Nicht steuerbare Personalgestellung einer Körperschaft des öffentlichen Rechts

Wann bleibt eine Personalgestellung durch Körperschaften des öffentlichen Rechts ohne Umsatzsteuer? Das FG Baden-Württemberg zeigt die Kriterien.

Rechtsstand: 25.08.2026 Hinweis: Das Zwischenurteil ist nicht rechtskräftig; die Revision ist beim BFH unter dem Aktenzeichen V R 16/25 anhängig.

Eine nicht steuerbare Personalgestellung kann für Körperschaften des öffentlichen Rechts erhebliche Umsatzsteuerfolgen haben. Das gilt besonders bei Kooperationen zwischen Gemeinden, Zweckverbänden, Kammern oder sonstigen öffentlich-rechtlichen Einrichtungen.

Das Finanzgericht Baden-Württemberg hat mit Zwischenurteil vom 26.03.2025 entschieden: Stellt eine Körperschaft des öffentlichen Rechts Personal auf öffentlich-rechtlicher Grundlage an eine öffentlich-rechtliche Einrichtung ohne eigene Rechtspersönlichkeit, kann diese Leistung trotz Kostenerstattung nicht umsatzsteuerbar sein. Entscheidend war, dass die Körperschaft nicht als Unternehmerin tätig wurde und kein Wettbewerb zu privaten Anbietern bestand.

Worum ging es in dem Verfahren?

Die Klägerin war eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Sie beschäftigte zwei Arbeitnehmer auf Grundlage des TVöD und stellte diese einer öffentlich-rechtlichen Einrichtung ohne Rechtspersönlichkeit zur Verfügung. Die Beschäftigten waren dort als Geschäftsführung und Projektkoordination tätig. Die Klägerin stellte der Einrichtung den Personalaufwand monatlich in Rechnung und wies zunächst Umsatzsteuer aus.

Später beantragte die Klägerin, die Personalgestellung nicht der Umsatzsteuer zu unterwerfen. Das Finanzamt lehnte dies ab. Es sah in der Kostenerstattung einen umsatzsteuerlichen Leistungsaustausch. Im finanzgerichtlichen Verfahren ging es deshalb um die vorgreifliche Frage, ob die Personalgestellung in den Streitjahren 2013 bis 2017 überhaupt steuerbare Umsätze auslöste.

Hat das FG einen Leistungsaustausch verneint?

Nein. Das ist der zentrale Punkt der Entscheidung: Das FG Baden-Württemberg bejahte einen Leistungsaustausch. Die öffentlich-rechtliche Einrichtung erhielt Personal, das Weisungsrecht wurde dort ausgeübt, und die Klägerin erhielt hierfür ein Entgelt beziehungsweise eine Kostenerstattung. Damit lag grundsätzlich eine sonstige Leistung gegen Entgelt nahe.

Für die Umsatzsteuer reicht ein Leistungsaustausch allein aber nicht aus. Nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG unterliegen nur Lieferungen und sonstige Leistungen der Umsatzsteuer, die ein Unternehmer im Inland gegen Entgelt im Rahmen seines Unternehmens ausführt.

Warum war die Personalgestellung trotzdem nicht steuerbar?

Das FG kam zu dem Ergebnis, dass die Klägerin in den Streitjahren nicht als Unternehmerin tätig wurde. Für 2013 bis 2016 prüfte das Gericht die alte Rechtslage zu § 2 Abs. 3 UStG in Verbindung mit den Grundsätzen zu Betrieben gewerblicher Art. Für 2017 war § 2b UStG maßgeblich, weil die Klägerin keine Option zur Fortgeltung der alten Rechtslage ausgeübt hatte.

Nach Art. 13 MwStSystRL gelten Staaten, Länder, Gemeinden und sonstige Einrichtungen des öffentlichen Rechts nicht als Steuerpflichtige, soweit sie Tätigkeiten ausüben, die ihnen im Rahmen der öffentlichen Gewalt obliegen. Das gilt jedoch nicht, wenn die Behandlung als Nichtsteuerpflichtige zu größeren Wettbewerbsverzerrungen führen würde.

Im Streitfall sah das FG beide Voraussetzungen als erfüllt an: Die Personalgestellung beruhte auf einem öffentlich-rechtlichen Vertrag, und private Unternehmen konnten keine vergleichbare Leistung erbringen. Deshalb fehlte es an einer größeren Wettbewerbsverzerrung.

Welche Rolle spielte der öffentlich-rechtliche Vertrag?

Für das FG war nicht entscheidend, dass die Arbeitnehmer zivilrechtliche Arbeitsverträge mit der Klägerin hatten. Maßgeblich war vielmehr die Grundlage der Personalgestellung im Verhältnis zwischen Klägerin und Einrichtung. Diese beruhte auf einem koordinationsrechtlichen öffentlich-rechtlichen Vertrag. Danach musste das für die Geschäftsführung erforderliche Personal von einem Partner der öffentlich-rechtlichen Kooperation gestellt werden.

Damit handelte die Klägerin nach Auffassung des Gerichts im Rahmen öffentlicher Gewalt. Die Personalgestellung war nicht wie ein marktübliches Personalleasing organisiert, sondern Bestandteil der öffentlich-rechtlichen Zusammenarbeit.

Steuer-Tipp:
Prüfen Sie bei Personalgestellungen der öffentlichen Hand immer zuerst die Rechtsgrundlage. Ein öffentlich-rechtlicher Vertrag, eine Satzung oder eine gesetzliche Verpflichtung kann für die umsatzsteuerliche Einordnung entscheidend sein. Eine rein privatrechtliche Vereinbarung führt dagegen deutlich schneller in die Unternehmereigenschaft.

Warum lag kein Wettbewerb zu privaten Anbietern vor?

Das FG sah keinen Wettbewerb zu privaten Unternehmen, weil ein Privater die konkrete Leistung nicht hätte erbringen können. Zum einen traf die Verpflichtung zur Personalgestellung ausschließlich die Partner der öffentlich-rechtlichen Einrichtung. Zum anderen hatte die empfangende Einrichtung keine eigene Rechtspersönlichkeit und konnte daher keine entsprechenden Verträge mit privaten Anbietern schließen.

Zusätzlich berücksichtigte das Gericht, dass es sich um eine dauerhafte Personalgestellung im öffentlichen Dienst handelte. § 4 Abs. 3 TVöD beschreibt die Personalgestellung als auf Dauer angelegte Beschäftigung bei einem Dritten unter Fortsetzung des bestehenden Arbeitsverhältnisses. Demgegenüber ist Arbeitnehmerüberlassung nach dem AÜG grundsätzlich nur vorübergehend zulässig; für bestimmte Gestaltungen im öffentlichen Dienst enthält § 1 Abs. 3 Nr. 2b AÜG einen Privilegierungstatbestand.

Achtung – häufiger Fehler:
Nicht jede Kostenerstattung zwischen öffentlich-rechtlichen Körperschaften ist automatisch nicht steuerbar. Das FG hat gerade nicht gesagt, dass jeder Personalkostenersatz außerhalb der Umsatzsteuer bleibt. Entscheidend sind Rechtsgrundlage, hoheitlicher Aufgabenbezug und die konkrete Wettbewerbssituation.

Was bedeutet § 2b UStG für das Streitjahr 2017?

§ 2b Abs. 1 UStG regelt, dass juristische Personen des öffentlichen Rechts nicht als Unternehmer gelten, soweit sie Tätigkeiten ausüben, die ihnen im Rahmen der öffentlichen Gewalt obliegen. Dies gilt nicht, wenn die Nichtbesteuerung zu größeren Wettbewerbsverzerrungen führen würde.

Für Leistungen an andere juristische Personen des öffentlichen Rechts enthält § 2b Abs. 3 UStG besondere Regelbeispiele. Größere Wettbewerbsverzerrungen liegen insbesondere dann nicht vor, wenn die Zusammenarbeit durch gemeinsame spezifische öffentliche Interessen bestimmt wird. Regelmäßig ist dies der Fall, wenn die Leistungen auf langfristigen öffentlich-rechtlichen Vereinbarungen beruhen, dem Erhalt öffentlicher Infrastruktur oder einer allen Beteiligten obliegenden öffentlichen Aufgabe dienen, ausschließlich gegen Kostenerstattung erbracht werden und der Leistende gleichartige Leistungen im Wesentlichen an andere juristische Personen des öffentlichen Rechts erbringt.

Das FG wandte diesen Rechtsgedanken auch auf die Einrichtung ohne eigene Rechtspersönlichkeit an. Bei unionsrechtskonformer Auslegung könne sie als „sonstige Einrichtung des öffentlichen Rechts“ im Sinne von Art. 13 MwStSystRL eingeordnet werden.

Was gilt bei bereits ausgewiesener Umsatzsteuer?

Besonders praxisrelevant ist der Fall, dass die Körperschaft zunächst Umsatzsteuer in ihren Rechnungen ausgewiesen hat. Ein unberechtigter Steuerausweis kann nach § 14c Abs. 2 UStG dazu führen, dass der ausgewiesene Betrag geschuldet wird. Eine Berichtigung kommt aber in Betracht, wenn die Gefährdung des Steueraufkommens beseitigt ist. Das ist insbesondere der Fall, wenn der Rechnungsempfänger keinen Vorsteuerabzug vorgenommen hat oder die geltend gemachte Vorsteuer zurückgezahlt wurde.

Im Streitfall war unstreitig, dass die öffentlich-rechtliche Einrichtung aus den Rechnungen keine Vorsteuern geltend gemacht hatte. Gerade deshalb war die Klärung der Steuerbarkeit für das Berichtigungsverfahren nach § 14c Abs. 2 UStG vorgreiflich.

Praxis-Checkliste für Körperschaften des öffentlichen Rechts

  • Prüfen Sie, ob die Personalgestellung auf öffentlich-rechtlicher oder privatrechtlicher Grundlage erfolgt.
  • Dokumentieren Sie die öffentliche Aufgabe, der die Personalgestellung dient.
  • Halten Sie fest, warum ein privater Anbieter die konkrete Leistung nicht oder nicht vergleichbar erbringen könnte.
  • Prüfen Sie bei Leistungen ab 2017 die Anwendung von § 2b UStG und mögliche Übergangsregelungen nach § 27 Abs. 22 und Abs. 22a UStG.
  • Kontrollieren Sie bestehende Rechnungen: Wurde Umsatzsteuer ausgewiesen, obwohl möglicherweise kein steuerbarer Umsatz vorliegt?
  • Klären Sie vor einer Rechnungskorrektur nach § 14c Abs. 2 UStG, ob der Leistungsempfänger Vorsteuer geltend gemacht hat.
  • Markieren Sie den Vorgang als „zu prüfen“, solange der BFH im Revisionsverfahren V R 16/25 noch nicht entschieden hat.

Beispiel aus der Praxis

Eine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist Mitträgerin einer öffentlich-rechtlichen Kooperation ohne eigene Rechtspersönlichkeit. Der öffentlich-rechtliche Vertrag verpflichtet die Träger, Personal für die gemeinsame Aufgabenerfüllung bereitzustellen. Das Personal bleibt bei der Körperschaft angestellt, arbeitet aber dauerhaft für die Kooperation.

Nach der Argumentation des FG Baden-Württemberg kann eine solche Personalgestellung nicht steuerbar sein, wenn sie auf öffentlich-rechtlicher Grundlage erfolgt, einer gemeinsamen öffentlichen Aufgabe dient und private Anbieter keine vergleichbare Leistung erbringen könnten. Wegen der anhängigen Revision sollte die Einordnung aber nicht schematisch übernommen, sondern im Einzelfall geprüft werden.

FAQ zur nicht steuerbaren Personalgestellung

Ist jede Personalgestellung durch eine Körperschaft des öffentlichen Rechts umsatzsteuerfrei?

Nein. Es geht nicht um eine Steuerbefreiung, sondern um die vorgelagerte Frage, ob überhaupt ein steuerbarer Umsatz vorliegt. Entscheidend ist unter anderem, ob die Körperschaft als Unternehmerin handelt und ob Wettbewerb zu privaten Anbietern besteht.

Reicht eine Kostenerstattung aus, um Umsatzsteuer auszulösen?

Nicht zwingend. Eine Kostenerstattung kann Teil eines Leistungsaustauschs sein. Umsatzsteuer entsteht aber nur, wenn die weiteren Voraussetzungen erfüllt sind, insbesondere die Unternehmereigenschaft des Leistenden.

Was ist der Unterschied zwischen § 2 Abs. 3 UStG a. F. und § 2b UStG?

§ 2 Abs. 3 UStG a. F. knüpfte bei juristischen Personen des öffentlichen Rechts an Betriebe gewerblicher Art an. § 2b UStG stellt stärker auf Tätigkeiten im Rahmen öffentlicher Gewalt und mögliche größere Wettbewerbsverzerrungen ab. Die Übergangsregeln finden sich in § 27 Abs. 22 und Abs. 22a UStG.

Was passiert, wenn Umsatzsteuer bereits offen ausgewiesen wurde?

Dann ist § 14c UStG zu prüfen. Ein unberechtigt ausgewiesener Steuerbetrag kann geschuldet werden. Eine Berichtigung ist möglich, wenn die Gefährdung des Steueraufkommens beseitigt ist, etwa weil kein Vorsteuerabzug vorgenommen wurde.

Können Kommunen das FG-Urteil sofort auf alle Kooperationen übertragen?

Nein. Das Urteil betrifft eine konkrete Personalgestellung auf öffentlich-rechtlicher Grundlage ohne Wettbewerb zu privaten Unternehmen. Außerdem ist die Revision beim BFH anhängig. Kommunen und andere Körperschaften sollten vergleichbare Fälle dokumentieren und steuerlich prüfen lassen.

Fazit

Das Zwischenurteil des FG Baden-Württemberg ist ein wichtiges Signal für die öffentliche Hand. Eine Personalgestellung zwischen öffentlich-rechtlichen Einrichtungen kann trotz Kostenerstattung nicht steuerbar sein, wenn sie auf öffentlich-rechtlicher Grundlage erfolgt und private Wettbewerber keine vergleichbare Leistung erbringen können.

Für die Praxis bedeutet das: Bestehende Personalgestellungen sollten nicht pauschal als steuerpflichtig oder nicht steuerbar behandelt werden. Entscheidend ist die konkrete Struktur. Besonders wichtig sind öffentlich-rechtliche Vertragsgrundlage, Aufgabenbezug, Wettbewerbssituation und Rechnungsausweis.

Interne Verlinkungsvorschläge:

  • Umsatzsteuer bei juristischen Personen des öffentlichen Rechts nach § 2b UStG
  • Rechnungskorrektur bei unberechtigtem Steuerausweis nach § 14c UStG
  • Steuerliche Prüfung interkommunaler Zusammenarbeit

Disclaimer:
Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Quellenverzeichnis

  1. FG Baden-Württemberg, Zwischenurteil vom 26.03.2025, Az. 14 K 1953/20, zur Umsatzsteuerbarkeit der Personalgestellung einer Körperschaft des öffentlichen Rechts an eine öffentlich-rechtliche Einrichtung ohne Rechtspersönlichkeit; Revision anhängig beim BFH unter V R 16/25.
  2. § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG, steuerbare Umsätze.
  3. § 2b UStG, juristische Personen des öffentlichen Rechts; insbesondere Abs. 1 und Abs. 3 Nr. 2.
  4. § 14c Abs. 2 UStG, unberechtigter Steuerausweis und Berichtigung.
  5. § 27 Abs. 22 und Abs. 22a UStG, Übergangsregelungen zur Anwendung von § 2 Abs. 3 UStG a. F. und § 2b UStG.
  6. Art. 13 Abs. 1 Richtlinie 2006/112/EG, Einrichtungen des öffentlichen Rechts und Steuerpflichtigeneigenschaft.
  7. § 1 AÜG, Arbeitnehmerüberlassung und vorübergehende Überlassung; § 1 Abs. 3 Nr. 2b AÜG als Privilegierungstatbestand im öffentlichen Dienst.
  8. § 99 Abs. 2 FGO, Zwischenurteil über entscheidungserhebliche Sach- oder Rechtsfragen.

Tauschähnlicher Umsatz beim Amtsblatt: Umsatzsteuerfalle für Verlage und Gemeinden

FG BW: Verlage müssen Amtsblatt-Leistungen gegen Anzeigenrechte als tauschähnlichen Umsatz prüfen. Praxisfolgen für Verträge.

Rechtsstand: 25.08.2026
Zielgruppe: Verlage, Gemeinden, Kämmerer, Steuerabteilungen und Berater kommunaler Auftragnehmer

Worum geht es?

Ein tauschähnlicher Umsatz beim Amtsblatt kann vorliegen, wenn ein Verlag für eine Gemeinde Amtsblätter herstellt und verteilt, dafür aber kein klassisches Geldentgelt erhält. Stattdessen darf der Verlag Anzeigen in den Amtsblättern platzieren und die Anzeigenerlöse behalten.

Genau diese Konstellation hat das FG Baden-Württemberg mit Urteil vom 24.10.2025, Az. 1 K 1173/23, umsatzsteuerlich als steuerbaren tauschähnlichen Umsatz eingeordnet. Das Urteil ist nicht rechtskräftig; es wurde Nichtzulassungsbeschwerde beim BFH unter V B 109/25 eingelegt.

Was war der Sachverhalt?

Die Klägerin war eine Druck- und Verlagsgesellschaft. Sie schloss mit mehreren Gemeinden Verträge über die Herstellung, den Druck und die Verteilung von Amtsblättern. Die Gemeinden traten als Herausgeber auf und lieferten insbesondere amtliche Bekanntmachungen sowie Nachrichten von Kirchen, Vereinen und örtlichen Einrichtungen.

Ein gesondertes Geldentgelt für Druck und Verteilung zahlten die Gemeinden nicht. Die Gegenleistung bestand nach den Verträgen darin, dass die Klägerin Anzeigen in den Amtsblättern vermarkten und die daraus erzielten Erlöse behalten durfte. Für das Streitjahr 2017 behandelte das Finanzamt diese Gestaltung als umsatzsteuerlichen Leistungsaustausch. Die Klage blieb erfolglos.

Warum liegt ein tauschähnlicher Umsatz vor?

Umsatzsteuer entsteht nicht nur bei Zahlung mit Geld. Nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 UStG unterliegen Lieferungen und sonstige Leistungen, die ein Unternehmer im Inland gegen Entgelt im Rahmen seines Unternehmens ausführt, der Umsatzsteuer. Die Steuerbarkeit entfällt nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 Satz 2 UStG auch nicht dadurch, dass ein Umsatz aufgrund gesetzlicher oder behördlicher Anordnung ausgeführt wird.

Ein tauschähnlicher Umsatz liegt nach § 3 Abs. 12 UStG vor, wenn das Entgelt nicht in Geld, sondern in einer Lieferung oder sonstigen Leistung besteht.

Nach Auffassung des FG Baden-Württemberg standen sich hier zwei Leistungen gegenüber:

Leistung des Verlags: Herstellung und Verteilung der Amtsblätter als einheitliche Leistung gegenüber den Gemeinden.

Gegenleistung der Gemeinden: Einräumung des Rechts, Anzeigen in den Amtsblättern zu platzieren und die Erlöse daraus zu vereinnahmen.

Die innere Verknüpfung ergab sich aus den gegenseitigen Verträgen. Damit lag nach dem FG kein bloßes Nebeneinander von Amtsblattdruck und Anzeigenverkauf vor, sondern ein umsatzsteuerlich relevanter Leistungsaustausch.

Spielt der presserechtliche Anspruch eine Rolle?

Der Verlag argumentierte sinngemäß, dass er auf amtliche Bekanntmachungen ohnehin einen presserechtlichen Anspruch habe. Nach § 4 Abs. 4 des Landespressegesetzes Baden-Württemberg kann der Verleger einer Zeitung oder Zeitschrift verlangen, dass ihm amtliche Bekanntmachungen nicht später als seinen Mitbewerbern zugeleitet werden.

Das FG ließ diesen Einwand nicht durchgreifen. Entscheidend war nicht, ob ein Anspruch auf bestimmte Inhalte bestand. Maßgeblich war vielmehr, dass die konkreten Verträge Leistung und Gegenleistung wirtschaftlich miteinander verknüpften. Das Umsatzsteuerrecht knüpft an tatsächliche Leistungsvorgänge an; auf die Freiwilligkeit der Leistung kommt es bei § 1 Abs. 1 Nr. 1 Satz 2 UStG nicht entscheidend an.

Wie wird die Bemessungsgrundlage bestimmt?

Besonders praxisrelevant ist die Frage der Bemessungsgrundlage. Bei tauschähnlichen Umsätzen gilt nach § 10 Abs. 2 Satz 2 UStG der Wert jedes Umsatzes als Entgelt für den anderen Umsatz. Die Umsatzsteuer gehört nicht zum Entgelt.

Das FG hielt es für zulässig, die Bemessungsgrundlage auf Basis der Selbstkosten des Verlags zu schätzen. Herangezogen wurden die Kosten für Herstellung und Vertrieb der Amtsblätter. Dass die Klägerin den konkreten Betrag für das Streitjahr 2017 mangels Zugriff auf notwendige Buchhaltungsunterlagen nicht exakt ermitteln konnte, hinderte die Schätzung nicht. § 162 AO erlaubt eine Schätzung, soweit die Finanzbehörde Besteuerungsgrundlagen nicht ermitteln oder berechnen kann.

Welcher Umsatzsteuersatz gilt?

