. Das hat der Bundesfinanzhof (BFH) mit Beschluss vom 4. August 2026 (Az. II B 87/25) entschieden.

Wer eine Immobilie erbt, kann nach § 198 Bewertungsgesetz (BewG) einen niedrigeren gemeinen Wert nachweisen, wenn die gesetzliche Grundstücksbewertung zu hoch ausfällt. Ein qualifiziertes Verkehrswertgutachten kann dafür ein geeignetes Mittel sein.

Das Finanzamt und die Finanzgerichte müssen ein solches Gutachten inhaltlich prüfen. Ein pauschaler Verweis auf einen höheren, zeitnah erzielten Kaufpreis reicht nicht aus, um es vollständig zurückzuweisen.

Die Entscheidung ist besonders für Erben, Beschenkte und Immobilieneigentümer relevant, die sich gegen überhöhte Grundbesitzwerte bei der Erbschaft- oder Schenkungsteuer wenden.

Worum ging es in dem Streitfall?

Der Kläger hatte im Mai 2020 zwei gemischt genutzte Grundstücke geerbt.

Für beide Immobilien legte er Gutachten eines öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen vor. Dieser ermittelte die Grundstückswerte zum maßgeblichen Bewertungsstichtag mithilfe des Ertragswertverfahrens.

Die gutachterlichen Werte lagen deutlich unter den Werten, die das Finanzamt für die Erbschaftsteuer ansetzte.

Einige Monate später verkaufte der Erbe die beiden Grundstücke jedoch zu einem erheblich höheren Preis.

Damit entstand die entscheidende Streitfrage:

Darf das Finanzamt ein qualifiziertes Verkehrswertgutachten verwerfen, nur weil ein späterer Verkauf zu einem höheren Preis erfolgt ist?

Welche Grundstückswerte standen im Streit?

Die Unterschiede zwischen den gutachterlich ermittelten Werten, den Feststellungen des Finanzamts und den späteren Kaufpreisen waren erheblich.

BewertungGrundstück 1Grundstück 2Gesamt
Sachverständigengutachten210.000 €305.000 €515.000 €
Feststellung des Finanzamts290.834 €405.006 €695.840 €
Kaufpreis im Februar 2021380.000 €520.000 €900.000 €

Die Sachverständigengutachten lagen insgesamt 180.840 Euro unter den vom Finanzamt festgestellten Grundbesitzwerten.

Zugleich überstieg der spätere Verkaufspreis von insgesamt 900.000 Euro die gutachterliche Bewertung erheblich.

Das Finanzamt erkannte die Gutachten deshalb nicht an.

Auch das Finanzgericht Düsseldorf wies die Klage zunächst ab.

Warum lehnte das Finanzgericht die Gutachten ab?

Das Finanzgericht Düsseldorf stellte im Wesentlichen auf die später erzielten Verkaufspreise ab.

Nach seiner Auffassung war ein im gewöhnlichen Geschäftsverkehr tatsächlich erzielter Kaufpreis besonders aussagekräftig für den gemeinen Wert einer Immobilie.

Selbst wenn die vorgelegten Gutachten grundsätzlich den Anforderungen an ordnungsgemäße Sachverständigengutachten entsprachen, sah das Finanzgericht die höheren Kaufpreise als entscheidendes Gegenargument an.

Dabei setzte es sich jedoch nicht ausreichend mit den konkreten Bewertungsansätzen des Sachverständigen auseinander.

Besonders relevant waren dokumentierte Mängel und notwendige Sanierungsmaßnahmen.

Der Sachverständige hatte hierfür Beträge von 20.500 Euro beziehungsweise 80.500 Euro berücksichtigt.

Warum diese Positionen unzutreffend oder unbeachtlich sein sollten, erläuterte das Finanzgericht nach Auffassung des BFH nicht hinreichend.

Der Erbe legte daraufhin Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision ein.

Was hat der Bundesfinanzhof entschieden?

Der BFH gab der Beschwerde statt, hob das Urteil des Finanzgerichts Düsseldorf auf und verwies die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung zurück.

Das Gericht stellte fest, dass das Finanzgericht gegen seine Pflichten zur Sachverhaltsaufklärung und zur vollständigen Würdigung des Verfahrensstoffs verstoßen hatte.

Maßgeblich waren:

  • § 76 Abs. 1 Satz 1 FGO: Das Finanzgericht muss den entscheidungserheblichen Sachverhalt von Amts wegen aufklären.
  • § 96 Abs. 1 Satz 1 FGO: Das Gericht muss seine Entscheidung aus dem Gesamtergebnis des Verfahrens gewinnen.
  • § 198 BewG: Ein niedrigerer gemeiner Wert des Grundbesitzes kann durch ein geeignetes Sachverständigengutachten nachgewiesen werden.

Nach Auffassung des BFH hätte sich das Finanzgericht konkret mit den Gutachten, ihren Bewertungsansätzen und den festgestellten Mängeln befassen müssen.

Ein höherer Verkaufspreis rechtfertigt nicht automatisch die vollständige Ablehnung eines sachgerecht erstellten Gutachtens.

Wie wird eine geerbte Immobilie für die Erbschaftsteuer bewertet?

Bei einem Erbfall müssen die zum Nachlass gehörenden Grundstücke für steuerliche Zwecke bewertet werden.

Die Bewertung richtet sich insbesondere nach den Vorschriften des Bewertungsgesetzes.

Je nach Art des Grundstücks kommen unterschiedliche Bewertungsverfahren in Betracht, beispielsweise das Vergleichswertverfahren, das Ertragswertverfahren oder das Sachwertverfahren.

Diese gesetzlichen Verfahren sollen den gemeinen Wert der Immobilie möglichst realitätsgerecht abbilden.

Allerdings können typisierte Bewertungsansätze im Einzelfall zu höheren Ergebnissen führen, als sie den tatsächlichen Marktverhältnissen entsprechen.

Genau für solche Fälle sieht § 198 BewG eine Nachweismöglichkeit vor.

Was bedeutet der Nachweis des niedrigeren gemeinen Werts nach § 198 BewG?

Nach § 198 Abs. 1 BewG ist ein niedrigerer gemeiner Wert anzusetzen, wenn der Steuerpflichtige nachweist, dass der tatsächliche gemeine Wert einer wirtschaftlichen Einheit am Bewertungsstichtag unter dem gesetzlich ermittelten Grundbesitzwert liegt.

Das bedeutet:

Der gesetzlich ermittelte Grundbesitzwert muss nicht in jedem Fall hingenommen werden.

Erben und Beschenkte können einen niedrigeren Wert nachweisen und dadurch unter Umständen ihre erbschaft- oder schenkungsteuerliche Bemessungsgrundlage reduzieren.

Als Nachweis kommt nach § 198 Abs. 2 BewG insbesondere ein ordnungsgemäßes Gutachten eines geeigneten Sachverständigen infrage.

Auch ein zeitnah zustande gekommener Kaufpreis kann unter den Voraussetzungen des § 198 Abs. 3 BewG als Nachweis dienen.

Entscheidend ist stets der Wert am gesetzlichen Bewertungsstichtag.

Welche Anforderungen muss ein Sachverständigengutachten erfüllen?

Nicht jedes beliebige Immobiliengutachten reicht für den Nachweis nach § 198 BewG aus.

Nach der gesetzlichen Regelung kommen regelmäßig Gutachten des zuständigen Gutachterausschusses oder entsprechend qualifizierter, bestellter oder zertifizierter Sachverständiger infrage.

Das Gutachten muss unter Beachtung der maßgeblichen Bewertungsvorschriften ordnungsgemäß erstellt und nachvollziehbar sein.

Insbesondere sollten folgende Punkte berücksichtigt werden:

  • Der zutreffende Bewertungsstichtag.
  • Die Eigenschaften und die Nutzung der Immobilie.
  • Das geeignete Bewertungsverfahren.
  • Der Zustand des Gebäudes.
  • Vorhandene Schäden und Baumängel.
  • Erforderliche Instandsetzungs- und Sanierungsmaßnahmen.
  • Nachvollziehbare Berechnungen und Bewertungsannahmen.

Der BFH betont, dass ein plausibles und den maßgeblichen Vorschriften entsprechendes Gutachten regelmäßig als Nachweis geeignet ist.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Gutachten automatisch und ungeprüft übernommen werden muss.

Muss das Finanzamt jedes Gutachten vollständig anerkennen?

Nein. Das Finanzamt und gegebenenfalls das Finanzgericht dürfen die Plausibilität und die fachliche Richtigkeit eines Gutachtens überprüfen.

Sie können beispielsweise beanstanden, dass ein Abschlag für Gebäudeschäden nicht ausreichend begründet ist.

Allerdings müssen solche Beanstandungen sachlich nachvollziehbar sein.

Der BFH stellte ausdrücklich klar, dass ein Gutachten nicht allein wegen einzelner Mängel insgesamt unberücksichtigt bleiben darf.

Ist beispielsweise ein bestimmter Wertabschlag nicht hinreichend begründet, kann es ausreichen, gerade diesen Abschlag nicht anzuerkennen.

Auch kleinere Lücken können unter bestimmten Voraussetzungen im Rahmen der Beweiswürdigung geschlossen werden.

Nicht jeder Fehler im Gutachten führt dazu, dass der gesamte Nachweis scheitert.

Steuer-Tipp: Mängel und Sanierungsbedarf genau dokumentieren

Bei geerbten Immobilien kann der bauliche Zustand erheblichen Einfluss auf den gemeinen Wert haben.

Lassen Sie deshalb vorhandene Schäden, einen Instandhaltungsstau oder notwendige Sanierungsmaßnahmen möglichst konkret erfassen.

Besonders hilfreich sind nachvollziehbare Kostenansätze, Fotos, bautechnische Feststellungen und sonstige Unterlagen zum Bewertungsstichtag.

Je besser die einzelnen Wertabschläge begründet sind, desto fundierter kann ein Sachverständigengutachten gegenüber dem Finanzamt verteidigt werden.

Welche Rolle spielt ein später erzielter Kaufpreis?

Ein tatsächlicher Kaufpreis ist grundsätzlich ein wichtiges Indiz für den Marktwert einer Immobilie.

Nach § 198 Abs. 3 BewG kann ein im gewöhnlichen Geschäftsverkehr innerhalb eines Jahres vor oder nach dem Bewertungsstichtag zustande gekommener Kaufpreis zum Nachweis eines niedrigeren gemeinen Werts dienen, wenn sich die maßgeblichen Verhältnisse nicht verändert haben.

Diese gesetzliche Regelung hat jedoch eine entscheidende Besonderheit:

Sie dient dem Nachweis eines niedrigeren Werts – nicht der automatischen Erhöhung des gesetzlich festgestellten Grundstückswerts.

Der BFH stellte deshalb klar, dass ein höherer Kaufpreis nicht pauschal dazu verwendet werden darf, ein anderes zulässiges Nachweismittel vollständig auszuschließen.

Der Verkaufspreis kann zwar bei der Würdigung der tatsächlichen Verhältnisse berücksichtigt werden.

Das Gericht muss jedoch nachvollziehbar prüfen, warum er im konkreten Fall gegen die gutachterliche Bewertung sprechen soll.

Ein schematischer Vorrang des Kaufpreises besteht nicht.

Warum ist der Bewertungsstichtag so wichtig?

Bei der Erbschaftsteuer kommt es grundsätzlich auf die Verhältnisse zum Zeitpunkt des Erbfalls an.

Im Streitfall lag dieser Zeitpunkt im Mai 2020.

Der Verkauf der beiden Grundstücke erfolgte dagegen erst im Februar 2021.

Zwischen Erbfall und Verkauf können sich Marktbedingungen oder objektspezifische Umstände ändern.

Daher darf ein später erzielter Verkaufspreis nicht ohne nähere Prüfung mit dem Wert am Bewertungsstichtag gleichgesetzt werden.

Auch besondere Umstände der Veräußerung können für die Beurteilung relevant sein.

Entscheidend ist, ob der spätere Kaufpreis tatsächlich geeignet ist, die Bewertung am maßgeblichen Stichtag zu beurteilen.

Praxisbeispiel: Höherer Kaufpreis trotz niedrigerem Gutachten

Angenommen, für eine geerbte Immobilie ergeben sich folgende Werte:

PositionBetrag
Gesetzlich festgestellter Grundbesitzwert500.000 €
Wert laut qualifiziertem Gutachten400.000 €
Später erzielter Kaufpreis550.000 €
Differenz zwischen gesetzlichem Wert und Gutachten100.000 €

Der Erbe möchte erreichen, dass für die Erbschaftsteuer der gutachterlich ermittelte Wert von 400.000 Euro berücksichtigt wird.

Das Finanzamt verweist dagegen auf den späteren Kaufpreis von 550.000 Euro.

Nach den Grundsätzen des BFH darf das Gutachten nicht allein wegen dieses höheren Kaufpreises vollständig zurückgewiesen werden.

Vielmehr muss geprüft werden, ob das Gutachten ordnungsgemäß erstellt wurde und seine Wertansätze nachvollziehbar sind.

Wichtig: Das Beispiel bedeutet nicht, dass der niedrigere Gutachtenwert zwingend angesetzt werden muss. Das Gutachten muss den gesetzlichen Anforderungen entsprechen und die fachliche Prüfung bestehen.

Eine mögliche steuerliche Entlastung hängt zusätzlich von Freibeträgen, Steuerklasse, weiteren Nachlasswerten und sonstigen Umständen ab.

Warum ist die Entscheidung für Erben besonders wichtig?

Gerade bei größeren Immobilienvermögen kann die Bewertung erhebliche Auswirkungen auf die Erbschaftsteuer haben.

Problematisch sind insbesondere Grundstücke, bei denen standardisierte Bewertungsverfahren besondere wertmindernde Umstände nicht ausreichend erfassen.

Dazu können beispielsweise ein erheblicher Sanierungsbedarf, Baumängel oder besondere objektspezifische Einschränkungen gehören.

In solchen Fällen kann ein qualifiziertes Sachverständigengutachten ein wichtiges Instrument sein, um eine überhöhte steuerliche Bewertung zu korrigieren.

Der BFH-Beschluss stärkt dabei die Bedeutung einer sorgfältigen Einzelfallprüfung.

Finanzamt und Finanzgericht dürfen sachverständige Feststellungen nicht ohne nachvollziehbare Begründung übergehen.

Achtung: Der BFH hat den niedrigeren Wert noch nicht anerkannt

Ein wichtiger Punkt darf bei der Entscheidung nicht übersehen werden:

Der Bundesfinanzhof hat nicht selbst festgestellt, dass die vom Erben vorgelegten niedrigeren Gutachtenwerte zutreffend sind.

Er hat vielmehr Verfahrensfehler des Finanzgerichts Düsseldorf festgestellt.

Das Finanzgericht muss die Gutachten nun erneut prüfen und sich insbesondere mit den berücksichtigten Gebäudemängeln und Sanierungskosten auseinandersetzen.

Die endgültige Höhe der anzusetzenden Grundbesitzwerte bleibt damit offen.

Was sollten Erben und Beschenkte jetzt prüfen?

Checkliste für die Praxis

  • Prüfen Sie, ob der vom Finanzamt festgestellte Grundbesitzwert nachvollziehbar ist.
  • Achten Sie auf den zutreffenden Bewertungsstichtag.
  • Untersuchen Sie, ob besondere wertmindernde Umstände ausreichend berücksichtigt wurden.
  • Lassen Sie bei erheblichen Bewertungsabweichungen ein qualifiziertes Verkehrswertgutachten prüfen.
  • Dokumentieren Sie Baumängel, Schäden und Sanierungsbedarf.
  • Bewahren Sie Kaufverträge und andere relevante Unterlagen auf.
  • Kontrollieren Sie, ob das Finanzamt das Gutachten inhaltlich gewürdigt hat.
  • Prüfen Sie bei einer ablehnenden Entscheidung die Begründung.
  • Beachten Sie die geltenden Einspruchs- und Rechtsbehelfsfristen.

Fazit: Ein höherer Verkaufspreis entwertet das Gutachten nicht automatisch

Mit Beschluss vom 4. August 2026 (Az. II B 87/25) hat der Bundesfinanzhof die Anforderungen an die Prüfung von Sachverständigengutachten beim Nachweis eines niedrigeren Grundbesitzwerts konkretisiert.

