Können getrennt lebende Eltern verhindern, dass ihr BEA-Freibetrag auf den anderen Elternteil übertragen wird? Diese Frage hat der Bundesfinanzhof (BFH) mit Urteil vom 18. Juni 2026 (Az. III R 2/24) konkretisiert.
Nach der Entscheidung reicht es nicht aus, dass Großeltern das Kind betreuen oder der andere Elternteil in deren Nähe wohnt. Ein Widerspruch gegen die Übertragung des Freibetrags für den Betreuungs- und Erziehungs- oder Ausbildungsbedarf setzt vielmehr voraus, dass der widersprechende Elternteil selbst regelmäßig in nicht unwesentlichem Umfang betreut oder Kinderbetreuungskosten trägt.
Das Urteil ist besonders für getrennt lebende und geschiedene Eltern relevant, deren minderjährige Kinder nur bei einem Elternteil gemeldet sind.
Was ist der BEA-Freibetrag?
BEA steht für Betreuungs-, Erziehungs- oder Ausbildungsbedarf.
Der BEA-Freibetrag wird zusätzlich zum eigentlichen Kinderfreibetrag berücksichtigt. Beide Freibeträge sind in § 32 Abs. 6 Einkommensteuergesetz (EStG) geregelt.
Für das Steuerjahr 2026 gelten grundsätzlich folgende Jahresbeträge je berücksichtigungsfähigem Kind:
| Freibetrag | Je Elternteil | Beide Eltern zusammen |
|---|---|---|
| Kinderfreibetrag | 3.414 € | 6.828 € |
| BEA-Freibetrag | 1.464 € | 2.928 € |
| Summe | 4.878 € | 9.756 € |
Diese Beträge mindern das steuerlich zu berücksichtigende Einkommen, nicht unmittelbar die Einkommensteuer in gleicher Höhe.
Im Rahmen der Einkommensteuerveranlagung prüft das Finanzamt außerdem, ob der Abzug der Kinderfreibeträge günstiger ist als das Kindergeld. Diese sogenannte Günstigerprüfung ergibt sich aus § 31 EStG.
Wann kann der BEA-Freibetrag auf einen Elternteil übertragen werden?
Bei getrennt lebenden Eltern steht grundsätzlich jedem Elternteil ein hälftiger BEA-Freibetrag zu.
Für minderjährige Kinder enthält § 32 Abs. 6 Satz 8 EStG jedoch eine besondere Übertragungsmöglichkeit.
Wenn das Kind nur in der Wohnung eines Elternteils gemeldet ist und die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen, kann dieser beantragen, dass der BEA-Freibetrag des anderen Elternteils auf ihn übertragen wird.
Dadurch kann der antragstellende Elternteil grundsätzlich beide BEA-Freibetragshälften berücksichtigen.
Der andere Elternteil kann der Übertragung nach § 32 Abs. 6 Satz 9 EStG widersprechen – allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen.
Worum ging es im BFH-Streitfall?
Im entschiedenen Verfahren stritten geschiedene Eltern um die Übertragung des BEA-Freibetrags für ihre beiden minderjährigen Töchter.
Die Kinder waren bei ihrer Mutter gemeldet. Beim Vater bestand keine entsprechende Wohnsitzmeldung.
Die Mutter wollte in ihrer Einkommensteuerveranlagung für das Streitjahr 2019 zusätzlich zu ihren eigenen BEA-Freibeträgen auch die jeweiligen Freibetragshälften des Vaters erhalten.
Der Vater widersprach.
Er berief sich insbesondere darauf, dass die Kinder regelmäßig von seinen Eltern – also den väterlichen Großeltern – betreut worden seien.
Nach den gerichtlichen Feststellungen betreuten die Großeltern ihre Enkelinnen im betreffenden Jahr an insgesamt 159 Tagen.
Diese Betreuung erfolgte unter anderem an Nachmittagen sowie während der Schulferien.
Der Vater wohnte zwar im selben Zweifamilienhaus wie seine Eltern, hatte dort aber eine eigene Wohnung.
Die Großeltern übernahmen die Betreuung eigenständig und trugen die damit verbundenen Aufwendungen selbst.
Der Vater hatte die Betreuung weder selbst organisiert noch aufgrund einer von ihm übernommenen Betreuungsverpflichtung veranlasst.
Wie entschied der Bundesfinanzhof?
Der BFH stellte klar, dass der Widerspruch gegen die Übertragung des BEA-Freibetrags an eine tatsächliche Belastung des betreffenden Elternteils anknüpft.