Das FG ging für die Leistung des Verlags gegenüber den Gemeinden vom ermäßigten Steuersatz aus. § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG sieht für Lieferungen der in Anlage 2 bezeichneten Gegenstände eine Ermäßigung auf 7 Prozent vor.

Nr. 49 der Anlage 2 zum UStG umfasst unter anderem Bücher, Zeitungen und andere Erzeugnisse des grafischen Gewerbes. Ausgenommen sind insbesondere Veröffentlichungen, die überwiegend Werbezwecken dienen. Nach den Feststellungen des FG enthielten die Amtsblätter nicht überwiegend Werbung; der wesentliche Inhalt der einheitlichen Leistung lag im Druck der Amtsblätter.

Praxisfolgen für Verlage und Gemeinden

Das Urteil ist für alle Gestaltungen relevant, bei denen ein Verlag kommunale Amts- oder Nachrichtenblätter herstellt und sich über Anzeigenrechte finanziert. Entscheidend ist nicht allein, ob Geld fließt. Umsatzsteuerlich kann bereits das eingeräumte Anzeigenplatzierungsrecht eine Gegenleistung sein.

Verlage sollten insbesondere prüfen, ob bestehende Amtsblattverträge folgende Elemente enthalten:

  • Recht zur Anzeigenplatzierung im Amtsblatt
  • Vereinnahmung der Anzeigenerlöse durch den Verlag
  • Verpflichtung zur Herstellung, zum Druck und zur Verteilung
  • keine oder nur geringe Geldzahlung der Gemeinde
  • vertragliche Verknüpfung zwischen Druckleistung und Anzeigenrecht

Je stärker diese Punkte vertraglich miteinander verbunden sind, desto höher ist das Risiko eines steuerbaren tauschähnlichen Umsatzes.

Steuer-Tipp

Verlage sollten ihre Amtsblattverträge nicht nur zivilrechtlich, sondern ausdrücklich umsatzsteuerlich analysieren lassen. Besonders wichtig ist eine belastbare Kalkulation der Selbstkosten, da diese im Streitfall als Schätzungsgrundlage für die Bemessungsgrundlage dienen können. Eine fehlende Dokumentation schützt nicht vor Besteuerung, sondern kann die Schätzung durch das Finanzamt erleichtern.

Achtung: Häufiger Fehler

Ein häufiger Fehler besteht darin, nur die Anzeigenumsätze gegenüber den Werbekunden als steuerlich relevant zu behandeln. Das Urteil zeigt: Zusätzlich kann eine eigene Leistung des Verlags gegenüber der Gemeinde vorliegen. Dann entsteht ein weiterer umsatzsteuerlicher Vorgang – nämlich der tauschähnliche Umsatz zwischen Verlag und Gemeinde.

Checkliste: Was sollten Betroffene jetzt prüfen?

  • Gibt es Verträge über Druck, Herstellung und Verteilung kommunaler Amtsblätter?
  • Erhält der Verlag statt Geld ein Anzeigenplatzierungsrecht?
  • Darf der Verlag die Anzeigenerlöse vollständig behalten?
  • Sind Amtsblattdruck und Anzeigenrecht vertraglich miteinander verknüpft?
  • Wurden diese Vorgänge in der Umsatzsteuer bisher erfasst?
  • Gibt es eine nachvollziehbare Selbstkostenkalkulation je Amtsblatt?
  • Wurde der ermäßigte Steuersatz nur angewendet, wenn das Amtsblatt nicht überwiegend Werbung enthält?
  • Sind Altfälle wegen Festsetzungsverjährung, Außenprüfung oder Einspruchsverfahren noch offen?

Fazit

Das Urteil des FG Baden-Württemberg macht deutlich: Bei kommunalen Amtsblattverträgen kann Umsatzsteuer auch dann entstehen, wenn keine klassische Geldzahlung der Gemeinde erfolgt. Das Anzeigenplatzierungsrecht kann die umsatzsteuerliche Gegenleistung sein.

Für Verlage und Gemeinden bedeutet das: Verträge, Kalkulationen und Umsatzsteuererklärungen sollten sorgfältig überprüft werden. Wegen der anhängigen Nichtzulassungsbeschwerde beim BFH unter V B 109/25 bleibt die endgültige Klärung abzuwarten. Bis dahin sollten vergleichbare Fälle nicht ungeprüft fortgeführt werden.

FAQ

Ist ein Anzeigenplatzierungsrecht wirklich ein Entgelt?

Ja, nach der Entscheidung des FG Baden-Württemberg kann das vertraglich eingeräumte Recht, Anzeigen zu platzieren und Erlöse zu vereinnahmen, eine umsatzsteuerliche Gegenleistung sein.

Muss immer Umsatzsteuer entstehen, wenn ein Verlag ein Amtsblatt druckt?

Nicht automatisch. Entscheidend sind die konkrete Vertragsgestaltung und die wirtschaftliche Verknüpfung von Leistung und Gegenleistung. Das Risiko steigt, wenn Druck und Verteilung gerade gegen das Anzeigenrecht übernommen werden.

Welche Bemessungsgrundlage gilt bei einem tauschähnlichen Umsatz?

Nach § 10 Abs. 2 Satz 2 UStG gilt der Wert jedes Umsatzes als Entgelt für den anderen Umsatz. Ist der Wert nicht exakt ermittelbar, kann eine Schätzung nach § 162 AO in Betracht kommen.

Gilt der ermäßigte Umsatzsteuersatz von 7 Prozent?

Nach dem FG ja, wenn der wesentliche Leistungsinhalt im Druck des Amtsblatts liegt und das Amtsblatt nicht überwiegend Werbung enthält. Die gesetzliche Grundlage ist § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG in Verbindung mit Nr. 49 der Anlage 2 zum UStG.

Ist das Urteil schon rechtskräftig?

Nein. Gegen das Urteil wurde Nichtzulassungsbeschwerde beim BFH eingelegt. Das Verfahren wird unter dem Aktenzeichen V B 109/25 geführt.

Interne Verlinkungsvorschläge

  • Umsatzsteuer bei Tausch und tauschähnlichen Umsätzen
  • Umsatzsteuerprüfung: typische Risiken in Verlagsunternehmen
  • Ermäßigter Umsatzsteuersatz für Druckerzeugnisse

Disclaimer

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Quellenverzeichnis

  1. FG Baden-Württemberg, Urteil vom 24.10.2025, Az. 1 K 1173/23, ECLI:DE:FGBW:2025:1024.1K1173.23.00; nicht rechtskräftig, BFH-Az. V B 109/25.
  2. § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG, steuerbare Umsätze und Steuerbarkeit bei gesetzlicher oder behördlicher Anordnung.
  3. § 3 Abs. 12 UStG, Tausch und tauschähnlicher Umsatz.
  4. § 10 Abs. 2 Satz 2 UStG, Bemessungsgrundlage bei Tausch und tauschähnlichen Umsätzen.
  5. § 12 Abs. 2 Nr. 1 UStG und Nr. 49 der Anlage 2 zum UStG, ermäßigter Steuersatz für bestimmte Druckerzeugnisse.
  6. § 162 AO, Schätzung von Besteuerungsgrundlagen.
  7. § 4 Abs. 4 Landespressegesetz Baden-Württemberg, Zuleitung amtlicher Bekanntmachungen.
  8. BFH, Urteil vom 11.07.2012, Az. XI R 11/11, zur umsatzsteuerlichen Behandlung eines Anzeigenplatzierungsrechts bei Kammerzeitschriften.

Billigkeitserlass bei Aktienverlusten: Wenn die Steuer das Existenzminimum trifft

FG Baden-Württemberg: Wann Aktienverluste und Optionsprämien eine abweichende Steuerfestsetzung rechtfertigen können.

Rechtsstand: 25.08.2026
Hinweis: Das Urteil des FG Baden-Württemberg vom 17.07.2025, Az. 2 K 827/23, ist nicht rechtskräftig; beim BFH ist das Verfahren unter IX R 27/25 anhängig.

Worum geht es beim Billigkeitserlass bei Aktienverlusten?

Der Billigkeitserlass bei Aktienverlusten kann in Ausnahmefällen eine wichtige Rolle spielen, wenn steuerlich Gewinne erfasst werden, wirtschaftlich aber keine entsprechende Leistungsfähigkeit vorhanden ist. Genau darum ging es in einem aktuellen Fall vor dem FG Baden-Württemberg: Steuerpflichtige erzielten positive Einkünfte aus Stillhalterprämien, erlitten aber zugleich erhebliche Verluste aus Aktiengeschäften, die steuerlich nicht mit diesen Prämien verrechnet werden konnten.

Das Finanzgericht entschied: Eine abweichende Steuerfestsetzung aus sachlichen Billigkeitsgründen kann geboten sein, wenn ohne Korrektur das subjektive Nettoprinzip verletzt würde. Gemeint ist vereinfacht: Dem Steuerpflichtigen muss jedes Jahr genug verbleiben, um sein steuerlich geschütztes Existenzminimum und das seiner Familie zu sichern.

Was war passiert?

Die Kläger, ein Ehepaar, tätigten in den Jahren 2006 und 2007 Optionsgeschäfte, vor allem sogenannte Stillhaltergeschäfte mit Aktien. Sie vereinnahmten Optionsprämien. Wurden die Optionen ausgeübt, mussten Aktien zur Erfüllung der Verpflichtungen erworben und weitergegeben werden. Daraus entstanden erhebliche Verluste aus Aktiengeschäften.

Steuerlich wurden die Stillhalterprämien als Einkünfte aus Leistungen nach § 22 Nr. 3 EStG a. F. behandelt. Die Aktienverluste wurden dagegen als Verluste aus privaten Veräußerungsgeschäften nach § 23 EStG a. F. eingeordnet. Wegen der damaligen Verlustausgleichsbeschränkung konnten diese Verluste nicht mit den positiven Einkünften aus den Stillhalterprämien verrechnet werden.

Im Jahr 2006 entstand ein Verlust aus privaten Veräußerungsgeschäften von 300.172 Euro; im Jahr 2007 wuchs der Verlust auf insgesamt 847.065 Euro an. Die Kläger beantragten deshalb eine abweichende Steuerfestsetzung aus Billigkeitsgründen. Das Finanzamt lehnte ab.

Was bedeutet „abweichende Steuerfestsetzung aus Billigkeitsgründen“?

Die rechtliche Grundlage ist § 163 Abs. 1 AO. Danach können Steuern niedriger festgesetzt werden oder steuererhöhende Besteuerungsgrundlagen unberücksichtigt bleiben, wenn die Steuererhebung im konkreten Einzelfall unbillig wäre.

Wichtig ist: Eine Billigkeitsmaßnahme ist kein allgemeiner Weg, um unliebsame gesetzliche Verlustbeschränkungen zu umgehen. Nach der BFH-Rechtsprechung setzt sachliche Unbilligkeit voraus, dass die Steuerfestsetzung zwar formal dem Gesetz entspricht, aber im konkreten Ausnahmefall den Wertungen des Gesetzgebers so widerspricht, dass die Erhebung unbillig erscheint.

Warum half das objektive Nettoprinzip hier nicht?

Das FG Baden-Württemberg stellte klar: Allein der Umstand, dass die Aktienverluste nicht mit den Stillhalterprämien verrechnet werden konnten, genügte nicht für eine Korrektur aus Billigkeitsgründen. Der damalige Gesetzgeber hatte den besonderen Verlustverrechnungskreis bei privaten Veräußerungsgeschäften bewusst geschaffen. Eine Billigkeitsentscheidung darf diesen gesetzlichen Zweck nicht pauschal aushebeln.

Die frühere Fassung des § 23 EStG sah vor, dass Verluste aus privaten Veräußerungsgeschäften nur bis zur Höhe entsprechender Gewinne im selben Kalenderjahr ausgeglichen werden durften und nicht nach § 10d EStG allgemein abzugsfähig waren.

Warum entschied das Gericht trotzdem zugunsten der Kläger?

Der entscheidende Punkt war nicht das objektive Nettoprinzip, sondern das subjektive Nettoprinzip. Dieses schützt das Existenzminimum des Steuerpflichtigen und seiner Familie. Nach Auffassung des FG Baden-Württemberg muss diese Prüfung jährlich erfolgen. Eine Gesamtbetrachtung über mehrere Jahre genügt nicht.

Das Gericht kam zu dem Ergebnis, dass die Steuerbelastung im konkreten Fall so zu begrenzen sei, dass das Existenzminimum gewahrt bleibt. Die Gesamtbelastung aus Einkommensteuer, Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer durfte danach für 2006 293.865 Euro und für 2007 474.748 Euro nicht übersteigen.

Was bedeutet „Ermessensreduktion auf Null“?

Normalerweise hat das Finanzamt bei § 163 AO Ermessen. Es muss also prüfen, ob und wie eine abweichende Festsetzung gewährt wird. Im Streitfall sah das FG dieses Ermessen aber dem Grunde nach als auf Null reduziert an: Ohne Billigkeitsmaßnahme würde das subjektive Nettoprinzip verletzt. Damit blieb nach Ansicht des Gerichts nur eine Korrektur als rechtmäßige Entscheidung übrig.

Allerdings war die Sache noch nicht vollständig spruchreif. Das Finanzamt musste noch entscheiden, welche der in § 163 AO vorgesehenen Maßnahmen konkret angewendet wird. Das passt zu § 101 FGO: Ist eine Sache nicht spruchreif, spricht das Gericht die Verpflichtung aus, den Steuerpflichtigen unter Beachtung der Rechtsauffassung des Gerichts neu zu bescheiden.

Steuer-Tipp: Billigkeitsantrag sorgfältig begründen

Ein Antrag nach § 163 AO sollte nicht nur auf hohe Verluste verweisen. Entscheidend ist die Einzelfallwirkung: Führt die Steuerfestsetzung trotz fehlender wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zu einer Belastung, die das Existenzminimum berührt? Dann sollten Sie die jährliche Liquiditätslage, die Steuerbelastung, die Verlustentstehung und die fehlende tatsächliche Verrechnungsmöglichkeit sauber dokumentieren.

Achtung: Kein Freibrief für Kapitalanleger

Das Urteil bedeutet nicht, dass Aktienverluste oder Verluste aus Optionsgeschäften automatisch zu einem Billigkeitserlass führen. Das FG hat ausdrücklich betont, dass die gesetzliche Verlustverrechnungsbeschränkung grundsätzlich zu beachten ist. Eine Korrektur kommt nur in besonderen Ausnahmefällen in Betracht, vor allem wenn die Steuer ohne entsprechenden Zuwachs an Leistungsfähigkeit erhoben würde.

Was sollten betroffene Steuerpflichtige jetzt prüfen?

  • Wurden Gewinne und Verluste steuerlich unterschiedlichen Einkunftsarten oder Verlustverrechnungskreisen zugeordnet?
  • Führt die Steuerfestsetzung zu einer Belastung ohne entsprechenden wirtschaftlichen Zuwachs?
  • Ist das steuerliche Existenzminimum im jeweiligen Jahr betroffen?
  • Gibt es Nachweise zur Liquidität, zu Vorsorgeaufwendungen, Kirchensteuer und tatsächlicher Steuerbelastung?
  • Wurde bereits ein Antrag nach § 163 AO gestellt?
  • Ist der Bescheid noch änderbar oder kommt ein eigenständiger Billigkeitsantrag in Betracht?
  • Sollte mit Blick auf das anhängige BFH-Verfahren IX R 27/25 Einspruch eingelegt oder Ruhen des Verfahrens beantragt werden?

Fazit: Spannendes Urteil, aber noch keine endgültige Klärung

Das Urteil des FG Baden-Württemberg ist für Fälle mit hohen Verlusten aus Kapital- oder Optionsgeschäften besonders interessant. Es zeigt: Selbst wenn eine Verlustverrechnungsbeschränkung grundsätzlich verfassungsgemäß und gesetzlich gewollt ist, kann im Einzelfall eine abweichende Steuerfestsetzung aus sachlichen Billigkeitsgründen erforderlich sein.

Für die Praxis ist jedoch Zurückhaltung geboten. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, und der BFH wird im Verfahren IX R 27/25 Gelegenheit haben, die Grenzen des Billigkeitserlasses bei verletztem subjektivem Nettoprinzip weiter zu klären. Bis dahin sollten betroffene Steuerpflichtige ihre Fälle sorgfältig prüfen und belastbar dokumentieren.

FAQ

Kann ich Aktienverluste immer mit Optionsprämien verrechnen?

Nein. Entscheidend ist die steuerliche Einordnung der jeweiligen Einkünfte und Verluste. Im Streitfall war eine Verrechnung nach der damaligen Rechtslage gerade nicht möglich.

Was ist das subjektive Nettoprinzip?

Das subjektive Nettoprinzip verlangt, dass dem Steuerpflichtigen ausreichend Mittel zur Sicherung seines notwendigen Lebensunterhalts und des Familienexistenzminimums verbleiben. Das FG Baden-Württemberg betonte hierfür eine jährliche Betrachtung.

Reicht eine hohe Steuerbelastung für einen Billigkeitserlass?

Nein. Eine hohe Steuer allein genügt nicht. Es muss im konkreten Einzelfall eine sachliche Unbilligkeit vorliegen, etwa weil die Steuer ohne entsprechende wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erhoben wird.

Was regelt § 163 AO?

§ 163 AO ermöglicht eine niedrigere Steuerfestsetzung oder eine abweichende Behandlung einzelner Besteuerungsgrundlagen, wenn die Steuererhebung nach Lage des einzelnen Falls unbillig wäre.

Ist das Urteil schon endgültig?

Nein. Das Urteil des FG Baden-Württemberg vom 17.07.2025, Az. 2 K 827/23, ist nicht rechtskräftig. Beim BFH ist das Verfahren unter IX R 27/25 anhängig.

Disclaimer

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Quellenverzeichnis

  1. FG Baden-Württemberg, Urteil vom 17.07.2025, Az. 2 K 827/23; Mitteilung vom 24.08.2026; nicht rechtskräftig, BFH-Az. IX R 27/25.
  2. BFH-Verfahrenshinweis zu IX R 27/25, anhängig.
  3. § 163 Abs. 1 AO, Abweichende Festsetzung von Steuern aus Billigkeitsgründen.
  4. § 102 FGO und § 101 FGO, gerichtliche Kontrolle von Ermessensentscheidungen und Bescheidungsurteil.
  5. § 23 EStG, aktuelle Fassung; historische Verlustverrechnungslogik zusätzlich aus § 23 EStG a. F. anhand der veröffentlichten historischen Fassung geprüft. 6. BVerfG, Beschluss vom 30.09.1998, Az. 2 BvR 1818/91, zur Verlustverrechnung bei § 22 Nr. 3 EStG a. F.

Steuertipps 2026: Ausgaben bündeln und mehr absetzen

Dieser Beitrag richtet sich an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Familien und Mandanten, die ihre private Steuererklärung vorbereiten und rechtssicher prüfen möchten, welche Ausgaben sie noch im laufenden Kalenderjahr bündeln oder dokumentieren sollten.

Hinweis: Steuertipps wirken am besten, wenn sie nicht als lose Sammlung von „Tricks“ verstanden werden, sondern als saubere steuerliche Gestaltung mit Belegen, Zahlungsterminen und nachvollziehbaren Aufteilungen. Besonders viel Potenzial steckt in außergewöhnlichen Belastungen, Kinderbetreuungskosten, Arbeitsmitteln und Krankheitsfahrten.

Warum kann das Bündeln von außergewöhnlichen Belastungen steuerlich helfen?

Außergewöhnliche Belastungen nach § 33 EStG mindern die Steuer nur, soweit sie die persönliche zumutbare Belastung übersteigen. Typische Beispiele sind selbst getragene Krankheitskosten wie Zahnersatz, Brillen, bestimmte Heil- und Hilfsmittel oder eine medizinisch notwendige Kur.

Entscheidend ist: Es zählt grundsätzlich das Kalenderjahr, in dem die Ausgabe bezahlt wurde.

Steuer-Tipp:
Wenn eine größere Zahnbehandlung im Herbst bezahlt wird, kann es sinnvoll sein, weitere medizinisch notwendige Ausgaben – etwa eine neue Brille – noch im selben Jahr zu bezahlen. So steigt die Chance, die zumutbare Belastung zu überschreiten. Nicht die Rechnung allein, sondern die tatsächliche Zahlung ist regelmäßig der entscheidende Zeitpunkt.

Die zumutbare Belastung wird stufenweise berechnet

Wichtig für die Praxis: Die Finanzverwaltung darf nicht einfach den höchsten Prozentsatz auf den gesamten Gesamtbetrag der Einkünfte anwenden. Der Bundesfinanzhof hat entschieden, dass die Prozentsätze stufenweise auf die jeweiligen Einkommensabschnitte anzuwenden sind.

Die gesetzliche Spanne liegt – je nach Einkommen, Familienstand und Kinderzahl – zwischen 1 % und 7 %.

Achtung / Häufiger Fehler:
Planen Sie nicht mit „1 bis 7 Prozent vom gesamten Einkommen“ als grober Faustformel. Die Stufenberechnung kann zu einer niedrigeren zumutbaren Belastung führen – und damit zu einem höheren abziehbaren Betrag.

Wie funktioniert der Großeltern-Steuertipp bei Kinderbetreuungskosten?

Kinderbetreuungskosten sind als Sonderausgaben abziehbar, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Seit dem Veranlagungszeitraum 2025 sind 80 % der Aufwendungen, höchstens 4.800 Euro je Kind, begünstigt.