Ein qualifiziertes Gutachten nach § 198 BewG darf nicht allein mit dem Hinweis auf einen höheren Kaufpreis pauschal zurückgewiesen werden.

Das Finanzgericht muss sich mit den konkreten Feststellungen des Sachverständigen auseinandersetzen und mögliche Beanstandungen nachvollziehbar begründen.

Für Erben und Beschenkte ist dies eine wichtige Entscheidung, wenn die gesetzliche Immobilienbewertung über dem tatsächlich nachweisbaren gemeinen Wert liegt.

Allerdings bleibt eine sorgfältige fachliche Prüfung des Gutachtens erforderlich. Der BFH hat den Rechtsstreit deshalb zur erneuten Entscheidung an das Finanzgericht Düsseldorf zurückverwiesen.

Sie haben eine Immobilie geerbt oder geschenkt bekommen und halten den vom Finanzamt angesetzten Grundstückswert für zu hoch? Wir unterstützen Sie gerne bei der steuerlichen Prüfung des Grundbesitzwerts und der Frage, ob ein Nachweis nach § 198 BewG sinnvoll ist.


Häufige Fragen zum niedrigeren Grundbesitzwert bei der Erbschaftsteuer

Kann ich einen niedrigeren Immobilienwert für die Erbschaftsteuer nachweisen?

Ja. Nach § 198 BewG kann ein niedrigerer gemeiner Wert angesetzt werden, wenn der Steuerpflichtige diesen für den maßgeblichen Bewertungsstichtag nachweist.

Welches Gutachten erkennt das Finanzamt an?

Regelmäßig kommt ein Gutachten des zuständigen Gutachterausschusses oder eines entsprechend qualifizierten, bestellten oder zertifizierten Sachverständigen infrage. Das Gutachten muss die maßgeblichen Bewertungsvorschriften beachten und plausibel sein.

Darf das Finanzamt ein Gutachten wegen eines höheren Verkaufspreises ablehnen?

Nicht pauschal. Nach dem BFH-Beschluss vom 4. August 2026 muss das Gutachten inhaltlich geprüft werden. Ein höherer Kaufpreis reicht allein nicht aus, um die gesamte Bewertung zu verwerfen.

Was gilt, wenn das Gutachten einzelne Fehler enthält?

Einzelne unzureichend begründete Bewertungsansätze führen nicht automatisch zur vollständigen Unbrauchbarkeit des Gutachtens. Gegebenenfalls sind nur bestimmte Abschläge zu korrigieren.

Welcher Zeitpunkt ist für die Immobilienbewertung entscheidend?

Bei der Erbschaftsteuer ist grundsätzlich der Bewertungsstichtag maßgeblich, regelmäßig der Zeitpunkt des Erbfalls. Spätere Entwicklungen müssen entsprechend eingeordnet werden.

Kann ein tatsächlicher Verkaufspreis als Nachweis dienen?

Ja. Nach § 198 Abs. 3 BewG kann ein im gewöhnlichen Geschäftsverkehr innerhalb eines Jahres vor oder nach dem Bewertungsstichtag erzielter Kaufpreis als Nachweis eines niedrigeren gemeinen Werts dienen, wenn die maßgeblichen Verhältnisse unverändert geblieben sind.

Hat der BFH im Streitfall den niedrigeren Gutachtenwert bestätigt?

Nein. Der BFH hat das Urteil des Finanzgerichts Düsseldorf wegen Verfahrensfehlern aufgehoben. Die inhaltliche Prüfung der Gutachten muss im zweiten Rechtsgang nachgeholt werden.


Quellen und Rechtsgrundlagen

  • Bundesfinanzhof, Beschluss vom 04.08.2026, Az. II B 87/25, ECLI:DE:BFH:2026.040826.IIB87.25.0.
  • Finanzgericht Düsseldorf, Urteil vom 27.11.2025, Az. 11 K 2562/22 BG – aufgehoben durch den BFH.
  • § 198 Abs. 1 bis 3 BewG – Nachweis des niedrigeren gemeinen Werts.
  • § 9 Abs. 2 BewG – Begriff des gemeinen Werts.
  • § 76 Abs. 1 Satz 1 FGO – Sachverhaltsaufklärung.
  • § 96 Abs. 1 Satz 1 FGO – Würdigung des Gesamtergebnisses des Verfahrens.
  • BFH, Urteil vom 25.04.2018, Az. II R 47/15, BFHE 262, 157, BStBl II 2019, S. 144.
  • BFH, Urteil vom 16.09.2020, Az. II R 1/18, BFHE 269, 406, BStBl II 2021, S. 594.
  • BFH, Urteil vom 03.12.2008, Az. II R 19/08, BFHE 224, 268, BStBl II 2009, S. 403.

Rechtsstand: 25. Oktober 2026.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Kindergeld bei getrennten Eltern: BFH stellt Lebensmittelpunkt über Unterhaltszahlungen

Welcher Elternteil erhält das Kindergeld, wenn ein Kind regelmäßig bei Mutter und Vater lebt? Nach einem aktuellen Urteil des Bundesfinanzhofs (BFH) kommt es dabei vor allem auf den tatsächlichen Lebensmittelpunkt des Kindes an – nicht darauf, welcher Elternteil mehr Unterhalt zahlt.

Mit Urteil vom 9. Juli 2026 (Az. III R 8/25) hat der BFH entschieden, dass Barunterhaltsleistungen kein geeignetes Kriterium sind, um die Haushaltsaufnahme eines Kindes nach § 64 Abs. 2 EStG zu beurteilen.

Das gilt auch dann, wenn das Kind bei beiden Elternteilen deutlich mehr Zeit verbringt als bei bloßen Besuchen oder Ferienaufenthalten.

Die Entscheidung ist besonders für getrennt lebende Eltern mit Wechselmodell sowie für Familien mit grenzüberschreitenden Wohn- und Betreuungsverhältnissen relevant.

Worum ging es in dem Streitfall?

Im Mittelpunkt des Verfahrens stand ein Vater, der für seinen minderjährigen Sohn deutsches Kindergeld erhielt.

Die Eltern lebten getrennt, betreuten ihren Sohn zunächst aber im Wechselmodell. Der Vater war mit Zustimmung der Mutter als Kindergeldberechtigter bestimmt worden.

Im August 2020 zog die Mutter in einen anderen Staat des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR), wo sie wissenschaftlich tätig war.

Der Sohn folgte ihr und besuchte dort ab Januar 2021 die Schule.

Während der Schulzeit lebte er überwiegend bei seiner Mutter. Die Ferien verbrachte er dagegen bei seinem Vater in Deutschland.

Bei diesem verfügte er weiterhin über sein gewohntes Kinderzimmer, persönliche Kontakte zu Verwandten und Freunden sowie weitere Bindungen an sein bisheriges Lebensumfeld.

Im gesamten Jahr 2022 verteilten sich seine Aufenthalte folgendermaßen:

AufenthaltTage im Jahr 2022Anteil
Bei der Mutter im Ausland257rund 70 %
Beim Vater in Deutschland108rund 30 %

Der Vater leistete zusätzlich finanzielle Unterstützung.

Er zahlte laufenden Unterhalt, überwies das Kindergeld an die Mutter und übernahm unter anderem Flugkosten sowie Aufwendungen für Nachhilfe, Fitnessstudio und Fahrschule.

Dennoch hob die Familienkasse die Kindergeldfestsetzung ab April 2022 auf.

Sie ging davon aus, dass die Mutter aufgrund der überwiegenden Haushaltsaufnahme des Sohnes vorrangig kindergeldberechtigt sei.

Was entschied das Finanzgericht zunächst?

Das Sächsische Finanzgericht gab dem Vater mit Urteil vom 25. Oktober 2023 (Az. 8 K 834/22 (Kg)) zunächst recht.

Es berücksichtigte, dass beide Elternteile den Sohn weiterhin betreuten und versorgten.

Nach Auffassung des Finanzgerichts konnte deshalb trotz der längeren Aufenthaltsdauer bei der Mutter von einer annähernd gleichwertigen Haushaltsaufnahme ausgegangen werden.

Dabei bezog das Gericht auch die finanziellen Leistungen des Vaters in seine Würdigung ein.

Die Familienkasse legte Revision ein.

Der Bundesfinanzhof beurteilte die Rechtslage anders.

Was hat der Bundesfinanzhof entschieden?

Der BFH hob das Urteil des Finanzgerichts auf und verwies den Fall zur erneuten Entscheidung zurück.

Nach Auffassung des BFH ist bei der Kindergeldberechtigung entscheidend, wo das Kind tatsächlich seinen Lebensmittelpunkt hat.

Zwar können beide Elternteile intensiv an Betreuung, Versorgung und Erziehung beteiligt sein.

Für die Rangfolge nach § 64 Abs. 2 EStG kommt es jedoch darauf an, ob das Kind annähernd gleichwertig in beide Haushalte aufgenommen wurde oder ob ein Haushalt deutlich überwiegt.

Dabei dürfen Barunterhaltszahlungen nicht berücksichtigt werden, um einen geringeren zeitlichen Betreuungsumfang auszugleichen.

Im entschiedenen Fall sprach das Verhältnis von 257 Tagen bei der Mutter zu 108 Tagen beim Vater deutlich für einen Lebensmittelpunkt im Haushalt der Mutter.

Besondere Umstände, die dieses klare zeitliche Übergewicht hätten ausgleichen können, hatte das Finanzgericht nicht festgestellt.

Der BFH ging deshalb von einer vorrangigen Haushaltsaufnahme bei der Mutter aus.

Ob daraus tatsächlich ein vorrangiger deutscher Kindergeldanspruch der Mutter folgte, war allerdings noch nicht abschließend geklärt. Diese Frage muss das Finanzgericht im zweiten Rechtsgang prüfen.

Welcher Elternteil bekommt bei einer Trennung das Kindergeld?

Die Rangfolge mehrerer Kindergeldberechtigter ist in § 64 EStG geregelt.

Nach § 64 Abs. 1 EStG wird das Kindergeld für jedes Kind nur an einen Berechtigten gezahlt.

Bei mehreren Berechtigten erhält es nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG grundsätzlich derjenige Elternteil, der das Kind in seinen Haushalt aufgenommen hat.

Dabei kommt es nicht allein darauf an, wo das Kind gemeldet ist.

Vielmehr ist zu prüfen, wo es tatsächlich lebt und in eine familiäre Gemeinschaft mit Betreuung, Versorgung und Erziehung eingebunden ist.

Eine Haushaltsaufnahme setzt neben dem örtlichen Zusammenleben auch eine persönliche Einbindung in den Haushalt voraus.

Maßgeblich sind die tatsächlichen Lebensverhältnisse.

Wie wird das Kindergeld beim Wechselmodell geregelt?

Beim echten paritätischen Wechselmodell lebt ein Kind annähernd gleichwertig in den Haushalten beider Eltern.

Für diesen Fall enthält § 64 EStG keine ausdrückliche Sonderregelung.

Nach der BFH-Rechtsprechung wird deshalb § 64 Abs. 2 Satz 2 EStG entsprechend angewendet.

Die Eltern können dann untereinander bestimmen, wer das Kindergeld erhalten soll.

Haben sie bereits eine entsprechende Vereinbarung getroffen, bleibt diese grundsätzlich wirksam, solange sie nicht einvernehmlich geändert oder von einem Elternteil widerrufen wird.

Ändern sich jedoch die tatsächlichen Betreuungsverhältnisse erheblich, kann eine frühere Berechtigtenbestimmung gegenstandslos werden.

Das gilt insbesondere dann, wenn das Kind inzwischen nur noch überwiegend einem Elternhaushalt zugeordnet werden kann.

Beispiel: Wechselmodell mit annähernd gleicher Betreuung

Ein Kind lebt regelmäßig abwechselnd bei seiner Mutter und seinem Vater.

Beide Eltern übernehmen die alltägliche Versorgung, Betreuung und Erziehung in annähernd gleichem Umfang.

In diesem Fall können sie grundsätzlich vereinbaren, welcher Elternteil das Kindergeld bezieht.

Die wirtschaftliche Aufteilung des Kindergeldes zwischen den Eltern ist davon zu unterscheiden.

Wichtig: Eine etwaige unterhaltsrechtliche Verrechnung oder Weiterleitung des Kindergeldes entscheidet nicht automatisch darüber, wer gegenüber der Familienkasse vorrangig anspruchsberechtigt ist.

Was gilt, wenn das Kind überwiegend bei einem Elternteil lebt?

Anders ist die Situation, wenn das Kind zwar regelmäßig beide Haushalte aufsucht, sein Lebensmittelpunkt aber eindeutig bei einem Elternteil liegt.

Dann ist grundsätzlich dieser Elternteil nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG vorrangig kindergeldberechtigt.

Der BFH betont dabei, dass die Haushaltsaufnahme nicht allein anhand einzelner Besuche oder der von den Eltern gewählten Bezeichnung ihres Betreuungsmodells beurteilt werden darf.

Entscheidend sind die tatsächlichen Verhältnisse.

Der Senat bestätigt zugleich, dass ein Aufenthalt von mehr als drei Monaten im Jahr jedenfalls über einen bloßen Besuchs- oder Feriencharakter hinausgehen kann.

Daraus folgt jedoch nicht, dass bei Aufenthalten von mehr als drei Monaten automatisch zwei gleichwertige Lebensmittelpunkte bestehen.

Bei längeren Aufenthalten in beiden Haushalten muss vielmehr geprüft werden, wo sich das Kind überwiegend aufhält und seinen Lebensmittelpunkt hat.

Welche Kriterien sind für den Lebensmittelpunkt des Kindes entscheidend?

Die Beurteilung erfolgt anhand einer Gesamtwürdigung der tatsächlichen Umstände.

Wichtige Gesichtspunkte können insbesondere sein:

  • die Dauer und Regelmäßigkeit der Aufenthalte bei beiden Elternteilen,
  • der Ort des Schulbesuchs,
  • die tatsächliche Betreuung und Erziehung,
  • die Versorgung und Einbindung in den Familienalltag,
  • die Wohn- und Unterbringungssituation,
  • persönliche Bindungen zu Familie und Freunden,
  • die Möglichkeit des Kindes, seinen Aufenthaltsort selbst zu wählen,
  • besondere Vereinbarungen zum Sorgerecht und zur Betreuung.

Kein einzelnes Merkmal muss in jedem Fall allein entscheidend sein.

Die Aufenthaltsdauer kann allerdings besonders ins Gewicht fallen, wenn ein Elternteil das Kind wesentlich länger betreut als der andere.

Im entschiedenen Fall sah der BFH bei einer Verteilung von rund 70 zu 30 Prozent ein deutliches zeitliches Übergewicht zugunsten der Mutter.

Warum zählen Unterhaltszahlungen nicht bei der Haushaltsaufnahme?

Ein zentraler Punkt des Urteils betrifft die Abgrenzung zwischen Haushaltsaufnahme und finanzieller Unterhaltsleistung.

Der BFH stellt klar, dass beide Kriterien unterschiedliche Funktionen haben.

Nach § 64 Abs. 2 EStG kommt es grundsätzlich darauf an, welcher Elternteil das Kind in seinen Haushalt aufgenommen hat.

Erst wenn das Kind in keinen Haushalt eines Kindergeldberechtigten aufgenommen ist, wird nach § 64 Abs. 3 EStG auf die laufenden Barunterhaltsleistungen abgestellt.

Zahlen mehrere Berechtigte in einem solchen Fall Unterhaltsrenten, ist grundsätzlich die Höhe dieser Leistungen maßgeblich.

Würden Barunterhaltszahlungen bereits bei der Beurteilung der Haushaltsaufnahme berücksichtigt, würde diese gesetzliche Rangfolge durchbrochen.

Deshalb darf beispielsweise ein finanziell stärker engagierter Elternteil eine geringere Haushaltsaufnahme nicht durch höhere Unterhaltszahlungen ausgleichen.

Praxisbeispiel: Vater zahlt mehr, Kind lebt überwiegend bei der Mutter

Angenommen, ein Kind lebt während der Schulzeit bei der Mutter.

Beim Vater verbringt es regelmäßig längere Ferien und zusätzliche Wochenenden.