Eine solche Belastung kann insbesondere entstehen, wenn ein Elternteil
- das Kind regelmäßig in nicht unwesentlichem Umfang persönlich betreut oder
- tatsächlich Kinderbetreuungskosten trägt.
Dadurch wird die steuerliche Leistungsfähigkeit des Elternteils beansprucht – entweder durch einen eigenen zeitlichen Betreuungsaufwand oder durch finanzielle Aufwendungen.
Fehlt es an beidem, besteht nach Auffassung des BFH kein ausreichender Grund, die Übertragung des BEA-Freibetrags zu verhindern.
Der Widerspruch des Vaters war deshalb im entschiedenen Fall nicht wirksam. Die Mutter konnte die Übertragung der betreffenden BEA-Freibeträge beanspruchen.
Warum zählt die Betreuung durch Großeltern nicht automatisch?
Großeltern spielen in vielen Familien eine wichtige Rolle bei der Kinderbetreuung.
Steuerlich ist jedoch zwischen der Betreuung durch die Großeltern und einer dem Elternteil zuzurechnenden Betreuung zu unterscheiden.
Nach dem BFH-Urteil kann der Vater oder die Mutter nicht allein deshalb eigene Betreuungsleistungen geltend machen, weil die eigenen Eltern das Kind betreuen.
Das gilt auch dann, wenn sich das Kind während dieser Zeit in räumlicher Nähe des betreffenden Elternteils aufhält.
Entscheidend ist, ob die Drittbetreuung auf dessen Veranlassung erfolgt und ihm rechtlich beziehungsweise wirtschaftlich zugeordnet werden kann.
Findet die Betreuung ohne Zutun des widersprechenden Elternteils statt, ist sie ihm nach der Entscheidung jedenfalls nicht zuzurechnen.
Der BFH musste damit nicht abschließend klären, unter welchen anderen Voraussetzungen eine von einem Elternteil tatsächlich organisierte Drittbetreuung gegebenenfalls berücksichtigt werden kann.
Reicht es aus, Kindesunterhalt zu zahlen?
Nicht automatisch.
Die Zahlung von gewöhnlichem Kindesunterhalt ist von der tatsächlichen Betreuung und der Übernahme konkreter Kinderbetreuungskosten zu unterscheiden.
§ 32 Abs. 6 Satz 9 EStG nennt ausdrücklich die Tragung von Kinderbetreuungskosten oder die eigene regelmäßige Betreuung in nicht unwesentlichem Umfang.
Deshalb begründet allein die Erfüllung einer allgemeinen Barunterhaltspflicht nicht zwangsläufig ein Widerspruchsrecht.
Anders kann es sein, wenn der betreffende Elternteil tatsächlich Kinderbetreuungskosten trägt, die den gesetzlichen Anforderungen entsprechen.
Hierbei ist entscheidend, welche Aufwendungen konkret geleistet werden und welchem Zweck sie dienen.
Wie viel persönliche Betreuung ist erforderlich?
Das Gesetz nennt keine feste Zahl an Betreuungstagen, ab der ein Widerspruch immer erfolgreich ist.
Erforderlich ist eine regelmäßige Betreuung in einem nicht unwesentlichen Umfang.
Die Beurteilung hängt deshalb vom tatsächlichen Umfang und der Ausgestaltung der Betreuungsleistungen ab.
Gelegentliche Begegnungen oder vereinzelte gemeinsame Aktivitäten müssen dafür nicht ausreichen.
Regelmäßige Umgangszeiten mit tatsächlicher Übernahme der Betreuungsverantwortung können dagegen eine andere Beurteilung rechtfertigen.
Es kommt nicht nur auf die räumliche Anwesenheit an, sondern auf die tatsächlich wahrgenommenen Betreuungspflichten.
Praxisbeispiel: Zwei unterschiedliche Betreuungssituationen
Ein minderjähriges Kind lebt überwiegend bei seiner Mutter und ist ausschließlich dort gemeldet. Die Mutter beantragt die Übertragung des BEA-Freibetrags des Vaters.
Fall A: Regelmäßige Betreuung durch den Vater
Der Vater übernimmt das Kind regelmäßig für vereinbarte Betreuungszeiten und trägt dabei persönlich Verantwortung für Versorgung und Betreuung.
Je nach Umfang kann ein Widerspruch gegen die Übertragung berechtigt sein.
Fall B: Betreuung ausschließlich durch die Großeltern
Das Kind wird regelmäßig von den väterlichen Großeltern betreut. Diese organisieren alles selbst und tragen die anfallenden Kosten. Der Vater übernimmt weder eigene Betreuungsleistungen noch entsprechende Aufwendungen.
Allein die Tätigkeit der Großeltern begründet nach den Grundsätzen des BFH-Urteils kein Widerspruchsrecht des Vaters.