Das gilt für Kinder, die zum Haushalt gehören und das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Bei bestimmten Behinderungsfällen gelten Sonderregeln.

Passen Oma oder Opa unentgeltlich auf die Enkel auf, können Eltern ihnen die tatsächlich vereinbarten und belegten Fahrtkosten ersetzen. Diese Erstattungen können als Kinderbetreuungskosten berücksichtigt werden, wenn sie im Vertrag oder in einer Rechnung einzeln aufgeführt sind und die Zahlung unbar auf das Konto der Betreuungsperson erfolgt.

Steuer-Tipp:
Halten Sie schriftlich fest, wer welches Kind wann betreut, welche Fahrtkosten erstattet werden, wie abgerechnet wird und auf welches Konto gezahlt wird. Nutzen Sie keine Barzahlung. Bei Angehörigen sollte die Vereinbarung so klar sein, wie sie auch mit einer fremden Betreuungsperson abgeschlossen würde.

Achtung / Häufiger Fehler:
Nicht begünstigt sind Aufwendungen für Unterricht, Nachhilfe, Musikunterricht, Sport oder Freizeitaktivitäten. Auch Fahrten des Kindes zur Betreuungsperson sind von den erstattungsfähigen Fahrtkosten der Betreuungsperson zu unterscheiden.

Darf man gemischt veranlasste Kosten wirklich aufteilen?

Ja, aber nicht ohne Belege. Gemischt beruflich und privat veranlasste Kosten können anteilig Werbungskosten sein, wenn der berufliche Anteil nach objektiven Merkmalen nachvollziehbar getrennt oder sachgerecht geschätzt werden kann.

Berufskleidung in der privaten Waschmaschine

Typische Berufskleidung kann Werbungskosten auslösen. Zur Reinigung gehören nicht nur Wasser, Strom und Waschmittel, sondern auch anteilige Abnutzung sowie Wartung der Waschmaschine.

Entscheidend ist, dass es sich um typische Berufskleidung handelt. Normale Alltagskleidung genügt nicht.

PC, Smartphone und Arbeitsmittel

Ein privat angeschaffter PC kann Arbeitsmittel sein. Bei gemischter Nutzung sind die Kosten aufzuteilen.

Eine 50-Prozent-Schätzung kann nur funktionieren, wenn sie plausibel ist und der berufliche Nutzungsanteil nicht bloß behauptet wird.

Telefon und Internet

Für Telekommunikationskosten gibt es eine Vereinfachung: Ohne Einzelnachweis können bei erfahrungsgemäß beruflicher Nutzung bis zu 20 % des Rechnungsbetrags, höchstens 20 Euro monatlich, als Werbungskosten anerkannt werden.

Höhere Beträge sollten für drei repräsentative Monate einzeln nachgewiesen werden.

Wie rechne ich Krankheitsfahrten richtig ab?

Krankheitskosten müssen dem Grunde nach zwangsläufig sein. Für Arznei-, Heil- und Hilfsmittel ist regelmäßig eine ärztliche oder heilpraktische Verordnung nötig. Bei Kuren, bestimmten Hilfsmitteln und wissenschaftlich nicht anerkannten Methoden gelten strengere Nachweise, die vor Beginn der Maßnahme vorliegen müssen.

Fahrten zu Ärzten, Therapien oder medizinisch notwendigen Behandlungen sollten Sie mit Datum, Ziel, Anlass, Strecke, Beleg und Erstattungen dokumentieren.

Der pauschale Ansatz von 0,30 Euro je Kilometer ist bei Krankheitsfahrten jedoch nicht in jedem Fall automatisch gesichert. Nach den Einkommensteuer-Hinweisen sind unumgängliche Fahrtkosten bei Nutzung eines Pkw grundsätzlich nur in Höhe der Kosten öffentlicher Verkehrsmittel abziehbar, wenn eine zumutbare öffentliche Verkehrsverbindung bestand.

Ein Pkw-Ansatz sollte deshalb im Einzelfall geprüft und sauber begründet werden.

Achtung / Häufiger Fehler:
Sammeln Sie nicht nur Apothekenquittungen. Für außergewöhnliche Belastungen zählen auch Nebenaufwendungen nur, wenn sie zwangsläufig, belegt und nicht bereits von Krankenkasse, Beihilfe oder Versicherung erstattet wurden.

Interaktiver Schnellcheck: Überschreiten Sie die zumutbare Belastung?

Auf meiner eine Kanzlei-Website biete ich einen Rechner an. Nutzerinnen und Nutzer geben ein:

  • Gesamtbetrag der Einkünfte
  • Familienstand und Kinderzahl
  • selbst getragene Krankheitskosten
  • geschätzter persönlicher Grenzsteuersatz

Der Rechner kann dann überschlägig anzeigen:

  • geschätzte zumutbare Belastung
  • voraussichtlich abziehbarer Betrag
  • grobe Steuerwirkung

Wichtig: Ein solcher Rechner ersetzt keine individuelle Steuerberechnung. Er berücksichtigt keine Erstattungen, Sonderfälle, Progressionseffekte oder besondere Nachweisanforderungen.

Checkliste: Diese Belege sollten Sie sammeln

  • Rechnungen, Zahlungsnachweise und Erstattungsmitteilungen zu außergewöhnlichen Belastungen
  • ärztliche Verordnungen für Brille, Zahnersatz, Heil- und Hilfsmittel
  • amtsärztliches Gutachten oder Bescheinigung des Medizinischen Dienstes bei Kuren und besonderen Heilmaßnahmen
  • Betreuungsvereinbarung, Fahrtkostenabrechnung, Rechnung und Überweisungsbeleg bei Großeltern-Betreuung
  • Kaufbelege und Nutzungsnachweise für Arbeitsmittel
  • Telefon- und Internetrechnungen
  • repräsentativer Drei-Monats-Nachweis bei höherem beruflichem Telekommunikationsanteil
  • Fahrtenliste für Krankheitsfahrten mit Datum, Ziel, medizinischem Anlass, Strecke und Verkehrsmittel

FAQ: Häufige Fragen zu Steuertipps rund um Belege und Ausgaben

Was bedeutet zumutbare Belastung bei außergewöhnlichen Belastungen?

Die zumutbare Belastung ist Ihr steuerlicher Eigenanteil. Nur der Betrag, der darüber liegt, kann nach § 33 EStG das Einkommen mindern. Die Höhe hängt von Gesamtbetrag der Einkünfte, Familienstand und Kinderzahl ab.

Kann ich Zahnarzt, Brille und Kurkosten bewusst in ein Jahr legen?

Ja, soweit die Aufwendungen medizinisch notwendig, selbst getragen und im selben Kalenderjahr bezahlt wurden. Das Bündeln kann helfen, die zumutbare Belastung zu überschreiten.

Was müssen Eltern bei Fahrtkosten an Großeltern beachten?

Es braucht eine klare Vereinbarung oder Rechnung, eine nachvollziehbare Fahrtkostenabrechnung und eine Zahlung auf das Konto der Betreuungsperson. Barzahlungen sind für den Sonderausgabenabzug schädlich.

Kann ich mein Smartphone einfach zu 50 Prozent absetzen?

Nicht automatisch. Ein beruflicher Anteil muss plausibel und nachvollziehbar sein. Für Telefon und Internet ist ohne Einzelnachweis nur die Vereinfachung von 20 %, maximal 20 Euro monatlich, belastbar.

Sind Waschkosten für Arbeitskleidung abziehbar?

Ja, wenn es sich um typische Berufskleidung handelt. Dann können auch Kosten für Wasser, Energie, Waschmittel sowie anteilige Maschinenabnutzung berücksichtigt werden.

Sind Arztfahrten immer mit 0,30 Euro pro Kilometer abziehbar?

Nicht immer. Dokumentieren Sie die Fahrten sorgfältig und prüfen Sie, ob ein Pkw-Ansatz im konkreten Fall begründbar ist. Bei zumutbarer öffentlicher Verbindung können nur die Kosten öffentlicher Verkehrsmittel maßgeblich sein.

Fazit: Steuerersparnis entsteht durch Planung und Nachweise

Viele private Ausgaben lassen sich steuerlich nur dann nutzen, wenn sie richtig geplant, bezahlt und dokumentiert werden. Besonders bei außergewöhnlichen Belastungen kann das Bündeln von Ausgaben im richtigen Kalenderjahr den Unterschied machen.

Bei Kinderbetreuungskosten, Arbeitsmitteln und Krankheitsfahrten entscheidet vor allem die Nachweisqualität. Wer Vereinbarungen, Rechnungen, Überweisungen und Fahrtenlisten sauber führt, hat deutlich bessere Chancen, dass das Finanzamt die Kosten anerkennt.

Passende interne Verlinkungen

Quellenverzeichnis

  1. § 33 EStG – Außergewöhnliche Belastungen, Tabelle zur zumutbaren Belastung; Rechtsstand geprüft am 25.08.2026.
  2. BFH, Urteil vom 19.01.2017 – VI R 75/14, BFHE 256, 339, BStBl II 2017, 684: stufenweise Berechnung der zumutbaren Belastung nach § 33 Abs. 3 EStG.
  3. § 11 Abs. 2 EStG – Abflussprinzip: Ausgaben sind grundsätzlich im Kalenderjahr der Leistung abzusetzen; Rechtsstand geprüft am 25.08.2026.
  4. § 10 Abs. 1 Nr. 5 EStG – Kinderbetreuungskosten: 80 % der Aufwendungen, höchstens 4.800 Euro je Kind, Rechnung und Zahlung auf das Konto des Leistungserbringers; Rechtsstand geprüft am 25.08.2026.
  5. BMF, Einkommensteuer-Hinweise 2025, Anhang 19a – Kinderbetreuungskosten: Fahrtkostenerstattungen an Betreuungspersonen bei Rechnung/Vertrag berücksichtigungsfähig; geprüft am 25.08.2026.
  6. § 9 EStG – Werbungskosten, Arbeitsmittel und Fahrtkostenregelungen; Rechtsstand geprüft am 25.08.2026.
  7. LStH 2026 zu § 9 EStG – Telekommunikationsaufwendungen: 20 %, höchstens 20 Euro monatlich, bei Einzelnachweis repräsentativer Zeitraum von drei Monaten; geprüft am 25.08.2026.
  8. LStH 2026, Hinweise zu § 9 EStG – gemischt genutzter PC als Arbeitsmittel, Aufteilung bei privater Mitbenutzung; geprüft am 25.08.2026.
  9. LStH 2025/2026 zu § 9 EStG – Reinigung typischer Berufskleidung in privater Waschmaschine; BFH, Urteil vom 29.06.1993 – VI R 53/92, BStBl II 1993, 838.
  10. § 64 EStDV – Nachweis von Krankheitskosten und Voraussetzungen für bestimmte Heilmaßnahmen; Rechtsstand geprüft am 25.08.2026.
  11. BMF, Einkommensteuer-Hinweise 2025 zu § 33 EStG – Fahrtkosten, Kur und Krankheitskosten; geprüft am 25.08.2026.

Disclaimer:
Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Steuererklärung für Arbeitnehmer, Studierende und Berufseinsteiger: So holen Sie sich Geld vom Finanzamt zurück

Steuererklärung ohne Angst: Werbungskosten, Homeoffice, Pendlerpauschale, Handwerkerkosten, Verlustvortrag und Sparer-Pauschbetrag einfach erklärt.
Rechtsstand: 23.08.2026

Die Steuererklärung für Arbeitnehmer, Studierende und Berufseinsteiger wirkt auf den ersten Blick kompliziert. ELSTER, Anlagen, Pauschbeträge, Werbungskosten, Sonderausgaben – viele Begriffe klingen nach Amtsdeutsch. Die gute Nachricht: Sie müssen kein Steuerprofi sein, um Ihre Steuererklärung sinnvoll zu nutzen.

Gerade Arbeitnehmer, Studierende im Master oder Berufseinsteiger lassen jedes Jahr Geld liegen. Oft geht es nicht um aggressive Steuergestaltung, sondern um ganz normale Alltagskosten: Laptop, Arbeitsweg, Homeoffice, Nebenkostenabrechnung, Versicherungen oder Studienkosten.

Dieser Beitrag übersetzt die wichtigsten Steuerstrategien in Alltagssprache – damit Sie verstehen, was Sie absetzen können, welche Belege wichtig sind und wo sich die Steuererklärung besonders lohnt.


Warum lohnt sich die Steuererklärung überhaupt?

Viele Arbeitnehmer denken: „Mein Arbeitgeber führt die Lohnsteuer doch schon ab – da ist nichts mehr zu holen.“ Das stimmt häufig nicht. Die Lohnsteuer ist nur eine Vorauszahlung. Erst mit der Steuererklärung wird geprüft, ob im Laufe des Jahres zu viel Steuer einbehalten wurde.

Besonders häufig lohnt sich die Abgabe, wenn Sie:

  • einen längeren Arbeitsweg haben,
  • regelmäßig im Homeoffice arbeiten,
  • Arbeitsmittel selbst bezahlt haben,
  • eine berufliche Fortbildung gemacht haben,
  • umgezogen sind,
  • Handwerker- oder Nebenkosten gezahlt haben,
  • Versicherungen oder Krankheitskosten hatten,
  • im Studium Verluste aufgebaut haben,
  • Kapitalerträge hatten und keinen passenden Freistellungsauftrag eingerichtet haben.

Steuer-Tipp:
Die Steuererklärung ist keine Prüfung, vor der man Angst haben muss. Sie ist oft eher ein Antrag auf Rückzahlung zu viel gezahlter Steuer.


1. Was sind Werbungskosten – und warum sind sie so wichtig?

Werbungskosten sind beruflich veranlasste Kosten. Also Ausgaben, die entstehen, weil Sie arbeiten, zur Arbeit fahren, im Homeoffice tätig sind oder sich beruflich fortbilden.

Arbeitnehmer erhalten automatisch einen Arbeitnehmer-Pauschbetrag von 1.230 Euro pro Jahr. Das Finanzamt berücksichtigt diesen Betrag auch dann, wenn Sie keine einzelnen Kosten nachweisen. Erst wenn Ihre tatsächlichen Werbungskosten über 1.230 Euro liegen, wirkt sich das steuerlich zusätzlich aus.

Das Ziel lautet daher nicht: „Jeden Kugelschreiber eintragen.“
Das Ziel lautet: Prüfen, ob Sie über den Pauschbetrag kommen.

Typische Werbungskosten für Arbeitnehmer

Absetzbar können zum Beispiel sein:

  • Arbeitsmittel wie Laptop, Monitor, Bürostuhl, Schreibtisch, Tastatur oder Headset,
  • Fachliteratur und berufliche Software,
  • Bewerbungskosten,
  • Fortbildungskosten,
  • Fahrtkosten zur ersten Tätigkeitsstätte,
  • Homeoffice-Tage,
  • Gewerkschaftsbeiträge oder Beiträge zu Berufsverbänden,
  • beruflich veranlasste Reisekosten.

Arbeitsmittel sind im Gesetz ausdrücklich als Werbungskosten genannt. Auch Abschreibungen können relevant sein; für bestimmte geringwertige Wirtschaftsgüter verweist § 9 EStG auf die GWG-Regeln des § 6 EStG.


2. Arbeitsmittel: Laptop, Bürostuhl und Co. richtig absetzen

Viele Berufseinsteiger kaufen sich Arbeitsmittel privat: einen Laptop für das hybride Arbeiten, einen Monitor fürs Homeoffice oder einen Schreibtischstuhl. Wenn diese Gegenstände beruflich genutzt werden, können die Kosten steuerlich relevant sein.

Besonders praktisch ist die GWG-Regelung: Selbständig nutzbare bewegliche Wirtschaftsgüter können sofort abgezogen werden, wenn die Anschaffungs- oder Herstellungskosten 800 Euro netto nicht übersteigen. Bei 19 % Umsatzsteuer entspricht das regelmäßig 952 Euro brutto.

Beispiel

Sie kaufen einen Bürostuhl für 450 Euro und nutzen ihn überwiegend beruflich im Homeoffice. Dann können die Kosten grundsätzlich als Arbeitsmittel angesetzt werden.

Kaufen Sie einen Laptop für 1.400 Euro, ist zu prüfen, ob die Kosten sofort oder über die Nutzungsdauer verteilt berücksichtigt werden. In der Praxis kommt es hier auf das konkrete Wirtschaftsgut, die berufliche Nutzung und die aktuellen Verwaltungsgrundsätze an.

Achtung / Häufiger Fehler:
Private Mitbenutzung nicht ignorieren. Wird ein Laptop sowohl beruflich als auch privat genutzt, sollte der berufliche Nutzungsanteil realistisch geschätzt und dokumentiert werden.


3. Homeoffice-Pauschale: Auch ohne eigenes Arbeitszimmer absetzen

Viele Arbeitnehmer arbeiten teilweise von zu Hause, haben aber kein steuerlich anerkanntes häusliches Arbeitszimmer. Genau dafür ist die Tagespauschale wichtig.

Für jeden Kalendertag, an dem die berufliche Tätigkeit überwiegend in der häuslichen Wohnung ausgeübt und keine erste Tätigkeitsstätte aufgesucht wird, können 6 Euro angesetzt werden. Der Höchstbetrag liegt bei 1.260 Euro pro Jahr. Das entspricht maximal 210 Tagen.

Beispiel

Sie arbeiten an 120 Tagen im Jahr im Homeoffice.

120 Tage × 6 Euro = 720 Euro Werbungskosten

Diese 720 Euro helfen Ihnen aber nur dann zusätzlich, wenn Ihre gesamten Werbungskosten zusammen über dem Arbeitnehmer-Pauschbetrag von 1.230 Euro liegen.

Steuer-Tipp:
Führen Sie einen einfachen Homeoffice-Kalender. Es reicht oft schon eine nachvollziehbare Übersicht, aus der Arbeitstage im Büro, Homeoffice-Tage, Urlaub und Krankheit erkennbar sind.


4. Pendlerpauschale: Der Arbeitsweg zählt

Für Fahrten zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte gilt die Entfernungspauschale. Nach aktuellem Rechtsstand 2026 beträgt sie 0,38 Euro für jeden vollen Entfernungskilometer. Die Bundesregierung beschreibt die Änderung ab 2026 ebenfalls als Erhöhung auf 38 Cent ab dem ersten Kilometer.

Wichtig: Es zählt grundsätzlich nur die einfache Entfernung, nicht Hin- und Rückweg.

Beispiel

Sie fahren an 220 Arbeitstagen jeweils 15 Kilometer zur Arbeit.

220 Tage × 15 Kilometer × 0,38 Euro = 1.254 Euro

Damit ist der Arbeitnehmer-Pauschbetrag von 1.230 Euro fast allein durch den Arbeitsweg erreicht.

Achtung / Häufiger Fehler:
Für ältere Steuerjahre können andere Regeln gelten. Wer zum Beispiel noch eine Steuererklärung für 2025 erstellt, sollte die für dieses Jahr geltende Entfernungspauschale prüfen. Für den Rechtsstand 2026 gilt: 0,38 Euro ab dem ersten Entfernungskilometer.


5. Handwerkerkosten und Nebenkostenabrechnung: Der Mieter-Trick

Eine der einfachsten Steuerchancen steckt in der Wohnung. Viele Mieter denken, Handwerkerkosten seien nur für Eigentümer interessant. Das stimmt nicht.

Nach § 35a EStG können haushaltsnahe Dienstleistungen und Handwerkerleistungen die Steuer direkt mindern. Haushaltsnahe Dienstleistungen sind mit 20 % der Aufwendungen, höchstens 4.000 Euro, begünstigt. Handwerkerleistungen für Renovierung, Erhaltung und Modernisierung sind mit 20 % der Aufwendungen, höchstens 1.200 Euro Steuerermäßigung, begünstigt.

Der große Vorteil: Diese Beträge mindern nicht nur das zu versteuernde Einkommen, sondern direkt die tarifliche Einkommensteuer.

Typische Posten in der Nebenkostenabrechnung

Mieter sollten besonders auf diese Positionen achten:

  • Hausmeister,
  • Treppenhausreinigung,
  • Winterdienst,
  • Gartenpflege,
  • Schornsteinfeger,
  • Wartungskosten,
  • kleinere Reparaturen,
  • Aufzugswartung,
  • Reinigung gemeinschaftlicher Flächen.

Abziehbar sind bei Handwerkerleistungen und haushaltsnahen Dienstleistungen grundsätzlich nur die Arbeitskosten, nicht Materialkosten. Außerdem verlangt § 35a EStG für die Steuerermäßigung bei haushaltsnahen Dienstleistungen und Handwerkerleistungen eine Rechnung und Zahlung auf das Konto des Leistungserbringers. Barzahlung ist daher problematisch.

Steuer-Tipp:
Fordern Sie beim Vermieter oder der Hausverwaltung eine Nebenkostenabrechnung an, in der haushaltsnahe Dienstleistungen und Handwerkerleistungen getrennt ausgewiesen sind.


6. Verlustvortrag für Studierende: Besonders wichtig im Master und in der Zweitausbildung

Für Studierende kann die Steuererklärung besonders spannend sein – auch wenn sie noch kaum Steuern zahlen.

Der Grund: Studienkosten können unter bestimmten Voraussetzungen Werbungskosten sein. Nach § 9 Abs. 6 EStG sind Aufwendungen für Berufsausbildung oder Studium als Werbungskosten abziehbar, wenn bereits eine Erstausbildung oder ein Erststudium abgeschlossen wurde oder wenn die Ausbildung im Rahmen eines Dienstverhältnisses stattfindet.