Im gesamten Jahr ergibt sich folgende Verteilung:

KriteriumMutterVater
Aufenthaltstage250115
SchulalltagÜberwiegendNein
Laufender BarunterhaltGeringerHöher
FerienbetreuungTeilweiseUmfangreich

Obwohl der Vater mehr Barunterhalt zahlt und das Kind bei ihm deutlich mehr als nur kurze Besuche verbringt, führt dies nicht automatisch zu einer gleichwertigen Haushaltsaufnahme.

Nach den Grundsätzen des BFH wäre insbesondere zu untersuchen, ob der Lebensmittelpunkt aufgrund der tatsächlichen Verhältnisse überwiegend bei der Mutter liegt.

Die höhere finanzielle Beteiligung des Vaters darf dabei nicht als Ausgleich für die geringere Aufenthaltsdauer berücksichtigt werden.

Das Beispiel verdeutlicht: Kindergeldberechtigung und finanzielle Unterhaltslast sind rechtlich getrennt zu beurteilen.

Was gilt, wenn ein Elternteil im Ausland lebt?

Besonders komplex wird die Rechtslage, wenn die Eltern in unterschiedlichen Staaten leben.

Im entschiedenen Fall wohnte die Mutter mit dem Sohn in einem anderen EWR-Staat, während der Vater in Deutschland blieb.

Dadurch stellte sich eine zusätzliche Frage:

Hatte die Mutter überhaupt einen deutschen Kindergeldanspruch, der gegenüber dem Anspruch des Vaters vorrangig sein konnte?

Nach deutschem Recht setzt ein Kindergeldanspruch grundsätzlich bestimmte persönliche Voraussetzungen voraus, beispielsweise einen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt im Inland nach § 62 EStG.

Im europäischen und EWR-bezogenen Kontext können jedoch besondere Koordinierungsvorschriften gelten.

Dazu gehören insbesondere Artikel 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 und Artikel 60 Abs. 1 der Verordnung (EG) Nr. 987/2009.

Diese Vorschriften können dazu führen, dass bei der Prüfung eines Kindergeldanspruchs bestimmte grenzüberschreitende Familienverhältnisse so behandelt werden, als befänden sich die betreffenden Personen im zuständigen Staat.

Auch ausländische Familienleistungen können berücksichtigt werden müssen.

Der BFH konnte die Sache deshalb noch nicht endgültig entscheiden.

Warum wurde das Verfahren an das Finanzgericht zurückverwiesen?

Nach Auffassung des BFH war die bisherige Beurteilung der Haushaltsaufnahme rechtsfehlerhaft.

Das bedeutete allerdings noch nicht, dass die Aufhebung der Kindergeldfestsetzung zugunsten des Vaters automatisch rechtmäßig war.

Denn das Finanzgericht hatte nicht ausreichend geprüft, ob die im Ausland lebende Mutter aufgrund des europäischen Koordinierungsrechts einen deutschen Kindergeldanspruch hatte.

Ebenso war zu klären, ob vergleichbare ausländische Familienleistungen einem deutschen Kindergeldanspruch entgegenstanden.

Diese offenen Fragen können für das Ergebnis entscheidend sein.

Das Finanzgericht muss deshalb im zweiten Rechtsgang die grenzüberschreitenden Anspruchsvoraussetzungen prüfen.

Wichtig: Der BFH hat den Kindergeldanspruch des Vaters im konkreten Streitfall nicht abschließend verneint. Er hat aber verbindliche Maßstäbe für die Beurteilung der Haushaltsaufnahme aufgestellt.

Steuer-Tipp: Betreuungszeiten nachvollziehbar dokumentieren

Wenn Sie getrennt leben und Ihr Kind regelmäßig in beiden Haushalten betreut wird, sollten Sie die tatsächlichen Aufenthalts- und Betreuungsverhältnisse dokumentieren.

Hilfreich können beispielsweise sein:

  • ein gemeinsamer Betreuungskalender,
  • Umgangsvereinbarungen,
  • Nachweise zum Schulbesuch,
  • Informationen über die Wohnsituation,
  • Unterlagen über wesentliche Änderungen des Betreuungsmodells.

Damit lässt sich bei Rückfragen der Familienkasse besser nachvollziehen, wo Ihr Kind tatsächlich seinen Lebensmittelpunkt hat.

Ziehen Sie mit Ihrem Kind ins Ausland oder ändern sich die Aufenthaltsverhältnisse wesentlich, sollten Sie zudem zeitnah prüfen, ob dies Auswirkungen auf die bisherige Kindergeldfestsetzung hat.

Achtung: Eine frühere Kindergeldvereinbarung gilt nicht immer dauerhaft

Haben Eltern bei einem Wechselmodell vereinbart, wer das Kindergeld erhält, kann diese Bestimmung bei gleichwertiger Haushaltsaufnahme grundsätzlich fortgelten.

Verlagert sich der Lebensmittelpunkt des Kindes jedoch dauerhaft zu einem Elternteil, kann die bisherige Vereinbarung ihre rechtliche Grundlage verlieren.

Das gilt auch dann, wenn beide Eltern weiterhin gemeinsam das Sorgerecht ausüben oder der bisherige Kindergeldempfänger erhebliche finanzielle Leistungen erbringt.

Außerdem kann eine nicht mehr zutreffende Kindergeldfestsetzung unter den gesetzlichen Voraussetzungen aufgehoben oder geändert werden.

Was sollten getrennt lebende Eltern jetzt prüfen?

Checkliste für die Praxis

  • Prüfen Sie, bei welchem Elternteil sich Ihr Kind tatsächlich überwiegend aufhält.
  • Dokumentieren Sie die Betreuungs- und Aufenthaltszeiten.
  • Berücksichtigen Sie den Schulort und die Einbindung in den jeweiligen Familienalltag.
  • Unterscheiden Sie die Kindergeldberechtigung von der Unterhaltszahlung.
  • Kontrollieren Sie, ob eine frühere Berechtigtenbestimmung noch zu den tatsächlichen Verhältnissen passt.
  • Melden Sie relevante Änderungen der Familienkasse.
  • Prüfen Sie bei Auslandsbezug die europäischen Koordinierungsregelungen.
  • Lassen Sie eine Aufhebungs- oder Rückforderungsentscheidung bei Zweifeln rechtzeitig überprüfen.

Fazit: Beim Kindergeld zählt die tatsächliche Haushaltsaufnahme

Mit Urteil vom 9. Juli 2026 (Az. III R 8/25) hat der Bundesfinanzhof die Rangfolge der Kindergeldberechtigung bei getrennt lebenden Eltern präzisiert.

Entscheidend ist grundsätzlich, bei welchem Elternteil das Kind seinen tatsächlichen Lebensmittelpunkt hat.

Barunterhaltszahlungen dürfen nicht herangezogen werden, um eine geringere Haushaltsaufnahme auszugleichen.

Bei einem annähernd gleichwertigen Wechselmodell können die Eltern dagegen grundsätzlich untereinander bestimmen, wer das Kindergeld erhält.

Verlagert sich der Lebensmittelpunkt des Kindes deutlich zu einem Elternteil, kann eine frühere Berechtigtenbestimmung gegenstandslos werden.

Bei Familien mit Wohnsitz in unterschiedlichen Staaten müssen zusätzlich die europäischen Vorschriften über die Koordinierung von Familienleistungen geprüft werden.

Sie leben getrennt, betreuen Ihr Kind im Wechselmodell oder haben Fragen zu einem Kindergeldbescheid mit Auslandsbezug? Wir unterstützen Sie gerne bei der steuerlichen Einordnung Ihrer familiären Verhältnisse und der Prüfung möglicher Ansprüche.


Häufige Fragen zum Kindergeld bei getrennt lebenden Eltern

Wer bekommt das Kindergeld, wenn das Kind bei beiden Eltern lebt?

Grundsätzlich erhält der Elternteil das Kindergeld, in dessen Haushalt das Kind überwiegend aufgenommen ist. Bei annähernd gleichwertiger Haushaltsaufnahme können die Eltern den Berechtigten grundsätzlich untereinander bestimmen.

Entscheidet die Höhe des Kindesunterhalts über das Kindergeld?

Nein. Nach dem BFH-Urteil III R 8/25 sind Barunterhaltszahlungen kein geeignetes Kriterium für die Beurteilung der Haushaltsaufnahme.

Wer bekommt das Kindergeld beim Wechselmodell?

Bei annähernd gleichwertiger Betreuung in beiden Haushalten können die Eltern grundsätzlich vereinbaren, wer das Kindergeld bezieht. Diese Regel ergibt sich aus der entsprechenden Anwendung des § 64 Abs. 2 Satz 2 EStG.

Ab wie vielen Aufenthaltstagen gilt ein Kind als in einen Haushalt aufgenommen?

Es gibt keine allgemeine feste Tagesgrenze, die automatisch über den Vorrang beim Kindergeld entscheidet. Nach der BFH-Rechtsprechung geht ein Aufenthalt von mehr als drei Monaten im Jahr jedenfalls über einen bloßen Besuchs- oder Feriencharakter hinaus. Bei Aufenthalten in beiden Haushalten bleibt der tatsächliche Lebensmittelpunkt entscheidend.

Kann eine höhere Unterhaltszahlung geringere Betreuungstage ausgleichen?

Nein. Die Höhe von Barunterhaltsleistungen darf bei der Prüfung, welcher Elternteil das Kind überwiegend in seinen Haushalt aufgenommen hat, nicht als Ausgleich berücksichtigt werden.

Was passiert, wenn das Kind mit einem Elternteil ins Ausland zieht?

Ein Umzug kann die tatsächliche Haushaltsaufnahme und die Kindergeldberechtigung verändern. Bei einem Umzug in einen EU- oder EWR-Staat sind außerdem die einschlägigen europäischen Koordinierungsregeln zu prüfen.

Hat der BFH den Kindergeldanspruch des Vaters endgültig abgelehnt?

Nein. Der BFH hob das Urteil des Sächsischen Finanzgerichts auf und verwies die Sache zurück. Im zweiten Rechtsgang müssen noch die grenzüberschreitenden Kindergeldansprüche und mögliche ausländische Familienleistungen geprüft werden.


Quellen und Rechtsgrundlagen

  • Bundesfinanzhof, Urteil vom 09.07.2026, Az. III R 8/25, ECLI:DE:BFH:2026.090726.IIIR8.25.0.
  • BFH, Pressemitteilung Nr. 54/26 vom 01.10.2026.
  • Sächsisches Finanzgericht, Urteil vom 25.10.2023, Az. 8 K 834/22 (Kg).
  • § 64 Abs. 1 bis 3 EStG – Zusammentreffen mehrerer Kindergeldansprüche.
  • §§ 62 und 63 EStG – Anspruchsberechtigte und Kinder.
  • § 65 EStG – Andere Leistungen für Kinder.
  • Art. 67 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 – Familienleistungen bei grenzüberschreitenden Wohnsitzverhältnissen.
  • Art. 60 Abs. 1 der Verordnung (EG) Nr. 987/2009 – Anwendung der Vorschriften über Familienleistungen.
  • BFH, Urteil vom 23.03.2005, Az. III R 91/03, BStBl II 2008, S. 752.
  • BFH, Urteil vom 18.05.2017, Az. III R 11/15, BStBl II 2017, S. 1199.

Rechtsstand: 25. Oktober 2026.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Nachzahlungszinsen beim Finanzamt: Ab 2027 sollen 3,6 Prozent gelten

Steuernachzahlungen könnten ab 2027 deutlich teurer werden. Die Bundesregierung plant, die Nachzahlungszinsen beim Finanzamt von bisher 0,15 Prozent auf 0,3 Prozent pro Monat anzuheben. Das entspricht einer Verdoppelung des Jahreszinssatzes von 1,8 auf 3,6 Prozent.

Die Änderung ist Bestandteil des Regierungsentwurfs zum Jahressteuergesetz 2026 (Bundestagsdrucksache 21/8283). Sie soll für Verzinsungszeiträume ab dem 1. Januar 2027 gelten.

Nicht nur Nachzahlungszinsen wären betroffen: Auch die Erstattungszinsen, die das Finanzamt unter bestimmten Voraussetzungen an Steuerpflichtige zahlt, sollen steigen.

Wichtig: Die Zinserhöhung ist zum Rechtsstand 25. Oktober 2026 noch nicht beschlossen. Bis zu einer gesetzlichen Änderung gilt weiterhin der Zinssatz von 0,15 Prozent pro Monat für Nachzahlungs- und Erstattungszinsen nach § 233a AO.

Was soll sich bei den Nachzahlungszinsen ändern?

Nach dem Regierungsentwurf soll § 238 Abs. 1a Abgabenordnung (AO) geändert werden.

Für die Verzinsung von Steuernachforderungen und Steuererstattungen nach § 233a AO sieht die Bundesregierung folgende Zinssätze vor:

ZeitraumMonatlicher ZinssatzJahreszinssatz
01.01.2019 bis 31.12.20260,15 %1,8 %
Ab 01.01.2027 – geplant0,3 %3,6 %

Der geplante Zinssatz wäre damit doppelt so hoch wie bisher.

Die Bundesregierung begründet die Erhöhung mit dem seit der letzten gesetzlichen Anpassung gestiegenen allgemeinen Zinsniveau.

Der neue Zinssatz soll weiterhin einheitlich für Nachzahlungen und Erstattungen gelten.

Rechtsgrundlage: § 238 Abs. 1a AO in der Fassung des Regierungsentwurfs, Bundestagsdrucksache 21/8283, Artikel 18 Nr. 14.

Was sind Nachzahlungszinsen beim Finanzamt?

Nachzahlungszinsen können entstehen, wenn eine Steuer erst längere Zeit nach Ablauf des betreffenden Steuerjahres festgesetzt wird.

Der Zweck der Verzinsung besteht darin, mögliche Zins- und Liquiditätsvorteile beziehungsweise -nachteile auszugleichen, die durch eine spätere Steuerfestsetzung entstehen.

Ein Beispiel:

Sie geben Ihre Einkommensteuererklärung ab. Der Steuerbescheid wird jedoch erst deutlich später erlassen.

Ergibt sich daraus eine Steuernachzahlung, kann das Finanzamt zusätzlich Zinsen festsetzen.

Die Verzinsung nach § 233a AO betrifft insbesondere:

  • Einkommensteuer
  • Körperschaftsteuer
  • Umsatzsteuer
  • Gewerbesteuer

Nicht jede Steuerzahlung oder Steuernachforderung führt allerdings zu Nachzahlungszinsen nach § 233a AO. Entscheidend sind die gesetzlichen Voraussetzungen und der jeweilige Zinslauf.

Ab wann berechnet das Finanzamt Nachzahlungszinsen?

Nach § 233a Abs. 2 AO beginnt der Zinslauf grundsätzlich 15 Monate nach Ablauf des Kalenderjahres, in dem die Steuer entstanden ist.

Damit gibt es zunächst eine zinsfreie Karenzzeit.

Für bestimmte Besteuerungszeiträume gelten beziehungsweise galten gesetzliche Sonderregelungen.

Beispiel: Einkommensteuer für 2025

Für die Einkommensteuer des Jahres 2025 beginnt der reguläre Zinslauf grundsätzlich am 1. April 2027.

Wird die Steuer erst nach diesem Zeitpunkt festgesetzt, können unter den gesetzlichen Voraussetzungen Nachzahlungszinsen entstehen.

Nach dem Regierungsentwurf würde für den ab 2027 liegenden Verzinsungszeitraum der neue Zinssatz von 0,3 Prozent pro Monat gelten.

Wichtig: Der Beginn der Verzinsung ist nicht mit der Zahlungsfrist des Steuerbescheids zu verwechseln. Die Zinsen nach § 233a AO betreffen die zeitliche Verzögerung der Steuerfestsetzung, nicht eine verspätete Zahlung nach Eintritt der Fälligkeit.

Wie hoch könnten die Nachzahlungszinsen ab 2027 ausfallen?

Die geplante Verdoppelung kann insbesondere bei größeren Steuernachforderungen spürbare Auswirkungen haben.

Rechenbeispiel: 20.000 Euro Steuernachzahlung

Angenommen, das Finanzamt setzt eine Einkommensteuernachzahlung von 20.000 Euro fest.