Welche steuerlichen Auswirkungen hat die Übertragung?
Der BEA-Freibetrag beträgt 2026 grundsätzlich 1.464 Euro je Elternteil und Kind.
Wird der Anteil eines Elternteils wirksam übertragen, kann der andere Elternteil für dieses Kind insgesamt 2.928 Euro BEA-Freibetrag berücksichtigen.
Bei zwei Kindern bedeutet dies eine zusätzliche Freibetragsberücksichtigung von 2.928 Euro gegenüber dem Ansatz nur der eigenen beiden BEA-Anteile.
Die tatsächliche Einkommensteuerersparnis ist jedoch nicht mit diesem Betrag identisch.
Vereinfachtes Rechenbeispiel
Eine Mutter erhält für zwei minderjährige Kinder die BEA-Freibetragshälften des Vaters übertragen.
| Position | Betrag 2026 |
|---|---|
| Übertragener BEA-Anteil je Kind | 1.464 € |
| Anzahl der Kinder | 2 |
| Zusätzlich berücksichtigte Freibeträge | 2.928 € |
Diese zusätzliche steuerliche Freibetragswirkung führt nur insoweit zu einer Einkommensteuerentlastung, wie sich aus der gesetzlichen Günstigerprüfung ein entsprechender Vorteil ergibt.
Der Freibetrag ist also nicht mit einer unmittelbaren Steuererstattung in Höhe von 2.928 Euro gleichzusetzen.
Was ist der Unterschied zwischen BEA-Freibetrag und Kinderfreibetrag?
Der Kinderfreibetrag soll das sächliche Existenzminimum des Kindes steuerlich freistellen.
Der BEA-Freibetrag berücksichtigt hingegen den Betreuungs-, Erziehungs- oder Ausbildungsbedarf.
Für beide Freibeträge gibt es unterschiedliche Übertragungsregeln.
Insbesondere ist die Übertragung des Kinderfreibetrags wegen nicht erfüllter Unterhaltspflichten nach § 32 Abs. 6 Satz 6 EStG gesondert von der Übertragung des BEA-Freibetrags bei fehlender Wohnsitzmeldung nach Satz 8 zu unterscheiden.
Wichtig: Das BFH-Urteil III R 2/24 betrifft den Widerspruch gegen die Übertragung des BEA-Freibetrags. Es entscheidet nicht pauschal über sämtliche Voraussetzungen zur Übertragung des Kinderfreibetrags.
Steuer-Tipp: Betreuungsleistungen nachvollziehbar dokumentieren
Wenn Sie als getrennt lebender Elternteil einer Übertragung des BEA-Freibetrags widersprechen möchten, sollten Sie Ihre tatsächlichen Betreuungsleistungen dokumentieren.
Dafür können etwa regelmäßige Betreuungsvereinbarungen, Kalenderaufzeichnungen, Nachweise über die tatsächlichen Umgangszeiten oder Belege über von Ihnen getragene Kinderbetreuungskosten hilfreich sein.
Eine verlässliche Dokumentation erleichtert dem Finanzamt die Prüfung, ob die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind.
Achtung: Umgangsrecht, Sorgerecht und BEA-Freibetrag sind nicht identisch
Ein häufiger Fehler besteht darin, aus dem gemeinsamen Sorgerecht oder der Elternstellung automatisch ein steuerliches Widerspruchsrecht abzuleiten.
Das gemeinsame Sorgerecht bedeutet nicht zwangsläufig, dass beide Elternteile tatsächlich in erheblichem Umfang Betreuungsleistungen erbringen.
Ebenso beweist die Betreuung durch Angehörige allein nicht, dass ein Elternteil selbst Betreuungspflichten erfüllt.
Für die Übertragung des BEA-Freibetrags kommt es deshalb auf die konkreten gesetzlichen Voraussetzungen und den nachgewiesenen Sachverhalt an.
Was sollten getrennt lebende Eltern jetzt prüfen?
Checkliste für die Steuererklärung
- Prüfen Sie, bei welchem Elternteil das minderjährige Kind gemeldet ist.
- Stellen Sie fest, ob eine Übertragung des BEA-Freibetrags beantragt wurde.
- Dokumentieren Sie gegebenenfalls Ihre eigenen regelmäßigen Betreuungszeiten.
- Halten Sie tatsächlich getragene Kinderbetreuungskosten fest.
- Unterscheiden Sie persönliche Betreuung von eigenständiger Betreuung durch Großeltern.
- Prüfen Sie, wer die Betreuung durch Dritte veranlasst und finanziert hat.