Das betrifft insbesondere:

  • Masterstudierende nach abgeschlossenem Bachelor,
  • Studierende nach abgeschlossener Berufsausbildung,
  • dual Studierende im Dienstverhältnis,
  • berufsbegleitende Zweitausbildungen.

Wenn in dieser Phase mehr abziehbare Kosten als Einnahmen entstehen, kann ein steuerlicher Verlust entstehen. Nicht ausgeglichene negative Einkünfte können nach § 10d EStG in folgende Veranlagungszeiträume vorgetragen werden; der verbleibende Verlustvortrag wird gesondert festgestellt.

Beispiel

Eine Masterstudentin hat im Jahr 2026:

  • 1.200 Euro Studiengebühren,
  • 1.100 Euro Laptop und Software,
  • 600 Euro Fachliteratur,
  • 900 Euro Fahrten zur Universität,
  • kaum steuerpflichtige Einnahmen.

Wenn die Voraussetzungen für Werbungskosten vorliegen, kann daraus ein Verlust entstehen. Dieser Verlust kann später mit den ersten steuerpflichtigen Einkünften im Beruf verrechnet werden.

Achtung / Häufiger Fehler:
Im Erststudium ohne vorherige Berufsausbildung sind Ausbildungskosten regelmäßig nur als Sonderausgaben bis 6.000 Euro pro Jahr abziehbar. Sonderausgaben führen aber nicht zu einem Verlustvortrag. Für den großen Effekt ist deshalb die Einordnung als Werbungskosten entscheidend.


7. Sonderausgaben: Versicherungen nicht vergessen

Sonderausgaben sind private Ausgaben, die der Gesetzgeber steuerlich berücksichtigt. Für Arbeitnehmer und Berufseinsteiger sind vor allem Vorsorgeaufwendungen wichtig.

Dazu gehören insbesondere Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Arbeitslosenversicherung sowie bestimmte Versicherungen wie Haftpflicht-, Unfall-, Erwerbs- oder Berufsunfähigkeitsversicherungen. § 10 EStG nennt diese Vorsorgeaufwendungen ausdrücklich.

Viele Daten werden zwar elektronisch übermittelt, etwa von Krankenversicherung oder Arbeitgeber. Trotzdem sollten Sie prüfen, ob die Angaben vollständig sind.

Steuer-Tipp:
Bewahren Sie Versicherungsbescheinigungen auf und vergleichen Sie die Werte mit den Angaben in Ihrer Steuer-App oder in ELSTER. Automatisch übermittelt heißt nicht automatisch vollständig verstanden.


8. Außergewöhnliche Belastungen: Krankheitskosten sammeln

Krankheitskosten können steuerlich berücksichtigt werden, wenn sie zwangsläufig entstehen und die zumutbare Belastung überschreiten. § 33 EStG beschreibt außergewöhnliche Belastungen als größere zwangsläufige Aufwendungen, die über das hinausgehen, was vergleichbaren Steuerpflichtigen entsteht. Abziehbar ist nur der Teil, der die zumutbare Belastung übersteigt.

Typische Beispiele:

  • Zahnersatz,
  • Brillen und Kontaktlinsen,
  • verschreibungspflichtige Medikamente,
  • Zuzahlungen,
  • Physiotherapie,
  • Fahrtkosten zu Ärzten oder Therapien,
  • bestimmte medizinische Hilfsmittel.

Ob sich die Kosten auswirken, hängt von Einkommen, Familienstand und Kindern ab. Trotzdem lohnt sich das Sammeln – besonders in Jahren mit größeren Behandlungen.

Achtung / Häufiger Fehler:
Belege erst dann zu suchen, wenn die Steuererklärung gemacht wird. Besser: einen digitalen Ordner „Krankheitskosten 2026“ anlegen und Rechnungen, Rezepte und Zahlungsnachweise sofort speichern.


9. Kapitalerträge: Sparer-Pauschbetrag und Freistellungsauftrag nutzen

Wer ETFs, Aktien, Tagesgeld oder Fonds besitzt, sollte den Sparer-Pauschbetrag kennen. Bei Einkünften aus Kapitalvermögen beträgt der Sparer-Pauschbetrag 1.000 Euro pro Person und 2.000 Euro bei zusammen veranlagten Ehegatten.

Damit die Bank nicht unnötig Kapitalertragsteuer einbehält, sollte ein Freistellungsauftrag eingerichtet werden. § 44a EStG regelt, dass bei erteiltem Freistellungsauftrag unter den gesetzlichen Voraussetzungen kein Steuerabzug vorzunehmen ist, soweit die Kapitalerträge den freigestellten Betrag nicht übersteigen.

Der gesonderte Steuertarif für Kapitaleinkünfte beträgt grundsätzlich 25 %. Hinzu kommen gegebenenfalls Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer.

Beispiel

Sie erhalten 600 Euro Zinsen und Dividenden im Jahr. Wenn bei Ihrer Bank ein Freistellungsauftrag über mindestens 600 Euro hinterlegt ist, wird auf diese Kapitalerträge grundsätzlich keine Kapitalertragsteuer einbehalten.

Steuer-Tipp:
Verteilen Sie Freistellungsaufträge bewusst auf Ihre Banken. Wer mehrere Depots oder Tagesgeldkonten nutzt, sollte die Summe im Blick behalten.


10. Die einfache Beleg-Strategie für Einsteiger

Steuern sparen beginnt nicht mit Steuerwissen, sondern mit Ordnung. Sie müssen nicht jede Vorschrift kennen – aber Sie sollten Ihre Belege griffbereit haben.

Diese Unterlagen sollten Sie sammeln

  • Lohnsteuerbescheinigung,
  • Bescheinigungen der Kranken- und Pflegeversicherung,
  • Rechnungen für Arbeitsmittel,
  • Nachweise über Homeoffice-Tage,
  • Kilometerangaben zur Arbeit,
  • Fortbildungsrechnungen,
  • Studiengebühren und Studienkosten,
  • Nebenkostenabrechnung,
  • Handwerkerrechnungen,
  • Versicherungsbescheinigungen,
  • Krankheitskosten,
  • Steuerbescheinigungen der Bank.

Praxis-Box: Die 15-Minuten-Methode
Legen Sie einmal im Monat alle steuerlich relevanten Belege in einen digitalen Ordner. Benennen Sie Dateien einfach: 2026-03-Laptop-Rechnung.pdf, 2026-06-Zahnarzt.pdf, 2026-Nebenkostenabrechnung.pdf. Das spart am Jahresende Stunden.


Checkliste: Was Arbeitnehmer, Studierende und Berufseinsteiger prüfen sollten

  • Habe ich mehr als 1.230 Euro Werbungskosten?
  • Habe ich Arbeitsmittel gekauft?
  • Habe ich Homeoffice-Tage dokumentiert?
  • Habe ich meinen Arbeitsweg mit 0,38 Euro je Entfernungskilometer für 2026 geprüft?
  • Enthält meine Nebenkostenabrechnung haushaltsnahe Dienstleistungen oder Handwerkerleistungen?
  • Habe ich Handwerkerrechnungen unbar bezahlt?
  • Bin ich Student in einer Zweitausbildung oder im Master?
  • Kann ein Verlustvortrag sinnvoll sein?
  • Sind Versicherungsbeiträge vollständig erfasst?
  • Habe ich Krankheitskosten gesammelt?
  • Ist mein Freistellungsauftrag bei der Bank korrekt eingerichtet?

FAQ: Steuererklärung für Arbeitnehmer, Studierende und Berufseinsteiger

Muss jeder Arbeitnehmer eine Steuererklärung abgeben?

Nein. Viele Arbeitnehmer sind nicht zur Abgabe verpflichtet. Eine freiwillige Steuererklärung kann sich aber lohnen, wenn hohe Werbungskosten, Handwerkerkosten, Versicherungen oder andere abziehbare Ausgaben vorliegen.

Wann bringen Werbungskosten wirklich etwas?

Werbungskosten bringen zusätzlich etwas, wenn sie insgesamt über dem Arbeitnehmer-Pauschbetrag von 1.230 Euro liegen. Darunter wirkt sich die Sammlung einzelner Werbungskosten meistens nicht zusätzlich aus, weil der Pauschbetrag automatisch berücksichtigt wird.

Kann ich Homeoffice absetzen, obwohl ich kein Arbeitszimmer habe?

Ja. Die Tagespauschale von 6 Euro kann unter den gesetzlichen Voraussetzungen auch ohne anerkanntes häusliches Arbeitszimmer genutzt werden, höchstens bis 1.260 Euro pro Jahr.

Was kann ich aus der Nebenkostenabrechnung absetzen?

Häufig absetzbar sind Arbeitskosten für Hausmeister, Treppenhausreinigung, Winterdienst, Gartenpflege, Schornsteinfeger oder Wartung. Wichtig ist, dass die Kosten in der Abrechnung erkennbar ausgewiesen sind.

Können Studierende eine Steuererstattung bekommen?

Ja, vor allem Studierende in der Zweitausbildung oder im Master können über Werbungskosten und Verlustvortrag später profitieren. Im Erststudium ohne vorherige Ausbildung ist der Effekt oft geringer, weil Kosten regelmäßig nur als Sonderausgaben berücksichtigt werden.

Was ist der Unterschied zwischen Sonderausgaben und Werbungskosten?

Werbungskosten hängen mit dem Beruf zusammen. Sonderausgaben sind private Ausgaben, die steuerlich besonders zugelassen sind, zum Beispiel bestimmte Versicherungsbeiträge. Für Studierende ist der Unterschied wichtig, weil nur Werbungskosten zu einem Verlustvortrag führen können.

Muss ich Belege direkt mit der Steuererklärung einreichen?

In vielen Fällen müssen Belege nicht automatisch eingereicht werden. Sie sollten sie aber aufbewahren, falls das Finanzamt Nachweise anfordert.

Lohnt sich eine Steuer-App oder ELSTER?

Ja, besonders für einfache Arbeitnehmerfälle. Steuer-Apps führen verständlich durch typische Fragen. ELSTER ist die amtliche Lösung, aber weniger erklärend. Bei komplexeren Fällen kann steuerliche Beratung sinnvoll sein.


Fazit: Steuern sparen ist oft einfacher als gedacht

Die Steuererklärung muss kein Angstthema sein. Für Arbeitnehmer, Studierende und Berufseinsteiger geht es selten um komplizierte Gestaltung. Meist geht es um einfache Fragen: Habe ich berufliche Kosten? Habe ich Belege? Habe ich Pauschalen genutzt? Habe ich meine Nebenkostenabrechnung geprüft? Habe ich als Student einen Verlustvortrag im Blick?

Wer diese Punkte sauber abarbeitet, kann oft mehrere hundert Euro zurückholen – manchmal auch deutlich mehr.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.


Quellenverzeichnis

  1. § 9a EStG, Arbeitnehmer-Pauschbetrag 1.230 Euro, Rechtsstand 23.08.2026.
  2. § 9 EStG, Werbungskosten, Arbeitsmittel, Entfernungspauschale und Verweis auf GWG-Regeln.
  3. § 6 Abs. 2 EStG, GWG-Grenze 800 Euro.
  4. § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b und 6c EStG, häusliches Arbeitszimmer und Tagespauschale 6 Euro, maximal 1.260 Euro.
  5. BMF, steuerliche Änderungen 2026, Pendlerpauschale 38 Cent ab dem ersten Kilometer.
  6. § 35a EStG, haushaltsnahe Dienstleistungen und Handwerkerleistungen, 20 %, Höchstbeträge, Arbeitskosten, Rechnung und unbare Zahlung.
  7. § 9 Abs. 6 EStG, Ausbildungskosten als Werbungskosten bei abgeschlossener Erstausbildung oder Dienstverhältnis.
  8. § 10d EStG, Verlustabzug und gesonderte Feststellung des verbleibenden Verlustvortrags.
  9. § 10 EStG, Sonderausgaben und Vorsorgeaufwendungen.
  10. § 33 EStG, außergewöhnliche Belastungen und zumutbare Belastung.
  11. § 20 Abs. 9 EStG, Sparer-Pauschbetrag 1.000 Euro / 2.000 Euro.
  12. § 32d EStG, gesonderter Steuertarif für Einkünfte aus Kapitalvermögen grundsätzlich 25 %.
  13. § 44a EStG, Freistellungsauftrag und Abstandnahme vom Steuerabzug.

Holding, vvGmbH und Immobilien-GmbH: Steuerstrategie oder teurer Mythos?

Holding, vvGmbH, Trading-GmbH und Immobilien-GmbH: Wann sich Vermögensaufbau in der GmbH lohnt – und wann die Struktur zur Kostenfalle wird.

Viele Bücher, Kurse und Social-Media-Beiträge versprechen Unternehmern, Freelancern und vermögenden Angestellten eine einfache Lösung: Verlagern Sie Vermögen aus der privaten Sphäre in eine GmbH- oder Holding-Struktur – und zahlen Sie deutlich weniger Steuern.

Der Grundgedanke ist steuerlich nicht falsch. Wer hohe Gewinne erzielt, diese nicht privat verbraucht und langfristig reinvestieren möchte, kann mit einer GmbH, Holding-GmbH oder Immobilien-GmbH erhebliche Vorteile erzielen. Die entscheidende Einschränkung lautet aber: Diese Modelle sind keine „Steuer-Hacks“, sondern komplexe Gestaltungen mit laufenden Kosten, Dokumentationspflichten und steuerlichen Fallstricken.

Dieser Beitrag zeigt, wann der Vermögensaufbau in der Unternehmenssphäre funktioniert – und wann aus der vermeintlichen Steueroptimierung eine teure Struktur ohne echten Nutzen wird.


Die Grundidee: Vermögen raus aus dem privaten Steuertopf?

Der steuerliche Reiz liegt im Vergleich der Steuerregime. Private unternehmerische Einkünfte können im Einkommensteuertarif 2026 bei Ledigen ab 69.879 Euro zu versteuerndem Einkommen in die 42-%-Zone und ab 277.826 Euro in die 45-%-Zone fallen. Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer können hinzukommen.

Eine GmbH wird dagegen zunächst mit Körperschaftsteuer und Gewerbesteuer belastet. Die Körperschaftsteuer beträgt nach § 23 KStG bis einschließlich 2027 grundsätzlich 15 %. Hinzu kommt der Solidaritätszuschlag von 5,5 % auf die Körperschaftsteuer. Die Gewerbesteuer wird über die Steuermesszahl von 3,5 % und den kommunalen Hebesatz berechnet; bei einem Hebesatz von 400 % ergibt sich eine Gewerbesteuerbelastung von 14 %. In diesem Beispiel liegt die laufende Steuerbelastung einer thesaurierenden GmbH bei rund 29,825 %.

Das klingt nach einem klaren Vorteil. Entscheidend ist aber ein Wort: thesaurierend. Der Vorteil entsteht nur, solange das Geld in der GmbH bleibt. Wird der Gewinn privat ausgeschüttet, folgt die zweite Steuerstufe über die Besteuerung von Kapitalerträgen. Der gesonderte Steuertarif für Kapitaleinkünfte beträgt grundsätzlich 25 %; darauf kann Solidaritätszuschlag anfallen.

Praxis-Kernaussage: Die GmbH ist kein magischer Niedrigsteuerraum für privaten Konsum. Sie ist ein Instrument für langfristige Reinvestition.


Das Drei-Konten- oder Drei-Säulen-Modell

Viele moderne Steuerstrategien arbeiten gedanklich mit drei Sphären:

  1. Private Konsumsphäre
    Hier liegen Gehalt, Ausschüttungen und Geld für Lebenshaltung, Familie, private Rücklagen und privaten Vermögensaufbau.
  2. Operative Risikosphäre
    Hier läuft das eigentliche Geschäft, etwa eine Betriebs-GmbH, Agentur-GmbH oder Beratungsgesellschaft. Diese Gesellschaft trägt Kundenrisiken, Haftungsrisiken, Personalrisiken und operative Verpflichtungen.
  3. Vermögenssphäre
    Hier wird Vermögen gebündelt, etwa in einer Holding-GmbH, vermögensverwaltenden GmbH oder in Spezialfällen in einer Stiftung. Ziel ist Vermögensschutz, Reinvestition und steuerlich optimierte Beteiligungsverwaltung.

Die Trennung ist konzeptionell sinnvoll. Sie wird aber gefährlich, wenn Mandanten sie als bloße „Kontenlogik“ missverstehen. Gesellschaften sind keine Unterkonten des Unternehmers. Sie sind eigene Rechtsträger mit eigener Buchhaltung, eigenen Steuererklärungen, eigener Bankverbindung und eigener Dokumentation.

Achtung / Häufiger Fehler:
Wer Geld zwischen Privatvermögen, Betriebs-GmbH und Holding ohne klare Verträge verschiebt, riskiert verdeckte Gewinnausschüttungen, verdeckte Einlagen, fehlerhafte Darlehensbeziehungen oder nicht anerkannte Betriebsausgaben. Verdeckte Gewinnausschüttungen mindern das Einkommen der Kapitalgesellschaft nach § 8 Abs. 3 Satz 2 KStG nicht.


Die Spardosen-GmbH: Wann § 8b KStG wirklich hilft

Die sogenannte Spardosen-GmbH oder vermögensverwaltende GmbH ist keine eigene Rechtsform. Gemeint ist meist eine GmbH, die Vermögen hält und verwaltet – zum Beispiel Aktien, Beteiligungen oder Immobilien.

Der bekannteste steuerliche Hebel ist § 8b KStG. Danach bleiben Veräußerungsgewinne aus Anteilen an Kapitalgesellschaften bei Körperschaften grundsätzlich außer Ansatz. Gleichzeitig gelten 5 % des Gewinns als nicht abziehbare Betriebsausgaben. Wirtschaftlich werden solche Veräußerungsgewinne daher häufig zu 95 % freigestellt.

Tipp: Es ist ein Musterverfahren anhängig. Wenn Sie davon profitieren möchten, dann helfe ich Ihnen gerne.

Beispiel: Direkt gehaltene Aktien in der GmbH

Verkauft eine GmbH direkt gehaltene Aktien mit 100.000 Euro Gewinn, sind im Grundmodell nur 5.000 Euro steuerpflichtig. Bei einer beispielhaften GmbH-Steuerbelastung von 29,825 % ergibt sich auf diesen Aktienveräußerungsgewinn eine Steuer von rund 1.491 Euro. Das entspricht einer effektiven Belastung von rund 1,49 %.

Genau aus dieser Rechnung stammt die häufig genannte Aussage: „Aktiengewinne in der GmbH werden nur mit rund 1,5 % besteuert.“

Diese Aussage ist aber nur in einem bestimmten Fall richtig: bei Veräußerungsgewinnen aus direkt gehaltenen Anteilen an Kapitalgesellschaften. Sie ist nicht pauschal auf jede Kapitalanlage in einer GmbH übertragbar.


Die Kostenfalle bei Trading-GmbH und ETF-Strategien

Besonders häufig wird die GmbH-Hülle für quantitative Aktienstrategien, Faktor-ETFs, Momentum-Strategien oder regelmäßiges Rebalancing empfohlen. Auf dem Papier wirkt das attraktiv: Kursgewinne werden niedrig besteuert, der Zinseszinseffekt bleibt in der GmbH, und die Strategie kann langfristig skaliert werden.

In der Praxis gibt es drei große Gegenargumente.

1. Dividenden sind nicht automatisch begünstigt

Die 95-%-Freistellung nach § 8b KStG gilt nicht grenzenlos für Dividenden. Für Dividenden aus Streubesitz verlangt § 8b Abs. 4 KStG grundsätzlich eine Beteiligung von mindestens 10 % zu Beginn des Kalenderjahres. Gewerbesteuerlich ist für bestimmte Beteiligungskürzungen zusätzlich § 9 Nr. 2a GewStG mit einer Beteiligungsschwelle von grundsätzlich 15 % zu beachten.

Das bedeutet: Dividenden aus typischen Streubesitzportfolios, ETFs oder ausschüttungsstarken Strategien werden in der GmbH häufig deutlich ungünstiger behandelt als der Werbeslogan „1,5 % Steuer“ vermuten lässt.

Praxisbeispiel:
Ein Covered-Call-ETF oder ein dividendenstarkes Portfolio kann in einer GmbH steuerlich deutlich weniger attraktiv sein als eine thesaurierende Kursgewinnstrategie. Wer die GmbH nur wegen der 1,5-%-These gründet, aber tatsächlich laufende Ausschüttungen vereinnahmt, plant am steuerlichen Kernvorteil vorbei.

2. ETFs unterliegen nicht einfach § 8b KStG

Bei Investmentfonds und ETFs gilt regelmäßig das Investmentsteuergesetz. Investmenterträge umfassen Ausschüttungen, Vorabpauschalen und Gewinne aus der Veräußerung von Investmentanteilen. Auf Investmenterträge aus Investmentfonds sind § 3 Nr. 40 EStG und § 8b KStG grundsätzlich nicht anzuwenden. Für Aktienfonds beträgt die Teilfreistellung bei körperschaftsteuerpflichtigen Anlegern nach § 20 InvStG 80 %. Zudem sind die Freistellungen bei der Gewerbesteuer nur zur Hälfte zu berücksichtigen.

Das ist ein zentraler Unterschied: Ein direktes Aktienportfolio und ein ETF-Portfolio sind in der GmbH steuerlich nicht identisch.

Achtung / Häufiger Fehler:
„ETF in GmbH = 1,5 % Steuer“ ist in dieser Pauschalität falsch. Bei ETFs ist die steuerliche Behandlung über das Investmentsteuergesetz zu prüfen.