Der maßgebliche Zinslauf umfasst zwölf volle Monate und liegt vollständig im Zeitraum ab 2027.

BerechnungBisheriger ZinssatzGeplanter Zinssatz
Steuernachzahlung20.000 €20.000 €
Zinszeitraum12 Monate12 Monate
Monatlicher Zinssatz0,15 %0,3 %
Nachzahlungszinsen360 €720 €

Die Mehrbelastung würde in diesem Beispiel 360 Euro betragen.

Bei einer Nachzahlung von 50.000 Euro und zwölf vollen Zinsmonaten würden die Zinsen nach dem geplanten Satz 1.800 Euro statt bisher 900 Euro betragen.

Die Beispiele unterstellen einen vollständig dem jeweiligen Zinssatz unterliegenden Zeitraum und lassen besondere Berechnungsvorschriften unberücksichtigt.

Gilt der neue Zinssatz auch für ältere Steuerjahre?

Ja, das kann nach dem Regierungsentwurf der Fall sein.

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem Steuerjahr und dem Verzinsungszeitraum.

Der geplante neue Zinssatz soll nicht nur für Steuern gelten, die das Jahr 2027 betreffen.

Maßgeblich ist vielmehr, für welchen Zeitraum die Nachzahlungs- oder Erstattungszinsen berechnet werden.

Der Entwurf sieht ausdrücklich folgende zeitliche Aufteilung vor:

  • Für Verzinsungszeiträume vom 1. Januar 2019 bis zum 31. Dezember 2026 sollen weiterhin 0,15 Prozent monatlich gelten.
  • Für Verzinsungszeiträume ab dem 1. Januar 2027 sollen 0,3 Prozent monatlich gelten.

Damit kann auch eine Nachzahlung für ein älteres Steuerjahr von der geplanten Zinserhöhung betroffen sein, wenn der Zinslauf bis in das Jahr 2027 oder darüber hinaus reicht.

Beispiel: Nachzahlung für ein früheres Steuerjahr

Ein Steuerpflichtiger erhält im Jahr 2028 einen geänderten Einkommensteuerbescheid für ein früheres Jahr.

Der maßgebliche Zinslauf hat bereits vor 2027 begonnen.

In diesem Fall wären bei Umsetzung des Entwurfs grundsätzlich die bis Ende 2026 geltenden Monate mit dem bisherigen und die ab 2027 liegenden Monate mit dem neuen Zinssatz zu berücksichtigen.

Die Abgabenordnung enthält für Zinsläufe mit unterschiedlichen Zinssätzen besondere Berechnungsregeln (§ 238 Abs. 1b AO).

Die geplante Änderung knüpft somit an den Zinszeitraum an – nicht allein an das Datum des Steuerbescheids.

Warum sollen die Zinsen wieder steigen?

Hintergrund der geplanten Neuregelung ist die Entwicklung des allgemeinen Zinsniveaus.

Ursprünglich betrug der gesetzliche Zinssatz für die Vollverzinsung nach § 233a AO 0,5 Prozent pro Monat, also 6 Prozent jährlich.

Das Bundesverfassungsgericht erklärte die Anwendung dieses Zinssatzes auf Nachzahlungs- und Erstattungszinsen für Verzinsungszeiträume ab 2014 wegen des strukturell niedrigen Zinsniveaus für mit dem Grundgesetz unvereinbar.

Für Verzinsungszeiträume ab 2019 musste der Gesetzgeber eine Neuregelung schaffen.

Daraufhin wurde der Zinssatz im Jahr 2022 rückwirkend ab dem 1. Januar 2019 auf 0,15 Prozent pro Monat festgelegt.

Der jetzige Regierungsentwurf sieht angesichts der veränderten Zinsverhältnisse eine erneute Anpassung vor.

Rechtsgrundlagen: BVerfG, Beschluss vom 8. Juli 2021, 1 BvR 2237/14 und 1 BvR 2422/17; § 238 Abs. 1a AO; Bundestagsdrucksache 21/8283.

Steigen auch die Erstattungszinsen?

Ja. Die geplante Erhöhung soll ausdrücklich sowohl für Nachzahlungszinsen als auch für Erstattungszinsen gelten.

Das bedeutet: Wer eine Steuererstattung erhält, für die nach § 233a AO ein Zinsanspruch entsteht, könnte künftig ebenfalls von einem höheren Zinssatz profitieren.

Rechenbeispiel: 10.000 Euro Steuererstattung

Ein Steuerpflichtiger erhält eine Steuererstattung von 10.000 Euro.

Für den maßgeblichen Zinslauf werden zwölf volle Monate zugrunde gelegt.

BerechnungBisherAb 2027 geplant
Steuererstattung10.000 €10.000 €
Monatlicher Zinssatz0,15 %0,3 %
Zinszeitraum12 Monate12 Monate
Erstattungszinsen180 €360 €

Bei Umsetzung des Gesetzes würde sich auch der mögliche Zinsbetrag auf eine entsprechende Steuererstattung verdoppeln.

Allerdings entstehen Erstattungszinsen nicht bei jeder Steuererstattung automatisch. Maßgeblich bleiben die Voraussetzungen und Zeiträume des § 233a AO.

Außerdem können erhaltene Erstattungszinsen selbst steuerliche Folgen haben.

Sind Nachzahlungszinsen und Säumniszuschläge dasselbe?

Nein. Diese beiden Positionen müssen unterschieden werden.

Nachzahlungszinsen nach § 233a AO knüpfen grundsätzlich daran an, dass eine Steuer erst nach Ablauf der gesetzlichen Karenzzeit festgesetzt wird.

Säumniszuschläge nach § 240 AO können dagegen entstehen, wenn eine bereits fällige Steuer nicht rechtzeitig bezahlt wird.

Die geplante Verdoppelung betrifft den besonderen Zinssatz für die Vollverzinsung nach § 233a AO.

Sie bedeutet nicht, dass automatisch auch sämtliche anderen steuerlichen Zinsen, Säumniszuschläge oder Stundungszinsen verdoppelt werden.

Gerade bei größeren Steuerrückständen ist diese Unterscheidung wichtig.

Welche Folgen hat die Zinserhöhung für Unternehmen?

Für Unternehmen können Nachzahlungszinsen insbesondere nach einer Betriebsprüfung zu einer zusätzlichen finanziellen Belastung werden.

Werden Steuerbescheide für frühere Jahre geändert, können neben der eigentlichen Steuernachforderung auch Zinsen nach § 233a AO entstehen.

Das kann beispielsweise bei folgenden Sachverhalten relevant werden:

  • Änderungen von Gewinnermittlungen nach einer Betriebsprüfung
  • Nachforderungen bei Körperschaft- oder Gewerbesteuer
  • Umsatzsteuerkorrekturen für zurückliegende Besteuerungszeiträume
  • spätere Steuerfestsetzungen nach langwierigen Klärungsverfahren

Bei hohen Nachforderungen kann die geplante Verdoppelung der Zinsen erhebliche Mehrkosten verursachen.

Steuer-Tipp: Steuerliche Nachforderungen frühzeitig kalkulieren

Wenn sich bei einer Betriebsprüfung oder einer laufenden steuerlichen Prüfung eine größere Nachzahlung abzeichnet, sollten Sie nicht nur die voraussichtliche Steuer berücksichtigen.

Kalkulieren Sie auch mögliche Nachzahlungszinsen ein.

Unter bestimmten Voraussetzungen können freiwillige Zahlungen auf eine zu erwartende Steuernachforderung bei der späteren Zinsfestsetzung zu berücksichtigen sein. Die rechtlichen und technischen Einzelheiten sollten vorab mit der steuerlichen Beratung und dem Finanzamt abgestimmt werden.

Gerade bei längeren Prüfungsverfahren kann eine frühzeitige Liquiditätsplanung sinnvoll sein.

Was können Steuerpflichtige tun, um Nachzahlungszinsen zu vermeiden?

Eine vollständige Vermeidung von Nachzahlungszinsen ist nicht in jedem Fall möglich.

Denn deren Entstehung hängt unter anderem vom Zeitpunkt der Steuerfestsetzung und der Höhe einer späteren Nachforderung ab.

Steuerpflichtige können jedoch frühzeitig prüfen, ob Anpassungen sinnvoll sind.

Dazu gehören insbesondere:

  • realistische Einkommensteuer- oder Körperschaftsteuervorauszahlungen,
  • die rechtzeitige Einreichung vollständiger Steuererklärungen,
  • eine frühzeitige Klärung strittiger Steuerpositionen,
  • die Dokumentation möglicher Risiken bei Betriebsprüfungen,
  • die Prüfung freiwilliger Zahlungen bei absehbaren Nachforderungen sowie
  • eine ausreichende Liquiditätsreserve für Steuern und Zinsen.

Eine rechtzeitig abgegebene Steuererklärung allein garantiert allerdings nicht, dass keine Nachzahlungszinsen entstehen.

Achtung: Zinserhöhung ist noch nicht beschlossen

Der Entwurf des Jahressteuergesetzes 2026 sieht zwar eine Verdoppelung des Zinssatzes ab 2027 vor.

Der Gesetzgebungsprozess ist jedoch noch nicht abgeschlossen.

Insbesondere können im parlamentarischen Verfahren Änderungen am Zinssatz, am Anwendungszeitpunkt oder an weiteren Einzelheiten erfolgen.

Zum Rechtsstand 25. Oktober 2026 gilt weiterhin der Zinssatz von 0,15 Prozent pro Monat für die Vollverzinsung nach § 233a AO.

Wie ist der aktuelle Stand des Jahressteuergesetzes 2026?

Die Bundesregierung hat den Gesetzentwurf zum Jahressteuergesetz 2026 am 30. September 2026 als Bundestagsdrucksache 21/8283 eingebracht.

Am 8. Oktober 2026 wurde der Entwurf in erster Lesung im Deutschen Bundestag beraten und anschließend an die Ausschüsse überwiesen.

Federführend ist der Finanzausschuss.

Zum Rechtsstand 25. Oktober 2026 liegt daher noch kein endgültig verabschiedetes Gesetz vor.

Die geplante Erhöhung der Nachzahlungs- und Erstattungszinsen steht weiterhin unter dem Vorbehalt des Gesetzgebungsverfahrens.

Was sollten Steuerpflichtige jetzt prüfen?

Checkliste für die Praxis

  • Prüfen Sie, ob für offene Steuerjahre größere Nachzahlungen zu erwarten sind.
  • Kontrollieren Sie die Höhe Ihrer laufenden Steuervorauszahlungen.
  • Berücksichtigen Sie bei der Liquiditätsplanung mögliche Nachzahlungszinsen.
  • Prüfen Sie bei laufenden Betriebsprüfungen die voraussichtlichen steuerlichen Auswirkungen.
  • Achten Sie auf den Beginn und das Ende des maßgeblichen Zinslaufs.
  • Unterscheiden Sie Nachzahlungszinsen von Säumniszuschlägen und anderen steuerlichen Nebenleistungen.
  • Lassen Sie freiwillige Zahlungen auf erwartete Steuernachforderungen gegebenenfalls fachlich prüfen.
  • Beobachten Sie das weitere Gesetzgebungsverfahren zum Jahressteuergesetz 2026.

Fazit: Steuernachzahlungen könnten ab 2027 deutlich teurer werden

Die Bundesregierung plant im Rahmen des Jahressteuergesetzes 2026 eine deutliche Erhöhung der Nachzahlungs- und Erstattungszinsen.

Der bisherige Zinssatz von 0,15 Prozent pro Monat soll ab dem 1. Januar 2027 auf 0,3 Prozent pro Monat steigen.

Damit würde sich der jährliche Zinssatz von 1,8 auf 3,6 Prozent verdoppeln.

Betroffen wären Verzinsungszeiträume ab 2027, grundsätzlich auch dann, wenn sich die Zinsen auf Nachforderungen oder Erstattungen für frühere Steuerjahre beziehen.

Für Unternehmen und Privatpersonen mit größeren Steuernachforderungen kann sich daraus eine zusätzliche finanzielle Belastung ergeben.

Da die Änderung noch nicht beschlossen ist, bleibt die weitere Gesetzgebung abzuwarten.

Sie erwarten eine größere Steuernachzahlung oder befinden sich in einer Betriebsprüfung? Wir unterstützen Sie gerne bei der Prüfung möglicher Zinsfolgen und der steuerlichen Liquiditätsplanung.


Häufige Fragen zu Nachzahlungszinsen beim Finanzamt

Wie hoch sind die Nachzahlungszinsen aktuell?

Für die Vollverzinsung nach § 233a AO beträgt der gesetzliche Zinssatz derzeit 0,15 Prozent pro Monat, entsprechend 1,8 Prozent pro Jahr.

Wie hoch sollen die Nachzahlungszinsen ab 2027 sein?

Nach dem Regierungsentwurf zum Jahressteuergesetz 2026 sollen sie auf 0,3 Prozent monatlich beziehungsweise 3,6 Prozent jährlich steigen.

Ist die Zinserhöhung bereits beschlossen?

Nein. Zum 25. Oktober 2026 befindet sich das Jahressteuergesetz 2026 noch im parlamentarischen Verfahren.

Ab wann fallen Nachzahlungszinsen beim Finanzamt an?

Der Zinslauf beginnt grundsätzlich 15 Monate nach Ablauf des Kalenderjahres, in dem die Steuer entstanden ist. Gesetzliche Sonderregelungen sind zu beachten.

Gilt die geplante Zinserhöhung auch für alte Steuerjahre?

Ja, soweit nach dem Entwurf Verzinsungszeiträume ab dem 1. Januar 2027 betroffen sind. Maßgeblich ist der Zinszeitraum, nicht allein das Steuerjahr.

Werden auch die Erstattungszinsen erhöht?

Ja. Die geplante Erhöhung soll sowohl für Nachzahlungszinsen als auch für Erstattungszinsen nach § 233a AO gelten.

Können Unternehmen Nachzahlungszinsen vermeiden?

Unternehmen können das Risiko unter anderem durch angemessene Steuervorauszahlungen, frühzeitige Prüfung steuerlicher Sachverhalte und gegebenenfalls freiwillige Zahlungen auf erwartete Nachforderungen begrenzen. Ob sich Zinsen tatsächlich vermeiden oder reduzieren lassen, hängt vom Einzelfall ab.


Quellen und Rechtsgrundlagen

  • Deutscher Bundestag, Mitteilung vom 02.10.2026, hib Nr. 767/2026, „Nachzahlungszinsen bei Steuern werden erhöht“.
  • Bundesregierung, Entwurf eines Jahressteuergesetzes 2026 vom 30.09.2026, Bundestagsdrucksache 21/8283, insbesondere Artikel 18 Nr. 14 und die Begründung zu § 238 AO.
  • Bundesministerium der Finanzen, Pressemitteilung vom 12.08.2026 zum Kabinettsbeschluss über das Jahressteuergesetz 2026.
  • § 233a AO – Verzinsung von Steuernachforderungen und Steuererstattungen.
  • § 238 Abs. 1a und 1b AO – Zinshöhe und Berechnung bei unterschiedlichen Zinssätzen.
  • § 240 AO – Säumniszuschläge.
  • § 3 Abs. 4 AO – Steuerliche Nebenleistungen.
  • Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 08.07.2021, Az. 1 BvR 2237/14 und 1 BvR 2422/17.

Rechtsstand: 25. Oktober 2026. Die Zinserhöhung ab 2027 ist geplant, aber noch nicht gesetzlich beschlossen.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Krypto-Steuerreform 2027: Bundesregierung plant Abschaffung der einjährigen Haltefrist für Bitcoin und Co.

Die Besteuerung von Kryptowährungen in Deutschland könnte sich ab 2027 grundlegend ändern. Das Bundesministerium der Finanzen (BMF) hat am 30. September 2026 einen Gesetzentwurf zur Reform der Besteuerung bestimmter Kryptowerte im Privatvermögen veröffentlicht.

Nach den Plänen sollen Gewinne aus dem Verkauf bestimmter Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether künftig als Einkünfte aus Kapitalvermögen besteuert werden. Damit würde für neu angeschaffte, vom Gesetz erfasste Kryptowerte auch die bislang geltende steuerliche Begünstigung nach Ablauf der einjährigen Haltefrist entfallen.