- Beachten Sie die unterschiedlichen Regeln für BEA-Freibetrag und Kinderfreibetrag.
- Kontrollieren Sie die Angaben in der Anlage Kind und die Festsetzungen im Steuerbescheid.
- Lassen Sie strittige Übertragungen innerhalb der maßgeblichen Rechtsbehelfsfristen prüfen.
Fazit: Ohne eigene Betreuung oder Betreuungskosten kein wirksamer Widerspruch
Mit Urteil vom 18. Juni 2026 (III R 2/24) hat der Bundesfinanzhof die Voraussetzungen für einen Widerspruch gegen die Übertragung des BEA-Freibetrags konkretisiert.
Wer weder selbst in nicht unwesentlichem Umfang betreut noch Kinderbetreuungskosten trägt, kann die Übertragung des Freibetrags nicht allein mit Betreuungsleistungen der Großeltern verhindern.
Entscheidend ist, ob die Betreuungspflichten die eigene Arbeitskraft oder die finanziellen Mittel des Elternteils beanspruchen.
Gerade bei getrennten Eltern mit Unterstützung durch Großeltern sollten deshalb die tatsächliche Betreuung und die Übernahme von Kosten sorgfältig unterschieden werden.
Sie möchten prüfen lassen, welchem Elternteil die Kinderfreibeträge zustehen und ob eine Übertragung steuerlich zulässig ist? Wir unterstützen Sie gerne bei der Einkommensteuererklärung und der Klärung strittiger Freibeträge.
Häufige Fragen zum BEA-Freibetrag
Was bedeutet BEA-Freibetrag?
Der BEA-Freibetrag ist der steuerliche Freibetrag für den Betreuungs- und Erziehungs- oder Ausbildungsbedarf eines Kindes nach § 32 Abs. 6 EStG.
Wie hoch ist der BEA-Freibetrag 2026?
Er beträgt 1.464 Euro je Elternteil und Kind, bei beiden Eltern zusammen grundsätzlich 2.928 Euro jährlich.
Wann kann ein Elternteil den gesamten BEA-Freibetrag erhalten?
Bei minderjährigen Kindern kann unter den gesetzlichen Voraussetzungen die BEA-Freibetragshälfte des anderen Elternteils übertragen werden, wenn das Kind nicht bei diesem gemeldet ist.
Kann der andere Elternteil der Übertragung widersprechen?
Ja, wenn er Kinderbetreuungskosten trägt oder das Kind regelmäßig in nicht unwesentlichem Umfang selbst betreut.
Zählt die Betreuung durch Großeltern als Betreuung des Vaters oder der Mutter?
Nicht automatisch. Nach dem BFH-Urteil III R 2/24 werden Betreuungsleistungen der Großeltern jedenfalls dann nicht zugerechnet, wenn sie ohne Zutun des betreffenden Elternteils erfolgen.
Reicht gemeinsames Sorgerecht für einen Widerspruch?
Nein. Das gemeinsame Sorgerecht ersetzt nicht den Nachweis tatsächlicher Betreuungsleistungen oder entsprechender Kinderbetreuungskosten.
Ist die Zahlung von Kindesunterhalt ausreichend?
Die Zahlung gewöhnlichen Kindesunterhalts begründet nicht automatisch ein Widerspruchsrecht. Maßgeblich sind die Voraussetzungen des § 32 Abs. 6 Satz 9 EStG.
Wird der Kinderfreibetrag automatisch mit dem BEA-Freibetrag übertragen?
Nicht in jeder Konstellation. Für die Übertragung des Kinderfreibetrags und des BEA-Freibetrags gelten unterschiedliche gesetzliche Regelungen.
Quellen und Rechtsgrundlagen
- Bundesfinanzhof, Urteil vom 18.06.2026, Az. III R 2/24, ECLI:DE:BFH:2026.180626.IIIR2.24.0; veröffentlicht am 17.09.2026.
- Finanzgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 26.01.2023, Az. 6 K 1165/21 – Vorinstanz.
- § 32 Abs. 6 Satz 1, 8 und 9 EStG – Kinderfreibetrag, BEA-Freibetrag, Übertragung und Widerspruch.
- § 32 Abs. 6 Satz 6 und 7 EStG – Übertragung des Kinderfreibetrags unter besonderen Voraussetzungen.
- § 31 EStG – Familienleistungsausgleich und Günstigerprüfung.
- § 32d EStG ist für die hier behandelte Übertragung nicht einschlägig.
Rechtsstand: 26. Oktober 2026. Das BFH-Verfahren betrifft das Streitjahr 2019; die Betragsbeispiele verwenden die Freibeträge für 2026.
Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.