3. Laufende Kosten können den Vorteil auffressen

Eine Trading-GmbH verursacht laufenden Verwaltungsaufwand. Dazu gehören insbesondere Buchhaltung, Jahresabschluss, Steuererklärungen, Bankkonten, gegebenenfalls LEI-Kosten, Depotabstimmung, Dokumentation von Wertpapiertransaktionen und Abstimmung mit der Kanzlei.

Rechtlich ist die GmbH als Kapitalgesellschaft zur kaufmännischen Rechnungslegung verpflichtet. Nach § 242 HGB hat der Kaufmann für den Schluss eines Geschäftsjahrs einen Jahresabschluss aufzustellen; Kapitalgesellschaften müssen den Jahresabschluss nach den handelsrechtlichen Vorschriften insbesondere um Anhangspflichten erweitern.

Eine saubere Vorkontierung über Buchhaltungstools hilft organisatorisch. Sie ersetzt aber nicht die steuerliche und handelsrechtliche Jahresabschlusserstellung.

Steuer-Tipp:
Vor Gründung einer Trading-GmbH sollte eine Break-even-Rechnung erstellt werden. Entscheidend sind nicht nur Steuerquoten, sondern Depotgröße, Umschlagshäufigkeit, Dividendenanteil, laufende Fixkosten, Entnahmewunsch und Anlagehorizont.


Immobilien-GmbH: Stark bei Cashflow, schwächer beim Verkauf

Auch Immobilien-GmbHs werden häufig als Steuerhebel dargestellt. Der Kern ist die erweiterte Grundstückskürzung nach § 9 Nr. 1 Satz 2 GewStG. Danach kann bei Unternehmen, die ausschließlich eigenen Grundbesitz oder daneben eigenes Kapitalvermögen verwalten und nutzen, auf Antrag der Teil des Gewerbeertrags gekürzt werden, der auf die Verwaltung und Nutzung eigenen Grundbesitzes entfällt.

Praktisch bedeutet das: Mieteinkünfte einer grundbesitzverwaltenden GmbH können bei Einhaltung der Voraussetzungen von der Gewerbesteuer entlastet werden. Dann verbleiben im Grundmodell insbesondere Körperschaftsteuer und Solidaritätszuschlag auf die Körperschaftsteuer.

Das ist für langfristige Buy-and-Hold-Strategien mit hohem Cashflow-Fokus sehr attraktiv. Es ist aber kein pauschales Argument gegen das Privatvermögen.

Der große Vergleich: Immobilien-GmbH vs. Privatvermögen

Im Privatvermögen können Gewinne aus Grundstücksverkäufen nach Ablauf der zehnjährigen Spekulationsfrist außerhalb des § 23 EStG liegen. § 23 EStG erfasst private Veräußerungsgeschäfte bei Grundstücken grundsätzlich nur, wenn zwischen Anschaffung und Veräußerung nicht mehr als zehn Jahre liegen.

In der GmbH gibt es diese private Zehnjahresfrist nicht. Der Verkauf einer Immobilie ist in der GmbH grundsätzlich steuerverstrickt. Die erweiterte Grundstückskürzung kann zwar laufende Mieterträge sehr attraktiv machen, sie macht die GmbH aber nicht automatisch zur besseren Lösung für jeden Immobilieninvestor.

Praxis-Kernaussage:
Die Immobilien-GmbH ist besonders interessant für langfristige Bestandsverwaltung mit laufendem Cashflow. Wer vor allem auf steuerfreie Wertsteigerungen nach zehn Jahren setzt, muss das Privatvermögen ernsthaft gegenrechnen.


„Gute Schulden“: Fremdkapital als Hebel – aber nicht als Freifahrtschein

Viele Vermögensstrategien arbeiten mit Fremdkapital. Die Idee: Vermögen wird nicht nur mit Eigenkapital aufgebaut, sondern mit Bankfinanzierungen, Gesellschafterdarlehen oder Akquisitionsdarlehen. Zinsen können bei betrieblicher Veranlassung grundsätzlich Betriebsausgaben sein; Betriebsausgaben sind nach § 4 Abs. 4 EStG Aufwendungen, die durch den Betrieb veranlasst sind.

Das macht Fremdkapital nicht automatisch „gut“. Ein Darlehen muss wirtschaftlich tragfähig, fremdüblich dokumentiert und tatsächlich durchgeführt werden. Gerade bei Gesellschafterdarlehen oder Verrechnungskonten schauen Betriebsprüfer genau hin.

Der BFH hat zur fremdüblichen Verzinsung einer Darlehensforderung entschieden, dass der Verzicht auf eine angemessene Verzinsung einer auf einem Gesellschafterverrechnungskonto verbuchten Darlehensforderung einer GmbH zu einer verdeckten Gewinnausschüttung führen kann.

Achtung / Häufiger Fehler:
Ein „Darlehen“ zwischen GmbH und Gesellschafter ist steuerlich kein flexibler Privatgeldtopf. Es braucht Vertrag, Verzinsung, Laufzeit, Tilgung, Sicherheiten und tatsächliche Durchführung wie unter fremden Dritten.


Das Holding-Märchen für Durchschnittsverdiener

Die Holding-Struktur wird häufig zu früh empfohlen. Dabei ist sie ein hervorragendes Werkzeug – aber nur für passende Fälle.

Eine Holding kann sinnvoll sein, wenn:

  • operative Gewinne dauerhaft deutlich über dem privaten Lebensbedarf liegen,
  • ein späterer Unternehmensverkauf realistisch ist,
  • Beteiligungen aufgebaut werden sollen,
  • Gewinne in der Unternehmensgruppe reinvestiert werden,
  • Vermögensschutz und Risikotrennung ernsthafte wirtschaftliche Gründe haben,
  • die laufenden Kosten für mehrere Gesellschaften dauerhaft getragen werden können.

Eine Holding ist dagegen häufig überdimensioniert, wenn:

  • der Gewinn vollständig für private Lebenshaltung benötigt wird,
  • das Depot noch klein ist,
  • die geplante Strategie vor allem aus Dividenden oder ausschüttenden ETFs besteht,
  • keine Exit-Perspektive besteht,
  • die Buchhaltungs- und Dokumentationspflichten unterschätzt werden,
  • die Struktur nur gegründet wird, weil ein Buch oder Video die „95-%-Steuerfreiheit“ bewirbt.

Die oft genannte Schwelle von 80.000 bis 100.000 Euro Jahresgewinn ist keine gesetzliche Grenze. Sie kann aber als erste Beratungsheuristik dienen. Unterhalb dieser Größenordnung sollte besonders kritisch geprüft werden, ob Gründungs-, Buchhaltungs-, Abschluss- und Beratungskosten den steuerlichen Vorteil wirtschaftlich aufzehren.

Steuer-Tipp:
Die wichtigste Kennzahl ist nicht der Gewinn allein, sondern der nicht privat benötigte Gewinn nach Unternehmerlohn. Nur dieser Betrag kann in der GmbH oder Holding wirklich thesauriert und investiert werden.


Der unterschätzte Punkt: Geld in der GmbH ist nicht privat verfügbar

Viele Mandanten unterschätzen die psychologische Wirkung der GmbH-Struktur. Geld in der GmbH fühlt sich wie eigenes Geld an – ist aber Gesellschaftsvermögen. Der private Zugriff braucht eine steuerlich saubere Grundlage:

  • Gehalt,
  • Ausschüttung,
  • Darlehensvertrag,
  • Auslagenersatz,
  • Verkauf von Wirtschaftsgütern,
  • oder andere fremdübliche Vereinbarungen.

Sobald Geld privat verwendet wird, ohne dass der Rechtsgrund sauber dokumentiert ist, entsteht Prüfungsrisiko. Neben verdeckten Gewinnausschüttungen kommt bei rein steuerlich motivierten Konstruktionen außerdem § 42 AO in Betracht: Durch Missbrauch rechtlicher Gestaltungsmöglichkeiten kann das Steuergesetz nicht umgangen werden.


Warum ein Holding-Realitäts-Check sinnvoll ist

Mandanten kommen häufig mit sehr konkreten Vorstellungen in die Kanzlei: „Ich möchte eine Holding gründen“, „Ich brauche eine vvGmbH für mein Depot“ oder „Ich will Immobilien nur noch über eine GmbH kaufen“.

Solche Anfragen sind wertvoll, aber beratungsintensiv. Ein effizienter Aufklärungsprozess sollte zwei Dinge leisten:

Erstens muss er ungeeignete Fälle früh erkennen, ohne Interessenten vor den Kopf zu stoßen. Zweitens muss er bei geeigneten Fällen die oft verzerrte Kostenerwartung korrigieren, bevor ein persönliches Erstgespräch stattfindet.

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Stufe 1: Der Holding-Realitäts-Check

Ein interaktiver Rechner oder ein kurzes Quiz fragt zunächst die wichtigsten Eckdaten ab:

  • jährlicher Gewinn vor Steuern,
  • privater Liquiditätsbedarf,
  • geplante Investitionssumme,
  • Anlagehorizont,
  • Anlageklasse,
  • Dividenden- oder Kursgewinnstrategie,
  • Immobilien-Cashflow oder Verkaufsperspektive,
  • Exit-Planung,
  • Bereitschaft zur laufenden Administration.

Das Ergebnis sollte nicht „Holding ja/nein“ lauten, sondern eine Ampel liefern:

  • Rot: Struktur voraussichtlich wirtschaftlich nicht sinnvoll.
  • Gelb: Gestaltung möglich, aber nur nach Detailprüfung.
  • Grün: Holding oder GmbH-Struktur kann ernsthaft geprüft werden.

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Stufe 2: Triage

Nach dem Vorab-Check können Interessenten segmentiert werden:

Segment A: Ungeeignete Fälle
Sie erhalten eine freundliche Erklärung, warum eine Holding derzeit nicht sinnvoll erscheint. Als Alternative können Ratgeber zu Basis-Steueroptimierung, Liquiditätsplanung, privatem Vermögensaufbau oder Rechtsformwahl angeboten werden.

Segment B: Potenziell geeignete Fälle
Sie werden zu einer strukturierten Vorab-Abfrage weitergeleitet. Dort werden Gewinnhöhe, Entnahmen, Investitionsziele und bestehende Vermögenswerte genauer erfasst.

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Stufe 3: Der KI-Vorab-Berater

Ein KI-gestützter Vorab-Berater kann helfen, unrealistische Erwartungen zu korrigieren. Er sollte nicht als Steuerberater auftreten, sondern als strukturierter Informationsassistent.

Er kann zum Beispiel abfragen:

  • Welche Gewinne bleiben wirklich im Unternehmen?
  • Welche Ausschüttungen werden privat benötigt?
  • Gibt es direkte Aktien, ETFs, Immobilien oder Beteiligungen?
  • Werden Dividenden oder Kursgewinne erwartet?
  • Wie hoch sind laufende Strukturkosten?
  • Sind mehrere Jahresabschlüsse erforderlich?
  • Bestehen Gesellschafterdarlehen oder Verrechnungskonten?
  • Gibt es einen Exit-Plan?

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Wichtig ist: Die KI ersetzt keine Beratung. Sie bereitet das Gespräch vor und sorgt dafür, dass der Mandant die zentralen Begriffe bereits verstanden hat.

Stufe 4: Das Reality-Briefing vor dem Erstgespräch

Sie können ein kostenpflichtiges Erstgespräch oder ein strukturiertes Beratungsprodukt, etwa „Holding-Check mit Steuerbelastungsvergleich“ buchen. Vor dem persönlichen Termin sollte der Interessent ein kurzes Factsheet erhalten. Darin stehen:

  • typische Gründungsschritte,
  • laufende Pflichten,
  • notwendige Unterlagen,
  • Abgrenzung Privatvermögen/Gesellschaftsvermögen,
  • steuerliche Hauptvorteile,
  • steuerliche Hauptrisiken,
  • grobe Kostenblöcke,
  • Hinweis auf Einzelfallprüfung.

Das Ziel ist nicht Abschreckung. Das Ziel ist ein besseres Beratungsgespräch. Wer danach weiterhin an der Struktur interessiert ist, kommt informierter, realistischer und entscheidungsfähiger in die Kanzlei.


Checkliste: Ist eine GmbH- oder Holding-Struktur für Sie überhaupt prüfenswert?

Bevor Sie eine GmbH, Holding oder Immobilien-GmbH gründen, sollten Sie diese Fragen beantworten:

  • Bleibt nach privatem Lebensbedarf dauerhaft Gewinn übrig?
  • Wird dieser Gewinn langfristig reinvestiert?
  • Dient die Struktur einem echten wirtschaftlichen Ziel?
  • Sind Sie bereit, laufende Buchhaltungs- und Jahresabschlusskosten zu tragen?
  • Besteht eine Exit-Perspektive?
  • Geht es um direkte Aktien, ETFs, Dividenden, Immobilien oder Unternehmensbeteiligungen?
  • Ist die Anlage eher cashflow- oder wertsteigerungsorientiert?
  • Können Sie private und geschäftliche Geldflüsse konsequent trennen?
  • Sind Darlehen, Verrechnungskonten und Ausschüttungen dokumentiert?
  • Gibt es eine steuerliche Vergleichsrechnung mit Privatvermögen, Einzelunternehmen und GmbH?

Wenn mehrere dieser Fragen nicht klar beantwortet werden können, ist eine sofortige Gründung meist verfrüht.


FAQ: Holding, vvGmbH und Immobilien-GmbH

Lohnt sich eine Holding schon bei 80.000 Euro Gewinn?

Nicht automatisch. 80.000 Euro sind keine gesetzliche Grenze, sondern höchstens eine grobe Prüfschwelle. Entscheidend ist, wie viel Gewinn nach privatem Lebensbedarf dauerhaft in der Struktur bleibt.

Sind Aktiengewinne in der GmbH wirklich nur mit rund 1,5 % besteuert?

Das kann bei Veräußerungsgewinnen aus direkt gehaltenen Anteilen an Kapitalgesellschaften näherungsweise zutreffen, weil § 8b KStG im Ergebnis häufig 95 % freistellt. Für ETFs, Fonds und Dividenden gilt diese Aussage aber nicht pauschal.

Ist eine vvGmbH eine eigene Rechtsform?

Nein. „vvGmbH“ ist eine gängige Kurzbezeichnung für eine vermögensverwaltende GmbH. Rechtlich handelt es sich um eine GmbH, deren Tätigkeit auf Vermögensverwaltung ausgerichtet ist.

Warum können Dividenden in der GmbH nachteilig sein?

Weil die Steuerbegünstigung für Dividenden an Beteiligungsschwellen gekoppelt ist. Bei Streubesitz unter 10 % greift die körperschaftsteuerliche Freistellung nach § 8b Abs. 4 KStG grundsätzlich nicht. Gewerbesteuerlich ist zusätzlich die 15-%-Schwelle des § 9 Nr. 2a GewStG relevant.

Ist eine Immobilien-GmbH immer besser als Privatvermögen?

Nein. Eine Immobilien-GmbH kann bei laufendem Cashflow stark sein, insbesondere wegen der erweiterten Grundstückskürzung. Im Privatvermögen kann ein Verkauf nach Ablauf der zehnjährigen Frist nach § 23 EStG aber steuerlich vorteilhafter sein.

Kann ich mir einfach Geld aus meiner GmbH leihen?

Nur mit sauberem, fremdüblichem Darlehensvertrag. Der BFH hat entschieden, dass der Verzicht auf angemessene Verzinsung bei einem Gesellschafterverrechnungskonto zu einer verdeckten Gewinnausschüttung führen kann.

Ist ein KI-gestützter Holding-Check steuerliche Beratung?

Nein. Ein KI-Check kann Informationen sammeln, Begriffe erklären und Fälle vorstrukturieren. Die steuerliche Beurteilung und Gestaltung muss durch die Kanzlei erfolgen.


Fazit: Die Holding ist kein Steuer-Hack, sondern ein Werkzeug

Die Verschiebung von Vermögen in die Unternehmenssphäre kann steuerlich sehr wirkungsvoll sein. Sie funktioniert aber nur unter klaren Bedingungen: ausreichend hohe Gewinne, echte Reinvestition, langer Anlagehorizont, passende Anlageklasse und konsequente Trennung der Vermögenssphären.

Die größten Fehler entstehen, wenn Mandanten aus einem Buch, Video oder Onlinekurs eine DIY-Anleitung ableiten. Besonders riskant sind pauschale Aussagen wie „GmbH zahlt nur 30 %“, „Aktiengewinne kosten nur 1,5 % Steuer“ oder „Immobilien gehören immer in eine GmbH“.

Richtig ist: Die Struktur kann hervorragend sein. Aber nur, wenn sie zur Lebenswirklichkeit passt.

Ein digitaler Holding-Realitäts-Check, ergänzt durch KI-gestützte Vorabfragen und ein klares Reality-Briefing, spart Zeit, filtert ungeeignete Fälle fair aus und führt qualifizierte Interessenten schneller in eine hochwertige Beratung.

Weitere Infos:

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.


Quellenverzeichnis

  1. § 32a EStG, Einkommensteuertarif 2026, Grundfreibetrag, 42-%-Zone und 45-%-Zone.
  2. § 23 KStG, Körperschaftsteuersatz bis 2027 grundsätzlich 15 %.
  3. § 4 SolzG 1995, Solidaritätszuschlag 5,5 %.
  4. § 11 GewStG, Steuermesszahl 3,5 %.
  5. § 16 GewStG, kommunaler Gewerbesteuer-Hebesatz.
  6. § 32d EStG, gesonderter Steuertarif für Einkünfte aus Kapitalvermögen, grundsätzlich 25 %.
  7. § 8b KStG, Beteiligungserträge und Veräußerungsgewinne bei Körperschaften, 5 % nicht abziehbare Betriebsausgaben, Streubesitzgrenze.
  8. § 9 Nr. 1 Satz 2 GewStG, erweiterte Grundstückskürzung.
  9. § 9 Nr. 2a GewStG, gewerbesteuerliche Beteiligungskürzung bei grundsätzlich mindestens 15 % Beteiligung.
  10. § 23 EStG, private Veräußerungsgeschäfte bei Grundstücken und anderen Wirtschaftsgütern.
  11. § 16 InvStG, Investmenterträge; keine Anwendung von § 8b KStG auf Investmenterträge aus Investmentfonds.
  12. § 20 InvStG, Teilfreistellung bei Investmentfonds, insbesondere 80 % Aktienteilfreistellung bei körperschaftsteuerpflichtigen Anlegern und hälftige Berücksichtigung bei der Gewerbesteuer.
  13. § 8 Abs. 3 Satz 2 KStG, verdeckte Gewinnausschüttungen mindern das Einkommen nicht.
  14. BFH, Urteil vom 22.02.2023, I R 27/20, fremdübliche Verzinsung einer Darlehensforderung / Gesellschafterverrechnungskonto / vGA.
  15. § 42 AO, Missbrauch rechtlicher Gestaltungsmöglichkeiten.
  16. § 4 Abs. 4 EStG, Betriebsausgabenbegriff.
  17. § 242 HGB und handelsrechtliche Jahresabschlussvorschriften für Kapitalgesellschaften.

Steuervorauszahlungen anpassen lassen: So vermeiden Sie Liquiditätsfallen

Steuervorauszahlungen anpassen lassen: Fristen, Antrag, Risiken und Liquiditätsfallen für Unternehmer verständlich erklärt.
Rechtsstand:
21.08.2026
Zielgruppe: Selbstständige, GmbH-Geschäftsführer, kleine und mittelständische Unternehmen

Einleitung

Steuervorauszahlungen anpassen lassen ist für viele Unternehmer ein Thema, das erst dann auf den Tisch kommt, wenn der Vorauszahlungsbescheid plötzlich weh tut. Dabei sind Steuervorauszahlungen nicht automatisch schlecht. Im Gegenteil: Richtig geplant, helfen sie dabei, die Steuerlast über das Jahr zu verteilen und hohe Einmalzahlungen zu vermeiden.

Problematisch wird es erst, wenn die Vorauszahlungen nicht mehr zur tatsächlichen Gewinnentwicklung passen. Genau das passiert häufig bei kleinen und mittelständischen Unternehmen: Ein Jahr läuft sehr gut, das nächste Jahr schwächer – aber das Finanzamt orientiert sich zunächst an den bisherigen Zahlen. Dann kann aus einer normalen Vorauszahlung schnell eine echte Liquiditätsfalle werden.

Dieser Beitrag erklärt, was Steuervorauszahlungen sind, wann eine Anpassung sinnvoll ist und worauf Sie achten sollten, damit Sie nicht unnötig Liquidität verlieren.

Was sind Steuervorauszahlungen?

Steuervorauszahlungen sind laufende Abschlagszahlungen auf eine Steuer, die für das aktuelle Jahr voraussichtlich entsteht. Bei der Einkommensteuer werden Vorauszahlungen am 10. März, 10. Juni, 10. September und 10. Dezember fällig. Grundlage ist grundsätzlich die Steuer, die sich aus der letzten Veranlagung ergeben hat; das Finanzamt kann die Vorauszahlungen an die voraussichtlich entstehende Einkommensteuer anpassen.

Bei Kapitalgesellschaften, etwa einer GmbH, gelten die Regelungen des Einkommensteuergesetzes zur Entrichtung, Anrechnung, Vergütung, Festsetzung und Erhebung grundsätzlich entsprechend, soweit das Körperschaftsteuergesetz nichts anderes bestimmt. Das betrifft insbesondere Körperschaftsteuer-Vorauszahlungen.