Die Neuregelung soll nach dem Referentenentwurf grundsätzlich ab dem 1. Januar 2027 gelten. Ein Kapitalertragsteuerabzug durch verpflichtete Dienstleister ist ab 2028 vorgesehen.

Wichtig: Bei der Reform handelt es sich bislang um einen Referentenentwurf. Die geplanten Regelungen sind noch nicht geltendes Recht und können sich im Gesetzgebungsverfahren ändern.

Warum soll die Besteuerung von Kryptowährungen reformiert werden?

Kryptowährungen haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend als Anlage- und Handelsinstrument etabliert.

Digitale Vermögenswerte wie Bitcoin oder Ether werden längst nicht mehr ausschließlich als Zahlungsmittel genutzt. Vielmehr dienen sie häufig der langfristigen Vermögensanlage, dem kurzfristigen Handel oder der Erzielung zusätzlicher Erträge durch Lending und Staking.

Nach Auffassung des Bundesfinanzministeriums wird die bisherige steuerliche Behandlung dieser Entwicklung nicht mehr vollständig gerecht.

Bislang werden privat gehaltene Kryptowährungen wie Bitcoin grundsätzlich als andere Wirtschaftsgüter im Sinne des § 23 EStG behandelt.

Dadurch können Veräußerungsgewinne nach Ablauf einer bestimmten Haltedauer steuerfrei bleiben.

Mit dem neuen Gesetz möchte das BMF die Besteuerung bestimmter Kryptowerte stärker an die Besteuerung klassischer Kapitalanlagen anpassen.

Wie werden Bitcoin und andere Kryptowährungen bisher besteuert?

Nach der derzeit geltenden Rechtslage werden Gewinne aus der Veräußerung privat gehaltener Kryptowährungen grundsätzlich nach § 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG beurteilt.

Dabei ist insbesondere die Haltedauer entscheidend.

Verkauf innerhalb eines Jahres

Wer beispielsweise Bitcoin kauft und innerhalb eines Jahres mit Gewinn verkauft, erzielt grundsätzlich ein privates Veräußerungsgeschäft.

Der Gewinn kann der Einkommensteuer unterliegen.

Dabei gilt grundsätzlich der persönliche Einkommensteuersatz.

Für private Veräußerungsgeschäfte sieht § 23 Abs. 3 EStG eine jährliche Freigrenze von 1.000 Euro vor.

Wird diese Freigrenze erreicht oder überschritten, ist grundsätzlich der gesamte steuerpflichtige Gewinn aus den betreffenden privaten Veräußerungsgeschäften zu berücksichtigen und nicht nur der übersteigende Teil.

Verkauf nach mehr als einem Jahr

Wird eine privat gehaltene Kryptowährung erst nach Ablauf der einjährigen Veräußerungsfrist verkauft, bleibt der Veräußerungsgewinn nach der derzeitigen Regelung des § 23 EStG grundsätzlich steuerfrei.

Das gilt vorbehaltlich besonderer Umstände, beispielsweise einer Zuordnung zum Betriebsvermögen oder anderer steuerlicher Tatbestände.

Beispiel: Sie kaufen Bitcoin für 10.000 Euro und verkaufen diese nach 18 Monaten für 16.000 Euro.

Der Gewinn von 6.000 Euro ist nach der bisherigen Rechtslage bei einem gewöhnlichen privaten Veräußerungsgeschäft grundsätzlich nicht steuerbar.

Genau diese steuerliche Behandlung soll sich für bestimmte künftig angeschaffte Kryptowerte ändern.

Was sieht die geplante Krypto-Steuerreform vor?

Der Referentenentwurf des Bundesfinanzministeriums sieht eine grundlegende Änderung der einkommensteuerlichen Einordnung bestimmter Kryptowerte vor.

An die Stelle der bisherigen Behandlung als private Veräußerungsgeschäfte soll für erfasste Tauschkryptowerte eine Besteuerung als Einkünfte aus Kapitalvermögen treten.

Damit würden insbesondere folgende Änderungen verbunden sein:

  • Gewinne aus der Veräußerung bestimmter Kryptowährungen sollen künftig unabhängig von der Haltedauer steuerpflichtig sein.
  • Auch laufende Erträge aus Lending und Staking sollen ausdrücklich unter die neuen Vorschriften für Kapitaleinkünfte fallen.
  • Die Besteuerung soll grundsätzlich nach den Regelungen für Kapitalvermögen erfolgen.
  • Für bestimmte Krypto-Dienstleister soll später eine Verpflichtung zum Kapitalertragsteuerabzug eingeführt werden.
  • Für bereits vorhandene Kryptowerte sind besondere Übergangsregelungen vorgesehen.

Die Reform betrifft nach dem Entwurf nicht pauschal sämtliche Arten digitaler Vermögenswerte.

Welche Kryptowährungen wären von der Reform betroffen?

Das geplante Gesetz konzentriert sich auf sogenannte Tauschkryptowerte.

Hierzu gehören insbesondere Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether, deren Wert wesentlich auf ihrer Akzeptanz und Nutzung als Tauschmittel beruht.

Der Entwurf sieht eine Abgrenzung gegenüber anderen digitalen Vermögenswerten vor.

So sollen insbesondere bestimmte Security-Token, Non-Fungible Token (NFT) und andere Kryptowerte, die bestimmte Rechte oder Vermögenswerte repräsentieren, nicht automatisch denselben neuen Besteuerungsvorschriften unterfallen.

Auch bestimmte E-Geld-Token sind vom vorgesehenen Begriff der Tauschkryptowerte ausgenommen.

Für die steuerliche Behandlung bleibt deshalb entscheidend, welcher Art der jeweilige Kryptowert ist und welche Rechte oder wirtschaftlichen Funktionen mit ihm verbunden sind.

Soll die einjährige Haltefrist für Bitcoin abgeschafft werden?

Ja, das ist einer der wichtigsten Punkte des Referentenentwurfs.

Nach der geplanten Regelung sollen Gewinne aus der Veräußerung bestimmter Tauschkryptowerte künftig unabhängig davon steuerpflichtig sein, wie lange die Kryptowährung gehalten wurde.

Die bisherige Möglichkeit, Gewinne aus gewöhnlichen privaten Veräußerungsgeschäften nach Ablauf eines Jahres steuerfrei zu realisieren, würde damit für die von der Neuregelung erfassten Kryptowerte entfallen.

Allerdings betrifft die geplante Änderung grundsätzlich Kryptowerte, die nach dem 31. Dezember 2026 angeschafft oder zugeflossen sind.

Für bereits vor dem vorgesehenen Stichtag erworbene Kryptowerte enthält der Entwurf besondere Übergangsvorschriften.

Ein pauschaler Wegfall der Steuerfreiheit für sämtliche schon bestehenden Bitcoin-Bestände ist daher nicht vorgesehen.

Die endgültige Ausgestaltung hängt jedoch vom weiteren Gesetzgebungsverfahren ab.

Wie hoch wäre die Steuer auf Kryptowährungen künftig?

Werden die erfassten Einkünfte künftig als Einkünfte aus Kapitalvermögen behandelt, würde grundsätzlich das Besteuerungssystem des § 32d EStG zur Anwendung kommen.

Für entsprechende Kapitalerträge sieht § 32d Abs. 1 EStG grundsätzlich einen gesonderten Einkommensteuersatz von 25 Prozent vor.

Hinzu kommen gegebenenfalls Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer.

Unter bestimmten gesetzlichen Voraussetzungen kann eine abweichende Besteuerung in Betracht kommen.

Die neue Einordnung bedeutet daher nicht, dass jeder Kryptogewinn ausnahmslos einer endgültigen Steuerbelastung von exakt 25 Prozent unterliegen würde.

Rechenbeispiel: Bitcoin-Verkauf nach mehr als einem Jahr

Angenommen, Sie kaufen Bitcoin für 10.000 Euro und verkaufen diese nach 18 Monaten für 16.000 Euro.

Es entsteht ein Gewinn von 6.000 Euro.

PositionBisheriges RechtGeplantes neues Recht
Anschaffungskosten10.000 €10.000 €
Verkaufserlös16.000 €16.000 €
Veräußerungsgewinn6.000 €6.000 €
Besteuerung nach 18 MonatenGrundsätzlich steuerfreiGrundsätzlich steuerpflichtig
Einkommensteuer bei 25 %0 €1.500 €

Das Beispiel zeigt die mögliche Auswirkung der Reform.

Dabei wird unterstellt, dass die Kryptowährung von der Neuregelung erfasst wird und nach deren vorgesehenem Anwendungsbeginn angeschafft wurde.

Solidaritätszuschlag, Kirchensteuer, Sparer-Pauschbetrag, Transaktionskosten und weitere steuerliche Besonderheiten sind nicht berücksichtigt.

Wichtig: Die Berechnung nach dem geplanten Recht ist eine Modellrechnung auf Grundlage des Referentenentwurfs, keine Darstellung bereits geltenden Rechts.

Was ändert sich beim Staking und Lending?

Auch Erträge aus Staking und Lending sollen künftig ausdrücklich im Bereich der Einkünfte aus Kapitalvermögen erfasst werden.

Beim Lending überlassen Anleger ihre Kryptowährungen beispielsweise einem Dienstleister oder einem anderen Marktteilnehmer und erhalten dafür eine Vergütung.

Beim Staking werden Kryptowährungen unter bestimmten technischen Voraussetzungen zur Unterstützung von Blockchain-Prozessen eingesetzt. Hierfür können zusätzliche Kryptowerte als Vergütung zufließen.

Der Referentenentwurf sieht vor, entsprechende laufende Erträge aus der Überlassung von Tauschkryptowerten und der Teilnahme an bestimmten Transaktionsverarbeitungsprozessen steuerlich als Kapitalerträge zu erfassen.

Dabei unterscheidet der Entwurf zwischen laufenden Erträgen und späteren Veräußerungsgewinnen.

Für neu zugeflossene Kryptowerte können sich außerdem besondere Bewertungsfragen ergeben.

Anleger sollten deshalb weiterhin genau dokumentieren, wann sie welche Kryptowährungen erhalten haben und welchen Wert diese im Zeitpunkt des Zuflusses hatten.

Müssen Kryptobörsen künftig Steuern automatisch einbehalten?

Auch hier sieht der Referentenentwurf eine wichtige Änderung vor.

Für bestimmte Krypto-Dienstleister und andere gesetzlich erfasste auszahlende Stellen soll künftig eine Verpflichtung zum Kapitalertragsteuerabzug eingeführt werden.

Geplant ist die erstmalige Anwendung ab dem 1. Januar 2028.

Damit soll die Besteuerung bestimmter Kryptoeinkünfte stärker an die Abwicklung klassischer Kapitalerträge angeglichen werden.

Ob und in welchem Umfang ein bestimmter Anbieter tatsächlich zum Steuerabzug verpflichtet wäre, hängt von den konkreten gesetzlichen Voraussetzungen ab.

Bei ausländischen Plattformen oder nicht erfassten Sachverhalten können weiterhin Erklärungspflichten des Anlegers bestehen.

Wichtig: Auch diese geplante Verpflichtung ist bislang nicht in Kraft getreten.

Was gilt für bereits vorhandene Bitcoin-Bestände?

Für Anleger, die Kryptowährungen bereits besitzen, ist die Übergangsregelung besonders wichtig.

Der Referentenentwurf sieht grundsätzlich vor, dass die neuen Vorschriften auf Tauschkryptowerte angewendet werden, die nach dem 31. Dezember 2026 angeschafft oder zugeflossen sind.

Das bedeutet, dass die bisherige steuerliche Behandlung für zuvor angeschaffte Kryptowerte grundsätzlich weiterhin relevant bleibt.

Allerdings können besondere Fragen entstehen, wenn beispielsweise neue Kryptowerte erst nach dem Stichtag durch Staking oder Lending zufließen.

Solche neu zugeflossenen Werte können nach den vorgesehenen Übergangsvorschriften bereits unter die neuen Regelungen fallen, auch wenn die ursprünglich eingesetzten Kryptowährungen noch dem bisherigen Recht unterliegen.

Für Anleger mit größeren Beständen ist deshalb eine genaue Trennung nach Anschaffungs- und Zuflusszeitpunkten wichtig.

Steuer-Tipp: Anschaffungsdaten und Transaktionen dokumentieren

Wenn Sie Kryptowährungen im Privatvermögen halten, sollten Sie Ihre bisherigen Käufe, Verkäufe und sonstigen Transaktionen nachvollziehbar dokumentieren.

Besonders wichtig sind:

  • Datum und Uhrzeit der Anschaffung
  • Art und Menge der erworbenen Kryptowerte
  • Anschaffungskosten einschließlich zugehöriger Gebühren
  • Zeitpunkt und Erlös späterer Veräußerungen
  • Tauschvorgänge zwischen unterschiedlichen Kryptowährungen
  • Zuflüsse aus Staking, Lending oder anderen Aktivitäten
  • Übertragungen zwischen eigenen Wallets

Eine vollständige Dokumentation kann insbesondere dann wichtig werden, wenn nach einer Gesetzesänderung unterschiedliche steuerliche Regeln für ältere und neuere Bestände gelten.

Was bedeutet die Reform für private Krypto-Anleger?

Sollte das Gesetz wie vorgesehen verabschiedet werden, würde sich die steuerliche Behandlung von Kryptowährungen im Privatvermögen deutlich verändern.

Die bisherige Unterscheidung zwischen Verkäufen innerhalb und außerhalb der einjährigen Haltefrist würde für die vom neuen Recht erfassten Tauschkryptowerte entfallen.

Dafür wäre grundsätzlich eine Besteuerung nach den Regeln für Kapitalvermögen vorgesehen.

Für langfristige Anleger könnte dies nachteilig sein, weil die bisherige Steuerfreiheit nach Ablauf eines Jahres für neu angeschaffte erfasste Kryptowährungen entfallen würde.

Bei kurzfristigen Veräußerungen kann die geplante Besteuerung mit dem besonderen Kapitalertragsteuersatz gegenüber dem bisherigen persönlichen Einkommensteuertarif je nach Einzelfall zu einer anderen Steuerbelastung führen.

Welche Regelung im konkreten Fall günstiger oder ungünstiger wäre, hängt insbesondere vom persönlichen Steuersatz, den erzielten Einkünften und den gesetzlichen Übergangsvorschriften ab.

Achtung: Die Krypto-Steuerreform ist noch kein geltendes Recht

Ein häufiger Fehler wäre es, bereits heute von einer abgeschafften Haltefrist oder einer allgemeinen Kapitalertragsteuerpflicht für Bitcoin auszugehen.

Der Entwurf vom 30. September 2026 befindet sich im Gesetzgebungsverfahren.

Zum Rechtsstand 25. Oktober 2026 ist die Reform nicht beschlossen.

Bis zum Inkrafttreten einer gesetzlichen Neuregelung gelten weiterhin die bestehenden einkommensteuerlichen Vorschriften.

Anlageentscheidungen sollten daher nicht ausschließlich auf Grundlage eines noch veränderbaren Gesetzentwurfs getroffen werden.

Was sollten Anleger jetzt beachten?

Checkliste zur geplanten Krypto-Steuerreform

  • Prüfen Sie, welche Kryptowerte Sie bereits im Privatvermögen halten.
  • Dokumentieren Sie die Anschaffungsdaten Ihrer bestehenden Bestände.
  • Unterscheiden Sie zwischen gewöhnlichen Kryptowährungen und anderen Token-Arten.
  • Kontrollieren Sie die steuerliche Behandlung bisheriger Verkäufe nach § 23 EStG.
  • Erfassen Sie Erträge aus Staking und Lending gesondert.
  • Prüfen Sie, ob Ihre Transaktionshistorie vollständig exportiert werden kann.
  • Beobachten Sie die geplanten Übergangsregelungen für Altbestände.
  • Berücksichtigen Sie bei zukünftigen Investitionen mögliche Änderungen der Besteuerung.
  • Lassen Sie umfangreiche oder komplexe Krypto-Sachverhalte steuerlich beurteilen.

Wann soll die neue Krypto-Besteuerung gelten?

Nach dem Referentenentwurf ist grundsätzlich folgender Zeitplan vorgesehen:

ZeitpunktGeplante Bedeutung
30.09.2026Veröffentlichung des Referentenentwurfs
01.01.2027Vorgesehener Beginn der neuen Besteuerungsregeln für erfasste Kryptowerte
01.01.2028Vorgesehener Beginn des Kapitalertragsteuerabzugs durch verpflichtete Stellen

Diese Termine sind noch nicht verbindlich.

Im weiteren Gesetzgebungsverfahren können sowohl der Inhalt der Reform als auch der zeitliche Anwendungsbereich geändert werden.

Fazit: Krypto-Steuern könnten sich ab 2027 grundlegend ändern

Mit dem Referentenentwurf vom 30. September 2026 plant das Bundesfinanzministerium eine weitreichende Reform der Besteuerung bestimmter Kryptowerte im Privatvermögen.

Künftig sollen insbesondere Gewinne aus der Veräußerung von Bitcoin und vergleichbaren Tauschkryptowerten als Einkünfte aus Kapitalvermögen besteuert werden.

Für neu angeschaffte, vom Gesetz erfasste Kryptowährungen würde damit die bisherige Steuerfreiheit nach Ablauf der einjährigen Haltefrist entfallen.

Zudem soll die Besteuerung von Staking- und Lending-Erträgen ausdrücklich geregelt und ab 2028 ein Kapitalertragsteuerabzug für bestimmte Anbieter eingeführt werden.

Für private Anleger ist insbesondere die geplante Übergangsregelung für vorhandene Krypto-Bestände von Bedeutung.

Da es sich bislang lediglich um einen Referentenentwurf handelt, bleibt die weitere Gesetzgebung abzuwarten.

Sie investieren in Bitcoin oder andere Kryptowährungen und möchten wissen, welche steuerlichen Folgen sich für Ihr Portfolio ergeben können? Wir unterstützen Sie gerne bei der steuerlichen Einordnung Ihrer Krypto-Transaktionen und der Vorbereitung auf mögliche Gesetzesänderungen.


Häufige Fragen zur geplanten Krypto-Steuerreform

Wird die einjährige Haltefrist für Bitcoin abgeschafft?

Nach dem Referentenentwurf soll die einjährige Haltefrist für künftig angeschaffte, vom Gesetz erfasste Tauschkryptowerte steuerlich keine Bedeutung mehr haben. Veräußerungsgewinne wären grundsätzlich unabhängig von der Haltedauer steuerpflichtig.

Ab wann soll die neue Krypto-Steuer gelten?

Die neuen Besteuerungsregelungen sollen nach dem Entwurf grundsätzlich ab dem 1. Januar 2027 gelten. Der Kapitalertragsteuerabzug soll ab 2028 eingeführt werden. Beide Termine sind noch nicht verbindlich.

Wie hoch soll die Steuer auf Bitcoin-Gewinne künftig sein?

Für die geplanten Kapitaleinkünfte soll grundsätzlich das Besteuerungssystem des § 32d EStG gelten. Dieses sieht regelmäßig einen Einkommensteuersatz von 25 Prozent vor, zuzüglich gegebenenfalls Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer.

Was passiert mit Bitcoin, die vor 2027 gekauft wurden?

Für vor dem 1. Januar 2027 angeschaffte Kryptowerte sieht der Referentenentwurf grundsätzlich die Fortgeltung der bisherigen steuerlichen Behandlung vor. Besondere Übergangsvorschriften und spätere Zuflüsse sind gesondert zu prüfen.

Werden Staking und Lending künftig anders besteuert?

Der Referentenentwurf sieht vor, laufende Erträge aus bestimmten Staking- und Lending-Aktivitäten ausdrücklich als Einkünfte aus Kapitalvermögen zu erfassen.

Müssen Kryptobörsen künftig automatisch Steuern abführen?

Nach dem Entwurf soll ab 2028 für bestimmte verpflichtete Krypto-Dienstleister ein Kapitalertragsteuerabzug eingeführt werden. Welche Anbieter tatsächlich betroffen sein werden, hängt von der endgültigen gesetzlichen Regelung ab.

Ist die neue Krypto-Steuerreform bereits beschlossen?

Nein. Zum Rechtsstand 25. Oktober 2026 liegt ein Referentenentwurf vor. Eine endgültig beschlossene gesetzliche Neuregelung besteht noch nicht.


Quellen und Rechtsgrundlagen

  • Bundesministerium der Finanzen, Referentenentwurf eines Gesetzes zur Reform der Besteuerung bestimmter Kryptowerte im Privatvermögen vom 30.09.2026.
  • BMF, Mitteilung vom 30.09.2026 zum Referentenentwurf.
  • BMF-Schreiben vom 06.03.2025, „Einzelfragen zur ertragsteuerrechtlichen Behandlung bestimmter Kryptowerte“.
  • § 22 Nr. 2 EStG – Sonstige Einkünfte aus privaten Veräußerungsgeschäften.
  • § 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und Abs. 3 EStG – Private Veräußerungsgeschäfte.
  • § 20 EStG – Einkünfte aus Kapitalvermögen.
  • § 32d Abs. 1 EStG – Gesonderter Steuertarif für Einkünfte aus Kapitalvermögen.
  • Vorgesehene Regelungen des Referentenentwurfs: § 20 Abs. 1 Nr. 12, Abs. 2 Nr. 9 und Abs. 4b EStG-E sowie Änderungen der §§ 43, 44 und 52 EStG-E.

Rechtsstand: 25. Oktober 2026. Sämtliche dargestellten Reformregelungen stehen unter dem Vorbehalt des Gesetzgebungsverfahrens.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Grundsteuer: Finanzamt muss Kosten für Verkehrswertgutachten unter bestimmten Voraussetzungen erstatten

Wer einen zu hoch angesetzten Grundsteuerwert mithilfe eines Verkehrswertgutachtens erfolgreich korrigieren lässt, kann unter bestimmten Voraussetzungen auch die Gutachterkosten vom Finanzamt erstattet bekommen. Das hat das Finanzgericht Baden-Württemberg mit Beschluss vom 5. Mai 2026 (Az. 8 KO 351/26) entschieden.

Im Streitfall musste das Finanzamt die Kosten eines Gutachtens des zuständigen Gutachterausschusses übernehmen. Das Gericht begründete dies insbesondere damit, dass das Gutachten für die erfolgreiche Rechtsverfolgung notwendig gewesen sei und die Gebühren unverhältnismäßig hoch ausgefallen seien.

Die Entscheidung ist vor allem für Grundstückseigentümer in Baden-Württemberg interessant, die einen zu hohen Grundsteuerwert nachweisen möchten.

Worum ging es in dem Streitfall?

Ein Grundstückseigentümer wandte sich gegen seinen Grundsteuerwertbescheid und den darauf beruhenden Grundsteuermessbescheid.

Das Finanzamt hatte den Grundsteuerwert zunächst auf 601.900 Euro festgesetzt.

Der Eigentümer hielt diesen Wert für überhöht und leitete ein finanzgerichtliches Verfahren ein.

Um den tatsächlich niedrigeren Grundstückswert nachzuweisen, beauftragte er den zuständigen Gutachterausschuss mit der Erstellung eines Verkehrswertgutachtens.

Das Gutachten ergab einen Wert des Grund und Bodens von lediglich 355.000 Euro.

Daraufhin änderte das Finanzamt seine Bescheide und setzte den niedrigeren Grundsteuerwert an.

Im anschließenden Kostenverfahren entstand jedoch ein weiterer Streit: Wer musste die Kosten für das Verkehrswertgutachten tragen?

Warum wollte das Finanzamt die Gutachterkosten nicht erstatten?

Das Finanzamt vertrat die Auffassung, dass Grundstückseigentümer die Kosten für den Nachweis eines niedrigeren Grundsteuerwerts grundsätzlich selbst tragen müssen.

Dabei berief es sich insbesondere auf die gesetzgeberische Vorstellung zur sogenannten Öffnungsklausel des § 38 Abs. 4 Landesgrundsteuergesetz Baden-Württemberg (LGrStG).

Diese Vorschrift ermöglicht es Grundstückseigentümern, unter bestimmten Voraussetzungen einen niedrigeren tatsächlichen Wert des Grund und Bodens nachzuweisen.

Hierfür ist ein qualifiziertes Gutachten erforderlich.

Nach Auffassung des Finanzamts bedeutete diese Nachweispflicht zugleich, dass der Grundstückseigentümer die Gutachterkosten endgültig selbst tragen müsse.

Das Finanzgericht sah dies anders.

Was hat das Finanzgericht Baden-Württemberg entschieden?

Das Finanzgericht Baden-Württemberg bestätigte mit Beschluss vom 5. Mai 2026 die Erstattungsfähigkeit der Gutachterkosten.

Nach § 139 Abs. 1 Finanzgerichtsordnung (FGO) gehören zu den erstattungsfähigen Kosten auch die Aufwendungen, die für eine zweckentsprechende Rechtsverfolgung notwendig sind.

Diese Voraussetzung war nach Auffassung des Gerichts erfüllt.

Dafür waren insbesondere folgende Umstände entscheidend:

  • Das Finanzamt hatte den Grundstückseigentümer bereits im Verwaltungsverfahren zur Vorlage eines Gutachtens aufgefordert.
  • Auch im finanzgerichtlichen Verfahren hatte das Gericht einen entsprechenden Hinweis erteilt.
  • Das Gutachten führte tatsächlich zur Herabsetzung des Grundsteuerwerts.
  • Die Gutachterkosten waren nach Auffassung des Gerichts unverhältnismäßig hoch.
  • Die Kostenbelastung war geeignet, Grundstückseigentümer von der Wahrnehmung ihrer Rechte abzuhalten.

Das Finanzamt musste deshalb im konkreten Verfahren auch die Kosten des Verkehrswertgutachtens erstatten.

Der Beschluss ist rechtskräftig.

Wann kann ein niedrigerer Grundsteuerwert nachgewiesen werden?

In Baden-Württemberg richtet sich die Bewertung von Grundstücken für die Grundsteuer nach dem Landesgrundsteuergesetz.

Grundsätzlich wird der Grundsteuerwert im Landesmodell anhand der Grundstücksfläche und des maßgeblichen Bodenrichtwerts ermittelt.

Allerdings kann dieser typisierte Wert im Einzelfall erheblich über dem tatsächlichen Wert des Grundstücks liegen.

Für solche Fälle enthält § 38 Abs. 4 LGrStG eine besondere Nachweismöglichkeit.

Danach kann auf Antrag ein niedrigerer Grundstückswert angesetzt werden, wenn der durch ein qualifiziertes Gutachten nachgewiesene tatsächliche Wert des Grund und Bodens mehr als 30 Prozent unter dem gesetzlich ermittelten Grundsteuerwert liegt.

Der Nachweis kann beispielsweise durch ein Gutachten des zuständigen Gutachterausschusses oder eines entsprechend qualifizierten Sachverständigen geführt werden.

Wichtig: Die Regelung betrifft das Grundsteuermodell Baden-Württembergs. In anderen Bundesländern können abweichende Bewertungs- und Nachweisvorschriften gelten.

Wie stark wurde der Grundsteuerwert im Streitfall reduziert?

Das Verkehrswertgutachten führte zu einer deutlichen Herabsetzung des ursprünglich festgestellten Grundstückswerts.

PositionBetrag
Ursprünglicher Grundsteuerwert601.900 €
Nachgewiesener Grundstückswert355.000 €
Herabsetzung des Grundsteuerwerts246.900 €
Prozentuale Reduzierungrund 41 %
Kosten des Verkehrswertgutachtens1.514,28 €

Damit lag der nachgewiesene tatsächliche Wert mehr als 30 Prozent unter dem ursprünglichen Grundsteuerwert.

Die gesetzlichen Voraussetzungen für die Berücksichtigung des niedrigeren Werts waren damit im Streitfall erfüllt.

Nach den gerichtlichen Feststellungen verringerte sich die jährliche Grundsteuerbelastung um rund 606,63 Euro.

Die Gutachterkosten hätten sich damit rechnerisch nach ungefähr zweieinhalb Jahren durch die niedrigere Grundsteuer amortisiert.

Trotzdem hielt das Gericht die Gebühren unter den besonderen Umständen für unverhältnismäßig.

Warum waren die Gutachterkosten unverhältnismäßig hoch?

Eine Besonderheit des Streitfalls bestand darin, dass der zuständige Gutachterausschuss seine Gebühren anhand einer Satzung berechnete, die grundsätzlich für Verkehrswertgutachten von Grundstücken galt.

Die Gebühren orientierten sich dabei am Verkehrswert des Bewertungsobjekts.

Nach Ansicht des Finanzgerichts führte diese Gebührenberechnung beim bloßen Nachweis eines niedrigeren Bodenwerts zu unverhältnismäßig hohen Kosten.

Denn die Ermittlung des Werts von Grund und Boden ist häufig weniger aufwendig als eine umfassende Bewertung eines bebauten Grundstücks.

Unter Umständen lässt sich der relevante Grundstückswert bereits anhand vorhandener Unterlagen feststellen.

Das Gericht verwies außerdem darauf, dass andere Gutachterausschüsse in Baden-Württemberg besondere Gebührenregelungen für entsprechende Grundsteuergutachten eingeführt hatten.

Dadurch konnten Grundstückseigentümer je nach zuständigem Gutachterausschuss mit erheblich unterschiedlichen Gebühren belastet werden.

Diese Ungleichbehandlung bewertete das Finanzgericht kritisch.

Welche Rolle spielt die 30-Prozent-Grenze?

Die Nachweismöglichkeit nach § 38 Abs. 4 LGrStG greift nur dann, wenn der tatsächliche Wert des Grund und Bodens mehr als 30 Prozent unter dem gesetzlich ermittelten Grundsteuerwert liegt.

Das bringt für Grundstückseigentümer ein finanzielles Risiko mit sich.

Denn vor der Beauftragung eines Gutachtens steht häufig noch nicht sicher fest, ob die erforderliche Wertabweichung tatsächlich erreicht wird.

Liegt der im Gutachten ermittelte Wert beispielsweise nur 29 Prozent unter dem festgestellten Grundsteuerwert, reicht dies für die Anwendung der gesetzlichen Öffnungsklausel nicht aus.

Die Gutachterkosten sind dann möglicherweise entstanden, ohne dass sich der Grundsteuerwert aufgrund dieses Nachweises reduziert.

Das Finanzgericht betonte deshalb, dass hohe Gutachterkosten in Verbindung mit dieser gesetzlichen Grenze abschreckend wirken können.

Der Zugang zu einem gesetzlich vorgesehenen Nachweisverfahren darf nach Auffassung des Gerichts nicht durch unverhältnismäßige Kosten faktisch erschwert werden.

Bedeutet das Urteil, dass Gutachterkosten immer erstattet werden?

Nein. Die Entscheidung begründet keinen allgemeinen Anspruch darauf, dass das Finanzamt sämtliche Verkehrswertgutachten für Grundsteuerzwecke bezahlt.

Entscheidend sind die konkreten Voraussetzungen des jeweiligen Verfahrens.

Im Streitfall lagen mehrere besondere Umstände vor:

Das Finanzamt hatte die Vorlage eines Gutachtens gefordert. Das Gutachten wurde während des Gerichtsverfahrens eingereicht und führte unmittelbar zum Erfolg. Außerdem bestand bereits eine Kostengrundentscheidung zulasten des Finanzamts.

Hinzu kamen die außergewöhnlich hohen Gutachtergebühren.

Ob in anderen Fällen eine Erstattung möglich ist, hängt deshalb insbesondere davon ab, ob die Aufwendungen nach § 139 Abs. 1 FGO als notwendig anzusehen sind und wer die Verfahrenskosten zu tragen hat.

Steuer-Tipp: Kostenentscheidung und Gutachterkosten gemeinsam prüfen

Wenn Sie erfolgreich gegen einen zu hohen Grundsteuerwert vorgegangen sind, sollten Sie nicht nur die Änderung des Grundsteuerwertbescheids prüfen.

Kontrollieren Sie auch, welche Kosten Ihnen im Zusammenhang mit dem Verfahren entstanden sind.

Wurde ein Verkehrswertgutachten für die erfolgreiche Rechtsverfolgung benötigt, kann es sinnvoll sein, dessen Erstattungsfähigkeit im Kostenfestsetzungsverfahren prüfen zu lassen.