Für die Gewerbesteuer gelten eigene Vorauszahlungstermine: 15. Februar, 15. Mai, 15. August und 15. November. Die einzelne Gewerbesteuer-Vorauszahlung beträgt grundsätzlich ein Viertel der Steuer, die sich bei der letzten Veranlagung ergeben hat.

Vereinfacht gesagt: Wenn Ihr letzter Steuerbescheid einen hohen Gewinn zeigt, geht das Finanzamt zunächst davon aus, dass Ihre Steuerbelastung auch im laufenden Jahr ähnlich hoch sein könnte. Daraus werden Vorauszahlungen berechnet.

Sind Steuervorauszahlungen schlecht?

Nein. Steuervorauszahlungen sind nicht per se schlecht. Sie sind keine zusätzliche Steuer, sondern eine Vorabzahlung auf die spätere Jahressteuer.

Der Vorteil: Wenn Ihr Unternehmen stabil verdient, zahlen Sie die Steuerlast nicht auf einen Schlag, sondern verteilt über das Jahr. Bei der späteren Steuerveranlagung werden die Vorauszahlungen angerechnet. Ergibt sich nach der Abrechnung ein Überschuss zugunsten des Steuerpflichtigen, wird dieser nach Bekanntgabe des Steuerbescheids ausgezahlt.

Die eigentliche Gefahr liegt also nicht in der Vorauszahlung selbst. Die Gefahr entsteht, wenn die Vorauszahlung auf falschen oder veralteten Annahmen beruht.

Ein Beispiel:

Ein Unternehmen erzielt 2025 einen Gewinn von 300.000 Euro. Die daraus resultierende Steuerbelastung ist hoch. Das Finanzamt setzt daraufhin für 2026 entsprechende Vorauszahlungen fest. Wenn 2026 aber deutlich schwächer läuft, zahlt das Unternehmen zunächst Steuern auf eine Gewinnerwartung, die sich möglicherweise gar nicht erfüllt. Zwar kann zu viel gezahlte Steuer später erstattet werden, aber bis dahin fehlt die Liquidität im Unternehmen.

Wann sollten Sie Steuervorauszahlungen anpassen lassen?

Eine Anpassung ist sinnvoll, wenn die festgesetzten Vorauszahlungen nicht mehr zur aktuellen wirtschaftlichen Lage passen. Das gilt vor allem in diesen Fällen:

  • Der Gewinn im laufenden Jahr fällt voraussichtlich deutlich niedriger aus.
  • Das Vorjahr enthielt einen einmaligen Sondereffekt, zum Beispiel einen Großauftrag.
  • Investitionen, Personalkosten oder andere Ausgaben belasten das Ergebnis.
  • Die Auftragslage hat sich verschlechtert.
  • Ihr Unternehmen hat starke saisonale oder konjunkturelle Schwankungen.
  • Es wurden Steuererklärungen spät abgegeben und mehrere Zahlungen treffen zeitlich zusammen.

Gerade bei volatilen Unternehmen ist ein regelmäßiger Blick auf die Vorauszahlungen wichtig. Wer ein sehr gutes Jahr hatte, sollte früh prüfen, ob dieses Ergebnis wirklich wiederholbar ist. Falls nicht, kann ein Antrag auf Herabsetzung sinnvoll sein.

Steuer-Tipp: Vorauszahlungen aktiv steuern

Warten Sie nicht, bis die nächste Rate fällig ist. Prüfen Sie Ihre Vorauszahlungen mindestens quartalsweise anhand aktueller Buchhaltungszahlen. Eine aktuelle BWA, Summen- und Saldenliste sowie eine realistische Gewinnprognose sind die beste Grundlage, um Vorauszahlungen sauber anzupassen.

Welche Fristen und Termine gelten?

Für Einkommensteuer-Vorauszahlungen gelten die gesetzlichen Zahlungstermine 10. März, 10. Juni, 10. September und 10. Dezember. Vorauszahlungen werden bei der Einkommensteuer nur festgesetzt, wenn sie mindestens 400 Euro im Kalenderjahr und mindestens 100 Euro für einen Vorauszahlungszeitpunkt betragen.

Für Körperschaftsteuer-Vorauszahlungen gelten die Einkommensteuer-Vorschriften grundsätzlich entsprechend, soweit das Körperschaftsteuergesetz nichts Abweichendes regelt. Bei einem vom Kalenderjahr abweichenden Wirtschaftsjahr enthält § 31 Abs. 2 KStG eine Sonderregel zur zeitlichen Entrichtung während des Wirtschaftsjahrs.

Für Gewerbesteuer-Vorauszahlungen gelten die Termine 15. Februar, 15. Mai, 15. August und 15. November. Die einzelne Vorauszahlung wird nur festgesetzt, wenn sie mindestens 50 Euro beträgt.

Fällt das Ende einer steuerlichen Frist auf einen Samstag, Sonntag oder gesetzlichen Feiertag, endet die Frist grundsätzlich mit Ablauf des nächsten Werktags. Bei behördlich gesetzten Terminen ist allerdings Vorsicht geboten, weil § 108 Abs. 5 AO hierfür eine abweichende Regel enthält.

Die größte Falle: verspätete Steuererklärungen

Viele Unternehmer empfinden Vorauszahlungen nicht deshalb als belastend, weil sie grundsätzlich falsch wären. Belastend wird es, wenn mehrere Dinge gleichzeitig passieren:

Sie geben zum Beispiel die Steuererklärung für 2024 erst sehr spät ab. 2024 war ein gutes Jahr. Dadurch kommt es zu einer hohen Nachzahlung. Gleichzeitig setzt das Finanzamt Vorauszahlungen für 2025 oder 2026 fest. Im schlimmsten Fall treffen Nachzahlung, laufende Vorauszahlungen und angepasste künftige Vorauszahlungen aufeinander.

Genau dann entsteht der Eindruck: „Das Finanzamt nimmt mir auf einmal alles weg.“ Tatsächlich liegt das Problem oft in der fehlenden Struktur: verspätete Buchhaltung, verspätete Jahresabschlüsse, fehlende Gewinnprognosen und keine laufende Steuerplanung.

Die reguläre Abgabefrist für Steuererklärungen beträgt grundsätzlich sieben Monate nach Ablauf des Kalenderjahres. Bei steuerlich beratenen Steuerpflichtigen gelten für bestimmte Erklärungen verlängerte Fristen, grundsätzlich bis zum letzten Tag des Monats Februar des zweiten auf den Besteuerungszeitraum folgenden Kalenderjahres; das Finanzamt kann Erklärungen unter bestimmten Voraussetzungen aber auch früher anfordern.

Achtung: Zu niedrige Vorauszahlungen können später teuer werden

Eine Herabsetzung sollte nicht zu optimistisch beantragt werden. Wenn die Vorauszahlungen zu stark reduziert werden und der Gewinn am Ende doch höher ausfällt, kommt es später zu einer Abschlusszahlung.

Zusätzlich können Nachzahlungszinsen nach § 233a AO relevant werden. Für Zinsen nach § 233a AO gilt ab dem 1. Januar 2019 ein Zinssatz von 0,15 Prozent pro Monat, also 1,8 Prozent pro Jahr.

Auch Säumniszuschläge sollten nicht unterschätzt werden. Wird eine festgesetzte Steuer nicht rechtzeitig gezahlt, kann nach § 240 Abs. 1 AO für jeden angefangenen Monat der Säumnis ein Säumniszuschlag von 1 Prozent des abgerundeten rückständigen Steuerbetrags entstehen.

Wie stellen Sie den Antrag auf Anpassung richtig?

Ein Antrag auf Anpassung oder Herabsetzung von Vorauszahlungen sollte gut begründet sein. Ein bloßer Hinweis wie „Der Gewinn wird niedriger ausfallen“ reicht in der Praxis oft nicht aus.

Ein guter Antrag enthält:

  • die betroffene Steuerart, zum Beispiel Einkommensteuer, Körperschaftsteuer oder Gewerbesteuer,
  • den aktuellen Vorauszahlungsbescheid,
  • aktuelle betriebswirtschaftliche Auswertungen,
  • eine realistische Gewinnprognose für das laufende Jahr,
  • eine Erklärung, warum das laufende Jahr vom Vorjahr abweicht,
  • Hinweise auf Einmaleffekte, Investitionen, Kostensteigerungen oder Auftragsrückgänge,
  • einen konkreten Antrag, auf welchen Betrag die Vorauszahlungen angepasst werden sollen.

Für Einkommensteuer-Vorauszahlungen erlaubt § 37 EStG eine Anpassung an die Steuer, die sich für den Veranlagungszeitraum voraussichtlich ergeben wird. Bei der Gewerbesteuer kann die Gemeinde die Vorauszahlungen anpassen, die sich für den Erhebungszeitraum voraussichtlich ergeben.

Praxisfall: Gutes Vorjahr, schwaches Folgejahr

Ein typischer Fall aus der Praxis:

Ein Unternehmen hatte 2024 ein sehr gutes Jahr. Die Steuererklärung wird aber erst spät erstellt. 2025 läuft deutlich schwächer. Wenn nun nur das gute Jahr 2024 beim Finanzamt sichtbar ist, können die Vorauszahlungen zu hoch ausfallen.

In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, nicht nur einen Antrag auf Herabsetzung zu stellen, sondern auch die Folgejahre möglichst zügig aufzuarbeiten. So erkennt das Finanzamt, dass das gute Jahr kein dauerhafter Maßstab ist.

Das ersetzt keine Einzelfallprüfung. Aber es zeigt: Wer aktuelle Zahlen liefert, hat deutlich bessere Chancen, Vorauszahlungen realistisch festsetzen zu lassen.

Tipp: Jetzt Steuervorauszahlungen berechnen

https://www.steuerschroeder.de/Steuerrechner/Einkommensteuer-Vorauszahlung.html

Checkliste: So vermeiden Sie Liquiditätsfallen

Prüfen Sie diese Punkte regelmäßig:

  1. Liegt der aktuelle Vorauszahlungsbescheid vor?
  2. Welche Steuerarten sind betroffen: Einkommensteuer, Körperschaftsteuer oder Gewerbesteuer?
  3. Welche Fälligkeitstermine stehen an?
  4. Stimmen die Vorauszahlungen noch mit der aktuellen Gewinnentwicklung überein?
  5. Gibt es Einmaleffekte aus dem Vorjahr?
  6. Liegt eine aktuelle BWA vor?
  7. Gibt es offene Steuererklärungen aus Vorjahren?
  8. Wurde die Liquidität für Nachzahlungen und Vorauszahlungen eingeplant?
  9. Ist ein Antrag auf Herabsetzung sinnvoll?
  10. Wurde der neue Vorauszahlungsbescheid nach Antragstellung geprüft?

FAQ: Häufige Fragen zu Steuervorauszahlungen

Was sind Steuervorauszahlungen?

Steuervorauszahlungen sind laufende Abschläge auf die Steuer, die für das aktuelle Jahr voraussichtlich entsteht. Bei der Einkommensteuer sind Vorauszahlungen gesetzlich am 10. März, 10. Juni, 10. September und 10. Dezember vorgesehen.

Kann ich Steuervorauszahlungen herabsetzen lassen?

Ja. Wenn die voraussichtliche Steuer im laufenden Jahr niedriger ausfällt als bisher angenommen, kann ein Antrag auf Anpassung gestellt werden. Bei der Einkommensteuer sieht § 37 EStG eine Anpassung an die voraussichtliche Steuer vor.

Wann lohnt sich ein Antrag?

Ein Antrag lohnt sich vor allem bei sinkenden Gewinnen, Einmaleffekten im Vorjahr, Investitionen, Auftragsrückgängen oder starken Schwankungen im Geschäftsverlauf.

Bekomme ich zu viel gezahlte Vorauszahlungen zurück?

Ja. Ergibt sich nach der Steuerabrechnung ein Überschuss zugunsten des Steuerpflichtigen, wird dieser nach Bekanntgabe des Steuerbescheids ausgezahlt.

Welche Termine gelten bei Gewerbesteuer-Vorauszahlungen?

Gewerbesteuer-Vorauszahlungen sind grundsätzlich am 15. Februar, 15. Mai, 15. August und 15. November zu entrichten.

Was passiert, wenn Vorauszahlungen zu niedrig waren?

Dann kann es bei der späteren Steuerveranlagung zu einer Abschlusszahlung kommen. Je nach zeitlichem Ablauf können außerdem Nachzahlungszinsen nach § 233a AO entstehen. Für diese Zinsen gilt seit dem 1. Januar 2019 ein Zinssatz von 0,15 Prozent pro Monat beziehungsweise 1,8 Prozent pro Jahr.

Was passiert, wenn ich eine Vorauszahlung nicht rechtzeitig zahle?

Bei verspäteter Zahlung kann ein Säumniszuschlag entstehen. Dieser beträgt nach § 240 Abs. 1 AO grundsätzlich 1 Prozent des abgerundeten rückständigen Steuerbetrags für jeden angefangenen Monat der Säumnis.

Kann der Antrag über ELSTER gestellt werden?

Ja. ELSTER stellt ein Formular „Antrag auf Anpassung von Vorauszahlungen“ bereit. Der Antrag sollte mit belastbaren Zahlen und einer nachvollziehbaren Prognose ergänzt werden.

Fazit: Vorauszahlungen sind kein Problem – fehlende Planung schon

Steuervorauszahlungen sind nicht automatisch schlecht. Sie werden erst dann zum Problem, wenn sie auf alten Zahlen beruhen, nicht zur aktuellen Gewinnentwicklung passen oder mit verspäteten Steuererklärungen zusammentreffen.

Für Unternehmer ist deshalb entscheidend: Buchhaltung aktuell halten, Jahresabschlüsse pünktlich erstellen, Gewinnentwicklung laufend beobachten und Vorauszahlungen bei Bedarf rechtzeitig anpassen lassen.

Wer das Thema aktiv steuert, schützt seine Liquidität und vermeidet unangenehme Überraschungen.

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Disclaimer

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

Quellenverzeichnis

  • § 37 EStG – Einkommensteuer-Vorauszahlungen, Zahlungstermine, Anpassung und Mindestbeträge; Rechtsstand geprüft am 21.08.2026.
  • § 36 EStG – Anrechnung, Abschlusszahlung und Auszahlung von Überschüssen; Rechtsstand geprüft am 21.08.2026.
  • § 31 KStG – Anwendung einkommensteuerlicher Regelungen auf Körperschaftsteuer, Entrichtung und Festsetzung; Rechtsstand geprüft am 21.08.2026.
  • § 19 GewStG – Gewerbesteuer-Vorauszahlungen, Termine, Anpassung und Mindestbetrag; Rechtsstand geprüft am 21.08.2026.
  • § 20 GewStG – Abrechnung über Gewerbesteuer-Vorauszahlungen; Rechtsstand geprüft am 21.08.2026.
  • § 149 AO – Abgabe von Steuererklärungen und Fristen; Rechtsstand geprüft am 21.08.2026.
  • § 108 AO – Fristen und Termine bei Samstag, Sonntag und Feiertag; Rechtsstand geprüft am 21.08.2026.
  • § 233a AO – Verzinsung von Steuernachforderungen und Steuererstattungen; Rechtsstand geprüft am 21.08.2026.
  • § 238 AO – Zinssatz für Zinsen nach § 233a AO; Rechtsstand geprüft am 21.08.2026.
  • § 240 AO – Säumniszuschläge; Rechtsstand geprüft am 21.08.2026.
  • ELSTER – Formular „Antrag auf Anpassung von Vorauszahlungen“; geprüft am 21.08.2026.

BFH: Schweizer Unfalltaggeld unterliegt dem Progressionsvorbehalt

BFH VI R 26/24: Schweizer Unfalltaggeld ist steuerfrei, erhöht aber bei unbeschränkter Steuerpflicht den Steuersatz.
Rechtsstand: 21.08.2026

BFH-Urteil: Steuerfrei heißt nicht steuerlich folgenlos

Das Taggeld der gesetzlichen Schweizer Unfallversicherung ist bei in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtigen Personen zwar steuerfrei. Es kann aber trotzdem die Einkommensteuer erhöhen. Der Grund: Nach dem Urteil des Bundesfinanzhofs vom 24.06.2026 – VI R 26/24 unterliegt das Schweizer Unfalltaggeld dem Progressionsvorbehalt nach § 32b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. k EStG. Der BFH begründet dies damit, dass das Schweizer Taggeld mit dem deutschen Krankengeld nach dem SGB V vergleichbar ist.

Für Grenzgängerinnen und Grenzgänger mit Wohnsitz in Deutschland und Arbeitsort in der Schweiz ist die Entscheidung besonders relevant. Das Taggeld wird nicht wie normaler Arbeitslohn besteuert. Es erhöht aber den Steuersatz, der auf das übrige steuerpflichtige Einkommen angewendet wird.

Kernaussage:
Das Schweizer Unfalltaggeld bleibt steuerfrei, kann aber über den Progressionsvorbehalt zu einer höheren Einkommensteuer auf das übrige Einkommen führen.

Worum ging es im Streitfall?

Der Kläger wohnte in Deutschland und arbeitete bei einem Schweizer Arbeitgeber. Er war Grenzgänger im Sinne von Art. 15a DBA-Schweiz und wurde in Deutschland zusammen mit seiner Ehefrau zur Einkommensteuer veranlagt. Aufgrund seiner Beschäftigung in der Schweiz war er obligatorisch in der gesetzlichen Schweizer Unfallversicherung nach dem UVG versichert.

Im Streitjahr erlitt der Kläger einen privaten Fahrradunfall, also einen Nichtberufsunfall. In seinem Bruttolohn waren neben einem Krankentaggeld auch Leistungen der Schweizer Unfallversicherung enthalten. Das Finanzamt behandelte die Taggelder als steuerfrei, bezog sie aber in den Progressionsvorbehalt ein. Dagegen wandten sich die Kläger – ohne Erfolg. Der BFH wies die Revision zurück.

Was bedeutet Progressionsvorbehalt?

Der Progressionsvorbehalt bedeutet: Eine Leistung wird nicht direkt besteuert, erhöht aber den Steuersatz für das übrige steuerpflichtige Einkommen.

Einfach gesagt:

  • Das Schweizer Unfalltaggeld selbst bleibt steuerfrei.
  • Es wird aber bei der Berechnung des persönlichen Steuersatzes berücksichtigt.
  • Dieser höhere Steuersatz wird anschließend auf das zu versteuernde Einkommen angewendet.

Nach § 32b EStG wird bei bestimmten steuerfreien Lohnersatzleistungen ein besonderer Steuersatz angewendet. Dazu gehören unter anderem Krankengeld und vergleichbare ausländische steuerfreie Leistungen, wenn entsprechende Leistungen inländischer öffentlicher Kassen ebenfalls dem Progressionsvorbehalt unterliegen.

Achtung / Häufiger Fehler:
„Steuerfrei“ bedeutet nicht automatisch „ohne Auswirkung auf die Steuer“. Gerade bei Lohnersatzleistungen kann der Progressionsvorbehalt die Steuerbelastung spürbar erhöhen.

Warum ist das Schweizer Unfalltaggeld steuerfrei?

Der BFH ordnet das Schweizer Unfalltaggeld als steuerfreie Leistung nach § 3 Nr. 2 Buchst. e EStG in Verbindung mit § 3 Nr. 1 Buchst. a EStG ein. § 3 Nr. 1 Buchst. a EStG stellt Leistungen aus einer Krankenversicherung, Pflegeversicherung und gesetzlichen Unfallversicherung steuerfrei. § 3 Nr. 2 Buchst. e EStG erfasst vergleichbare Leistungen ausländischer Rechtsträger mit Sitz unter anderem in der Schweiz.

Das Schweizer Taggeld fällt nach Auffassung des BFH unter diese Regelung, weil es mit einer steuerfreien Leistung aus einer inländischen Krankenversicherung vergleichbar ist. Entscheidend war dabei nicht, ob die Leistung formal von einer „öffentlichen Kasse“ im deutschen Sinn stammt. Für die Steuerfreiheit kommt es auf die Vergleichbarkeit der Leistung an.

Warum ist das Taggeld mit deutschem Krankengeld vergleichbar?

Der BFH stellt auf die Funktion der Leistung ab. Sowohl das Schweizer Unfalltaggeld als auch das deutsche Krankengeld sollen Arbeitnehmer gegen den Lohnausfall absichern, der durch Arbeitsunfähigkeit entsteht.

Nach Schweizer UVG haben Versicherte bei voller oder teilweiser Arbeitsunfähigkeit infolge eines Unfalls Anspruch auf Taggeld. Der Anspruch entsteht am dritten Tag nach dem Unfalltag und beträgt bei voller Arbeitsunfähigkeit 80 Prozent des versicherten Verdienstes.

Das deutsche Krankengeld setzt ebenfalls Arbeitsunfähigkeit voraus. Gesetzlich Versicherte haben nach § 44 Abs. 1 SGB V Anspruch auf Krankengeld, wenn Krankheit sie arbeitsunfähig macht. Die Höhe beträgt nach § 47 Abs. 1 Satz 1 SGB V grundsätzlich 70 Prozent des regelmäßigen Arbeitsentgelts und Arbeitseinkommens, soweit es der Beitragsberechnung unterliegt.

Der Unterschied von 80 Prozent beim Schweizer Taggeld und 70 Prozent beim deutschen Krankengeld steht der Vergleichbarkeit nach Ansicht des BFH nicht entgegen. Beide Leistungen sind Geldleistungen, knüpfen an Arbeitsunfähigkeit an und dienen dem Ersatz von Lohnausfall.