Bewahren Sie insbesondere den Gutachtenauftrag, die Rechnung, Zahlungsnachweise und die gerichtliche Kostenentscheidung auf.

Was ist der Unterschied zwischen Kostengrundentscheidung und Kostenfestsetzung?

Das Verfahren verdeutlicht einen wichtigen Unterschied.

Kostengrundentscheidung: Wer trägt die Kosten?

Zunächst wird entschieden, welcher Beteiligte die Kosten des finanzgerichtlichen Verfahrens grundsätzlich zu tragen hat.

Im Ausgangsverfahren hatte das Finanzgericht Baden-Württemberg bereits mit Beschluss vom 16. Oktober 2025 (Az. 8 K 626/24) eine entsprechende Entscheidung zugunsten des Grundstückseigentümers getroffen.

Kostenfestsetzung: Welche Kosten sind erstattungsfähig?

In einem weiteren Schritt wird geprüft, welche konkreten Aufwendungen von der Kostenentscheidung umfasst sind und in welcher Höhe diese erstattet werden müssen.

Hierzu können neben bestimmten Verfahrens- und Beratungskosten auch notwendige Sachverständigenkosten gehören.

Im Streitfall setzte das Gericht erstattungsfähige Kosten einschließlich der Gutachterkosten von insgesamt 2.067,39 Euro fest.

Das Finanzamt wandte sich dagegen, soweit darin die Kosten des Verkehrswertgutachtens enthalten waren.

Mit Beschluss vom 5. Mai 2026 wies das Finanzgericht die Erinnerung des Finanzamts zurück.

Die festgesetzten Gutachterkosten blieben damit erstattungsfähig.

Warum half § 137 FGO dem Finanzamt nicht?

Nach § 137 FGO können einem Beteiligten unter bestimmten Voraussetzungen Kosten auferlegt werden, obwohl er im Verfahren erfolgreich war.

Das kommt beispielsweise in Betracht, wenn entscheidende Tatsachen oder Beweismittel erst verspätet vorgebracht werden, obwohl dies früher möglich und geboten gewesen wäre.

Im Streitfall war die Frage einer möglichen Kostenbelastung wegen verspäteter Vorlage des Gutachtens jedoch bereits im Rahmen der Kostengrundentscheidung zu berücksichtigen.

Das Finanzgericht stellte klar, dass § 137 FGO nicht erneut im anschließenden Kostenfestsetzungsverfahren anzuwenden war.

Deshalb konnte das Finanzamt die Erstattung der Gutachterkosten nicht mit dieser Vorschrift verhindern.

Achtung: Gutachten möglichst frühzeitig vorbereiten

Auch wenn das Finanzgericht im entschiedenen Fall die Kosten des Gutachtens als erstattungsfähig ansah, sollten Grundstückseigentümer den Nachweis eines niedrigeren Werts möglichst frühzeitig vorbereiten.

Eine erst im gerichtlichen Verfahren erfolgende Vorlage kann kostenrechtliche Risiken auslösen.

Vor der Beauftragung empfiehlt sich außerdem eine Prüfung, ob die Voraussetzungen des § 38 Abs. 4 LGrStG voraussichtlich erfüllt sind und welche Kosten für das Gutachten entstehen.

Welche Bedeutung hat die Entscheidung für Grundstückseigentümer?

Der Beschluss stärkt die Position von Grundstückseigentümern, die einen überhöhten Grundsteuerwert erfolgreich anfechten.

Er zeigt, dass notwendige Gutachterkosten unter besonderen Umständen erstattungsfähig sein können.

Besonders relevant ist dies, wenn hohe Gebühren die wirtschaftliche Entscheidung beeinflussen, ob ein Grundstückseigentümer überhaupt gegen den festgestellten Wert vorgeht.

Die Entscheidung macht zugleich deutlich, dass zwischen dem materiellen Nachweis eines niedrigeren Grundsteuerwerts und der späteren Erstattung der dafür entstandenen Kosten unterschieden werden muss.

Was sollten Grundstückseigentümer jetzt beachten?

Checkliste für die Praxis

  • Prüfen Sie, ob der festgestellte Grundsteuerwert erheblich vom tatsächlichen Wert des Grund und Bodens abweicht.
  • Kontrollieren Sie die Voraussetzungen des § 38 Abs. 4 LGrStG.
  • Lassen Sie vorab beurteilen, ob ein qualifiziertes Verkehrswertgutachten sinnvoll ist.
  • Vergleichen Sie die voraussichtlichen Gutachterkosten mit der möglichen Grundsteuerersparnis.
  • Beachten Sie die geltenden Einspruchs- und Klagefristen.
  • Dokumentieren Sie Aufforderungen des Finanzamts zur Vorlage eines Gutachtens.
  • Bewahren Sie sämtliche Nachweise über die entstandenen Gutachterkosten auf.
  • Prüfen Sie nach erfolgreichem Gerichtsverfahren die Kostenentscheidung.
  • Lassen Sie gegebenenfalls einen Antrag auf Kostenfestsetzung einschließlich der Gutachterkosten stellen.

Fazit: Finanzamt kann auch Gutachterkosten übernehmen müssen

Mit Beschluss vom 5. Mai 2026 (Az. 8 KO 351/26) hat das Finanzgericht Baden-Württemberg entschieden, dass die Kosten eines Verkehrswertgutachtens im Zusammenhang mit einem erfolgreichen Grundsteuerverfahren erstattungsfähig sein können.

Im konkreten Fall musste das Finanzamt auch die Gutachterkosten von 1.514,28 Euro tragen, weil diese zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung notwendig waren.

Das Gericht berücksichtigte insbesondere die unverhältnismäßige Höhe der Gebühren und die besondere Bedeutung der Möglichkeit, einen niedrigeren Grundsteuerwert nachzuweisen.

Für Grundstückseigentümer in Baden-Württemberg ist die Entscheidung deshalb ein wichtiges Signal: Wer sich erfolgreich gegen einen zu hohen Grundsteuerwert wehrt, muss die dafür erforderlichen Gutachterkosten nicht in jedem Fall endgültig selbst tragen.

Sie haben Zweifel an Ihrem Grundsteuerwertbescheid oder möchten prüfen lassen, ob die Kosten eines Verkehrswertgutachtens erstattungsfähig sind? Wir unterstützen Sie gerne bei der steuerlichen Prüfung Ihrer Grundsteuerfestsetzung und möglicher Rechtsbehelfe.


Häufige Fragen zu Grundsteuer und Verkehrswertgutachten

Wer trägt die Kosten eines Verkehrswertgutachtens für die Grundsteuer?

Grundsätzlich beauftragt und bezahlt der Grundstückseigentümer das Gutachten zunächst selbst. Bei einem erfolgreichen finanzgerichtlichen Verfahren können die Kosten unter bestimmten Voraussetzungen vom Finanzamt zu erstatten sein.

Wann muss das Finanzamt die Gutachterkosten erstatten?

Eine Erstattung kommt insbesondere in Betracht, wenn eine entsprechende Kostenentscheidung vorliegt und das Gutachten als notwendige Aufwendung zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung im Sinne des § 139 Abs. 1 FGO anzusehen ist.

Wie kann ich in Baden-Württemberg einen niedrigeren Grundsteuerwert nachweisen?

Nach § 38 Abs. 4 LGrStG kann auf Antrag ein niedrigerer tatsächlicher Wert des Grund und Bodens berücksichtigt werden, wenn dieser durch ein qualifiziertes Gutachten nachgewiesen wird und mehr als 30 Prozent unter dem gesetzlich ermittelten Grundsteuerwert liegt.

Muss das Verkehrswertgutachten von einem Gutachterausschuss stammen?

Nicht zwingend. Neben den zuständigen Gutachterausschüssen können auch entsprechend qualifizierte beziehungsweise zertifizierte Sachverständige Gutachten nach § 38 Abs. 4 LGrStG erstellen.

Werden Gutachterkosten auch erstattet, wenn ich nur Einspruch einlege?

Aus der Entscheidung ergibt sich kein allgemeiner Erstattungsanspruch für privat beauftragte Gutachten im bloßen Einspruchsverfahren. Der Beschluss betrifft die Erstattung notwendiger Aufwendungen auf Grundlage einer finanzgerichtlichen Kostenentscheidung.

Was passiert, wenn der Verkehrswert weniger als 30 Prozent unter dem Grundsteuerwert liegt?

Dann sind die Voraussetzungen der besonderen Nachweismöglichkeit nach § 38 Abs. 4 LGrStG nicht erfüllt. Andere mögliche Einwendungen gegen den Bescheid sind davon gesondert zu beurteilen.

Ist der Beschluss des Finanzgerichts Baden-Württemberg rechtskräftig?

Ja. Der Beschluss vom 5. Mai 2026 (Az. 8 KO 351/26) ist nach der amtlichen Entscheidungsveröffentlichung rechtskräftig.


Quellen und Rechtsgrundlagen

  • Finanzgericht Baden-Württemberg, Beschluss vom 05.05.2026, Az. 8 KO 351/26, ECLI:DE:FGBW:2026:0505.8KO351.26.00.
  • Finanzgericht Baden-Württemberg, Pressemitteilung Nr. 8/2026 vom 07.10.2026.
  • Finanzgericht Baden-Württemberg, Beschluss vom 16.10.2025, Az. 8 K 626/24 – Kostengrundentscheidung.
  • § 38 Abs. 4 Landesgrundsteuergesetz Baden-Württemberg (LGrStG) – Nachweis eines niedrigeren Grundstückswerts.
  • § 139 Abs. 1 FGO – Erstattungsfähige notwendige Aufwendungen.
  • § 137 FGO – Kosten bei verspätetem Vorbringen.
  • Art. 3 Abs. 1 und Art. 19 Abs. 4 GG – Gleichbehandlung und effektiver Rechtsschutz.

Rechtsstand: 25. Oktober 2026. Der Beschluss ist rechtskräftig.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Gebäude-AfA: Finanzamt muss Kaufpreisaufteilung im Kaufvertrag grundsätzlich akzeptieren

Wer eine Immobilie zur Vermietung kauft, sollte die Aufteilung des Kaufpreises auf Gebäude und Grundstück sorgfältig im Kaufvertrag festhalten. Denn diese Aufteilung bestimmt maßgeblich, wie hoch die steuerliche Abschreibung des Gebäudes ausfällt.

Das Finanzgericht Schleswig-Holstein hat mit Urteil vom 29. Mai 2026 (Az. 5 K 97/23) entschieden, dass eine vertraglich vereinbarte Kaufpreisaufteilung grundsätzlich anzuerkennen ist, solange keine nennenswerten Zweifel an ihrer wirtschaftlichen Angemessenheit bestehen.

Das Gericht stellte dabei klar, dass nicht jede Abweichung zwischen einer vertraglichen Aufteilung und einer gutachterlichen Bewertung eine Korrektur durch das Finanzamt rechtfertigt.

Die Entscheidung ist besonders für private Immobilienvermieter, Grundstücksgesellschaften und Kapitalanleger von Bedeutung.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Revision wurde zugelassen.

Worum ging es in dem Streitfall?

Eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) hatte eine Immobilie zum Zweck der Vermietung erworben.

Der Gesamtkaufpreis betrug 329.000 Euro.

Im notariellen Kaufvertrag vereinbarten die Vertragsparteien folgende Kaufpreisaufteilung:

  • Gebäudeanteil: 65,90 Prozent
  • Anteil für Grund und Boden: 34,10 Prozent

Die GbR legte diese Aufteilung ihrer steuerlichen Gewinnermittlung zugrunde.

Das war für die Klägerin vorteilhaft, weil nur der auf das Gebäude entfallende Kaufpreisanteil über die Gebäudeabschreibung steuerlich berücksichtigt werden kann.

Der Grundstücksanteil ist dagegen grundsätzlich nicht abschreibbar.

Das Finanzamt hatte jedoch Zweifel an der vereinbarten Kaufpreisaufteilung.

Warum wollte das Finanzamt die Gebäude-AfA kürzen?

Zur Überprüfung der Kaufpreisaufteilung verwendete das Finanzamt zunächst die vom Bundesfinanzministerium (BMF) veröffentlichte Arbeitshilfe zur Kaufpreisaufteilung.

Die Berechnung ergab eine Abweichung von 25,55 Prozent gegenüber der vertraglich vereinbarten Aufteilung.

Daraufhin beauftragte das Finanzamt eine Bausachverständige mit einer Wertermittlung nach den Grundsätzen der Immobilienwertermittlungsverordnung (ImmoWertV).

Diese kam zu einer deutlich anderen Verteilung:

  • Gebäudeanteil: 41,30 Prozent
  • Anteil für Grund und Boden: 58,70 Prozent

Damit entfiel nach der Berechnung des Finanzamts ein erheblich geringerer Teil des Kaufpreises auf das abschreibbare Gebäude.

Das Finanzamt änderte deshalb die steuerliche Feststellung und verminderte die Gebäude-AfA.

Die GbR legte Einspruch ein. Nachdem dieser erfolglos geblieben war, erhob sie Klage beim Finanzgericht Schleswig-Holstein.

Was hat das Finanzgericht Schleswig-Holstein entschieden?

Das Finanzgericht gab der Klage statt.

Im gerichtlichen Verfahren wurde ein weiteres Sachverständigengutachten eingeholt.

Dieses ermittelte für die Immobilie einen Verkehrswert von 290.000 Euro und folgende Wertverhältnisse:

  • Gebäudeanteil: 58 Prozent
  • Anteil für Grund und Boden: 42 Prozent

Damit wich die gutachterliche Bewertung zwar von der vertraglichen Aufteilung ab. Nach Auffassung des Finanzgerichts war diese Abweichung jedoch nicht so erheblich, dass die vertragliche Vereinbarung verworfen werden musste.

Das Gericht entschied deshalb, dass die ursprünglich vereinbarte Kaufpreisaufteilung von 65,90 Prozent Gebäudeanteil und 34,10 Prozent Bodenanteil steuerlich anzuerkennen war.

Entscheidend war, dass die vertragliche Aufteilung die tatsächlichen Wertverhältnisse nicht in grundsätzlicher Weise verfehlte und wirtschaftlich noch vertretbar erschien.

Warum ist die Kaufpreisaufteilung für die Gebäude-AfA so wichtig?

Wer eine vermietete Immobilie erwirbt, kann die Anschaffungskosten des Gebäudes grundsätzlich über die Absetzung für Abnutzung (AfA) steuerlich berücksichtigen.

Rechtsgrundlage ist insbesondere § 7 Abs. 4 EStG.

Dabei muss zwischen zwei Bestandteilen unterschieden werden:

Gebäude: Der auf das Gebäude entfallende Teil der Anschaffungskosten bildet grundsätzlich die Bemessungsgrundlage für die Gebäude-AfA.

Grund und Boden: Der Grundstückswert ist grundsätzlich nicht abschreibbar, da Grund und Boden steuerlich nicht als abnutzbares Wirtschaftsgut behandelt wird.

Je höher der sachgerecht ermittelte Gebäudeanteil am Gesamtkaufpreis ausfällt, desto höher kann deshalb die jährliche steuerliche Abschreibung sein.

Eine fehlerhafte Kaufpreisaufteilung kann sich über viele Jahre auf die steuerlichen Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung auswirken.

Wie hoch ist die Gebäudeabschreibung?

Die Höhe der regulären Gebäude-AfA richtet sich insbesondere nach der Art des Gebäudes und dem Zeitpunkt seiner Fertigstellung.

Bei Wohngebäuden gelten nach § 7 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 EStG grundsätzlich folgende lineare Abschreibungssätze:

  • 3 Prozent jährlich für Gebäude, die nach dem 31. Dezember 2022 fertiggestellt wurden.
  • 2 Prozent jährlich für Gebäude, die nach dem 31. Dezember 1924 und vor dem 1. Januar 2023 fertiggestellt wurden.
  • 2,5 Prozent jährlich für Gebäude, die vor dem 1. Januar 1925 fertiggestellt wurden.

Für bestimmte Betriebsgebäude sowie besondere Abschreibungsregelungen gelten abweichende Voraussetzungen.

Außerdem kann unter den gesetzlichen Voraussetzungen eine kürzere tatsächliche Nutzungsdauer berücksichtigt werden.