Spielt es eine Rolle, ob es ein Berufs- oder Nichtberufsunfall war?

Nein. Für den Progressionsvorbehalt kommt es nach dem BFH nicht darauf an, ob die Arbeitsunfähigkeit durch einen Berufsunfall oder einen Nichtberufsunfall ausgelöst wurde. Im Streitfall ging es ausdrücklich um einen privaten Fahrradunfall, also einen Nichtberufsunfall. Trotzdem unterlag das Taggeld dem Progressionsvorbehalt.

Der Grund: Entscheidend ist die Vergleichbarkeit mit einer inländischen Lohnersatzleistung. Das Schweizer UVG sieht Leistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten vor. Das Taggeld knüpft an die Arbeitsunfähigkeit an – und nicht daran, ob der Unfall beruflich oder privat verursacht wurde.

Ist das Schweizer Taggeld mit einer privaten Unfallversicherung vergleichbar?

Nein. Der BFH grenzt das Schweizer Unfalltaggeld ausdrücklich von Leistungen aus einer privaten Unfallversicherung ab. Eine private Unfallversicherung setzt regelmäßig einen Unfall mit dauerhafter Invalidität oder einem bestimmten Invaliditätsgrad voraus. Das Schweizer Taggeld nach UVG knüpft dagegen bereits an eine volle oder teilweise Arbeitsunfähigkeit an.

Außerdem stellt der BFH klar: Selbst wenn eine gewisse Vergleichbarkeit mit privaten Versicherungsleistungen bestehen würde, wäre das für den Progressionsvorbehalt nicht entscheidend. Nach § 32b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. k EStG kommt es nur darauf an, ob die ausländische steuerfreie Leistung mit Leistungen inländischer öffentlicher Kassen vergleichbar ist.

Steuer-Tipp:
Prüfen Sie bei Schweizer Taggeldleistungen immer genau, aus welcher Versicherung die Zahlung stammt: gesetzliche Unfallversicherung, Krankentaggeldversicherung, private Zusatzversicherung oder Arbeitgeberleistung. Die steuerliche Behandlung kann unterschiedlich sein.

Was bedeutet das Urteil für Grenzgänger in die Schweiz?

Für Grenzgänger mit Wohnsitz in Deutschland bedeutet das Urteil: Schweizer Unfalltaggeld darf nicht einfach als steuerlich „neutral“ behandelt werden. Es ist zwar aus dem steuerpflichtigen Arbeitslohn herauszurechnen, muss aber regelmäßig für den Progressionsvorbehalt erklärt werden, wenn die Voraussetzungen des § 32b EStG erfüllt sind.

Besonders wichtig ist das bei:

  • Arbeitnehmern mit deutschem Wohnsitz und Schweizer Arbeitgeber,
  • Grenzgängern im Sinne von Art. 15a DBA-Schweiz,
  • Taggeldzahlungen nach einem privaten Nichtberufsunfall,
  • Unfalltaggeld, das im Schweizer Lohnausweis oder in Lohnabrechnungen enthalten ist,
  • Fällen, in denen das Finanzamt den Bruttolohn bereits gekürzt, das Taggeld aber dem Progressionsvorbehalt unterworfen hat.

Der BFH hat außerdem klargestellt, dass das DBA-Schweiz den deutschen Progressionsvorbehalt im Streitfall nicht ausschließt. Deutschland durfte den Kläger wegen seines Wohnsitzes mit dem Welteinkommen erfassen; eine Einschränkung ergab sich weder aus Art. 15a noch aus Art. 21 oder Art. 24 Abs. 1 DBA-Schweiz.

Vereinfachtes Beispiel: So wirkt der Progressionsvorbehalt

Ein Grenzgänger erzielt in Deutschland steuerpflichtige Einkünfte von 70.000 Euro. Zusätzlich erhält er wegen eines Unfalls ein steuerfreies Schweizer Unfalltaggeld von 10.000 Euro.

PositionSteuerliche Behandlung
Arbeitslohn / übriges steuerpflichtiges Einkommenwird regulär besteuert
Schweizer Unfalltaggeldsteuerfrei nach § 3 Nr. 2 Buchst. e i. V. m. § 3 Nr. 1 Buchst. a EStG
ProgressionsvorbehaltTaggeld erhöht den Steuersatz für das übrige Einkommen
Ergebniskeine direkte Steuer auf das Taggeld, aber höhere Steuer auf das übrige Einkommen

Die konkrete Mehrbelastung hängt vom individuellen zu versteuernden Einkommen, Familienstand, weiteren Einkünften, Sonderausgaben und außergewöhnlichen Belastungen ab.

Praxis-Checkliste: Was sollten Betroffene prüfen?

  • Wurde Schweizer Unfalltaggeld im Steuerjahr bezogen?
  • Handelt es sich um Taggeld aus der gesetzlichen Schweizer Unfallversicherung nach UVG?
  • Besteht in Deutschland unbeschränkte Steuerpflicht wegen Wohnsitz oder gewöhnlichem Aufenthalt?
  • Wurde das Taggeld im Schweizer Lohnausweis oder in der Lohnabrechnung ausgewiesen?
  • Wurde der Bruttolohn in der deutschen Steuererklärung um das steuerfreie Taggeld gekürzt?
  • Wurde das Taggeld zugleich beim Progressionsvorbehalt erfasst?
  • Liegt ein Berufsunfall, Nichtberufsunfall oder eine Berufskrankheit vor?
  • Gibt es zusätzlich private Versicherungsleistungen, die gesondert zu beurteilen sind?
  • Wurde der Einkommensteuerbescheid bereits erlassen und läuft noch die Einspruchsfrist?

Handlungsempfehlung für Steuererklärung und Einspruch

Wer Schweizer Taggeldleistungen erhalten hat, sollte den Einkommensteuerbescheid genau prüfen. Entscheidend ist, dass die Leistung nicht doppelt belastet wird: Sie darf nicht als regulärer steuerpflichtiger Arbeitslohn besteuert werden, kann aber dem Progressionsvorbehalt unterliegen.

Wurde das Taggeld dagegen sowohl als Arbeitslohn besteuert als auch dem Progressionsvorbehalt unterworfen, sollte der Bescheid überprüft und gegebenenfalls fristgerecht Einspruch eingelegt werden.

Steuer-Tipp:
Bewahren Sie Schweizer Lohnausweis, Taggeldabrechnungen, Unfallversicherungsnachweise und Arbeitgeberbescheinigungen auf. Für die korrekte steuerliche Behandlung ist häufig entscheidend, welche Art von Taggeld gezahlt wurde und ob es im Bruttolohn enthalten war.

Fazit: BFH schafft Klarheit für Schweizer Grenzgänger

Das BFH-Urteil vom 24.06.2026 – VI R 26/24 bringt wichtige Klarheit: Das Taggeld aus der gesetzlichen Schweizer Unfallversicherung ist bei unbeschränkter Steuerpflicht in Deutschland steuerfrei, unterliegt aber dem Progressionsvorbehalt. Maßgeblich ist die Vergleichbarkeit mit deutschem Krankengeld. Ob der Unfall beruflich oder privat veranlasst war, ist für diese Einordnung nicht entscheidend.

Für Grenzgänger bedeutet das: Die Leistung muss in der Steuererklärung sorgfältig eingeordnet werden. Wer Schweizer Taggeld erhalten hat, sollte prüfen lassen, ob der Steuerbescheid die Leistung richtig behandelt.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

FAQ zum BFH-Urteil VI R 26/24

Ist Schweizer Unfalltaggeld in Deutschland steuerpflichtig?

Das Taggeld aus der gesetzlichen Schweizer Unfallversicherung ist nach dem BFH steuerfrei nach § 3 Nr. 2 Buchst. e EStG in Verbindung mit § 3 Nr. 1 Buchst. a EStG. Es unterliegt aber bei unbeschränkter Steuerpflicht dem Progressionsvorbehalt.

Was bedeutet Progressionsvorbehalt beim Schweizer Taggeld?

Das Taggeld selbst wird nicht besteuert. Es erhöht aber den Steuersatz, der auf das übrige steuerpflichtige Einkommen angewendet wird. Grundlage ist § 32b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. k EStG.

Warum vergleicht der BFH das Taggeld mit deutschem Krankengeld?

Beide Leistungen knüpfen an Arbeitsunfähigkeit an und sollen Lohnausfall ersetzen. Das Schweizer Taggeld beträgt bei voller Arbeitsunfähigkeit 80 Prozent des versicherten Verdienstes; das deutsche Krankengeld beträgt nach § 47 Abs. 1 Satz 1 SGB V grundsätzlich 70 Prozent des regelmäßigen Arbeitsentgelts. Die Differenz steht der Vergleichbarkeit nach dem BFH nicht entgegen.

Gilt das auch bei einem privaten Unfall?

Ja. Im Streitfall ging es um einen privaten Fahrradunfall und damit um einen Nichtberufsunfall. Der BFH hielt den Progressionsvorbehalt trotzdem für anwendbar.

Ist das Taggeld mit Leistungen einer privaten Unfallversicherung vergleichbar?

Nein. Der BFH unterscheidet das Schweizer UVG-Taggeld von privaten Unfallversicherungen. Das Taggeld setzt Arbeitsunfähigkeit voraus, während private Unfallversicherungen regelmäßig an einen Körperschaden oder eine dauerhafte Invalidität anknüpfen.

Was sollten Grenzgänger jetzt tun?

Grenzgänger sollten prüfen, ob Schweizer Unfalltaggeld im Bruttolohn enthalten war, ob es aus dem steuerpflichtigen Arbeitslohn herausgerechnet wurde und ob es zutreffend nur dem Progressionsvorbehalt unterworfen wurde.

Linkvorschlag

Quellenverzeichnis

  1. Bundesfinanzhof, Urteil vom 24.06.2026 – VI R 26/24, ECLI:DE:BFH:2026.240626.VIR26.24.0, „Das Taggeld der gesetzlichen Schweizer Unfallversicherung unterliegt bei unbeschränkter Steuerpflicht dem Progressionsvorbehalt“.
  2. § 3 Nr. 1 Buchst. a EStG – Steuerfreiheit von Leistungen aus Krankenversicherung, Pflegeversicherung und gesetzlicher Unfallversicherung; Rechtsstand: 21.08.2026.
  3. § 3 Nr. 2 Buchst. e EStG – Steuerfreiheit vergleichbarer Leistungen ausländischer Rechtsträger mit Sitz unter anderem in der Schweiz; Rechtsstand: 21.08.2026.
  4. § 32b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. k EStG – Progressionsvorbehalt für nach § 3 Nr. 2 Buchst. e EStG steuerfreie vergleichbare ausländische Leistungen; Rechtsstand: 21.08.2026.
  5. § 44 Abs. 1 SGB V – Anspruch auf Krankengeld bei Arbeitsunfähigkeit; Rechtsstand: 21.08.2026.
  6. § 47 Abs. 1 Satz 1 SGB V – Höhe des Krankengeldes, grundsätzlich 70 Prozent des regelmäßigen Arbeitsentgelts; Rechtsstand: 21.08.2026.
  7. Schweizer Bundesgesetz über die Unfallversicherung (UVG), insbesondere Art. 1a, Art. 6, Art. 8, Art. 16 und Art. 17; im BFH-Urteil VI R 26/24 als ausländisches Recht zugrunde gelegt.

BFH: Gewerbeverlust geht beim Tod eines Mitunternehmers anteilig unter

BFH IV R 14/24: Gewerbeverlust einer Mitunternehmerschaft geht beim Tod eines Gesellschafters anteilig unter. Was Erben prüfen sollten.
Rechtsstand: 21.08.2026

BFH bestätigt strenge Linie beim gewerbesteuerlichen Verlustabzug

Der Gewerbeverlust beim Tod eines Mitunternehmers geht anteilig unter. Das hat der Bundesfinanzhof mit Urteil vom 10.06.2026 – IV R 14/24 erneut klargestellt. Scheidet ein Mitunternehmer aus einer Mitunternehmerschaft aus, kann sein Anteil am vortragsfähigen Gewerbeverlust nicht vom Rechtsnachfolger genutzt werden. Das gilt auch dann, wenn der Mitunternehmer verstirbt und sein Mitunternehmeranteil unentgeltlich auf die Erben übergeht. Maßgeblich ist die fehlende Unternehmeridentität.

Für Personengesellschaften, Erben und Nachfolgeplanungen ist die Entscheidung wichtig. Denn ein gewerbesteuerlicher Verlustvortrag kann bei einer KG, OHG oder gewerblich tätigen GbR wirtschaftlich wertvoll sein – er ist aber nicht ohne Weiteres „vererbbar“.

Kernaussage des BFH:
Der auf den verstorbenen Mitunternehmer entfallende Anteil am Gewerbeverlust geht unter. Die Erben treten zwar zivilrechtlich in den Mitunternehmeranteil ein, können den gewerbesteuerlichen Verlustanteil aber mangels Unternehmeridentität nicht nutzen.

Worum ging es im Streitfall?

Ausgangspunkt war eine Mitunternehmerschaft, bei der ein Mitunternehmer verstorben war. Der Mitunternehmeranteil ging unentgeltlich auf seine Erben über. Die Gesellschaft wollte den anteilig auf den verstorbenen Mitunternehmer entfallenden gewerbesteuerlichen Verlustvortrag weiter nutzen. Das Finanzamt kürzte den Verlustvortrag dagegen um den Anteil des ausgeschiedenen Mitunternehmers. Die Vorinstanz, das FG Niedersachsen, hatte den anteiligen Wegfall des Gewerbeverlusts bereits bestätigt.

Der BFH bestätigte diese Sichtweise. Entscheidend ist nicht, dass die Erben den Anteil unentgeltlich erhalten haben. Entscheidend ist, dass die Erben den früheren Gewerbeverlust nicht in eigener Person erlitten haben. Genau das verlangt die BFH-Rechtsprechung zur Unternehmeridentität.

Was regelt § 10a GewStG?

§ 10a GewStG regelt den Gewerbeverlust. Danach wird der maßgebende Gewerbeertrag bis zu einem Betrag von 1 Million Euro um nicht berücksichtigte Fehlbeträge früherer Erhebungszeiträume gekürzt. Ein darüber hinausgehender Gewerbeertrag kann nur zu 60 Prozent mit weiteren Verlustvorträgen verrechnet werden.

Bei einer Mitunternehmerschaft wird der Fehlbetrag den Mitunternehmern grundsätzlich entsprechend dem allgemeinen Gewinnverteilungsschlüssel zugerechnet. Vorabgewinnanteile bleiben dabei außer Betracht. Außerdem ist die Höhe der vortragsfähigen Fehlbeträge gesondert festzustellen.

Das ist der zentrale Punkt: Der Verlustvortrag gehört gewerbesteuerlich nicht einfach „der Personengesellschaft“ als beliebig übertragbarer Vermögenswert. Bei Mitunternehmerschaften wird er anteilig den Mitunternehmern zugeordnet.

Was bedeutet Unternehmeridentität?

Unternehmeridentität bedeutet: Derjenige, der den Gewerbeverlust später nutzen will, muss den Verlust zuvor selbst getragen haben. Der BFH formuliert dies in ständiger Rechtsprechung so, dass der Steuerpflichtige, der den Verlustabzug in Anspruch nimmt, den Gewerbeverlust zuvor in eigener Person erlitten haben muss.

Bei einer Personengesellschaft sind die Gesellschafter, die Mitunternehmerrisiko tragen und Mitunternehmerinitiative entfalten können, die Mitunternehmer des Betriebs. § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG nennt ausdrücklich die Gewinnanteile der Gesellschafter einer OHG, KG oder einer anderen Gesellschaft, bei der der Gesellschafter als Unternehmer beziehungsweise Mitunternehmer des Betriebs anzusehen ist.

Übersetzt für die Praxis:
Der Gewerbeverlust folgt bei Personengesellschaften nicht automatisch dem Gesellschaftsanteil. Wechselt der Mitunternehmer, fehlt für den auf den ausgeschiedenen Gesellschafter entfallenden Verlustanteil grundsätzlich die Unternehmeridentität.

Warum können die Erben den Verlust nicht nutzen?

Zivilrechtlich können Erben in die Stellung des verstorbenen Gesellschafters eintreten. Gewerbesteuerlich reicht das aber nicht. Der BFH stellt auf die persönliche Verlusttragung ab. Die Erben haben den früheren Gewerbeverlust nicht selbst erwirtschaftet oder getragen. Deshalb fehlt ihnen die Unternehmeridentität.

Das gilt nach dem neuen BFH-Urteil ausdrücklich auch bei einem unentgeltlichen Übergang von Todes wegen. Der Tod eines Mitunternehmers wird insoweit nicht günstiger behandelt als ein sonstiges Ausscheiden aus der Mitunternehmerschaft.

Achtung / Häufiger Fehler:
In der Nachfolgeplanung wird der gewerbesteuerliche Verlustvortrag oft wie ein normaler wirtschaftlicher Wert behandelt. Bei Mitunternehmerschaften ist das gefährlich. Der Verlustvortrag kann anteilig untergehen, obwohl der Gesellschaftsanteil selbst auf die Erben übergeht.

Wann wird der Verlustwegfall festgestellt?

Der BFH hat außerdem entschieden, dass über den Wegfall des Verlustanteils im Bescheid über die Feststellung des vortragsfähigen Gewerbeverlustes nach § 10a GewStG zu entscheiden ist, wenn sich im maßgeblichen Erhebungszeitraum kein positiver Gewerbeertrag ergibt.

Das ist verfahrensrechtlich wichtig. Die Höhe der vortragsfähigen Fehlbeträge ist nach § 10a GewStG gesondert festzustellen. Vortragsfähige Fehlbeträge sind die nach der Kürzung des maßgebenden Gewerbeertrags verbleibenden Fehlbeträge zum Schluss des Erhebungszeitraums.

Praxisfolge:
Auch wenn im Todesjahr kein positiver Gewerbeertrag entsteht, kann und muss die Kürzung des vortragsfähigen Gewerbeverlustes bereits im Verlustfeststellungsbescheid auftauchen. Dieser Bescheid sollte daher genau geprüft werden.

Beispiel: So wirkt der Verlustuntergang

Eine KG hat zum 31.12.2025 einen vortragsfähigen Gewerbeverlust von 300.000 Euro. Gesellschafter A ist zu 40 Prozent, Gesellschafter B zu 60 Prozent beteiligt. A verstirbt im Jahr 2026; sein Anteil geht auf seine Kinder über.

PositionBetrag
Vortragsfähiger Gewerbeverlust gesamt300.000 Euro
Anteil A, 40 Prozent120.000 Euro
Anteil B, 60 Prozent180.000 Euro
Nach BFH-Rechtsprechung gefährdeter Verlustanteil A120.000 Euro

Der auf A entfallende Verlustanteil von 120.000 Euro geht grundsätzlich unter. Die Kinder können diesen Anteil nicht nutzen, weil sie den Verlust nicht in eigener Person erlitten haben. Der auf B entfallende Verlustanteil bleibt demgegenüber grundsätzlich erhalten, soweit die weiteren Voraussetzungen des § 10a GewStG erfüllt sind. Grundlage ist die BFH-Rechtsprechung, wonach der Verlustabzug beim Ausscheiden eines Gesellschafters verloren geht, soweit er anteilig auf diesen ausgeschiedenen Gesellschafter entfällt.

Gilt das auch bei Schenkung oder Verkauf eines Mitunternehmeranteils?

Ja, die Grundsätze sind nicht auf Todesfälle beschränkt. Der BFH knüpft allgemein an das Ausscheiden eines Mitunternehmers an. Scheidet ein Gesellschafter aus der Personengesellschaft aus, geht der auf ihn entfallende Verlustabzug grundsätzlich unter.

Das gilt insbesondere bei:

  • Verkauf eines Mitunternehmeranteils,
  • unentgeltlicher Übertragung im Wege vorweggenommener Erbfolge,
  • Ausscheiden eines Gesellschafters gegen Abfindung,
  • Tod eines Mitunternehmers mit Übergang auf Erben.

Entscheidend ist immer, ob derjenige, der den Verlust künftig nutzen will, mit demjenigen identisch ist, der den Verlust zuvor getragen hat.

Helfen § 8c KStG oder § 8d KStG?

In der Praxis wird häufig gefragt, ob die körperschaftsteuerlichen Sonderregelungen zu Verlusten helfen können. § 10a GewStG verweist zwar auf § 8c KStG und § 8d KStG. Der Verweis ist aber nicht grenzenlos. Er betrifft nach dem Gesetzeswortlaut insbesondere Fehlbeträge, die einer Körperschaft unmittelbar oder mittelbar zuzurechnen sind, beziehungsweise Fälle mit gesondert festgestelltem fortführungsgebundenem Verlustvortrag.

Bei einer typischen Familien-KG, an der natürliche Personen beteiligt sind, wird dieser Verweis regelmäßig nicht helfen. Die Vorinstanz hatte eine Anwendung von § 8c KStG beziehungsweise § 8d KStG auf den erbfallbedingten Wegfall des auf einen verstorbenen Mitunternehmer entfallenden Gewerbeverlusts abgelehnt.

Steuer-Tipp:
Prüfen Sie bei Personen- und Familiengesellschaften mit hohen Gewerbeverlusten frühzeitig, welcher Gesellschafter welchen Verlustanteil trägt. Bei geplanter Nachfolge sollte der Verlustvortrag nicht erst im Erbfall betrachtet werden.

Was bedeutet das Urteil für Personengesellschaften?

Das Urteil betrifft vor allem gewerblich tätige oder gewerblich geprägte Personengesellschaften, etwa:

  • GmbH & Co. KG,
  • OHG,
  • gewerbliche GbR,
  • atypisch stille Gesellschaften,
  • mehrstöckige Personengesellschaftsstrukturen.

Für diese Gesellschaften kann der vortragsfähige Gewerbeverlust ein erheblicher steuerlicher Faktor sein. Gerade bei Sanierungen, Start-up-Verlustphasen, Immobilienprojektgesellschaften oder Familienunternehmen kann der Verlustvortrag künftige Gewerbesteuerbelastungen mindern. Fällt ein Mitunternehmer weg, kann der auf ihn entfallende Anteil jedoch verloren sein.

Praxis-Checkliste: Das sollten Sie jetzt prüfen

  • Welche vortragsfähigen Gewerbeverluste sind für die Mitunternehmerschaft festgestellt?
  • Auf welche Mitunternehmer entfallen die Verlustanteile?
  • Gibt es aktuelle oder geplante Veränderungen im Gesellschafterbestand?
  • Enthält der Gesellschaftsvertrag klare Regelungen zur Gewinn- und Verlustverteilung?
  • Wurden Vorabgewinnanteile bei der Verlustzurechnung zutreffend außer Betracht gelassen?
  • Ist im Todes-, Verkaufs- oder Übertragungsjahr ein positiver Gewerbeertrag entstanden?
  • Enthält der Verlustfeststellungsbescheid eine Kürzung wegen Wegfalls der Unternehmeridentität?
  • Läuft noch die Einspruchsfrist gegen den Verlustfeststellungsbescheid?
  • Sollte vor einer geplanten Anteilsübertragung eine steuerliche Strukturprüfung erfolgen?

Typische Beratungsfälle nach dem BFH-Urteil

FallSteuerliches Risiko
Tod eines KommanditistenDer auf ihn entfallende Gewerbeverlust geht anteilig unter.
Übertragung eines KG-Anteils auf KinderDer Verlustanteil des übertragenden Elternteils ist beim Rechtsnachfolger grundsätzlich nicht nutzbar.
Eintritt neuer GesellschafterNeue Gesellschafter können alte Verlustanteile regelmäßig nicht nutzen.
Familien-KG mit hohen AnlaufverlustenVerlustvorträge sollten vor Nachfolge- oder Erbfällen analysiert werden.
Verlustfeststellungsbescheid ohne positiven GewerbeertragDer Verlustwegfall kann trotzdem bereits im Feststellungsbescheid zu berücksichtigen sein.

Handlungsempfehlung für Erben und Gesellschafter

Wenn ein Mitunternehmer verstorben ist oder eine Anteilsübertragung bevorsteht, sollte der vortragsfähige Gewerbeverlust kurzfristig geprüft werden. Wichtig ist nicht nur die absolute Höhe des Verlustvortrags, sondern vor allem seine Zuordnung zu den einzelnen Mitunternehmern.

Bei laufenden Verfahren sollte der Bescheid über die Feststellung des vortragsfähigen Gewerbeverlustes sorgfältig kontrolliert werden. Der BFH macht deutlich, dass über den Wegfall eines Verlustanteils in diesem Bescheid zu entscheiden ist, wenn im maßgeblichen Erhebungszeitraum kein positiver Gewerbeertrag entsteht.

Fazit: Gewerbesteuerliche Verlustvorträge sind nicht automatisch vererbbar

Das BFH-Urteil vom 10.06.2026 – IV R 14/24 bestätigt die strenge Rechtsprechung zur Unternehmeridentität. Bei Mitunternehmerschaften geht der auf einen ausgeschiedenen Gesellschafter entfallende Gewerbeverlust grundsätzlich unter. Das gilt auch beim Tod eines Mitunternehmers und beim unentgeltlichen Übergang des Mitunternehmeranteils auf die Erben.

Für Familienunternehmen und Personengesellschaften bedeutet das: Gewerbesteuerliche Verlustvorträge gehören zwingend in jede Nachfolgeplanung. Wer erst nach dem Erbfall prüft, kann steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten bereits verloren haben.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

FAQ zum BFH-Urteil IV R 14/24

Können Erben den Gewerbeverlust eines verstorbenen Mitunternehmers nutzen?

Nein. Nach dem BFH können Erben den auf den verstorbenen Mitunternehmer entfallenden Gewerbeverlust mangels Unternehmeridentität nicht nutzen. Das gilt auch bei unentgeltlichem Übergang des Mitunternehmeranteils von Todes wegen.

Was bedeutet Unternehmeridentität bei § 10a GewStG?

Unternehmeridentität bedeutet, dass derjenige, der den Verlustabzug geltend machen will, den Gewerbeverlust zuvor selbst erlitten haben muss. Diese Voraussetzung verlangt der BFH in ständiger Rechtsprechung neben der Unternehmensidentität.

Geht der gesamte Gewerbeverlust der Personengesellschaft unter?

Nicht zwingend. Der Verlust geht grundsätzlich nur insoweit unter, wie er anteilig auf den ausgeschiedenen Mitunternehmer entfällt. Die Verlustanteile der verbleibenden Mitunternehmer bleiben grundsätzlich erhalten, wenn die weiteren Voraussetzungen erfüllt sind.

Wo wird der Verlustwegfall festgestellt?

Der BFH stellt klar, dass über den Wegfall des Verlustanteils im Bescheid über die Feststellung des vortragsfähigen Gewerbeverlustes nach § 10a GewStG zu entscheiden ist, wenn im maßgeblichen Erhebungszeitraum kein positiver Gewerbeertrag entsteht.

Gilt das Urteil nur bei Erbfällen?

Nein. Der BFH knüpft allgemein an das Ausscheiden eines Mitunternehmers an. Der Erbfall ist nur ein besonders praxisrelevanter Anwendungsfall.

Was sollten Personengesellschaften jetzt tun?

Personengesellschaften sollten ihre festgestellten Gewerbeverluste mit Blick auf die Verlustzuordnung je Mitunternehmer prüfen. Bei anstehenden Nachfolgen, Schenkungen, Verkäufen oder Erbfällen sollte der mögliche Verlustuntergang vorab steuerlich analysiert werden.

Quellenverzeichnis

  1. Bundesfinanzhof, Urteil vom 10.06.2026 – IV R 14/24, Leitsatz veröffentlicht über DATEV mit Quellenangabe „Bundesfinanzhof“; Volltext laut DATEV/LEXinform noch in Vorbereitung.
  2. § 10a GewStG – Gewerbeverlust, Mindestbesteuerung, Zurechnung bei Mitunternehmerschaften und gesonderte Feststellung vortragsfähiger Fehlbeträge; Rechtsstand: 21.08.2026.
  3. BFH, Urteil vom 12.11.2020 – IV R 29/18, zur Unternehmeridentität und zum Wegfall des anteiligen Verlustabzugs beim Ausscheiden eines Gesellschafters.
  4. BFH, Urteil vom 11.10.2012 – IV R 3/09, zur Unternehmer- und Unternehmensidentität beim Verlustabzug nach § 10a GewStG.
  5. FG Niedersachsen, Urteil vom 04.07.2024 – 9 K 309/21, Vorinstanz zu BFH IV R 14/24.
  6. § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG – Mitunternehmerstellung bei OHG, KG und anderen Personengesellschaften; Rechtsstand: 21.08.2026.
  7. § 8c KStG und § 8d KStG – Verlustabzug bei Körperschaften und fortführungsgebundener Verlustvortrag, relevant über die Verweise in § 10a GewStG.

BFH: Bodenwert im Sachwertverfahren bei Schenkungsteuer

BFH II R 7/24: Bodenwert im Sachwertverfahren zählt nach rechtlich möglicher Bebauung. Was Beschenkte jetzt prüfen sollten.
Rechtsstand: 21.08.2026

BFH-Urteil: Rechtlich mögliche Bebauung zählt – nicht die höhere Bestandsbebauung

Der Bodenwert im Sachwertverfahren bei Schenkungsteuer kann erheblichen Einfluss auf die Höhe der Steuer haben. Das gilt besonders bei Immobilien in Lagen mit hohen Bodenrichtwerten. Der Bundesfinanzhof hat mit Urteil vom 17.06.2026 – II R 7/24 entschieden: Weicht die Geschossflächenzahl oder wertrelevante Geschossflächenzahl des zu bewertenden Grundstücks vom Bodenrichtwertgrundstück ab, muss der Bodenrichtwert anhand von Umrechnungskoeffizienten angepasst werden. Maßgeblich ist dabei grundsätzlich die rechtlich mögliche Bebauung – nicht eine höhere tatsächliche Bebauung, die lediglich Bestandsschutz genießt.

Für Immobilieneigentümer, Beschenkte und Erben ist das Urteil praxisrelevant. Denn eine falsche GFZ- oder WGFZ-Anpassung kann den festgestellten Grundbesitzwert und damit die Schenkungsteuer deutlich erhöhen.

Worum ging es im BFH-Fall II R 7/24?

Im Streitfall wurde Wohnungseigentum für Zwecke der Schenkungsteuer bewertet. Das Gebäude war tatsächlich mit einer WGFZ von 0,65 bebaut. Der später in Kraft getretene Bebauungsplan ließ jedoch nur noch eine GFZ von maximal 0,4 zu. Der Gutachterausschuss hatte für die Bodenrichtwertzone einen Bodenrichtwert von 1.700 Euro/m² auf Grundlage einer WGFZ von 0,5 ermittelt.

Das Finanzamt passte den Bodenrichtwert an die tatsächlich vorhandene höhere Bebauung mit WGFZ 0,65 an und kam dadurch auf einen Bodenrichtwert von 1.929,13 Euro/m². Das Finanzgericht stellte dagegen auf die niedrigere rechtlich mögliche GFZ von 0,4 ab. Der BFH bestätigte zwar, dass nicht die höhere Bestandsbebauung maßgeblich ist. Er stellte aber zugleich klar: Wenn der Bodenrichtwert auf einer WGFZ beruht, darf die Anpassung nicht einfach anhand der bauplanungsrechtlichen GFZ erfolgen.

Was ist der Unterschied zwischen GFZ und WGFZ?

Die GFZ, also Geschossflächenzahl, ist ein bauplanungsrechtlicher Begriff. Sie beschreibt vereinfacht, wie viel Geschossfläche im Verhältnis zur Grundstücksfläche zulässig ist.

Die WGFZ, also wertrelevante Geschossflächenzahl, ist stärker auf die Immobilienbewertung ausgerichtet. Sie kann auch wirtschaftlich nutzbare Flächen berücksichtigen, die bei der reinen GFZ nicht in gleicher Weise zählen – etwa Dachgeschossflächen.

Genau dieser Unterschied war im BFH-Fall entscheidend. Der Gutachterausschuss hatte den Bodenrichtwert auf Grundlage einer WGFZ von 0,5 ermittelt. Deshalb musste auch die Anpassung des Bodenrichtwerts auf WGFZ-Basis erfolgen. Das Finanzgericht hatte dagegen unzutreffend auf die GFZ aus dem Bebauungsplan abgestellt.

Warum ist der Bodenwert bei der Schenkungsteuer so wichtig?

Bei der Schenkung von Grundbesitz wird der Grundbesitz grundsätzlich mit dem auf den Bewertungsstichtag festgestellten Wert angesetzt. Das ergibt sich aus § 12 Abs. 3 ErbStG in Verbindung mit dem Bewertungsgesetz.

Bei bebauten Grundstücken richtet sich das Bewertungsverfahren nach § 182 BewG. Wohnungseigentum ist grundsätzlich im Vergleichswertverfahren zu bewerten. Liegt kein Vergleichswert vor, kommt das Sachwertverfahren zur Anwendung.

Im Sachwertverfahren werden Gebäudesachwert und Bodenwert getrennt ermittelt. Der Bodenwert ist nach § 189 Abs. 2 BewG der Wert des unbebauten Grundstücks.

Für unbebaute Grundstücke bestimmt sich der Wert regelmäßig nach der Fläche und den Bodenrichtwerten. Diese Bodenrichtwerte werden von den Gutachterausschüssen ermittelt und den Finanzämtern mitgeteilt. Maßgeblich ist der Bodenrichtwert, der zuletzt vor dem Bewertungsstichtag zu ermitteln war. Grundlage ist § 179 BewG.

Wann muss der Bodenrichtwert angepasst werden?

Der BFH bestätigt seine bisherige Linie: Weicht die GFZ oder WGFZ des zu bewertenden Grundstücks vom Bodenrichtwertgrundstück ab, ist eine Anpassung anhand von Umrechnungskoeffizienten geboten. Vorrangig sind die vom Gutachterausschuss vorgegebenen Differenzierungen und Koeffizienten zu beachten.

Vereinfachte Formel:

Angepasster Bodenrichtwert =
Bodenrichtwert × Umrechnungskoeffizient Bewertungsgrundstück
÷ Umrechnungskoeffizient Bodenrichtwertgrundstück

Im Streitfall lagen folgende Werte vor:

WertBedeutung
1.700 Euro/m²Bodenrichtwert des Gutachterausschusses
WGFZ 0,5Bezugsgröße des Bodenrichtwertgrundstücks
WGFZ 0,65tatsächliche Bestandsbebauung
GFZ 0,4maximal zulässige GFZ laut Bebauungsplan
0,627 / 0,690 / 0,783Umrechnungskoeffizienten für WGFZ 0,4 / 0,5 / 0,65

Der BFH kam im konkreten Fall zu dem Ergebnis, dass der Bodenrichtwert mit 1.700 Euro/m² anzusetzen war. Grund: Bei Einbeziehung eines genehmigungsfähigen Dachgeschosses ergab sich eine rechtlich mögliche WGFZ von 0,534, die der WGFZ des Bodenrichtwertgrundstücks von 0,5 nahezu entsprach.

Zählt eine höhere tatsächliche Bebauung mit Bestandsschutz?

Nein – jedenfalls nicht im typisierten Sachwertverfahren.

Der BFH stellt ausdrücklich klar: Für die Anpassung des Bodenrichtwerts ist die rechtlich mögliche Bebauung entscheidend. Eine höhere tatsächliche Nutzung, die unter Bestandsschutz steht, bleibt bei der typisierten Ermittlung des Bodenwerts außer Betracht.

Der Grund ist die Systematik des Sachwertverfahrens. Der Bodenwert wird so ermittelt, als wäre das Grundstück unbebaut. Die vorhandene Bebauung wird dagegen über den Gebäudesachwert berücksichtigt. Würde die höhere Bestandsbebauung zusätzlich den Bodenwert erhöhen, könnte derselbe wirtschaftliche Vorteil doppelt einfließen.

Achtung: Häufiger Fehler
Viele Bewertungen stellen vorschnell auf die tatsächlich vorhandene Bebauung ab. Nach dem BFH ist das im typisierten Sachwertverfahren falsch, wenn die höhere Bebauung nur bestandsgeschützt ist. Entscheidend ist zunächst die rechtlich mögliche Nutzung.

Wann hilft der Nachweis eines niedrigeren gemeinen Werts?

Wenn die typisierte Bewertung zu einem überhöhten Wert führt, kann der Steuerpflichtige einen niedrigeren gemeinen Wert nachweisen. Diese Möglichkeit ergibt sich aus § 198 BewG.

Als Nachweis kommt regelmäßig ein Gutachten des zuständigen Gutachterausschusses oder eines qualifizierten Sachverständigen in Betracht. Auch ein Kaufpreis innerhalb eines Jahres vor oder nach dem Bewertungsstichtag kann unter bestimmten Voraussetzungen als Nachweis dienen, wenn die maßgeblichen Verhältnisse unverändert geblieben sind.

Steuer-Tipp
Lassen Sie bei hohen Bodenrichtwerten, Altbebauung, abweichender GFZ/WGFZ oder ungewöhnlichen Grundstücksverhältnissen früh prüfen, ob ein Verkehrswertgutachten nach § 198 BewG sinnvoll ist.

Was bedeutet das Urteil für Beschenkte und Immobilieneigentümer?

Das BFH-Urteil zeigt: Die steuerliche Immobilienbewertung sollte nicht ungeprüft übernommen werden. Besonders bei Schenkungen innerhalb der Familie können Fehler bei Bodenrichtwert, GFZ, WGFZ oder Umrechnungskoeffizienten schnell zu einer zu hohen Schenkungsteuer führen.

Wichtig ist vor allem die Frage, worauf der Bodenrichtwert des Gutachterausschusses beruht. Wird er auf Basis einer WGFZ ermittelt, muss auch die Anpassung grundsätzlich auf WGFZ-Basis erfolgen. Eine bloße Orientierung an der GFZ des Bebauungsplans kann zu kurz greifen.

Praxis-Checkliste: Das sollten Sie prüfen

  • Welcher Bewertungsstichtag gilt für die Schenkung?
  • Welche Bodenrichtwertzone ist maßgeblich?
  • Auf welcher GFZ oder WGFZ beruht der Bodenrichtwert?
  • Weicht das zu bewertende Grundstück vom Bodenrichtwertgrundstück ab?
  • Welche Umrechnungskoeffizienten hat der Gutachterausschuss veröffentlicht?
  • Wurde fälschlich auf die tatsächliche Bestandsbebauung abgestellt?
  • Liegt eine höhere Bebauung nur wegen Bestandsschutz vor?
  • Kommt ein Nachweis des niedrigeren gemeinen Werts nach § 198 BewG in Betracht?
  • Läuft bereits eine Einspruchsfrist gegen den Grundbesitzwert- oder Schenkungsteuerbescheid?

Fazit: Bodenwert bei Schenkungsteuer sorgfältig prüfen

Der BFH stärkt mit seinem Urteil vom 17.06.2026 – II R 7/24 die Bedeutung einer methodisch sauberen Bodenwertermittlung. Bei abweichender GFZ oder WGFZ ist der Bodenrichtwert anhand von Umrechnungskoeffizienten anzupassen. Maßgeblich ist die rechtlich mögliche Bebauung – nicht eine höhere tatsächliche Bebauung, die lediglich Bestandsschutz genießt.

Für Beschenkte, Erben und Immobilieneigentümer bedeutet das: Gerade bei hochwertigen Immobilien lohnt sich eine genaue Prüfung des Grundbesitzwerts. Fehler in der Bewertung können die Steuerlast erheblich beeinflussen.

Dieser Beitrag stellt keine individuelle steuerliche Beratung dar und ersetzt nicht das Gespräch mit einem Steuerberater.

FAQ zum BFH-Urteil II R 7/24

Was hat der BFH zur Schenkungsteuer entschieden?

Der BFH hat entschieden, dass bei der Bodenwertermittlung im Sachwertverfahren die rechtlich mögliche Bebauung maßgeblich ist. Eine höhere tatsächliche Bebauung mit Bestandsschutz wird nicht automatisch berücksichtigt.

Wann wird ein Bodenrichtwert angepasst?

Ein Bodenrichtwert wird angepasst, wenn die GFZ oder WGFZ des zu bewertenden Grundstücks von der GFZ oder WGFZ des Bodenrichtwertgrundstücks abweicht. Die Anpassung erfolgt anhand von Umrechnungskoeffizienten.

Was ist der Unterschied zwischen GFZ und WGFZ?

Die GFZ ist eine bauplanungsrechtliche Kennzahl. Die WGFZ ist eine wertrelevante Kennzahl für die Immobilienbewertung und kann wirtschaftlich nutzbare Flächen einbeziehen, etwa Dachgeschossflächen.

Spielt Bestandsschutz bei der Schenkungsteuer keine Rolle?

Im typisierten Sachwertverfahren erhöht eine höhere bestandsgeschützte Bebauung den Bodenwert nicht automatisch. Sie kann aber im Rahmen eines Nachweises des niedrigeren gemeinen Werts nach § 198 BewG relevant werden.

Wie kann ich einen niedrigeren Wert nachweisen?

Ein niedrigerer gemeiner Wert kann nach § 198 BewG regelmäßig durch ein Gutachten des Gutachterausschusses oder eines qualifizierten Sachverständigen nachgewiesen werden. Unter bestimmten Voraussetzungen kann auch ein zeitnaher Kaufpreis genügen.

Was sollten Beschenkte jetzt tun?

Beschenkte sollten prüfen lassen, ob das Finanzamt den richtigen Bodenrichtwert, die richtige GFZ oder WGFZ und die richtigen Umrechnungskoeffizienten verwendet hat. Bei Zweifeln sollte auch ein Gutachten nach § 198 BewG geprüft werden.

Weitere Infos

Quellenverzeichnis

  1. Bundesfinanzhof, Urteil vom 17.06.2026 – II R 7/24, ECLI:DE:BFH:2026.170626.IIR7.24.0, veröffentlicht am 20.08.2026.
  2. § 12 Abs. 3 ErbStG – Bewertung von Grundbesitz für Zwecke der Erbschaft- und Schenkungsteuer.
  3. § 179 BewG – Bewertung unbebauter Grundstücke anhand Fläche und Bodenrichtwerten.
  4. § 182 BewG – Bewertungsverfahren für bebaute Grundstücke.
  5. § 189 BewG – Sachwertverfahren; getrennte Ermittlung von Gebäudesachwert und Bodenwert.
  6. § 198 BewG – Nachweis des niedrigeren gemeinen Werts.
  7. § 196 BauGB – Bodenrichtwerte und Gutachterausschüsse.

Steuern & Recht vom Steuerberater M. Schröder Berlin