Die richtige Ermittlung der AfA-Bemessungsgrundlage ist deshalb ebenso wichtig wie die Anwendung des zutreffenden Abschreibungssatzes.

Rechenbeispiel: Wie wirkt sich die Kaufpreisaufteilung auf die Abschreibung aus?

Der Streitfall zeigt, wie unterschiedlich die steuerliche Bemessungsgrundlage ausfallen kann.

Bei einem Kaufpreis von 329.000 Euro ergeben sich folgende Werte:

AufteilungGebäudeanteilGebäudewert
Kaufvertrag65,90 %216.811 €
Gerichtliches Gutachten58,00 %190.820 €
Gutachten des Finanzamts41,30 %135.877 €

Wird beispielhaft ein jährlicher AfA-Satz von 2 Prozent zugrunde gelegt, ergibt sich:

BewertungsgrundlageJährliche AfA
Kaufvertrag4.336,22 €
Gerichtliches Gutachten3.816,40 €
Gutachten des Finanzamts2.717,54 €

Die Differenz zwischen der vertraglichen Aufteilung und dem Gutachten des Finanzamts beträgt damit rechnerisch 1.618,68 Euro Abschreibung pro vollem Jahr.

Über viele Jahre kann die Kaufpreisaufteilung somit erhebliche Auswirkungen auf die steuerlichen Einkünfte haben.

Hinweis: Das Beispiel verwendet ausschließlich den Kaufpreis und einen angenommenen AfA-Satz von 2 Prozent. Anschaffungsnebenkosten, besondere Abschreibungsregelungen und zeitanteilige Abschreibungen sind nicht berücksichtigt. Der tatsächliche Streitfall wurde nach den für ihn maßgeblichen Abschreibungsregeln beurteilt.

Wann darf das Finanzamt die Kaufpreisaufteilung im Kaufvertrag ändern?

Grundsätzlich können Käufer und Verkäufer im Kaufvertrag vereinbaren, welcher Teil des Kaufpreises auf das Gebäude und welcher auf den Grund und Boden entfällt.

Eine solche Vereinbarung ist steuerlich jedoch nicht uneingeschränkt bindend.

Nach der Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs muss die vertragliche Aufteilung die tatsächlichen Wertverhältnisse wirtschaftlich nachvollziehbar widerspiegeln.

Das Finanzamt darf insbesondere dann von der vertraglichen Vereinbarung abweichen, wenn:

  • die Aufteilung offensichtlich nicht den tatsächlichen Wertverhältnissen entspricht,
  • erhebliche wirtschaftliche Zweifel an der Vereinbarung bestehen,
  • der Kaufpreis nur zum Schein aufgeteilt wurde oder
  • Anhaltspunkte für einen steuerlichen Gestaltungsmissbrauch vorliegen.

Eine bloß abweichende Berechnung des Finanzamts genügt jedoch nicht automatisch.

Vielmehr müssen die tatsächlichen Verkehrswerte und die Umstände des jeweiligen Immobilienerwerbs berücksichtigt werden.

Welche Bedeutung hat die 20-Prozent-Grenze?

Besonders interessant ist die Auffassung des Finanzgerichts Schleswig-Holstein zur Höhe einer noch hinnehmbaren Abweichung.

Nach Ansicht des Gerichts stellt grundsätzlich erst eine Abweichung von mehr als 20 Prozent ein wesentliches Indiz dafür dar, dass die vertragliche Kaufpreisaufteilung die realen Wertverhältnisse in grundsätzlicher Weise verfehlt.

Dabei stellte der Senat auf den Anteil des Grund und Bodens ab.

Im Streitfall betrug dieser laut Kaufvertrag 34,10 Prozent, während das gerichtliche Sachverständigengutachten einen Bodenwertanteil von 42 Prozent ermittelte.

Bezogen auf den gutachterlich ermittelten Bodenwertanteil lag die relative Abweichung bei rund 18,8 Prozent.

Das Gericht sah darin keine ausreichend erhebliche Abweichung.

Wichtig: Die 20-Prozent-Grenze ist keine gesetzlich festgeschriebene Freigrenze.

Sie stellt einen vom Finanzgericht herangezogenen Beurteilungsmaßstab dar. Eine abweichende höchstrichterliche Bewertung bleibt möglich.

Auch bei geringeren Abweichungen können besondere Umstände Zweifel an einer vertraglichen Kaufpreisaufteilung begründen.

Welche Bedeutung hat die Arbeitshilfe des Bundesfinanzministeriums?

Das Bundesfinanzministerium stellt eine Arbeitshilfe zur Aufteilung des Kaufpreises bebauter Grundstücke zur Verfügung.

Sie soll dabei unterstützen, den Gesamtkaufpreis nach den Wertverhältnissen zwischen Gebäude und Grund und Boden aufzuteilen.

Die Arbeitshilfe kann insbesondere zur Plausibilitätsprüfung einer vertraglichen Kaufpreisaufteilung verwendet werden.

Allerdings hat der Bundesfinanzhof bereits mit Urteil vom 21. Juli 2020 (Az. IX R 26/19) klargestellt, dass eine vertragliche Kaufpreisaufteilung nicht allein durch eine mithilfe der damaligen BMF-Arbeitshilfe ermittelte Aufteilung ersetzt werden darf, wenn diese die tatsächlichen Wertverhältnisse nicht sachgerecht abbildet.

Das Finanzgericht muss bei erheblichen Zweifeln gegebenenfalls weitere Beweise erheben.

Hierzu kann insbesondere ein Sachverständigengutachten gehören.

Die inzwischen aktualisierte BMF-Arbeitshilfe kann weiterhin zur Orientierung dienen. Ihre Ergebnisse ersetzen jedoch nicht die rechtliche Prüfung des Einzelfalls.

Steuer-Tipp: Kaufpreisaufteilung bereits vor dem Notartermin prüfen

Wenn Sie eine Immobilie zur Vermietung erwerben, sollten Sie die Aufteilung des Kaufpreises zwischen Gebäude und Grund und Boden möglichst bereits vor der notariellen Beurkundung prüfen lassen.

Eine realistische und nachvollziehbar dokumentierte Kaufpreisaufteilung kann spätere Diskussionen mit dem Finanzamt vermeiden.

Dabei können insbesondere folgende Unterlagen hilfreich sein:

  • aktuelle Bodenrichtwerte,
  • Informationen über Baujahr, Zustand und Ausstattung,
  • objektspezifische Marktinformationen,
  • nachvollziehbare Wertermittlungen,
  • gegebenenfalls ein qualifiziertes Sachverständigengutachten.

Eine vertragliche Kaufpreisaufteilung sollte nicht ausschließlich mit dem Ziel einer möglichst hohen Gebäudeabschreibung festgelegt werden.

Sie muss auch wirtschaftlich begründbar sein.

Warum sollten Gebäude- und Bodenwerte relativ verglichen werden?

Das Finanzgericht Schleswig-Holstein wies außerdem auf einen wichtigen Aspekt der Immobilienbewertung hin.

Der tatsächlich vereinbarte Kaufpreis muss nicht zwingend dem von einem Sachverständigen ermittelten Verkehrswert entsprechen.

Im Streitfall betrug der Kaufpreis 329.000 Euro, während das gerichtliche Gutachten einen Verkehrswert von 290.000 Euro ermittelte.

Eine solche Abweichung kann beispielsweise durch individuelle Verhandlungen oder besondere Marktbedingungen entstehen.

Nach den ergänzenden Überlegungen des Gerichts sollte deshalb nicht allein entscheidend sein, um welchen Eurobetrag sich der vertraglich vereinbarte Kaufpreis von einem gutachterlichen Verkehrswert unterscheidet.

Aussagekräftiger ist vielmehr, ob die relativen Wertverhältnisse zwischen Gebäude und Grund und Boden sachgerecht wiedergegeben werden.

Dieser Gesichtspunkt ist besonders wichtig, weil bei der Gebäude-AfA nicht der absolute Verkehrswert der Immobilie, sondern die zutreffende Verteilung der steuerlichen Anschaffungskosten im Mittelpunkt steht.

Die entsprechenden Ausführungen des Gerichts erfolgten ergänzend zur eigentlichen Entscheidungsbegründung.

Welche Bedeutung hat das Urteil für private Vermieter?

Für private Immobilienvermieter kann eine vertragliche Kaufpreisaufteilung erhebliche steuerliche Vorteile bieten, sofern sie wirtschaftlich vertretbar ist.

Gerade beim Erwerb älterer Bestandsimmobilien kann die Aufteilung zwischen Gebäude und Grund und Boden einen erheblichen Einfluss auf die jährlichen Werbungskosten haben.

Eine höhere zulässige Gebäude-AfA reduziert grundsätzlich die steuerpflichtigen Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung.

Das Urteil zeigt zugleich, dass das Finanzamt eine sorgfältig vereinbarte Kaufpreisaufteilung nicht ohne ausreichende Begründung durch eine eigene Berechnung ersetzen darf.

Allerdings sollten Vermieter darauf achten, dass die vereinbarten Werte realistisch sind und gegebenenfalls durch geeignete Unterlagen gestützt werden können.

Achtung: Nicht jede vertragliche Kaufpreisaufteilung ist bindend

Ein häufiger Irrtum besteht darin, dass die im Kaufvertrag festgelegte Aufteilung für das Finanzamt immer verbindlich sei.

Das ist nicht richtig.

Eine Aufteilung, die den tatsächlichen Wertverhältnissen offensichtlich widerspricht, kann steuerlich korrigiert werden.

Ebenso wenig bietet die vom Finanzgericht herangezogene 20-Prozent-Grenze einen automatischen Schutz vor einer Überprüfung.

Entscheidend bleibt, ob die Vereinbarung insgesamt wirtschaftlich haltbar ist.

Was sollten Immobilienkäufer jetzt prüfen?

Das Urteil bietet Anlass, die Kaufpreisaufteilung bei geplanten oder bereits erfolgten Immobilienkäufen zu überprüfen.

Checkliste für die Praxis

  • Prüfen Sie, ob der Kaufvertrag eine ausdrückliche Aufteilung des Kaufpreises enthält.
  • Kontrollieren Sie, ob die Aufteilung wirtschaftlich nachvollziehbar ist.
  • Berücksichtigen Sie den Bodenrichtwert und objektspezifische Besonderheiten.
  • Dokumentieren Sie die Grundlagen der Kaufpreisaufteilung.
  • Prüfen Sie die zutreffende Zuordnung der Anschaffungsnebenkosten.
  • Kontrollieren Sie den verwendeten AfA-Satz und den Beginn der Abschreibung.
  • Vergleichen Sie abweichende Berechnungen des Finanzamts mit den tatsächlichen Wertverhältnissen.
  • Ziehen Sie bei erheblichen Differenzen ein qualifiziertes Sachverständigengutachten in Betracht.
  • Prüfen Sie, ob betroffene Steuerbescheide noch offen oder änderbar sind.

Urteil noch nicht rechtskräftig: Revision zugelassen

Das Finanzgericht Schleswig-Holstein hat mit Urteil vom 29. Mai 2026 (Az. 5 K 97/23) zugunsten der klagenden Grundstücksgesellschaft entschieden.

Der Senat hat die Revision zugelassen.

Damit ist die Entscheidung noch nicht rechtskräftig.

Insbesondere die Frage, wann eine Abweichung zwischen vertraglicher Kaufpreisaufteilung und gutachterlicher Bewertung erheblich genug ist, um die vertraglichen Werte zu verwerfen, bleibt für die weitere Rechtsprechung von Interesse.

Das Finanzgericht selbst wies darauf hin, dass die Finanzgerichte die entsprechenden Grundsätze des Bundesfinanzhofs bislang teilweise unterschiedlich konkretisiert haben.

Fazit: Kaufpreisaufteilung im Vertrag kann die Gebäude-AfA sichern

Das Urteil des Finanzgerichts Schleswig-Holstein vom 29. Mai 2026 (Az. 5 K 97/23) unterstreicht die Bedeutung einer sachgerecht vereinbarten Kaufpreisaufteilung beim Erwerb vermieteter Immobilien.

Die im Kaufvertrag vorgenommene Aufteilung zwischen Gebäude und Grund und Boden ist grundsätzlich steuerlich anzuerkennen, solange sie die tatsächlichen Wertverhältnisse nicht in erheblicher Weise verfehlt und wirtschaftlich vertretbar ist.

Nicht jede Abweichung von einer gutachterlichen Bewertung rechtfertigt eine Korrektur durch das Finanzamt.

Für Immobilienkäufer und Vermieter zeigt die Entscheidung, wie wichtig eine frühzeitige und nachvollziehbare Kaufpreisaufteilung ist.

Da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, bleibt die weitere höchstrichterliche Klärung abzuwarten.

Sie planen den Kauf einer vermieteten Immobilie oder das Finanzamt hat Ihre Gebäudeabschreibung gekürzt? Wir unterstützen Sie gerne bei der Prüfung der Kaufpreisaufteilung und der steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten.


Häufige Fragen zur Kaufpreisaufteilung und Gebäude-AfA

Warum muss der Kaufpreis einer Immobilie aufgeteilt werden?

Weil grundsätzlich nur der auf das Gebäude entfallende Teil der Anschaffungskosten abgeschrieben werden kann. Grund und Boden ist steuerlich regelmäßig nicht abnutzbar und deshalb nicht abschreibbar.

Muss das Finanzamt die Kaufpreisaufteilung im Kaufvertrag akzeptieren?

Grundsätzlich ist eine wirtschaftlich nachvollziehbare vertragliche Aufteilung zu berücksichtigen. Bestehen erhebliche Zweifel an den tatsächlichen Wertverhältnissen, kann das Finanzamt die Aufteilung überprüfen.

Wie hoch darf die Abweichung zwischen Kaufvertrag und Gutachten sein?

Das Finanzgericht Schleswig-Holstein sieht eine Abweichung von mehr als 20 Prozent bezogen auf den Bodenwertanteil als wesentliches Indiz für eine problematische Aufteilung an. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine allgemeine gesetzliche Toleranzgrenze.

Darf das Finanzamt die BMF-Arbeitshilfe verwenden?

Ja. Die Arbeitshilfe kann zur Plausibilitätsprüfung dienen. Ihr Ergebnis rechtfertigt jedoch nicht ohne Weiteres, eine wirtschaftlich haltbare vertragliche Kaufpreisaufteilung zu verwerfen.

Wie hoch ist die Gebäude-AfA bei vermieteten Immobilien?

Für Wohngebäude gelten nach § 7 Abs. 4 EStG grundsätzlich lineare AfA-Sätze von 2 Prozent, 2,5 Prozent oder 3 Prozent, abhängig insbesondere vom Fertigstellungszeitpunkt. Besondere gesetzliche Regelungen können abweichen.

Kann ein Sachverständigengutachten bei Streit mit dem Finanzamt helfen?

Ja. Ein qualifiziertes Gutachten kann die tatsächlichen Wertverhältnisse zwischen Gebäude und Grund und Boden dokumentieren und damit zur Überprüfung einer abweichenden Bewertung beitragen.

Ist das Urteil des Finanzgerichts Schleswig-Holstein rechtskräftig?

Nein. Das Finanzgericht hat die Revision zugelassen. Die endgültige höchstrichterliche Klärung bleibt abzuwarten.


Quellen und Rechtsgrundlagen

  • Finanzgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 29.05.2026, Az. 5 K 97/23; Mitteilung vom 07.10.2026, Newsletter II/2026.
  • Bundesfinanzhof, Urteil vom 21.07.2020, Az. IX R 26/19, BStBl II 2021, S. 372.
  • Bundesfinanzhof, Urteil vom 16.09.2015, Az. IX R 12/14.
  • § 7 Abs. 4 EStG – Gebäudeabschreibung.
  • § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 7 EStG – AfA als Werbungskosten.
  • § 21 EStG – Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung.
  • § 42 AO – Missbrauch von rechtlichen Gestaltungsmöglichkeiten.
  • Immobilienwertermittlungsverordnung (ImmoWertV).
  • Bundesministerium der Finanzen, Arbeitshilfe zur Kaufpreisaufteilung für bebaute Grundstücke, Stand März 2026.

Rechtsstand: 25. Oktober 2026. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.